heute sind mir zum ersten mal zwei neue kollegen begegnet. schon am tag unseres kennenlernens haben wir über themen wie macht und kontrolle im verhältnis zu behinderten gesprochen.
die neue kollegin meinte, ihre schwere magersucht sei ihr weg zur kontrolle des eigenen körpers gewesen. ich empfinde es als zeichen grossen vertrauens, mir von diesem privaten thema so kurz nach unserem kennenlernen zu erzählen. dieses vertrauen ehrt mich.
sie hat uns vom den friedlichen, von guten fügungen getragenen letzten Stunden einer klientin erzählt in denen sie, von ihrer intuition geleitet, sehr ruhig und angemessen reagieren konnte.
er war offizier der türkischen armee. dass er sich jetzt in den dienst behinderter menschen stellt spricht für ihn. welch unterschiedliche erfahrungshintergründe meine arbeitskollegen doch mitbringen.
ich habe sehr besonnen tagebuch geschrieben, was mir die innere unruhe der letzten wochen genommen hat. auch bin ich mir jetzt ziemlich sicher, keine beziehung mit dem mann beginnen zu wollen, der mir seit einem halben jahr nicht aus dem kopf geht.
zu dienstbeginn heute abend bin ich zu einer gesprächsrunde gestossen, die sich ein mal im monat bei der klientin trifft. neben der gastgeberin, die nach zwei schlaganfällen nur noch mühsam laufen kann und noch ein paar andere, verstecktere einschränkungen hat, war eine rollifahrerin gekommen, die ebenfalls nur noch sehr langsam kurze Strecken zu Fuß zurücklegt, eine blinde und eine taubblinde frau.
um sich mit einem taubblinden menschen unterhalten zu können gibt es das lormen. hierbei werden dem behinderten mit den fingerspitzen leichte druckpunkte auf bestimmte stellen der handinnenfläche gesetzt. jede druckposition steht für einen buchstaben und so werden dem taubblinden die beiträge in die hand buchstabiert.
die teilnehmerin der heutigen runde hatte einen dolmetscher mitgebracht, um am gespräch teilnehmen zu können.
es war in meinen augen eine bemerkenswerte runde. alle nahmen einander ernst, jeder lies den anderen ausreden und keiner versuchte sich in den vordergrund zu spielen. auch der dolmetscher ist ein angenehmer mensch, der sich in angemessener weise im hintergrund hielt.
tja, und so werde ich gleich, nach einem sehr intensiven tag, an dem ich 16 stunden unterwegs war, gesättigt von den vielen eindrücken schlafen gehen.
gute nacht!