S - wie Schreiben, Sinn, Sex, Schüchternheit, Sparen, Stil, Schönheit
Ich sollte nun wirklich mal nachschauen, woran es liegt, dass im
Deutschen so viele Wörter mit "S" anfangen wie mit keinem anderen
Buchstaben. Dieser Umstand bringt mich nun etwas in Verlegenheit, denn
ich kann nicht über all das Schreiben, was mir dazu einfällt.
Aber damit bin ich auch schon beim ersten Thema: Schreiben nimmt in
meinem Leben einen wichtigen Stellenwert ein - und ich sage bewusst
nicht: einen hohen. Seit neun Jahren verdiene ich, wenn auch mit
Unterbrechungen, damit Geld. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass
der meiste Verdienst dabei keinem autorialem Schreiben zu verdanken
ist, sondern der Fähigkeit, Texte anderer Leute in guter, neuer Sprache
wiederzugeben. Ich habe das immer aus zwei Gründen gering geschätzt.
Erstens: Ich bin nur Zweitverwerter; ohne Autoren hätte ich selbst
keine Arbeit. Zweitens, und dieser Grund wiegt schwerer: Ich kann das
einfach, ohne dass ich mich groß darum gekümmert hätte. Daraus habe ich
stets den Schluss gezogen, dass ich mit all meinen anderen Bemühungen,
mich zu entwickeln, gescheitert bin. Schließlich können sie nicht sehr
fruchtbar gewesen sein, wenn ich mich nach so langer Zeit noch immer stärker auf mein
"Naturtalent" stützen kann als auf alles, was ich mir erarbeitet habe.
Doch jetzt, im Moment, ist dieser gekränkte Stolz zweitrangig. Ich habe
eine tolle Übersetzung angeboten gekommen. Etwas, von dem ich immer
geträumt habe, als ich mit langweiligem Käse vorlieb nehmen musste. Da
kann ich jetzt nicht mehr dran herumkritteln, und ich kann und darf
auch nicht jammern, dass ich "eigentlich" lieber etwas ganz anderes
arbeiten möchte. Diese Übersetzung ist eine große Herausforderung. Im
Moment bin ich mir nicht sicher, ob ich am Ende mit dem Ergebnis
zufrieden sein kann. Das heißt, sie ist spannend genug für mich, und
erst, wenn ich diese Herausforderung gemeistert habe, kann ich mich,
neu gestärkt, nach etwas anderem umsehen.
Ein Weg, mir diese Herausforderung leichter zu machen, besteht darin,
wieder mehr selbst zu schreiben. Ich will das unbedingt versuchen.
Vielleicht mache ich ein zweites Blog auf, vielleicht schreibe ich auch
nur für die Festplatte. Wichtig ist vor allem, dass ich wieder mehr
Routine darin bekomme, mich treffend und wohlklingend auszudrücken,
sprachlich kreativ zu sein und meine Gedanken zu fokussieren.
zu "Sinn":
Eine zentrale Kategorie in meinem Denken. Seit meiner Jugend
ängstigt mich der Gedanken, dass ich meinem Leben selbst einen Sinn
geben muss. Bislang dachte ich immer, das sein eine große Aufgabe, an
der im Grunde jeder mit einer geringeren Geisteskapazität als einer der
großen Existenzialisten scheitern müsste. Seit ich mich nicht mehr
durch das Kiffen und das Übermäßige Zocken von den für mich wichtigen
Fragen ablenke (was nicht heißt, dass ich mich nun gar nicht mehr
ablenke) und seitdem ich wieder viel kontaktfreudiger bin und
wunderbare Erfahrungen mit anderen Menchen mache, seitdem wird mir
klar, dass die Frage des Sinns keine Frage der intellektuellen
Fähigkeit ist, sondern vielmehr eine Frage des Durchhaltevermögens. Es
klingt banal, aber mir scheint, aus dem bl0ßen Dranbleiben an einer
selbst gestellten Aufgabe lässt sich bereits Sinn genug ziehen, um zu
wissen, was man am kommenden Tag zu tun hat, welche Herausforderungen
sich stellen, und welche Erfolgserlebnisse man sich erhoffen kann.
Kein Wunder, dass mich Zissou so gefesselt hat. In der Cousteau-Ausstellung
wurde es mir klar. Es geht um Dedication. Ich hatte ein kurzes Aufblitzen einer
Ahnung, dass auch ich mich einer Sache wie dem Tauchen verschreiben könnte. Die
roten Mützen, der entschlossene (ironisierte) Blick sind Abzeichen für diese
Dedication, der es egal ist, was andere darüber denken. Die daher rührt, dass
man sich (verzweifelt?) daran klammert, weil man sonst nichts hat, weil sie das
ist, was im eigenen Leben den Sinn stiftet, etwas, das unabhängig von den
Bindungen an andere vorhanden ist und vorhanden bleibt (waren nicht auch Zissou
und Cousteau schwierige Charaktere, was den Umgang mit ihren Nächsten angeht?
hin und her gerissen zwischen dem Wunsch nach Bindung und der Flucht davor -
dazwischen blieb als Konstante das Tauchen. Ein Medium, mittels dessen man mit
anderen in Kontakt treten konnte, hinter dem man sich auch verschanzen,
maskieren konnte), weil ohne sie ein Abgrund sich auftun würde, in den man
endlos stürzen würde.
Über Sex schließlich könnte ich natürlich so viel schreiben, dass es
den hier gegebenen Rahmen sprengen würde. Wer könnte das nicht. Ich
will es für heute aber nur bei der in sexueller Hinsicht unspannenden
Feststellung belassen, dass ich seit einiger Zeit (seit ich aus mir
herausgehe, seit ich die Welt wieder mit zuversichtlicheren Augen sehe,
seit ich mich selbst wieder für mehr Wert empfinde) ganz oft sehr
schönes Feedback von sehr attraktiven und begehrenswerten Frauen
bekomme.
Leider bin ich noch zu verkorkst, um etwas daraus zu machen. Es gibt
eine gewaltige Diskrepanz zwischen zwei verschiedenen Selbstbildern von
mir, und es ist gut, nun meinen narzistisschen Dualismus zu kennen, der
mir hilft, micht weniger über meine Schüchternheit zu ärgern. Auf der
einen Seite finde ich es selbstverständlich, dass
sich attraktive, geistreiche, selbstbewusste Frauen für mich
interessieren. Auf der anderen Seite
stürze ich jedoch immer dann, wenn ich etwas tun sollte, um auf sie
zuzugehen, in große Zweifel. Dann überwiegt die Angst, dass
etwas schief laufen könnte - sei es, dass ich bei einem
Date feststelle, dass sie total uninteressant ist - oder dass sie mich
überhaupt
nicht interessant findet... Ich drücke mich vor einer möglichen
negativen Erkenntnis. Dabei hätte ich wirklich mehr Grund anzunehmen,
dass alles gut verläuft... Ein Date, vorsichtiges Kennenlernen, ein
Prickeln in der Luft, Blicke, in denen plötzlich Funken liegen...
Heute zum
Beispiel war ich mit K. auf einer Kunst-Tour durch meine liebe Stadt,
bis hin nach P. Es waren zwei Frauen mit uns im Bus, die ich ganz
faszinierend fand. Mit der einen konnte ich mich schließlich sogar ein
wenig unterhalten. Aber ich komme nie so weit, dass ich sie nach einer
Telefonnummer oder einem Date fragen könnte. Da mache ich lieber auf
cool und zeige gar keine Anstrengungen, das Gespräch am Laufen zu
halten... Na gut, die Frau war zwar extrem mein Sexyness-Typ, aber sie
war mir auch ein bisschen zu kühl. Dennoch - ich muss sie ja nicht
gleich heiraten wollen! Ich spiele solche Begegnungen im Geiste viel zu
weit durch und betone dabei kleine Anzeichen zu sehr, die ich bereits
beobachtet habe - wie etwa den etwas kühlen Ton in ihrer Stimme.
Vielleicht ist das ja auch nur eine Masche von ihr, um cool zu wirken.
Ich habe ja schon oft genug die Erfahrung gemacht, dass solche Frauen
ganz anders sein können, wenn man sich näher kommt.
Dennoch stärken solche Begegnungen mein Selbstbewusstsein enorm.
Ich will in Zukunft viel stärker auf die starke Seite hören.
Schließlich weiß ich, dass ich bei Frauen wirklich gut ankomme -
trotz der vielen Unzulänglichkeiten, die ich an mir sehe. E. hat mir
erst kürzlich erzählt, dass seine Freundin V. mich "süß" fand; N., die
ich auf A.s Geburtstag kennen lernte, fand mich "sehr sympathisch"...
Alles Frauen, vor denen ich erst mal ziemlichen Respekt
habe. Oft genug legt sich übertrieben großer Respekt auch
recht schnell.
Sei es, weil ich feststelle, dass auch diese tollen Frauen nur mit
Wasser kochen, sei
es, dass sie mir zeigen, dass sie mich aufrichtig interessant oder - so
Gott will - sogar attraktiv finden.
05.09.05
Ich muss jetzt leider - und zum Glück ;-) - weiterarbeiten und kann
nicht mehr von meinen Spar-Zwängen erzählen, die mir gänzlich neue
Erlebnisse bescherten (wie viel man bei Aldi für 15 Euro bekommt! wie
kriminell müssen die Produktionsbedingungen für deren Produkte sein!),
und über Schönheit und Stil sollte ich mich nun wirklich nicht mal kurz
in der Mittagspause äußern.