Auf der Fensterbank

11.01.2014 um 01:49 Uhr

So lange...

von: curasui   Kategorie: ~ auf der Fensterbank


Das Leben geht weiter. Ewig und immer weiter. Vom Einen zum Nächsten. In solchen Momenten frage ich mich, was für ein Tanz das ist, was er überhaupt soll? Ja, manchmal möchte ich derzeit aufhören zu tanzen... Still dasitzen, mich nicht mehr bewegen, nur noch lauschen.

Es passiert wahnsinnig viel. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich es in Worte fassen sollte.
Kennt jemanden diesen Moment, an dem man das Gefühl hat, auf dem Boden anzukommen, mit voller Wucht und Schmerz?

Diese - für mich - wahnsinnig (!) wichtige Person meinte vor ein paar Wochen, dass es klar sei, dass ich Angst hätte, mit ihm in Kontakt zu bleiben. Da er mir so wichtig ist, sei ich sehr verletzbar und das Vertrauen, dass er eben nicht verletzt, sei einfach noch nicht voll da. Das stimmt nicht.

Gerade weil er so wichtig ist, ist er so "gefährlich". Wenn die Beziehung zu einem Menschen "Heilung" bedeutet, gibt es nichts Gefährlicheres. Er bedeutet das. Mein ehemaliger Herr Thera...
Wenn ich mit ihm in Kontakt bin, ist so viel im Fluss, tut sich so wahnsinnig viel, das bislang vergraben war. Nun kommt Einiges hoch - durch den Kontakt mit ihm. Die Bindung ist Heilung, Heilung ist Schmerz, Schmerz ist Heilung... Er gräbt, ohne es zu wissen, Dinge aus, die... schlicht die Hölle sind.

"Deshalb sind Sie so gefährlich, Herr Thera. Den Schmerz durch Verrat kenne ich, damit kann ich umgehen. Aber der Schmerz, der aus Heilung entsteht, aus Erkennen, aus Verstehen und Trauern... Wie damit umgehen? Dieser Schmerz ist weitaus gefährlicher."

All die sorgfältig erbauten Mauern, Illusionen und Lügen bröckeln. Ich spüre, dass nach und nach kaum etwas übrig bleibt als der Schmerz. Nicht mehr, und nicht weniger. Und ich weine. Ich weine einfach nur. Schreie die Qual heraus. Wir haben gelitten... Ich habe kein konkretes Bild, aber das Gefühl genügt. Diese Qual, die ich noch nie so wahrgenommen habe... Wir haben gelitten.

Und nun? Ich hatte mir monatelang verboten, ihm zu schreiben. Der beste Weg zur Selbstzerstörung ist, den Kontakt zu ihm abzubrechen. Das tat ich über etwa 8 Monate hinweg... Mitte Dezember brach ich dann zusammen. Panikattacken.  Dieses "Introjekt" war der pure Selbsthass; die absolute, unerschütterliche Überzeugung, "Gift" zu sein. Das Wissen, dass ich alle in meiner Umgebung zerstöre, da ich ein Monster bin: Diese "Attacken" waren Momente der Verzweiflung, in denen ich weinte und schrie, weil ich kein Monster sein wollte. Ich wollte es nicht, und kam dennoch nicht über das Wissen hinaus, dass ich genau das sei. Ganz ehrlich: Ich stand kurz davor, mit dem Auto gegen einen Baum zu fahren...

Dann meldete ich mich - nach Monaten - wieder bei meinem Thera. Schrieb darüber, dass ich irre werde von diesen Attacken. "Täterintrojekt" nannte er es. Ich bat um ein Telefonat, er schenkte es mir. Ja, "schenkte"... Es war ein Geschenk.
Die Irrenfahrt hörte auf. Ich habe seitdem keine Panikattacke mehr, dafür eine Unruhe, die ihresgleichen sucht... Kein Schlaf tagelang. Unter Strom. Auf Trab. Unruhig. Energie, zu viel Energie, die nicht verschwinden wollte. Zittern vor Anspannung. Für mich beschissener auszuhalten als die Attacken. Schlafentzug mag ich noch weniger als die Attacken...
Nach etwa 10 Tagen ohne Tiefschlafphase (immer nur Herumwälzen, Halbschlaf,...) meditierte ich. Es reichte. Ich hatte Angst vor dem, was ich in der Meditation spüren würde. Ich wusste, es würde schmerzahft... Etwas, von dem ich eigentlich geschworen hatte, es nie anzuschauen, es nur wegzuschieben, weg zu schließen... Aber 10 Tage ohne wirklichen schlaf war dann doch zu viel.
Als ich meditierte und dieser Unruhe nachging, sie einfach sein ließ und willkommen hieß, tauchte in mir quasi das Bild eines Kindergartenkindes auf. Das Kind schrie, weinte, rannte in meinen Gedanken von Raum zu Raum. Vollkommen Kopflos, betäubt von Schmerz. In seinen Augen ausschließlich Qual, Verzweiflung, Schmerz. Es gab keine Chance für mich, dieses "Kinderbild" zu beruhigen, ihm Sicherheit und Ruhe zu vermitteln, wie es in der Vergangenheit bei verschiedenen Themen möglich war. Das "Kind" sah quasi nichts als seine Verzweiflung und seine Qual. In seiner Wahrnehmung existiert daneben nichts... Es vertraut nicht, glaubt nicht an Linderung seiner Schmerzen. "Damaged beyond repair" kam mir in den Sinn, und das trifft es auch unheimlich genau. 

She's damaged beyond repair.

Ich bin nicht das Kind. Es ist ein Teil von mir, ja, aber gnädigerweise abgespalten, dissoziiert... Ich kann es wahrnehmen, seine Qual hält mich auf Trab, aber ich b i n nicht diese Qual, es ist quasi nicht mein Schmerz... 

Zwischendurch frage ich mich seither, was "diesem Kind" widerfahren ist, dass es so... zerstört ist.  Ich hab keine Ahnung. Vielleicht werde ich es auch nie erfahren. Aber ich komme diesem "Boden der Tatsachen" immer näher. Ich hätte nie geglaubt, jemals so zu schreien und zu weinen vor Schmerz. Und doch ist der Schmerz gut. Es ist eine Erleichterung, ihn endlich heraus schreien zu können. 

Der Boden der Tatsachen ist Hart. Es tut weh, dort aufzukommen. Es tut weh, alle Mauern einzureißen und einfach das zu spüren, was da ist. Da ist eine Hölle an Schmerz, Herr Thera. Ohne Sie, ohne die Bindung zu Ihnen, wäre sie nie aufgebrochen. Darum sind Sie so gefährlich... Nicht, weil Sie gemein sein könnten und der Verrat schlimmer wäre als alles auf der Welt - sondern weil Sie heilen können...

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenAmanita schreibt am 11.01.2014 um 10:51 Uhr:cura, du bist kein Gift! Hör nicht auf die Flöhe, die Leute von der Psychozunft dir in den Kopf setzen. Du trägst deine Wut, deine Traurigkeit und dein "Zerstörtsein" auch nur in Menschengröße mit dir herum. Die Hölle von Schmerz, die in dir tobt, ist von dem Therafritzen selbst hervorgerufen.
  2. zitierencurasui schreibt am 11.01.2014 um 12:10 Uhr:Liebe Amanita,
    danke für deine Worte. Aber ich bin etwas... verwirrt.
    Wie kommst du darauf, dass mein "Therafritze" mir den Gedanken von Gift eingepflanzt hätte und er Verantwortung trägt für meine Hölle?
    Es mag solche Therapeuten geben, die einflüstern und die ihre Klienten in etwas hineintreiben, aber dieser gehört nicht dazu. Ich könnte sein Wesen und seine Arbeit lang und breit erklären, aber ich denke, das wäre sinnlos. Drum einfach nur die Vergewisserung von mir: Er ist einer der seltenen, wahnsinnig guten Menschen, die keinen Beruf, sondern eine Beurufung gewählt haben. Ich vertraue ihm.

    Liebe Grüße an dich.
  3. zitierenNeosWelt schreibt am 11.01.2014 um 19:00 Uhr:Die guten Seiten vom "Boden"...
    man kann fest stehn. Auf beiden Beinen (im Höhenflug unmöglich) ;-)
    Man kann sich mal hinlegen ohne die Gefahr, dass man noch tiefer fällt ;-)
    Und wenn du meditierst/Yoga kennst, dann weißt du dass du dann näher der Erde bist, deren Energie du aufnehmen kannst; dich tief verwurzeln kannst.
    :-)

    Ich drück dich mal!
  4. zitierencurasui schreibt am 11.01.2014 um 23:40 Uhr:Ich weiß, Neo.

    Danke dir! Fühl dich auch gedrückt.

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