Nur ein paar Memos

26.03.2012 um 14:57 Uhr

Chinesischer Bambus

Sät man einen Samen des Chinesischen Bambus aus, wird man vermutlich arg enttäuscht werden, denn es hat den Schein, als täte sich zunächst erst einmal gar nichts. Später - wenn man Glück und ein gutes Auge hat - entdeckt man hier und da ein paar kleine grüne Triebe, die nicht von der Stelle kommen. Sie wollen weder wachsen noch eingehen. Und dieser Zustand ändert sich nicht für volle fünf Jahre. Fast jeder wäre da wohl geneigt, den Samen abzuschreiben und das Experiement Bambus für gescheitert zu erklären. Allzu leicht gehen wir davon aus, dass alles, was sich erfolgreich unserer Wahrnehmung entzieht, auch nicht existieren kann.
Was wir jedoch nicht sehen: In einiger Tiefe des Erdreiches bildet unser Samen ein Rhizom, das sich unermüdlich ausbreitet - fünf Jahre lang, ohne dass wir etwas davon ahnen, denn das Samenkorn hatten wir ja bereits aufgegeben.
Nach fünf Jahren jedoch geschieht das Unfassbare: Die unscheinbaren Sprossen, die wir längst nicht mehr beachteten, entwickeln plötzlich ein nie gesehenes Eigenleben. Sie schießen förmlich in den Himmel - alle geichzeitig und mit mehr als einem halben Meter pro Tag. Ein ganzer Bambuswald entsteht innerhalb weniger Wochen. Wer hätte das gedacht.

So außergewöhnlich uns diese Pflanze auch erscheinen mag, soviel Ähnlichkeit hat sie mit den menschlichen Entwicklungswegen. Denn im Gegensatz zu unseren idealisierten Vorstellungen entwickelt sich der Mensch alles andere als kontinuierlich. Sowohl auf körperlicher wie auch auf geistiger Ebene gibt es regelrechte Wachstumsschübe, die von Phasen scheinbarer Stagnation abgelöst werden. Oft ärgern wir uns über Stillstand in unserer Entwicklung, ohne dabei zu erkennen, dass da tief in uns drinnen gerade etwas völlig Neues heranreift. Nach den symbolischen fünf Jahren dann wird es jedoch hervorbrechen und damit einen Teil unserer Persönlichkeit verändern.

Dieses Gleichnis stammt aus Paulo Coelhos "Aleph". Ihm gebührt einmal mehr mein Dank, denn es hat mich genau zum richtigen Zeitpunkt erreicht. Ich befand mich gerade in einer Phase, in der ich glaubte, dieses "Augen-zu-und-durch" müsse doch irgendwann ein Ende haben. Ich sah kein Vorwärtskommen und erkannte nicht den wahren Sinn in meinem Tun. Erst der Chinesische Bambus hat mir vor Augen geführt, was ich da gerade treibe: Ich treibe im Dunkel der Fleißarbeit mein Rhizom voran. Und in einer, wenn auch unbestimmten, so doch absehbaren Zeit werde ich meine Sprossen betrachten, wie sie gen Himmel schießen und dabei unbekannte Horizonte berühren.