Nur ein paar Memos

15.06.2017 um 11:57 Uhr

Ambivalenzkiller

Achtung, dies ist keine  Konzertrezension. Dennoch sollten alle Leser, die Coldplay nicht mögen,  jetzt auf „zurück“ klicken. :)

Wer meine Blogs hier schon länger liest, kann sich vielleicht daran erinnern, dass ich vor fast fünf Jahren ein Konzert besucht hatte, das mich emotional regelrecht zweiteilte – Licht und Schatten, nachzulesen jeweils hier bzw. im Amie-Blog (17.09.2012). Es kam also quasi einem Selbstversuch gleich, wenn ich mich gestern dieser Band abermals stellte, einfach um zu testen, was sich an und in mir verändert hatte und ob das damalige Event überhaupt noch zu toppen wäre.

Zunächst war es für mich sehr interessant, festzustellen, wie wenig ich mich innerlich „betroffen“ fühlte. Vielmehr war ich dieses Mal nur der aufmerksame Beobachter. Aber auch das war spannend.

Auffällig war vor allem, wie sich in diesen fünf Jahren das Publikum gewandelt hatte. Ich war sehr erstaunt, wie viele junge Leute diesmal da waren – so um die zwanzig Jahre oder noch jünger – und wie textsicher sie sich ausgerechnet bei den alten Songs zeigten. Überhaupt ist das Mitsingen inzwischen dermaßen in Mode gekommen, dass man streckenweise die Band nicht mehr hören konnte. Ob man das mag, ist wohl eines jeden eigene Sache, ich persönlich finde es eher nervig, wobei ich eingestehen muss, dass dabei eine Atmosphäre entsteht, die sich nicht beschreiben lässt. Man muss das einfach selbst erleben.

Und noch etwas muss ich festhalten. Kann es sein, dass wir uns gerade auf eine Neo-Flower-Power-Welle zu bewegen? So eine Art Hippie-Revival? Oder war es doch nur der manipulativen Wirkung der Musik und der Show geschuldet, wenn achtundvierzigtausend Menschen ein gemeinsames Gefühl teilen – nämlich Liebe? Fall ja, dann war das auf jeden Fall eine Form von Gruppendynamik der angenehmeren Art.  

Einen schalen Beigeschmack gab es dennoch: Coldplay haben ihren musikalischen Zenit längst überschritten, aber sie wehren sich mit Gewalt dagegen, indem sie ihre Shows, die ohnehin eher einem gigantischen Kindergeburtstag gleichen, mit immer mehr technischen Hilfsmitteln aufzupeppen versuchen. Klar, das scheint für den Moment zu gelingen, aber ein „back to the roots“ würde ihnen definitiv besser zu Gesicht stehen, zumal auch Chris Martins Stimme inzwischen sehr angegriffen und überstrapaziert klang.

Bliebe die Frage zu klären, ob ich noch einmal hingehen würde…  Nun ja, ich habe es keinesfalls bereut, aber wenn sie mich nochmals einfangen wollen, dann mit einem Clubkonzert, am besten unplugged.


Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenHeidemaria schreibt am 15.06.2017 um 20:48 Uhr:Als wäre man dabei gewesen...

    Ich kann absolut nachempfinden, was du da schreibst, vorweg: ich liebe Coldplay...das Konzert habe ich aber ausgelassen hier bei uns, mir gehts ein wenig ähnlich, ich finde auch, dass mittlerweile Show und Technik viel zu sehr vom Wesentlichen, dem Zauber und der Botschaft der Musik, ablenken.
    Diese durchgestylten Shows haben was Unnahbares. Was sich dann durch die Energie des Publikums wieder ausgleicht, denn wenn tausende Kehlen gemeinsam singen, dann ist das ein Energierausch, der einem die Haare zu Berge stehen lässt.

    Gibt wirklich nur mehr wenige Künstler, die ich mir gerne live anschaue - trotzdem ich ihre Studioalben sehr mag. Und immer hat mich genau das gleiche wie dich gestört: wozu braucht es all das Bling Bling und Chi Chi rund um die Musik?

    Unplugged ist toll.....

    Ganz liebe Grüße! H.
  2. zitierenZwischenweltler schreibt am 16.06.2017 um 09:43 Uhr:Als "unnahbar" würde ich es nicht bezeichnen wollen, denn gerade Coldplay haben einen Weg gefunden, eine so unglaubliche Publikumsnähe aufzubauen, wie kaum eine andere Band. Und ich glaube, gerade das macht sie so beliebt als Liveband.

    Das Problem ist, wie ich meine, dass dieses Potential ausgeschöpft ist. Wenn es an der Zeit ist, Neues zu machen, hilft es nicht, das Alte einfach noch verstärken zu wollen, auch wenn es sich noch so gut bewährt hat. Irgendwann muss Quatität in eine neue Qualität münden, und das schaffen sie einfach nicht.

    Im Grunde ist ja gegen BlingBlang und ChiChi nichts einzuwenden, wenn man mit der Erwartung eines großen, bunten Jahrmarktspektakels in ihre Show geht. Das können sie nach wie vor perfekt. Es liegt also an jedem Konzertbesucher selbst, ob seine Erwartungen erfüllt oder enttäuscht werden. Und ich verstehe sooo gut, dass Du nicht hingegangen bist.

    Ich möchte hier auch nichts schlechtreden, denn es gab doch auch eine ganze Reihe von sehr emotionalen Momenten. Einen davon sollte ich vielleicht kurz festhalten: Chris singt gerade auf der Innenraumbühne, also keine 8 Meter neben mir, sein "Everglow", als unmittelbar vor mir ein junger Mann zu Boden geht. Zuerst dachte ich, ihm wäre schlecht geworden, und seine Freundin dachte offenbar ebenso, doch dann holte er ein Schächtelchen hervor, zog einen Ring heraus und machte ihr eine Heiratsantrag - mitten im Konzert und genau zu ihrem Lieblingssong. Alle, die in einigem Umkreis etwas davon mitbekamen, waren alle total geflasht, und es gab eine kleine Party innerhalb der großen Party.

    Was ich damit sagen will: Wichtig ist am Ende nur, was man für SICH selbst daraus mitnimmt. ;)

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