Nur ein paar Memos

29.03.2016 um 18:11 Uhr

Missverstehen als Normalzustand

Ich bin ein Querdenker, dessen bin ich mir bewusst. Und dass viele meinen Gedanken und Ideen nicht folgen können oder wollen, finde ich weder schlimm, noch hält es mich davon ab, genau diese Gedanken weiterzuverfolgen. Indalo gab mir dieser Tage den Anstoß, mal wieder in alten Blogeinträgen zu stöbern, und dabei darauf zu achten, wie sich meine Ansichten seitdem verändert haben, wie weit sich Vorsätze durchalten ließen und wie ich alte Fragezeichen glätten konnte. Nun, ich habe das jetzt keinesfalls systematisch vollzogen, aber weil mich auch einige Träume der letzten Nächte wieder in meine Vergangenheit führten (und zwar auf sehr angenehme Weise) und ich mich nach langer Pause wieder stärker mit der Funktionsweise des menschlichen Gehirns befasse, kam ich um einen alten Eintrag aus meinem Amie-Blog nicht herum.
Es geht um diesen hier:
http://www.blogigo.de/CloseToMe/Die-Modelle-laufen-amok/6/

Wer sich schon mal mit diesem Thema auseinandergesetzt hat, möge jetzt bitte den Finger heben. ;-)
Ob ich diesen Eintrag heute - also ganze zehn Jahre später - wieder so formulieren würde, bleibt fraglich. Inhaltlich halte ich ihn aber für immer noch aktuell, denn auch das, was ich mir in der Zwischenzeit angelesen und ausgedacht habe, führt zu den damaligen Gedanken zurück.

Wenn ich einmal die Menschen so betrachte, von denen ich in meinem engeren Umfeld umgeben bin, so stelle ich fest, dass deren Denk- und Empfindensweisen bei einigen sehr stark spirituell geprägt sind und bei anderen eher total rational. Es gibt da aber nur ganz, ganz wenige, die, so wie ich selbst, sehr bewusst versuchen, beides unter einen Hut zu bringen. In dieser Hinsicht sehe ich mich gerade ziemlich allein auf weiter Flur. (So lokal gesehen, meine ich.)
Das ist auch nicht weiter schlimm, hat aber einen für mich sehr interessanten Nebeneffekt:
Wenn ich mich von anderen Menschen missverstanden fühle, weiß ich zumindest vom Grundprinzip her, woran das liegt – nämlich an der Funktionsweise unserer Gehirne. Fühlen sich hingegen die Anderen von mir missverstanden, nehmen sie das gleich persönlich und reagieren auf ihre eigene, manchmal nur unbeholfene, manchmal aber auch verletzende Weise.
Dabei könnte vieles so viel einfacher sein, wenn man sich vergegenwärtigt – und zwar auch ohne alle Hintergründe zu kennen -, dass das Missverstehen der Menschen untereinander der Normalzustand ist, während echtes Verstehen einen unschätzbar wertvollen Ausnahmezustand darstellt.
Verstehen ist ein aktiver Prozess – Verstehen kostet Kraft, und zwar gleich in zweifacher Hinsicht. Zum einen muss ich mich, wenn ich selbst verstanden werden möchte, in die Verständniswelt meines Gegenübers hineinversetzen. Nur wenn ich in einer Form kommunizieren, die für mein Gegenüber verwertbar ist, und die von mir abgesonderte Information dort als solche interpretiert wird, wie ich es bezwecke, kann ich hoffen, nicht missverstanden zu werden. Es wird also in sehr vielen Fällen erforderlich sein, mich anderen Menschen gegenüber anders auszudrücken als ich mich in einem inneren Gespräch ausdrücken würde.
Die andere Seite betrifft das Aufnehmen von Informationen. Wenn ich keine halbwegs klare Vorstellung von der Gedankenwelt meines Gegenübers habe, laufe ich Gefahr, dessen Kommunikationsversuch ausschließlich nach meinem eigenen Interpretationsschema zu übersetzen, was mit ziemlicher Sicherheit in Missverständnisse mündet. Das Problem liegt nämlich darin, dass sich zwar sehr viele Menschen auf eine einheitliche Sprache geeinigt haben, es aber aus neurologischer Sicht keine zwei Menschen auf der Erde gibt, die ein völlig identisches Interpretationsschema an der Schnittstelle zwischen sprachlicher und gedanklicher Welt besitzen. Selbst eineiige Zwillinge unterscheiden sich darin.

Es liegt also auf der Hand, dass wir uns vorzugsweise mit Menschen umgeben, denen wir uns ohne große Mühe verständlich machen können, und die wir selbst ohne viel „Übersetzungsarbeit“ verstehen können. Auf diese Weise sparen wir Energie. Und bekanntlich richten wir unser Leben immer so ein, dass wir möglichst wenig innere Energie verbrauchen.
Zwischenmenschliche Beziehungen richten sich also auch daran aus, wie ähnlich sich die inneren Denkweisen und Interpretationsschemata sind. Andersdenkende Menschen finden wir zwar gelegentlich sehr interessant und auch anziehend, für die Beziehungswahl kommen sie aber eher selten in Betracht.

Habt ihr schon mal jemanden als „anstrengend“ empfunden? Falls ja, wisst ihr jetzt, woran das liegen könnte. ;-)