Nur ein paar Memos

28.11.2008 um 08:37 Uhr

Eine Kerze für M.

 Mein lieber Martin,

ich habe eine Kerze für Dich angezündet. Sie steht mitten auf meinem Schreibtisch, zwischen den Rechnern und all dem Gedöns, das uns einmal wichtig erschien. Doch nichts ist wichtig - nichts von alledem. Wichtig bist nur Du im Moment... daß Du die Kraft findest, dieses Horrorszenario durchzustehen.
Wir glauben beide nicht an Gott, aber wir glauben an die Liebe. Heute frage ich mich, ob das nicht sogar aufs selbe hinaus läuft. Du hast der Welt soviel Liebe geschenkt, und nun hoffe ich, daß Dir diese Liebe helfen kann, die nun zu Dir zurück fließt.
Du bist stark, ich weiß das. Du wirst sie brauchen, diese Stärke. Hadere nicht mit Deinem Schicksal, sondern geh vorwärts - dorthin, wo Du dieses winzige Licht am Horizont erblickst.
Ich möchte Dich bald wieder in meine Arme schließen können, egal ob Du dann ein paar Kilo leichter sein wirst.

Halt die Ohren steif, Großer!
Ich hab Dich lieb!

27.11.2008 um 10:03 Uhr

Jung sterben

Neulich saß ich mal wieder mit meinem lieben W. bei ein paar Bierchen. Der eine oder andere wird sich vielleicht erinnern: W. mein Wahlvater und Vorbild in so vielen Dingen, siebenundsechzig ist der Knabe inzwischen. Der Mann, der auf unvergleichliche Weise seine Altersweisheit mit dem Kind in sich kombiniert. Glasklarer Verstand und dabei doch immer wieder impulsiv und verspielt, abenteuerlustig und neugierig. Jedenfalls zählt er zu denen, die meist einen mißtrauischen Blick ernten, wenn sie ihr Alter wahrheitsgemäß nennen.
Wir sitzen also da und lassen es uns gut gehen, als wir irgendwie auf diesen bescheuerten Werbespot von der Brillenbude mit F kommen. Ihr wißt schon... wo der Alte mit seinem Sohn am See sitzt, und der Sohn die hochintelligente Frage stellt: "Wenn Du Dein Leben noch einmal..." usw.
W. wollte dann von mir wissen, wie ich reagiert hätte, wenn er mir dieselbe blöde Antwort gegeben hätte. Ich sagte, ich hätte ihn vermutlich augenblicklich und in genau diesem See ertränkt, um ihn von seiner Altersdemenz zu erlösen. Wie gesagt, wir waren nicht mehr ganz nüchtern... ;)
Doch auf seltsame Weise wurden wir dann wieder ernst, und ich fragte ihn, ob er noch ein dominantes Ziel in seinem Leben hätte.
Er sagte: "Klar doch. Ich möchte jung sterben."
Mein etwas irritierter Blick veranlaßte ihn zu einem ergänzenden Satz: "Früh sterben viele - manche sogar viel zu früh -, aber die wenigstens schaffen es, jung zu sterben. Das ist mein Ziel."

Der Abend wurde dann noch überaus lustig... und ich hatte ein neues Ziel.

27.11.2008 um 08:19 Uhr

Halbweisheit #16

von: Zwischenweltler   Kategorie: Halbweisheiten

Oftmals begreift man das Einfache erst dann, wenn man sich mit dem Komplizierten befaßt.

24.11.2008 um 17:49 Uhr

Finden ohne zu suchen

Die magischen Momente kommen immer dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. So erst wieder erlebt am vergangenen Sonnabend. Jahrgangstreffen - über fünfzig Leute.

Einerseits mag ich dieses Klima, in alten Erinnerungen zu schwelgen und zu schauen, was aus den Leuten so geworden ist. Andererseits ist die Masse an Menschen wenig geeignet, um kommunikativ in Tiefen vorzudringen, die mich befriedigen. Der Spaß steht im Vordergrund und Smalltalk ist das Mittel. Was letztlich auch okay ist.
Außerdem will ich mir nichts vormachen. Diejenigen, mit denen ich schon damals nicht viel am Hut hatte, werden nur in den seltensten Fällen heute plötzlich mein Interesse wecken. Die alten Cliquen finden immer wieder zusammen, und zumindest die Leute, die noch in der Nähe wohnen, treffen sich auch immer mal wieder zwischendurch und schaffen damit ihre eigenen Kreise.
Doch dann die Überraschung. Plötzlich saß SIE mir gegenüber. Die schönsten Augen den Schule. Mit einem Leuchten und einer Vertrautheit, das vergessen machte - vergessen machte, daß wir praktisch dreißig Jahre lang nichts voneinander wußten.
Wieviel kann man in einer Stunde von sich preisgeben? Wieviel kann man in einer Stunde vom anderen aufnehmen?
Nicht viel, sollte man meinen, verglichen mit dem Zeitraum, den es zu vermitteln galt. Und doch war es einmal mehr das Ungesagte zwischen den Sätzen, der verstehende Blick, diese eine kluge Frage, die zwar unbeantwortet blieb aber dennoch Bände sprach. Da war dieses Wir-Gefühl, das nicht nur dadurch entstand, die gleichen Wunden und Zweifel zu tragen, sondern vielmehr die gleiche emotionale Sprache zu sprechen. Da war sie, die Tiefe.

Der Kreis erweitert sich - und das fühlt sich einfach gut an.

19.11.2008 um 17:50 Uhr

Out of office

Ich hätte heute besser ins Büro gehen sollen, anstatt mich zu Hause einzugraben. Dieser Herbst bekommt mir nicht. Und es ist nicht nur das Licht, was fehlt. Zu wenig positive Schwingungen erreichen meine Antennen, aber auch kaum negative. Letzteres könnte man fast schon wieder positiv bewerten. Ist das paradox?
Zu viele Abschiede in letzter Zeit - manche mußten sein, anderen waren überflüssig. Wieder andere sollten mich kaum tangieren, doch sie treffen mich ebenso. Erst heute wieder...
Ich möchte gerne reden, aber finde meine Sprache nicht, während andere nach einem offenen Ohr suchen, das ich gerade nicht habe.
Also ziehe ich mich zurück und knalle mir die Ohren zu, um die Leere zwischen ihnen zumindest akustisch auszufüllen. Heute waren es die Animals von Pink Floyd... immer und immer wieder. Und dabei machte ich dann doch noch eine kleine, eher unbedeutende Entdeckung. Man kann ein und dasselbe Gitarrenriff sowohl als wärmende Umarmung aber auch als scharfes Messer mitten in der Brust empfinden - je nach dem, in welchen gedanklichen Kontext man es setzt.
Das Messer dominierte heute... und morgen ist ein neuer Tag.
 

04.11.2008 um 09:41 Uhr

Trespass

Manchmal kommt es vor, daß der Verstand Grenzen setzt, noch bevor man sich in eine Sache stürzt. "Laß es", sagt er dann, weil alle rationalen Argumente dagegen sprechen. Doch dann kommt ein Quäntchen Gefühl hinzu und das bettelt: "Okay, du magst recht haben, aber laß es uns wenigstens versuchen. Es wäre doch so schön, wenn es klappte. Und falls es schiefgeht, bist du, lieber Verstand, schließlich nicht schuld."
Dann läßt der Verstand die Zügel locker und dem Gefühl freien Lauf. Die unsichtbare Grenze wird übertreten und alles scheint zunächst bestens.
Doch dann, einige Zeit später, bekommt das Gefühl einen Dämpfer und muß einsehen, daß der Verstand recht behielt. Es wird traurig und mutlos.
Jetzt zeigt sich, wie die beiden miteinander klarkommen. Wären sie wie Katz und Maus, könnte sich der Verstand nun hinstellen und lästern: "Ätschebätsche, ich hab's ja gewußt, du dummes Gefühl, und wolltest mal wieder nicht auf mich hören." - Das kleine Gefühl würde sich dann zurückziehen und aus Angst und Respekt vor dem großen Bruder Verstand womöglich nie wieder kommen.
Da ist es doch viel schöner, wenn die beiden gute Freunde sind und sich gegenseitig achten. Das Gefühl darf dann ein kleines bißchen trotzig sein und behaupten: "Aber diesen Versuch war's zumindest wert." - Der Verstand hingegen legt seine Siegermiene ab und nimmt das Gefühl tröstend in den Arm. "Ja, das war es. Und beim nächsten Mal klappt es vielleicht sogar."

Innerer Frieden ist so wertvoll. Auch wenn er den Schmerz nicht verhindern kann...