Der Freund und der Bote - Teil 2
Kommen wir also zur Fortsetzung des Themas und damit auch zur Frage:
Was passiert, wenn ein Bote zum Freund wird?
Ich habe mir Eure Kommentare noch einmal durch den Kopf gehen lassen und dabei hat sich ein wenig Widerspruch in mir breit gemacht.
Zunächst einmal kann ich die Meinung nicht teilen, daß jeder, der in mein Leben tritt, ein Bote ist, und daß hinter jeder Begegnung eine Nachricht steckt. Selbst wenn es so wäre - was ich nicht glaube - würde mir dieser Gedanke angst machen und mein gesamtes Leben blockieren. Stellt Euch einmal vor, es wäre so. Müßte man dann nicht ständig auf der Hut sein, irgendeine Nachricht zu verpassen? Müßte ich nicht jeden Postmann zum Kaffee einladen, nur weil er mich angelächelt hat? Würde ich nicht sogar meinen eigenen Weg darüber vergessen, immer und jederzeit auf Impulse zu warten? Das kann doch nicht sein. Oder?
Ich meine vielmehr, daß nur solche Menschen als Bote für uns in Frage kommen, die in einer ganz bestimmten, wenn auch unscheinbaren Konstellation zu uns stehen. Denn der Bote erfüllt eigentlich zwei Aufgaben:
Zuerst überprüft er instinktiv, ob der Empfänger überhaupt bereit ist, die Botschaft entgegenzunehmen. Ist er es nicht oder noch nicht, zieht der Bote unverrichteter Dinge wieder ab. Er hat seine Schuldigkeit getan. Und erst dann, wenn der Empfänger wirklich reif für diese Nachricht ist, wird er sie übergeben.
Das bedeutet für mich, wenn es eine Botschaft gibt und ich bin reif dafür, wird sie mich erreichen, egal wie und durch wen. Danach zu suchen oder sie gar zu erwarten, hat für mich keinen Sinn. Es ist also völlig überflüssig, in jeder Begegnung einen Boten oder eine Nachricht zu vermuten.
Ein weiterer Punkt ist der, daß ich eine Botschaft im Grunde immer als Einbahnstraße betrachte. Möglicherweise halte ich mich zu sehr an der sprachlichen Definition des Begriffs "Bote" fest, aber ich bin der Überzeugung, daß man nur solange Bote sein kann, wie man den eigentlichen Inhalt der Botschaft nicht kennt. In dem Moment, in dem ich erfahre, welche Bedeutung ich für den Empfänger der Nachricht habe, verliere ich die reine Überbringerfunktion und werde zum aktiven Spiegel, denn ab diesem Zeitpunkt bringe ich mich bewußt in die jeweilige Thematik ein.
Das hat für mich zur Konsequenz, daß mir ein Bote zwar zum Freund werden kann, er in dem Moment, wo er es wird, jedoch seine Botschafterfunktion verliert. Freundschaft bedeutet doch auch immer gedankliche Interaktion. Man befaßt sich aktiv mit dem Wesen des Anderen und wird somit zur Quelle von Ideen und neuer Gedanken. Natürlich wird man damit unter Umständen auch Aha-Effekte auslösen und gedankliche wie emotionale Lawinen ins Rollen bringen, mit einer unbewußten Vermittlerfunktion hat dies jedoch nichts mehr zu tun.
Möglicherweise war der Freund einmal ein Bote - ganz am Anfang -, aber er ist es nicht mehr.
In meiner Sichtweise unterteile ich in Information und Energie. Ein Bote bringt mir Information, jedoch niemals Energie. Eine Freundschaft hingegen ist pure Energie. Also ist mir der Freund ein (guter) Dämon, nicht aber Bote.
Diesen Bote-Dämon-Dualismus findet man übrigens auch bei Coelho ("Auf dem Jakobsweg"). Allerdings teile ich seine Ansichten diesbezüglich nur teilweise, was der Sache jedoch keinen Abbruch tut. ;)
Ein interessantes Thema, wie ich meine. Immer wieder stoße ich auf neue Gedanken dazu. Es bleibt spannend. Und ebenso gespannt bin ich jetzt auf Eure Meinung dazu.
