Gedanken - eine Zugfahrt

03.11.2009 um 21:55 Uhr

aussichtslos

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

Von klein auf hat sie schlechte Erfahrungen sammeln müssen. 

Jetzt lebt sie unter Menschen die sie aufgegeben haben und sie dennoch nicht gehen lassen. Sie ist vogelfrei.

Wie sich Beziehungen zu anderen aufbauen und pflegen lassen versteht sie nicht. Mit den Reaktionen der anderen weiß sie nicht umzugehen.

Auch kennt sie keine Strategien, um sich aus ihrer Situation zu befreien.

 

Ich weiß nicht wie ich in dem Fall helfen könnte. Über manche Situation darf man nicht lange nachdenken.

06.10.2009 um 21:12 Uhr

"Nichtbehinderte haben immer Recht"*...

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

(...und Behinderte haben ihre Schnauze zu halten.)

Dies gilt bei zu heiß getrockneten Strumpfhosen, die dadurch einlaufen,

bei machtlüsternden jungen Assistenten die einen mit so viel Schwung ins Bett legen, daß man mit dem Kopf an den Nachttisch schlägt und auch 

in der Behindertenwerkstatt in der das Recht, eine Beschwerde zu äußern, alleine bei den Betreuern liegt. 

 

Morgen habe ich ein Gespräch mit meiner Chefin. Scheinbar haben auch sie mittlerweile kapiert, daß ich "in diesen Laden" nicht hineinpasse. Ich denke, Ende des Monats gehört unser "wunderbares" Arbeitsverhältnis der Vergangenheit an.

Mein "Problem" wird in immer stärkerem Maße, mich in meinen Einstellungen nicht verbiegen zu lassen und diese immer klarer zu äußern. Und soll ich Euch mal was sagen? Es liegt nicht in meiner Absicht, daran etwas zu ändern. *g

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*Zitat eines Klienten aus meiner letzten Einrichtung

26.01.2009 um 22:51 Uhr

Pflegedienst, "live und in Farbe"

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

Ende letzter Woche war Einarbeitung für einen Nebenjob bei einem Pflegedienst.

Einsätze bei sieben Klienten.

- guten Morgen - diese Verrichtung, jene Verrichtung - nicht festqautschen lassen -  "Tschüß, schönen Tag noch" und ab zum nächsten

Am Freitag habe ich eine Frau geduscht. Im Anschluß hat meine Kollegin mein Vorgehen und meine Gründlichkeit gelobt. "Aaaaber dafür ist eigentlich nur die Hälfte der von Dir benötigten Zeit eingeplant." 

Wo soll ich weniger gründlich sein? Der Frau nicht allen Schaum aus den Haaren spülen? Sie nicht gründlich abtrocknen?

Es ist so wie immer wieder berichtet wird, so viel kann ich Euch jetzt sagen.

 

Ich habe heute im Büro angerufen und abgesagt. Klar, ich brauche einen Nebenjob sonst reicht das Geld nicht. 

Würde ich mich an diesen gewöhnen hätte ich gelernt, Menschen wie Holzscheite zu behandelt, und das ist das allerletzte was ich will.  

Es wird sich ein anderer Job finden. Es hat sich immer einer gefunden.

07.01.2009 um 01:16 Uhr

Momentaufnahme

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

Einer unserer "Klienten" ist mir sehr entgegen gekommen und hat mir erlaubt, seinen PC zu benutzen. Es ist kalt in seiner Wohnung. 

Ich finde heute Abend den Absprung nicht, mich oben im Assitenzzimmer ins Bett zu legen. Ich sitze hier und lasse mich durch die Zeit tragen. 

Eine unserer Frauen mußte vorhin spucken. Sie lag auf dem Rücken. Es hat einen Moment gedauert bis ich kapiert habe, weshalb sie mir nicht geantwortet hat, und ich sie auf die Seite gedreht habe.

Bei unserer anderen "Klientin" hatte eine Kollegin heute ihren ersten Tag. Der Schweiß lief ihr von der Stirn, als sie mir die Tür aufmachte. Abends ist dort immer viel zu tun. 

01.10.2008 um 01:04 Uhr

eine Begegnung

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

 

Sein Körper war "krumm und schief", ein "kleines Männlein" von Anfang 40 Jahren war er, das nicht sprechen konnte.

Eine ehemalige Betreuerin hatte ihn mit zu sich nach Hause genommen als sie in Rente ging. Sie hatte in ihrem Leben nichts anderes gemacht als zu pflegen und konnte sich auch nicht vorstellen, daß sich das ändern sollte. Sie trug ihn auf ihren Händen. Er war ihr Lebensinhalt.

Ein charismatischer Mensch war sie, bestimmte das Gespräch. Sie ging ihren Weg sehr gradlinig, kümmerte sich nicht "um das Gebaren am Wegesrand". Wenn ich sagen würde, der Raum wäre erfüllt gewesen von ihrer Herzenswäme, würde ich lügen.

Von ihm wurde gesagt, er habe seiner Zeit die Quälereien an einem anderen Bewohner durch einen Kollegen alleine durch Lautieren aufgedeckt. "Er ist ein kluger Mensch, hat eine Auffassungsgabe wie du und ich." erzählten die Kollegen.

Eies Tages besuchten die beiden ihre ehemalige Wohngruppe, in der ich zu der Zeit arbeitete.

Er stand in seinem Rollstuhl neben mir. Die Unterhaltung fand "zwei Stühle weiter" statt. Ich bemerkte seinen Versuch, "um die Ecke zu gucken", um etwas bestimmtes zu sehen, und zog ihn in einen besseren Winkel zum Beobachten. 

"Was machst Du da?" fragte die alte Betreuerin. Ich erklärte es ihr. 

Da drehte er mir seinen Kopf zu, es entstand ein langer Blickkontakt. In diesem Augenblick "hatten wir einander erkannt". Ich sah in die Augen eines intelligenten Menschen, der auch in diesem Moment Gedanken in seinem Kopf bewegte. 

 

14.08.2008 um 14:32 Uhr

ein Aufruf an uns alle,...

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

verbundenen mit einem Erlebnis aus "meiner Ferienfreizeit":

Am Montag hatten wir eine sehr unschöne Situation in einer Schwimmhalle. Zwei stark betrunkene, machohaft auftretende Männer von Mitte Vierzig haben eines unserer hübschen, jungen Frauen sexuell belästigt.

Letztendlich haben wir den Bademeister gerufen, der ihnen Hausverbot erteilt hat, und es ist zu einer Anzeige bei der Polizei gekommen.

 

Gestern Nachmittag haben wir dieses Erlebnis aufgegriffen um, zusammen mit den Mädchen, zu überlegen wie man sich wehren kann, wenn jemand die eigenen Grenzen überschreitet. Dazu sollten sie in Kleingruppen jeweils eine selbst erfahrene Situation nachspielen.

Eine unserer Teilnehmerinnen hat uns folgende Szene erzählt. Ich möchte sie Euch, so gut ich sie in Erinnerung habe, wiedergeben:

"Ich hatte mir noch ein Brötchen geholt und kam mit meinem Rolli relativ spät an der Bushaltestelle an. Der Busfahrer war genervt und mürrisch im Ton."

Busfahrer: "Warum kommen sie so spät?"

Teilnehmerin: "Warum sind sie so schlecht gelaunt? Sie hätten nicht auf mich zu warten brauchen, wenn es ihre Zeit nicht erlaubt."

- Der Busfahrer antwortet nicht, hilft der Teilnehmerin beim Einsteigen. Zum Aussteigen mit Rollstuhl braucht sie wieder seine Hilfe.

Busfahrer: "Jetzt muß ich ihnen auch noch beim Aussteigen helfen. Eigentlich will ich das garnicht."

- Teilnehmerin kontert. Daraufhin sagt der Busfahrer: "Sie brauchen gar nicht mehr zu antworten. Ich denke, es ist alles gesagt."

 

- An diesem Nachmittag hat es lange gedauert, bis die junge Frau auf andere Gedanken kam. Durch unser Gespräch wurde sie an zahlreiche andere Situationen erinnert, in denen sie von dummen Menschen schlecht behandelt worden ist.

 

Behinderte sind von Nichtbehinderten abhängig. Dadurch entwickelt sie ein anderes Selbstbewußtsein als Menschen ohne Handicap, so ist meine Beobachtung. Zudem sind sie seelisch belasteter, weil sie tagtäglich mit den Behinderungen ihres Körpers, und den daraus entstehenden Widrigkeiten im Alltag, umgehen müssen.

Sehr oft drücken "wir Otto-Normal-Verbraucher" uns vor Verhalten, daß man als "couragiert" bezeichnen könnte. Kann ich es da von mental schwächeren Menschen verlangen? Und das viel häufiger als von Nichtbehinderten, weil sich Reaktionen dummer Menschen bei ihnen häufen?

 

Wie sich die anderen Fahrgäste in der beschriebenen Situation verhalten haben, habe ich unsere Teilnehmerin gefragt. Die Antwort kann sich jeder von Euch denken, nehme ich mal an.

Ich denke wir alle sollten uns in die Pflicht nehmen, die Augen offen zu halten und zu reagieren.

Jeder für sich.

10.08.2008 um 16:42 Uhr

Theorie und Praxis

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

In Vorbereitung auf die erwähnte Freizeit habe ich Beschreibungen der jungen Frauen bekommen.

Da stand etwas von "fast blind",

von Sauerstoffversorgung rund um die Uhr,

von Rollstuhlnutzung auf längeren Strecken,

von geistiger Behinderung und psychischer Beeinträchtigung.

 

Von der Unerschrockenheit und dem Willen, ihre Umgebung auch mit schwacher Sehkraft zu erkunden und an allem teil zu haben, stand nichts geschrieben.

Auch der ausgeprägte Charakter und der wunderbare Humor, die den Sauerstoffschlauch (fast) vergessen lassen, blieben unerwähnt.

Ebenso haben sie "vergessen", die Selbstreflektiertheit und Musikalität zu beschreiben die da sind, ob nun stehend oder (im Rolli) sitzend.

Wenn ich mir dann noch die Aussage "Aber klar mache ich das. Ich helfe doch gerne." (Auch wenn diese Hilfe alle Konzentration des "schwachen" Geistes beansprucht.) in Erinnerung rufe, weiß ich ein Mal mehr wie wenig Sinn es macht, Menschen nach "irgendwelchen" Papieren zu beurteilen.

 

10.08.2008 um 15:12 Uhr

Man nehme...

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

acht behinderte junge Frauen

und ebenso viele Betreuerinnen.

Dazu miete man sich ein Haus "in einer ziemlich grünen Gegend",

gebe der Truppe zwei Kleinbusse

und ein bestimmtes Budget

und fertig ist die Ferienfreizeit.

 

Meine Teilnahme ist eine wirklich interessante neue Erfahrung. An meinen Arbeitstagen lebe ich mit elf anderen Menschen zusammen, die ich vorher noch nie gesehen habe. Einige von ihnen haben Eigenheiten, mit denen wir langsam vertraut werden.

Wir reden und lachen miteinander und trösten, wenn es an der Zeit ist. Wir essen gemeinsam und machen schöne Ausflüge. Wir schlafen zusammen in einem Haus und auch die Körperpflege der Teilnehmerinnen behalten wir Kolleginnen im Auge.

Es ist eine sehr intensive Zeit.

29.07.2008 um 02:45 Uhr

Ein Mensch ohne Moral...

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

 

hat sich einer jungen Frau gewaltsam bemächtigt.

Er hat sich ein kurzweiliges Vergnügen verschafft, seine Lust an ihr abreagiert.

Sie ist seitdem mit einem Trauma gestraft.

Ihre kranke Lunge, durch die sie künstlich beatmet werden muß, wäre Bürde genug gewesen.

 

 

20.07.2008 um 21:20 Uhr

von der "merkwürdigen Sache Kommunikation"

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

Unsere Klienten sind nicht geistig behindert, entwicklungsverzögert in unterschiedlichen Ausprägungen würde ich schon sagen. Eine unserer Frauen ist oft so launisch wie ein Kind.

 

Dienstbeginn 22.15 Uhr

J. ist mit ihrer Assistenz im Bad. Ich klopfe an, gucke um die Ecke um mich an zu melden. Sie sitzt mit absolut abweisenden Gesichtsausdruck vor mir, schmeißt mir in schroffem Ton eine Bemerkung entgegen.

Bei mir fährt sich unbewußt eine Mauer hoch, J. kommt mit ihrer Bemerkung nicht an mich heran. In bald flötendem Ton gehe ich auf sie ein. Nach 1 1/2 Jahren weiß ich, mit welchen Worten ich sie aus ihrem "Genervtheitsloch" holen kann. Was ich in diesem Moment sage ist relativ egal, es muß nicht besonders geistreich sein. Die Betonung ist genauso wichtig.

Einen Moment später ist ihre Laune gekippt. Ich bringe unsere Absprache zu Ende und verabschiede mich zum nächsten Klienten.

Es ist schon merkwürdig, welche Mechanismen man im Umgang mit anderen Menschen entwickelt.

10.12.2007 um 21:03 Uhr

liebenswert

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

Ich war heute in einer Schule für geistig behinderte Kinder.

Die kleinen Wesen, die ich dort getroffen habe, haben ein Anrecht auf Zuwendung wie jeder andere Mensch auch

Punkt

25.03.2007 um 23:46 Uhr

ein Fingerzeig

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

Kennt Ihr das?

Eine Rückmeldung von einem vertrauten Menschen, laß es nur ein Satz sein, und Du denkst "Ups, er hat Recht. So hatte ich das noch nicht gesehen." Es ist halt nicht so einfach, "sich selber im Blick zu behalten". *g

Mein jetziger Job macht offensichtlich Sinn. Da ist ein Mensch, der sich in einer bestimmten Situation nicht selber helfen kann. Er fragt Dich "Kannst Du bitte..." und Du setzt Dich in Bewegung, läßt Deine Hände für ihn arbeiten.

Simpel ist er. Und die Reisende fühlt sich, wie so oft in ihrem Leben, getrieben etwas dazu zu lernen, um anschließend anspruchsvolleres zu machen. (Was heißt "anspruchsvolleres"????)

Tja, und heute meinte eine Freundin: "Ich an Deiner Stelle würde eine Aufgabe in dieser Art weiter machen. Du bist in der letzten Zeit so zufrieden." Was sage ich dazu?

28.11.2006 um 19:10 Uhr

Existenzberechtigung -

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

wem spricht man sie zu, wem spricht man sie ab?

Darf man sie überhaupt IRGEND JEMANDEM absprechen, oder auch nur seine Lebensqualität beschneiden?

Ich denke, absolut nicht.

Wie denkt Ihr darüber?

26.11.2006 um 00:51 Uhr

Päääfextionismus ade

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

Nix iss' mit Päääfextionismus!

Und das mir, die in manchen Dingen so akribisch ist, das da schon mal der Satz von der Reisenden an die Reisende fällt: "Jetzt ist Schluß mit Lustig, genug gewischt!"

Sie leben einfach, "meine Klienten". Geben sich so viel Mühe, wie sie können, und "gut iss".

Ansonsten einfach nur leben! Dinge tun, weil es Spaß macht, sie zu tun. Auch wenn das Ergebnis in keinen Vergleich zu stellen ist.

Es ist klasse!

Ich werde mal wieder viel lernen.

Leistungsgesellschaft und alle MAAAASSSTÄBE, diese "superwichtigen", lebt wohl, bis dann mal wieder!

 

10.09.2006 um 22:11 Uhr

Perspektivwechsel

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

gemütliches Wohnzimmer, die darin wohnen sind innerlich aufgeräumt, man sieht es 

Die Sonne scheint durch das große Stubenfenster. Es ist ganz still.

Ich sitze mit dem Jungen, körperlich und geistig behindert, auf dem Sofa.

"Mal gucken, ob Du Lust hast zu stehen. Mal eine andere Haltung annehmen, den eigenen Körper tragen."

Er geht in die Knie und kommt vor mir, im Winkel des Ecksofas, zum Sitzen.

"Ok, Du hast scheinbar keine Lust. Es scheint Dir da unten auf dem Boden zu gefallen. Dann werde ich Dich dort mal sitzen lassen und nicht in eine "normale" Position hiefen." 

Wir sitzen eine Viertelstunde zusammen in der Stille. Er sitzt vor meinen Füßen mit dem Blick in den sonnigen Garten. Zwischendurch reibt er seine Hände aneinander - Sinneswahrnehmung?

Zwischendurch streichele ich ihm den Rücken, massiere die Schultern.

Sich ab und zu auf die Perspektive eines anderen ein zu lassen ist eine Bereicherung. 

Euch eine schöne Woche!

29.07.2006 um 00:31 Uhr

die Gedanken sind frei

von: eineReisende   Kategorie: meine Einblicke...

Ich habe Menschen kennen gelernt, die mit Schmerzen und/oder großen körperlichen Einschränkungen in ihrem Körper leben müssen.

Ich empfand es jedes Mal als Kunst wenn ich beobachtet konnte, wie sie sich über das Hier und Jetzt hinweggesetzt, und gedanklich mit sehr anspruchsvollen Themen beschäftigt haben.

Die Analytiker unter Euch werden jetzt vielleicht  von schlichter Notwendigkeit sprechen, um nicht den Verstand zu verlieren.

Wie dem auch seih, ich "ziehe meinen Hut".