Nur ein paar Memos

19.05.2011 um 10:01 Uhr

Gegenbewegung gegen Bewegung

Manche Dinge ändern sich mit der Zeit, andere hingegen nie. Das ist ein alter Hut. Und oft stellen wir frustriert fest, dass sich Manches keinen Millimeter von der Stelle rührt, obwohl wir es so sehr wollen und vielleicht auch intensiv daran arbeiten.
Bei mir ist es momentan eher umgekehrt: Dinge ändern sich, die besser so bleiben sollten, wie sie waren. Dabei ist diese Änderung völlig unnütz, ja teilweise sogar kontraproduktiv. Versteht mich nicht falsch; ich bin ein großer Freund von Veränderung und Erneuerung, aber ich habe etwas dagegen, wenn Schönes, Bewährtes und Liebgewonnenes plötzlich seine Gestalt ändert nur um der Erneuerung willen.
Es gibt zweifellos Rituale, die es zu brechen gilt, doch sollte man darüber nicht vergessen, dass uns Rituale auch das Gefühl von Beständigkeit und Verlässlichkeit geben können.
Es gibt Technik, die schreit nach dringender Erneuerung, doch gibt es auch solche, die wegen ihrer genialen und bewährten Funktionsweise besser unangetastet bleiben sollte.
Es gibt Ideale, die sich mit der Zeit und der Mode wandeln, doch niemand käme deswegen auf die Idee, z.B. einen Rubens zu übermalen und dabei die Frauen schlanker und die Farben leuchtender zu machen.
Vergessen die Menschen denn den Wert der Beständigkeit jetzt völlig?
Wenn jemand seinen Weg zum Ziel erklärt, ist das völlig okay; wenn er ausmistet, um Platz für Neues zu schaffen: völlig normal; wenn er sich entwickelt oder ein Projekt vorantreibt und dabei Anderes auf der Strecke bleiben muss, ist das auch verständlich – was mich jedoch maßlos ankotzt, ist das zunehmend zu beobachtende Phänomen, dass sich bestimmte Leute nur noch ausschließlich über das Maß an Veränderung definieren, welches sie produzieren, und sich dabei einen Teufel darum scheren, wie viele andere Menschen davon beeinflusst und beeinträchtigt werden. Bewegung als Selbstzweck, Bewegung als Egotrip.
Sicher sollte ich hier nicht pauschal urteilen. Die eine oder andere von mir kritisierte Veränderung könnte man durchaus als Kunstform durchgehen lassen. Doch bedenken viele Verursacher nicht, dass Kunst keine Massenware ist und die Vernichtung praktischer Werte zugunsten eines effektvollen äußeren Rahmens immer unangenehme Nebenwirkungen haben wird.

Ihr habt keine Ahnung, wovon ich spreche? Dann schaut Euch mal um. Solche unnützen Veränderungen finden sich überall - im Großen wie im Kleinen – und sei es auch nur der Korkenzieher im Schubkasten, der seit dem ersten und letzten Anwendungsversuch sein Dasein dort fristet, weil er zwar chic aussieht, aber nicht in der Lage ist, einen ordinären Korken aus der Weinflasche zu bekommen...

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenindalo schreibt am 19.05.2011 um 10:35 Uhr:Da ist aber jemand in Rage.

    Wahrscheinlich müsste man wissen, was genau dich zu diesem Beitrag inspiriert hat, um die Intensität zu verstehen, doch einerseits ist das nicht der Fall und andererseits fühle ich mich auch viel zu sehr davon angesprochen als dass ich verständnisvolle Worte finden könnten. Wobei du dich scheinbar eher auf Gegenstände als auf Menschen beziehst - oder auch nicht? Da bin ich mir gerade nicht sicher. Doch in mir wächst das Bedürfnis, dass bei aller Veränderung und Bewegung in meinem Leben, ich doch in Bezug auf Menschen sehr beständig bin. Manches Mal bin ich auf nem Egotrip in der Welt unterwegs, doch die Beständigkeit bringt mich immer wieder zu denjenigen zurück, die sich (meist ungefragt :P) einen Weg in mein Leben gebahnt haben.

    Ich möchte mir gar nicht anmaßen, dass dieser Eintrag irgendwas mit mir zu tun hat, ich möchte nur dem Bedürfnis folgen, dir eben gesagtes mitzuteilen.
  2. zitierenZwischenweltler schreibt am 19.05.2011 um 11:04 Uhr:Hallo Indi, sicherlich könnte man diesen Eintrag auch auf zwischenmenschliche Beziehungen anwenden. Ich habe ganz bewusst so sehr abstrahiert, weil diese "Veränderungswut" ins so vielen Bereichen sichtbar wird. Einen einzelnen Auslöser für diesen Eintrag gab es nicht (und Du warst es gleich gar nicht - wie kommst Du nur darauf? :-O ), vielmehr ist bei mir der (symbolische) Schubkasten mit der Ansammlung unbrauchbarer Korkenzieher am Überlaufen. Da stecken zurzeit einfach viel zu viele Sachen drin, die einfach nur nerven - viele sind technischer Natur (wobei auch diese von Ego-Trip-Technik-Künstlern geschaffen wurden), andere sind organisatorischer Natur (wenn sich Inkompetenz und Macht paaren...) und wieder andere rein zwischenmenschlicher Natur (aber die betreffen zum Glück nicht meinen inneren Kreis). Ich finde, es lohnt sich, solche Veränderungen einmal mit den kritischen Augen der "Ausbadenden" zu betrachten. Manchmal lassen sich daraus auch sinnvolle Schlüsse für das eigene Verhalten ziehen. ;-)

    Liebe Grüße an Dich!
  3. zitierenindalo schreibt am 19.05.2011 um 12:43 Uhr:Woher das kommt? Vermutlich von meinem schlechten Gewissen auf Grund meiner expandierenden Internet- bzw. Email-Schreib-Abstinenz... oder auch meiner Egotrips und der Frage, wie oft und wie lange meine Freunde das noch mitmachen ;-) Wobei ich mich das nicht aktiv frage.
    Aber ja, an die Ausbadenden sollte man denken
  4. zitierenHidee schreibt am 20.05.2011 um 15:19 Uhr:Habe Deinen Beitrag als Anregung zum Nachdenken empfunden, es sind mir dazu einige Beispiele eingefallen. Auch ein Lied von Reinhard Mey "Sei wachsam", was allerdings mehr den sozialen und politischen Bereich betrifft: http://www.youtube.com/watch?v=BU9w9ZtiO8I
    Alles Liebe
  5. zitierenWari schreibt am 23.05.2011 um 22:01 Uhr:Ich fürchte fast, Beständigkeit wird von einigen mit Stillstand verwechselt. Stattdessen muss es wie so oft höher, schneller, weiter sein, egal ob dabei das Rad nochmal neu erfunden werden muss.
    Beständigkeit verliert ebenso an Wert wie Sozialkompetenz und man wundere darüber auch nicht mehr weiter in einer Gesellschaft, in der die Ellenbogen nicht mehr dazu dienen, den Arm beugen zu können, um andere zu umarmen, sondern sie den Mitmenschen in die Rippen zu schlagen.
    Mein einziger Trost ist, dass Gleiches wie so oft Gleiches anzieht und sich demzufolge im kleinen Kreis eine wohltuende Beständigkeit mit gesundem Wachsen und Voranschreiten paart.
  6. zitierenMissHyde schreibt am 23.07.2011 um 13:56 Uhr:Zitat: Mein einziger Trost ist, dass Gleiches wie so oft Gleiches anzieht und sich demzufolge im kleinen Kreis eine wohltuende Beständigkeit mit gesundem Wachsen und Voranschreiten paart.

    Mir aus der Seele gesprochen.

    Beständigkeit und Neues müssen sich nicht widersprechen. Wohl aber nervt auch mich dieses permanente Rad neu erfinden. Manche Dinge sind gut, wie sie sind.

    Danke Wari

    Und Danke für wahre Worte, die es auf den Punkt bringen an Zwischenweltler

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