Der Mühe Lohn
Ich habe lange Zeit meines Lebens Probleme damit gehabt, mir meiner Gefühle bewußt zu werden. Das ging dann irgendwann, aber die gedankliche Darstellung blieb noch lange Zeit schwammig. Erst als ich begann, sie anderen zu erklären - als ich gezwungen war, sie in verständliche Sätze zu pressen - bekamen sie auch für mich selbst die Klarheit, die es braucht, mich als Ganzes zu verstehen. Und dieses Verständlichmachen klappt besonders gut - wen wundert's? - wenn ich aufschreibe, was ich fühle, denke und beobachte. Klar, beim Schreiben legt man meist den letzten Rest Oberflächlichkeit ab, man sortiert, strukturiert, spannt Bögen und findet auf diesem Weg vielleicht Muster, die sich in der reinen Gedankenarbeit niemals erschlossen hätten. Und manchmal stößt man auch auf innere Widersprüche - merkt, wo man sich selbst im Wege steht. Selbstbeobachtung ohne Überbewertung.
Natürlich braucht dieses Niederschreiben Zeit - ein Gut, das wohl keiner ausreichend hat. Doch diese Investition lohnt sich eigentlich immer. Schon oft ist es mir passiert, daß ich mich wochen- manchmal monatelang mit einem schwer greifbaren Gefühl herumgeschlagen habe, und dann, als ich mich endlich dazu durchringen konnte, es aufzuschreiben, war es innerhalb weniger Stunden sonnenklar.
Ich weiß nicht, warum unser Gehirn so umständlich aufgebaut ist, daß wir vieles erst verstehen, wenn es das Sprachzentrum durchlaufen hat. Damit müssen wir uns wohl abfinden.
Und selbst dann, wenn man glaubt, sich eines bestimmten Gefühls absolut sicher sein zu können, ist es doch ratsam, diesen vermeintlich umständlichen und teilweise anstrengenden Weg zu gehen. Verbale Kommunikation mit sich selbst schafft Klarheit. Noch besser ist jedoch die Kommunikation mit einem zuverlässigen menschlichen Spiegel. Besonders dann, wenn man glaubt, sich gedanklich im Kreise zu drehen, kann bereits ein einziges passendes Stichwort, ausgesprochen von einem guten Freund und Vertrauten, den Schlüssel zum ersehnten Ausgang bedeuten.
Es gibt diese ganz besonderen Briefe, die bekommt man nicht alle Tage - und es gibt diese ganz besonderen Briefe, die schreibt man nicht alle Tage.
Aber wenn, dann.... fehlen mir die Worte, den Effekt zu beschreiben. :-)

