Nur ein paar Memos

23.11.2010 um 16:17 Uhr

Betrachtung der Bewohner einer flachen Landschaft

Wenn ich reise und Menschen aus anderen Ländern kennenlerne, muss ich mir gelegentlich eingestehen, bisher in klischeehaften Kategorien über diese Menschen gedacht zu haben. Meine innere Rechtfertigung lautet dann meist, im Grunde bisher gar nicht über diese Landsleute nachgedacht zu haben. Dennoch – oder gerade deshalb – haben wohl Klischees ein leichtes Spiel, sich in mir einzunisten.
Nehmen wir das Beispiel der Niederländer. Was fällt mir dazu ein?
„Schwarze Schrift auf gelbem Grund – Halte Abstand, bleib gesund!“ - welchem deutschen Autofahrer kam dieser Spruch nicht schon mal in den Sinn, wenn er zu Ferienbeginn in einer schieren Auswanderungswelle nachbarlicher Rolling-Homes feststeckte?
Oder wer von Euch musste nicht schmunzeln, als zur WM2006 die niederländischen Fußballfans mit den deutschen Müllmännern um die Wette feierten, weil Orange eben orange ist?
Und wer teilt den Eindruck, dass die Niederländer immer ein bisschen neidisch auf ihre westlichen Nachbarn schielen? Das dürften einige sein.
Okay, okay. Etwas Ironie im Blick auf unsere Anliegerstaaten sollte durchaus erlaubt sein. Doch er sollte uns nicht blind machen für deren Stärken und unsere eigenen Schwächen.
Da wäre zum Beispiel ein wesentlicher Punkt, in welchem uns die Niederländer um Meilen voraus sind: Wenn es darauf ankommt, krempeln sie Ärmel hoch und packen an – ohne zu jammern oder zu klagen. Selbstbewusst und dabei trotzdem zurückhaltend. Sie wissen, was sie können, ohne sich zu überschätzen. Und was sie nicht selber können, wissen sie zu organisieren.
Sie selbst verweisen gerne auf ihre calvinistischen Wurzeln, ich sehe darin jedoch eher den Beweis dafür, dass sie sich eine natürliche Bescheidenheit und Demut erhalten haben.
Klar, wer auf den Poldern lebt – getreu dem Motto: „Abpumpen oder Absaufen“ - dem bleibt kaum eine andere Wahl, als sich auf seine eigenen Stärken zu besinnen und auf die Solidarität und Kraft der Gemeinschaft zu bauen. Wo das Gemeinwohl im Vordergrund stehen muss, entfaltet sich die Individualität eher im Kleinen und schreit weniger nach Öffentlichkeit. Doch ich glaube nicht, dass das der einzige Grund dafür ist, auch wenn ich die übrigen nicht kenne.
Es fiel mir nur auf, als ich jüngst durch die Niederlande reiste. Und dabei trat mir ziemlich klar vor Augen: Uns Deutschen fehlt es an Bodenständigkeit, Erdung und realistischer Selbsteinschätzung. Wir neigen zu Extremen. Entweder stellen wir unser Licht sträflich unter den Scheffel – was zwangsweise in kollektiven Jammerorgien mündet – oder aber wir überschätzen uns und zeichnen ein Selbstbild, das nicht der geringsten Prüfung standhält.
Was ist eigentlich so schwierig daran, trotz eines dicken Bankkontos bescheiden zu bleiben und sich Achtung und Wertschätzung denen gegenüber zu bewahren, denen dieser Wohlstand nicht vergönnt ist? Warum gibt es hierzulande Unmengen an arroganten Blendern? Und vor allem: Warum gibt es so viele, die sich ausgerechnet an diesen Blendern orientieren? Wieso verfallen sie ins Jammern, wenn man ihnen sagt, dass sie nicht nach den Sternen greifen sollen, wenn das Gute doch so nahe liegt. Warum greifen sie nicht nach dem Guten, wenn sie sich dazu anstrengen und Eigeninitiative entwickeln müssten?
Ich sage Euch was. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um die Menschen hierzulande. Viel zu viele haben sich selbst verloren und sind zu faul nach sich zu suchen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenindalo schreibt am 23.11.2010 um 20:22 Uhr:Den letzten zwei Zeilen muss ich ausnahmslos zustimmen...
  2. zitierensunnysightup schreibt am 24.11.2010 um 08:23 Uhr:ganz spontan zu deinem schnell gelesenen beitrag: bei meinem letzten besuch im niederländischen inland ist mir folgendes aufgefallen: es gibt kaum verbotsschilder. im zoo darf man alles anfassen. kinder dürfen toben. toilettengänge müssen nicht bezahlt werden und selbst, wenn da steht, dass nur lastverkehr erlaubt ist (ein erlaubensschild!), fahren doch noch ein paar pkws herum. die stimmung ist locker und ungezwungen. keine falsche freundlichkeit, aber auch nix übertrieben mürrisches.
    an das selbstbewusstsein hab ich dabei noch gar nicht gedacht. ich hab mich an der lockerheit gefreut. und wollt gleich wieder hin.
  3. zitierenZwischenweltler schreibt am 24.11.2010 um 13:48 Uhr:Deine Eindrücke teile ich vollkommen. Und ich denke, wenn jemand auf natürliche Weise selbstbewusst ist, kommt die Gelassenheit von ganz alleine. Und mit dieser Lockerheit schafft man leichter, es gelingt mehr mit weniger Kraftaufwand... das wiederum stärkt das Selbstbewusstsein. Da haben wir einen schönen Kreis, der sich schließt. ;-)

    (Schön, dass Du mal wieder da bist! Alles grün bei Euch?)

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