Auf der Fensterbank

12.01.2014 um 12:57 Uhr

Es gibt für alles seine Zeit

von: curasui   Kategorie: ~ auf der Fensterbank

Jeder Schritt, jede Entwicklung braucht ihre Zeit, hat ihren Zeitpunkt. Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass ich keine Entwicklung in mir erzwingen kann. Ich kann nur darauf vertrauen, dass meine Psyche weiß, was sie tut. Sie mutet mir nicht mehr zu, als ich tragen kann. Und wenn sie mir vertraut und ein Stück weit mehr Schmerz enthüllt, dann weil der Zeitpunkt dafür gekommen ist. Und ab da liegt es in meiner Hand, wie ich damit umgehe.

Ich kann mich wieder selbst verletzen, kann mich wieder im Nebel des Alkohol verstecken. Ich kann mich wieder abwenden, wegsehen, weglaufen, mir ein Lügenhaus zusammenbauen und mich in dessen Keller verstecken. Ich habe die Wahl, was ich mit der "Offenheit" und "Weisheit" meiner psychischen Selbstheilungskräfte anfange.
Den November und Dezember über hab ich regelmäßig Alkohol getrunken, weil ich es einfach nicht aushalten konnte. Ich wusste, es war "falsch", aber ich wusste auch, dass das gerade einfach - in absolut paradoxer Weise - Sinn macht. Dann kam ein Tag, an dem ich spürte, dass es an der Zeit war, den Alkohol weg zu lassen. Ich habe ihn weggelassen seither... Ich brauchte nicht mehr den "Schutz" des Nebels, durch den ich mich ansatzweise dem Grauen genähert habe. Nun ging es auch ohne.
[Nein, ich möchte das Keinem empfehlen und möchte auch nicht sagen, dass DAS der genau richtige Weg ist. Es war nur für mich richtig, wenn auch paradox. Ich habe aber auch den Vorteil, in keiner körperlichen Abhängigkeit zu stehen.]

 

Ich hab jahrelang gesucht, wollte vor noch 10 Jahren auf Teufel komm raus verstehen, warum ich so geworden bin, wie ich war. Ich wollte es verstehen, habe krampfhaft (!) danach gesucht, wollte graben und herausreißen. Aber meine Psyche war klug. Sie wusste, dass es zu früh war.
Und Sie wussten es auch, Herr Thera. Sie haben mich das gelehrt, voll Vertrauen, Ruhe und Gelassenheit. Sie waren immer ehrlich - Sie sagten einmal, ich würde irgendwann vor der Wahl stehen, ob ich mich meinem "Ur-Schmerz" (wenn man ihn so nennen möchte) widmen, oder vor ihm weglaufen wollte. Vielleicht würde der Punkt auch nie kommen, dass der Ur-Schmerz aufgearbeitet werden muss, das sagten Sie auch ehrlich. Wir wussten nicht, was kommen würde und wie es sein würde. Während ich graben und herausreißen wollte, holten Sie mich immer wieder in die Gegenwart zurück und sagten: "Das ist noch nicht dran, cura. Sie verrennen sich da in etwas, das Sie nur Kraft kostet und nichts bringt. Schauen Sie lieber auf das, was jetzt gerade dran ist. Manchmal ist auch nichts dran, sondern nur das Leben mit seinem Alltag." Das wussten wir als einzige Sache sicher...

Ich war lange ungeduldig, bis ich Ihnen vertraut und geglaubt und aufgehört habe, mir die Finger wund zu graben. Ich ließ los und widmete mich meinem Gefühl, was denn j e t z t dran ist. Nicht das Ende der Straße, sondern der nächste Schritt, in aller Ruhe und Sicherheit, dass unter mir fester Boden ist. Denn was da vor mir auf meiner Straße liegt, kann ich aufnehmen, anschauen, weil es an der Zeit ist. Nur der Schritt vor mir - nicht das Ende der Straße. Wie auf einer Treppe. Man kann vielleicht mal eine, oder zwei Stufen überspringen, aber sobald man mehr überspringen möchte, droht man zu fallen und ernstlich verletzt zu werden. Die Psyche weiß das - und darum kannst du nicht einfach die gesamte Treppe in einem Satz hinunter hüpfen.

Ich hätte nie geglaubt, dass ich irgendwann an den Punkt komme, an dem ich seit ein paar Wochen bin. Ich spüre die Erde unter mir, spüre, dass ich an einen Punkt der Ruhe komme. Als wäre ich eine Wendeltreppe hinunter gestiegen und sehe nun langsam den Grund.
Ich wollte da nicht hin. Sie wissen das, haben sich oft meine Zweifel angehört und mir irgendwann gesagt: "OK, ich denke, nun ist es klar, wohin Ihr Weg führt, liebe cura. Sie haben die Wahl, hier stehen zu bleiben und so weiter zu leben, aber es wird nur ein halbes Leben sein. Sie berichten davon seit Langem, dass es grau ist, beinahe leer, kaum Intensität oder Gefühle mehr. Die Gefühle liegen da unten und wenn Sie lebendig sein wollen, wenn Sie ein lebendiges Leben leben wollen, dann müssen Sie da runter. Es gibt keine halben Sachen - Sie können nicht das Negative verdrängen und nur das Positive behalten. Beides gehört zusammen und wenn Sie eins wegschließen, dann mit ihm auch das andere. Ich weiß nicht, was Sie da erwartet, aber ich weiß, dass Sie es schaffen können. Ich habe das Vertrauen in Sie. Sie dürfen sich frei entscheiden, was Sie möchten. Das sind die Optionen, die Sie meiner Meinung nach haben."
So in etwa war der Sinn Ihrer Worte, frei aus dem Gedächtnis...

So lange wollte ich auf den Grund hinunter, und nun lag er vor mir und ich hatte seit Wochen, Monaten, vielleicht sogar Jahren panische Angst. Auch das war eine Situation, die ihre Zeit und ihren Raum brauchte. Das Leben auf dieser Wendeltreppe, herausfinden, welcher Schritt sich richtig anfühlt. Ich hab mir so richtig viel Zeit dafür genommen, und das war auch gut so. Ich glaube, ich bin beinahe 2 Jahre hier gestanden, oder?
Erst nach dem Telefonat mit Ihnen im Dezember war dann der Zeitpunkt da, einen Schritt weiter hinunter zu gehen. Davor wäre es zu früh gewesen, das spüre ich nun. Es ist ein langsames Tempo, aber es hat sein Tempo, das genau richtig ist für den Abstieg. Und wenn ich weiter 2 Jahre auf dieser Treppenstufe nun stehen werde, dann ist es so. Meine Psyche weiß schon, was sie tut. 2 Jahre lang hat es gereicht zu ahnen, dass da unten Grauen auf mich wartet. Nun ist es an der Zeit, das Grauen einfach nur zu spüren. Ich hab keine Ahnung, was ich letzten Endes vielleicht "sehen" werde. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass ich jetzt schon ganz unten bin, aber ich weiß, dass ich im Moment gerade so weit bin, wie ich es tragen kann. Vielleicht wird es auch nie noch tiefer gehen, wer weiß das schon? Ich muss es nicht wissen - ich werde es spüren, wenn die nächste Treppenstufe ansteht.

 


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