Vor knapp sechs Jahren weilte ich zum letzten Mal in den USA. Damals wurde ich immer wieder in Gespräche verwickelt, in denen ich mich rechtfertigen sollte, weshalb sich Frankreich und Deutschland so gegen eine Teilnahme am Irak-Krieg versperren würden. Damals konnte ich argumentieren, wie ich wollte, immer wieder rannte ich gegen eine Mauer aus blindem Patriotismus.
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Als ich vor zwei Wochen im Hof einer Hotelanlage in Vietnam saß, fiel mir ein vielleicht sechzehnjähriger Junge auf - mit amerikanischem Slang und einem T-Shirt mit der Aufschrift: "Vietnam is a country, not a war."
Ich fragte ihn, was diese Aufschrift zu bedeuten hätte, und er erzählte, sein Großvater wäre Pilot gewesen und hätte "Agent Orange" über dieses Land verteilt. Jeder Amerikaner, der das Wort "Vietnam" hört, würde nur an diesen verlorenen Krieg denken, und keiner könnte aber wirklich erklären, welchen Zweck das alles gehabt haben sollten. Er wolle nun herausfinden, was sein Opa hier wirklich tat und weshalb ihm immer peinlich war, darüber zu reden.
Ich war etwas erstaunt und fragte ihn, ob er alleine hier sei. Er sagte, er wäre im Rahmen einer Summer School gemeinsam mit knapp vierzig Kids zwischen 12 und 16 hier und sie würden mit den Einheimischen Reis anbauen und Fischen gehen. Ihr Ziel wäre es, sich ein möglichst genaues Bild von dem Land und den Lebensverhältnissen hier zu machen.
Mein Staunen nahm kein Ende, und ich fragte, ob sie schon grundlegende Erkenntnisse hätten. Er war clever genug, um mit einer Gegenfrage zu kontern: Ob nicht vielleicht mein Opa auch bei den "Krauts" gewesen wäre und welche Erkenntnis ich daraus gezogen hätte. Ich sagte ihm, daß ich es für wichtig hielt, sich mit den Fehlern der Eltern und Großeltern auseinanderzusetzen, um sie nicht ein weiteres Mal zu begehen. Man dürfe sich aber nicht schuldig fühlen für die Taten früherer Generationen.
Daraufhin grinste er und meinte nur: "You got it, mate!"
Soviel Nicht-Patriotismus hat mich ehrlich überrascht. Gerne hätte ich mit diesem Jungen noch ein bißchen geschwatzt. Vor allem hätte mich interessiert, woher der Antrieb kam, eine solche Reise anzutreten. Leider wollte es der Zeitplan nicht, daß wir uns noch einmal trafen. Dennoch blieb das gute Gefühl, hier Zeuge eines kleinen Stückchens Völkerverständigung geworden zu sein.