Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer

09.07.2012 um 08:44 Uhr

A -

von: Paul

- wie anfangen, aufhören, Abendritual

Gestern im Gespräch mit Anke konnte ich es zum ersten Mal auf den Punkt bringen: Mit meinem Abendritual kämpfe ich einen alten Kampf der Abgrenzung von meiner Familie. Ich wollte einmal beweisen, dass ich "wild" sein kann, nach meinen eigenen Regeln leben, dass ich mich auch dazu entscheiden kann, mich "allem" zu entziehen (was "alles" bedeutet, dazu später mehr).

Dabei treibt mich heute (und schon seit Jahren) etwas ganz anderes um: Wie nehme ich mein Leben als Erwachsener an? Wie lebe ich ein Leben als Erwachsener, mit den Verantwortungen die es mit sich bringt, dem Vernünftigsein, dort, wo es nötig ist, der Notwendigkeit, ein Ziel im Leben zu haben? Und wie gehe ich diesem Ziel nach? 

Ich habe schon eine recht klare Vorstellung von diesem Ziel: Ich will ein guter, begehrter, origineller Ausstellungsmacher sein, der die Besucher und seine Auftraggeber gleichermaßen glücklich macht. Der immer wieder auch ganz eigenständig Ausstellungsideen umsetzt, indem er Gleichgesinnte zusammenbringt, mit denen er gut und gerne zusammenarbeitet, die alle davon getrieben sind, sich mit Themen zauseinanderzusetzen, die die enschen umtreiben. Die den Menschen Antworten und Fragen mitgeben wollen, die ihr Leben verändern.

Aber weil dieses Ziel nicht einfach zu erreichen ist, weil es anstrengend ist, zu prüfen, ob ich auf dem richtigen Weg bin, weil immer wieder infrage steht, ob das Ziel und der Weg richtig sind, und weil es immer wieder Hindernisse gibt, weiche ich aus. Ich gehe dann nicht weiter dem "Projekt Zielverwirklichung" nach, sondern dem "Projekt Jugendrebellion". Das erinnert mich an das Verhalten, das Daniel Kahnemann für das "System 1" des Gehirns beschreibt: wenn es vor einer Frage steht, die es nicht beantworten kann, weicht es auf eine verwandte, beantwortbare Frage aus, z. B.: "Wie sind die Wahlchancen dieses Politikers in 6 Monaten?" wird zu: "Wie sympathisch ist mir dieser Politiker?"

Gestern, im Gespräch mit Anke, hatte ich jedenfalls das Gefühl, dass ich von meinem Abendritual loskommen kann, wenn ich mir stärker vor Augen führe, dass ich schon ein Ziel habe und wie gut ich dabei vorankomme, es zu erreichen.

11.11.2005 um 17:02 Uhr

Z

von: Paul

Z - wie Ziel

Ich hatte einen super Traum letzte Nacht:

Ich fuhr mit dem BMX-Rad (eine irgendwie größere Vision) in einem Bergdorf herum, das schon vor einiger Zeit in einem meiner Träume vorkam. Auch wenn es jetzt ganz anders aussah, fühlte es sich doch ähnlich an. Daher glaube ich , dass es dasselbe sein sollte.Es gab dort eine u-förmige Strecke, von dem Ort, wo wir wohnten den Berg hinab, dann eine U-Kurve nach rechts, den Berg hinauf bis zu einer modernen Kirche, deren Schiff wie der Bug eines wirklichen Schiffs über die Straße hinausragte. Diesen Weg fuhr ich entlang. Ich weiß nicht mehr, was ich bei der Kirche machte, irgendwas geschah auch dort. Dann schoss ich mit meinem Rad wieder den Berg hinab, um die U-Kurve nach links. Dann nahm ich nicht die normale Straße nach oben, sondern fuhr an deren rechtem Rand, wo Erde aufgeschüttet war - vielleicht war es auch eine lehmige, mehrere Meter hohe Böschung. Jedenfalls ging es wie auf einer Buckelpiste auf und ab durch den Dreck, ich machte ein paar kleine Jumps mit meinem Rad und fühlte mich schon ganz toll, wie ich so durch die Luft segelte. Da fuhr ich ein eine schlammige Stelle, und schwupps, sank ich innerhalb von Sekundenbruchteilen ganz tief ein.
Scheiße, Treibsand, dachte ich, und sah mich schon langsam und qualvoll versinken und ersticken. Aber das einzige, was geschah, war, dass mein Rad unter mir in die Tiefe stürzte. Es wurde mir einfach unter dem Hintern weggezogen - als hätte sich im Schlamm unter mir ein Schacht aufgetan, in den das Rad fiel, und hätte sich dann wieder geschlossen. Ich war konsterniert. Es war schnell klar, dass ich nicht versinken würde, dazu war der Schlamm dann doch plötzlich irgendwie zu sandig, außerdem stießen meine Füße auf festen Grund. Aber mein Rad war weg. Ich fing an den Schlamm, der mir bis zur Brust reichte, einfach von mir weg zu schieben (so, wie man Kisten von sich schiebt), mir einen immer größeren Freiraum zu schaffen, ich glaube, ich konnte ihn zum Teil sogar aufrollen wie einen Rollrasen. Jedenfalls stand ich irgendwann auf einer betonierten Fläche, der Schlamm rings um mich mehrere Meter entfernt, und kein Fahrrad in Sicht. Inzwischen waren Freunde gekommen, ich glaube Kerstin war dabei. Vielleicht war sie auch eine Mischung aus K. und K. Sie suchten mit mir nach dem Fahrrad (nur wo? es war ja auf den ersten Blick zu sehen, dass da nichts war!) Irgend jemand hatte plötzlich den Rahmen eines anderen, kleinen roten BMX-Rades in der Hand. Aber das nützte mir natürlich nicht viel, denn "allein das Tretlager würde über 100 Euro kosten"...
Man sieht, irgendwann wurde er etwas banal und verlor selbst den Faden. Wie's weiterging, ist auch nicht mehr so wichtig. Was auf mich den größten emotionalen Eindruck gemacht hat, war das Fahren durch das Dorf – es war in Wirklichkeit (im Traum) viel komplexer als nur Straße rauf, Straße runter. Da gab es noch einige andere Gassen, und ich fuhr auch durch Wald. Und vor allem dieses Gefühl, als ich mit dem Rad in den Schlamm geriet und es mir dann unterm Hintern "wegfiel" und wie ich den Schlamm beiseite schob, um einen freien, festen, übersichtlichen Boden unter den Füßen zu entdecken.

Irgendwie ein schönes Bild. Und ein schöner Schluss für mein Alphabet der Selbstentwicklung. Ich weiß noch nicht, was ich als nächstes schreiben will. Aber etwas weniger Selbstbezügliches wird es bestimmt. Vielleicht tatsächlich das Alphabet der Alltagsbeobachtungen, das war eigentlich die Idee, als ich dieses Blog aufmachte.
Oder meine gesammelten und fortschreitenden Sex-Überlegungen und -Erlebnisse.... mal sehen :-)

10.11.2005 um 23:59 Uhr

Y

von: Paul

Y - wie You are not alone

(Sollte ursprünglich "Yeah, yeah, yeah!" heißen. Aber ich will vorsichtig sein mit übertriebener Euphorie.) Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich am häufigsten vergesse: Egal, worum es sich handelt. Ich bin nicht der einzige, dem es so geht. Gerade war M. zum Essen da. (Nebenbei bemerkt, eine Premiere in der neuen Wohnung, nachdem ich schon ein halbes Jahr hier wohne. Was nur bestätigt, dass ich viel zu lange keine Konsequenzen aus der benannten Erkenntis gezogen habe und hier so wohne, als wäre ich eben doch allein, anstatt einfach des öfteren jemanden einzuladen.)
Wir unterhielten uns über unsere Kämpfe, die wir ja in erster Linie gegen die Dämonen und Narren in uns ausfechten, und ich konnte wieder sehen, wie wenig singulär und "typisch für mich" meine Selbstzweifel, die unrealistischen Ansprüche an mich und mein Leben und die Enttäuschungen sind, die daraus resultieren.
Viele Menschen sind immer wieder unzufrieden mit sich, sehen mehr ihre Schwächen als ihre Stärken, sind neidisch auf andere und machen sich wegen all dem Vorwürfe. Wenn mir M. von sich erzählt, sehe ich die Ursachen und Lösungen so klar, wie sie für mich selbst nie erscheinen. Oder besser: Ich sehe mich außer Stande, die Lösungen anzugehen, während ich bei ihm erkenne, dass das durchaus möglich ist. Dafür ist keine Eingebung von oben und kein Grundlender Wandel der Person nötig, sondern "einfach" nur ein Abschied von der fixen Idee, alles schon von Natur aus können zu müssen, jegliche Ansprüche erfüllen zu können und so gut zu sein wie die Summe aller Menschen, die ich in irgendeiner Form respektiere, bewundere oder besser finde als mich. Und: Darüber reden, um zu erfahren, wie andere damit umgehen. Wie sie mich sehen. Wie sie sich selbst sehen.
Einfach ist das nicht unbedingt. Das heißt, es geht nicht von heute auf morgen. Aber es ist durchaus machbar. In kleinen Schritten. Und mit der regelmäßigen Erinnerung daran, dass ich bereits in Ordnung bin, so wie ich bin.

05.11.2005 um 21:26 Uhr

X

von: Paul

X - wie "daraus wird nix"

Oder doch? Ach, sie ist meine Elizabeth! Aber bin ich ihr Mr. Darcy? Ich leide. Und ich bin versucht zu sagen: Ich leide köstlich. Donnerstag war ich mit E. in "Sense ans Sensibility". Ein fantastischer Film. Lange saß ich nicht mehr so aufgewühlt im Kino. Als Darcy in ihr Zimmer platzte, um "Konversation" zu üben, und nur um Worte rang. Hilflos, verzweifelt starrend, tausend Kämpfe in sich ausfechtend, da fieberte ich so sehr mit wie seit Jahren nicht mit anderen Helden. Die beiden Schauspieler waren so fantastisch klischeefrei, so original in den Gesten ihrer Unsicherheiten, in der Mimik verborgener Gefühle, im Ausdruck tiefer Liebe in ihren Augen, dass ich mich in beide verliebt habe. Und in E. gleich mit. Wenn sie keinen Freund hätte, würde ich jetzt richtig große Avancen machen. Ich finde sie toll. Sie ist so überlegt, so zurückhaltend, so klug und so schön. Wenn sie innehält, um über etwas nachzudenken, sieht es manchmal so aus, als wäre sie völlig abwesend, als hätte sie ihr Gegenüber vollkommen vergessen. Und dann sagt sie etwas gut Überlegtes. Das finde ich toll!

Und dann, wie beim Abschied an der U-Bahn, habe ich immer wieder das Gefühl, dass sie ihre Abschiedsküsse auch lieber in die Mitte statt auf die Wangen platzieren wollte. Ich hatte es mir vorgenommen! Zumindest fast. Wie so oft sagte ich mir: Wenn sie irgendein Anzeichen gibt, dann tu ich`s! Aber so wird das doch nix, zumal wenn sie dasselbe denkt.

Und sie hat ihren blöden Freund. Wie sollte sie da ihre Beziehung aufs Spiel setzen für so einen komischen romantischen Anflug wie einen Abschiedskuss nach dem Kino! Ich sehe schon, ich müsste etwas tun. Oder nicht mehr romantisch träumen. Das tue ich nun schon das ganze Jahr. Spätestens seit dem einen Abschiedsbussi vor dem FAF, das auch fast auf die Lippen gegangen wäre, da waren wir beide, glaube ich, leicht verwirrt hinterher.

Und dann denke ich wieder an einen noch viel länger zurückliegenden Abend, zu einer Zeit, da sie noch keinen Freund hatte, da ihre Schwester sie mir wärmstens ans Herz zu legen versuchte. Sie hatte mich zur Tram begleitet und wartete die ganze lange Weile mit mir zusammen, und es hing dieses "Irgendwas sollte jetzt passieren"-Schweigen zwischen uns. Ich war damals so arrogant zu denken: Wie süß von ihr, aber ich möchte leider nicht. Weil ich sie noch nicht so kannte, wie ich sie jetzt kenne. Weil ich sie damals vor allem nett und hübsch fand, aber etwas zu jung, zu brav. Jetzt denke ich, sie wäre genau die Richtige. Denn der brave Eindruck kommt eher von ihrer Zurückhaltung und Bescheidenheit - sie stellt sich eben nicht in den Mittelpunkt und zeigt, wie toll sie ist, was sie alles weiß, oder was für wichtige Dinge sie gerade wieder gemacht hat..

Verdammt, ich wollte auf diesen Seiten immer Beschlüsse fassen, Erkenntnisse gewinnen und anschließend zur Tat schreiten. Aber hier kann ich das nicht. Ich kann nicht wagen, mich an sie heranzumachen, wegen ihrem Freund (entweder blamiere ich mich, weil sie gar nicht will, oder ich ruiniere eine Beziehung), und ich will nicht aufhören zu hoffen und zu träumen, denn das ist so schön.

Gut, zumindest kann ich beschließen, nicht allzu traurig zu sein, wenn die Träume platzen.

20.10.2005 um 10:48 Uhr

W

von: Paul

W - wie weitermachen

Es klingt so simpel, und doch ist es so schwer. Vielleicht ist das bei allen Dingen so, die so einfach sind, dass es zu einer Frage der Grundsätze, nicht der Schwierigkeit wird, ob man sie tut oder nicht tut. Es geht um das Weitermachen. Ich hatte es unter "T" schon angesprochen. Gestern hat es mir mein Mr. T. - welch passender Name - bestätigt: Es gibt für mich keine andere Lösung, als die Dinge einfach auszuprobieren, Ideen umzusetzen, Wünsche auszusprechen, das, worauf ich Lust habe, zu machen - und: Zweifel zu akzeptieren. Ich weiß schon sehr, sehr lange, dass es nichts nützt, zu warten, bis Zweifel aus der welt geräumt sind. Dadurch vergehen viele Chancen ungenutzt, bin ich zu sehr von äußeren Einflüssen abhängig, versinke ich in Passivität und Frustration.
Praktische Erkenntnis, Erfahrung, die aus Handeln erwächst, ist gefragt, keine theoretischen, verallgemeindernden, abstrakten Überlegungen.
Im ersten Moment war ich geschockt, als er sagte, ich müsse akzeptieren, dass ich oft frustriert bin, oft zweifle. Doch dann machte es mich beinahe glücklich, denn was mich bislang frustrierte und häufig lähmte, war die fixe Idee, ich müsste erst alle Zweifel und Unsicherheiten aus der Welt räumen, bevor ich etwas in Angriff nehmen kann, egal ob es darum ging, eine Frau zu küssen, mich für ein Abendprogramm zu entscheiden oder eine Bewerbung zu schreiben. Und ich habe darunter gelitten, dass ich keine Möglichkeit sah, mich so zu verändern, dass Zweifel und Unsicherheiten unbegründet sind.
Die neue Perspektive zeigt mir: Ich kann so bleiben wie ich bin (ich darf!), und es wird nichts Schlimmeres passieren, wenn ich ausprobiere und auf die Nase falle, als wenn ich zuhause sitze und frustriert und deprimiert bin. Denn letzteres war ich so lange und so intensiv, dass ich glaube, in dieser Hinsicht meine Tiefen ausgelotet zu haben, die Tiefpunkte bereits erlebt zu haben, vor denen ich mich eigentlich immer bewahren wollte. Es kann also nur noch besser werden - solange ich nicht erwarte, dass alles immer gut sein wird.

17.10.2005 um 12:26 Uhr

V

von: Paul

V - wie verbissen, verhärtet, versöhnlich

Das Übersetzen ist eine Qual. Die Abende, wenn ich wieder zu lange gespielt oder gelesen habe, sind eine Qual. Das Aufstehen am nächsten Morgen ist eine Qual. Der Weg zur Arbeit - eine Qual.
Alles muss ich gegen enormen Widerstand tun. Es kostet mich so viel Kraft, dass nicht mehr genügend übrig bleibt, um gut zu arbeiten, am Abend zu entspannen, unter Menschen locker zu sein, morgens mit frischem Mut aufzustehen. Ich verhärte, weil ich mich so in die Misserfolge, die Frustmomente, die Schwächen in mir und meinem Leben verbeiße. Ich werfe meiner Arbeit vor, dass sie anspruchslos ist und mich einsam macht und abstumpfen lässt. Das denke ich jeden Tag, jedes Mal, wenn ich auf einen schwer zu übersetzenden Satz stoße, wenn ich etwas an ihr saublöd finde. Bis ich davon wieder runter bin, habe ich Energie für eine halbe Stunde Übersetzen verbrannt.
Ich hasse mich fürs übermäßige Zocken - obwohl ich nicht übermäßig viele Stunden damit verbringe. Aber ich hasse mich, weil ich mich dadurch daran hindere, andere Dinge zu tun, die mich langfristig zufriedener machen würden - Bücher lesen, Gitarre lernen, mit Freunden telefonieren, fotografieren, ins Kino gehen, mich mit Freunden treffen, kochen lernen. Doch je mehr ich mich oder meine Arbeit hasse, desto stärker verhärtet sich dieser Hass und die Lähmung.
Ich will nicht so werden. Will nicht aus Unsicherheit und Angst um mich und meine Zukunft verhärten, obwohl ich doch ganz weich und verletzlich bin. Nach außen wird das immer weniger wahrgenommen. Wie kann ich versöhnlicher mit mir und der Welt umgehen?

16.10.2005 um 13:19 Uhr

U

von: Paul

U - wie Unentschlossenheit, Unzufriedenheit, Unausweichlichkeit

Was ich mit Mr. T. unbedingt besprechen muss, ist der Umgang mit meiner Unentschlossenheit. Ich weiß ja in ganz vielen Dingen durchaus, was gut für mich wäre, was ich kann und nicht kann, was ich von anderen Leuten halte, was ich von ihnen will, was ich mir in meiner Freizeit wünsche, was ich  tun könnte, um zufriedener mit der Nutzung meiner Zeit zu sein. Aber ich kann mich nicht dazu entscheiden, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.
Statt ohne zu Murren meine Übersetzung durchzuziehen, hadere ich rum und lenke mich ab und brauche dadurch viel zu viel Zeit dafür, die mir dann an anderer Stelle fehlt. Ich weiß, dass ich gut an einem Museum arbeiten oder Texte schreiben könnte, aber ich drücke mich davor, aus Angst, wieder zu scheitern, und weil der Narziss in mir sich keiner Realitätsprüfung aussetzen will. Ich weiß, wann ich Lust auf Partys habe, dass ich eigentlich gerne alle möglichen Leute kennen lernen möchte, aber auch davor drücke ich mich, weil ich zu oft ein negatives Ergebnis erwarte.
Ich könnte - und will - in meiner Freizeit Musik machen, die Bücher lesen, die mich interessieren und mir geistiges Futter geben würden, weiterhin an Mods und Maps für Computerspiele arbeiten, viele abwechslungsreiche Veranstaltungen besuchen, ins Theater gehen etc. Auch dazu fehlt mir die Entscheidungskraft. Meistens weiche ich auf Beschäftigungen aus, die kurzfristig einfacher zu haben und zuverlässiger befriedigend sind. Ich habe zu wenig gelernt, mir die langfristig befriedigenden Sachen zu "erarbeiten". Mr. T. gegenüber habe ich das als Hang zur Selbstschädigung, zum Negativen beschrieben, ich muss ihm das noch mal deutlicher erklären und möchte von ihm eine Antwort auf die Frage, warum ich das tue (auch wenn ich sie hier schon selbst gegeben habe).
Oft bin ich unentschieden, weil ich mir wünsche, bestimmte unangenehme Aspekte, die meine Wünsche und Ziele mit sich bringen, ließen sich umgehen. Oder aussitzen. Ich kann die Unausweichlichkeite des Unangenehmen nicht akzeptieren. Langfristig führt mich das in noch mehr Unannehmlichkeiten, denn meine Unentschiedenheit, meine Inkonsequenz führen mich in eine nachhaltige und tiefgreifende Unzufriedenheit, die mich immer wieder in Depressionen stürzt. Ich bin froh, dass ich diesen Zusammenhang zumindest schon benennen kann. Jetzt will ich unbedingt lernen, ihn aufzubrechen.

16.09.2005 um 11:02 Uhr

T

von: Paul

T - wie trotzdem

Es ist völlig egal, was für Mängel ich an mir sehe, welche Unzulänglichkeiten in meiner Arbeit; es spielt keine Rolle, ob ich nur langsam vorankomme, sei es auf meinem Lebensweg oder mit meinem gegenwärtigen "Schreibprojekt". Wichtig ist allein: dass ich trotzdem weitermache.
Ich kann tausend Hindernisse sehen und einen Weg deshalb nicht beschreiten. Tausend Hindernisse sind tausend gute Gründe. Aber es gibt ein Argument, das jeden dieser tausend Gründe aushebt: Ich kann trotzdem anfangen und einen Schritt nach dem anderen machen, und für jeden Schritt gilt wieder dasselbe: Egal, was ihn erschwert, es gibt immer eine Richtung, in der ich trotzdem weiter gehen kann.

04.09.2005 um 23:01 Uhr

S

von: Paul

S - wie Schreiben, Sinn, Sex, Schüchternheit, Sparen, Stil, Schönheit

Ich sollte nun wirklich mal nachschauen, woran es liegt, dass im Deutschen so viele Wörter mit "S" anfangen wie mit keinem anderen Buchstaben. Dieser Umstand bringt mich nun etwas in Verlegenheit, denn ich kann nicht über all das Schreiben, was mir dazu einfällt.
Aber damit bin ich auch schon beim ersten Thema: Schreiben nimmt in meinem Leben einen wichtigen Stellenwert ein - und ich sage bewusst nicht: einen hohen. Seit neun Jahren verdiene ich, wenn auch mit Unterbrechungen, damit Geld. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass der meiste Verdienst dabei keinem autorialem Schreiben zu verdanken ist, sondern der Fähigkeit, Texte anderer Leute in guter, neuer Sprache wiederzugeben. Ich habe das immer aus zwei Gründen gering geschätzt. Erstens: Ich bin nur Zweitverwerter; ohne Autoren hätte ich selbst keine Arbeit. Zweitens, und dieser Grund wiegt schwerer: Ich kann das einfach, ohne dass ich mich groß darum gekümmert hätte. Daraus habe ich stets den Schluss gezogen, dass ich mit all meinen anderen Bemühungen, mich zu entwickeln, gescheitert bin. Schließlich können sie nicht sehr fruchtbar gewesen sein, wenn ich mich nach so langer Zeit noch immer stärker auf mein "Naturtalent" stützen kann als auf alles, was ich mir erarbeitet habe.

Doch jetzt, im Moment, ist dieser gekränkte Stolz zweitrangig. Ich habe eine tolle Übersetzung angeboten gekommen. Etwas, von dem ich immer geträumt habe, als ich mit langweiligem Käse vorlieb nehmen musste. Da kann ich jetzt nicht mehr dran herumkritteln, und ich kann und darf auch nicht jammern, dass ich "eigentlich" lieber etwas ganz anderes arbeiten möchte. Diese Übersetzung ist eine große Herausforderung. Im Moment bin ich mir nicht sicher, ob ich am Ende mit dem Ergebnis zufrieden sein kann. Das heißt, sie ist spannend genug für mich, und erst, wenn ich diese Herausforderung gemeistert habe, kann ich mich, neu gestärkt, nach etwas anderem umsehen.

Ein Weg, mir diese Herausforderung leichter zu machen, besteht darin, wieder mehr selbst zu schreiben. Ich will das unbedingt versuchen. Vielleicht mache ich ein zweites Blog auf, vielleicht schreibe ich auch nur für die Festplatte. Wichtig ist vor allem, dass ich wieder mehr Routine darin bekomme, mich treffend und wohlklingend auszudrücken, sprachlich kreativ zu sein und meine Gedanken zu fokussieren.

zu "Sinn":
Eine zentrale Kategorie in meinem Denken. Seit meiner Jugend ängstigt mich der Gedanken, dass ich meinem Leben selbst einen Sinn geben muss. Bislang dachte ich immer, das sein eine große Aufgabe, an der im Grunde jeder mit einer geringeren Geisteskapazität als einer der großen Existenzialisten scheitern müsste. Seit ich mich nicht mehr durch das Kiffen und das Übermäßige Zocken von den für mich wichtigen Fragen ablenke (was nicht heißt, dass ich mich nun gar nicht mehr ablenke) und seitdem ich wieder viel kontaktfreudiger bin und wunderbare Erfahrungen mit anderen Menchen mache, seitdem wird mir klar, dass die Frage des Sinns keine Frage der intellektuellen Fähigkeit ist, sondern vielmehr eine Frage des Durchhaltevermögens. Es klingt banal, aber mir scheint, aus dem bl0ßen Dranbleiben an einer selbst gestellten Aufgabe lässt sich bereits Sinn genug ziehen, um zu wissen, was man am kommenden Tag zu tun hat, welche Herausforderungen sich stellen, und welche Erfolgserlebnisse man sich erhoffen kann.

Kein Wunder, dass mich Zissou so gefesselt hat. In der Cousteau-Ausstellung wurde es mir klar. Es geht um Dedication. Ich hatte ein kurzes Aufblitzen einer Ahnung, dass auch ich mich einer Sache wie dem Tauchen verschreiben könnte. Die roten Mützen, der entschlossene (ironisierte) Blick sind Abzeichen für diese Dedication, der es egal ist, was andere darüber denken. Die daher rührt, dass man sich (verzweifelt?) daran klammert, weil man sonst nichts hat, weil sie das ist, was im eigenen Leben den Sinn stiftet, etwas, das unabhängig von den Bindungen an andere vorhanden ist und vorhanden bleibt (waren nicht auch Zissou und Cousteau schwierige Charaktere, was den Umgang mit ihren Nächsten angeht? hin und her gerissen zwischen dem Wunsch nach Bindung und der Flucht davor - dazwischen blieb als Konstante das Tauchen. Ein Medium, mittels dessen man mit anderen in Kontakt treten konnte, hinter dem man sich auch verschanzen, maskieren konnte), weil ohne sie ein Abgrund sich auftun würde, in den man endlos stürzen würde.

Über Sex schließlich könnte ich natürlich so viel schreiben, dass es den hier gegebenen Rahmen sprengen würde. Wer könnte das nicht. Ich will es für heute aber nur bei der in sexueller Hinsicht unspannenden Feststellung belassen, dass ich seit einiger Zeit (seit ich aus mir herausgehe, seit ich die Welt wieder mit zuversichtlicheren Augen sehe, seit ich mich selbst wieder für mehr Wert empfinde) ganz oft sehr schönes Feedback von sehr attraktiven und begehrenswerten Frauen bekomme.

Leider bin ich noch zu verkorkst, um etwas daraus zu machen. Es gibt eine gewaltige Diskrepanz zwischen zwei verschiedenen Selbstbildern von mir, und es ist gut, nun meinen narzistisschen Dualismus zu kennen, der mir hilft, micht weniger über meine Schüchternheit zu ärgern. Auf der einen Seite finde ich es selbstverständlich,  dass sich attraktive, geistreiche, selbstbewusste Frauen für mich interessieren. Auf der anderen Seite stürze ich jedoch immer dann, wenn ich etwas tun sollte, um auf sie zuzugehen,  in große Zweifel. Dann überwiegt die Angst, dass etwas schief laufen könnte - sei es, dass ich bei einem Date feststelle, dass sie total uninteressant ist - oder dass sie mich überhaupt nicht interessant findet... Ich drücke mich vor einer möglichen negativen Erkenntnis. Dabei hätte ich wirklich mehr Grund anzunehmen, dass alles gut verläuft... Ein Date, vorsichtiges Kennenlernen, ein Prickeln in der Luft, Blicke, in denen plötzlich Funken liegen...

Heute zum Beispiel war ich mit K. auf einer Kunst-Tour durch meine liebe Stadt, bis hin nach P. Es waren zwei Frauen mit uns im Bus, die ich ganz faszinierend fand. Mit der einen konnte ich mich schließlich sogar ein wenig unterhalten. Aber ich komme nie so weit, dass ich sie nach einer Telefonnummer oder einem Date fragen könnte. Da mache ich lieber auf cool und zeige gar keine Anstrengungen, das Gespräch am Laufen zu halten... Na gut, die Frau war zwar extrem mein Sexyness-Typ, aber sie war mir auch ein bisschen zu kühl. Dennoch - ich muss sie ja nicht gleich heiraten wollen! Ich spiele solche Begegnungen im Geiste viel zu weit durch und betone dabei kleine Anzeichen zu sehr, die ich bereits beobachtet habe - wie etwa den etwas kühlen Ton in ihrer Stimme. Vielleicht ist das ja auch nur eine Masche von ihr, um cool zu wirken. Ich habe ja schon oft genug die Erfahrung gemacht, dass solche Frauen ganz anders sein können, wenn man sich näher kommt.

Dennoch stärken solche Begegnungen mein Selbstbewusstsein enorm. Ich will in Zukunft viel stärker auf die starke Seite hören. Schließlich weiß ich, dass ich bei Frauen wirklich gut ankomme -  trotz der vielen Unzulänglichkeiten, die ich an mir sehe. E. hat mir erst kürzlich erzählt, dass seine Freundin V. mich "süß" fand; N., die ich auf A.s Geburtstag kennen lernte, fand mich "sehr sympathisch"... Alles Frauen, vor denen ich erst mal ziemlichen Respekt habe.   Oft genug legt sich übertrieben großer Respekt auch recht schnell. Sei es, weil ich feststelle, dass auch diese tollen Frauen nur mit Wasser kochen, sei es, dass sie mir zeigen, dass sie mich aufrichtig interessant oder - so Gott will - sogar attraktiv finden.

05.09.05
Ich muss jetzt leider - und zum Glück ;-) - weiterarbeiten und kann nicht mehr von meinen Spar-Zwängen erzählen, die mir gänzlich neue Erlebnisse bescherten (wie viel man bei Aldi für 15 Euro bekommt! wie kriminell müssen die Produktionsbedingungen für deren Produkte sein!), und über Schönheit und Stil sollte ich mich nun wirklich nicht mal kurz in der Mittagspause äußern.

06.08.2005 um 22:52 Uhr

R

von: Paul

R - wie Rausch, Realität

Der Abend gestern im Schloss war fantastisch. Ich war ganz verzaubert. Es ist so lange her, dass ich zuletzt so ein Gefühl des Entrücktseins hatte. Dieser Ort ist so anders, als hätte man ihn durch einen Spiegel betreten, oder durch eine Zeitmaschine, und nur erlesene Leute wüssten, wie sie dorthin kommen. Leute, die sich nach solchen U-Topoi sehnen und sich allein deshalb schon einander verbunden fühlen.
Natürlich war es nicht so; vor allem nicht kitschig. Aber das spielt für mich heute ohnehin schon wieder keine Rolle mehr. Ich bin nämlich in eine selbst gestellte Falle gestürzt. Die ganze letzte Woche hindurch, seit ich aufgehört habe, zu kiffen,  habe ich sehr unruhig geschlafen, bin meistens nach vier, fünf Stunden tiefen Schlafs schon wieder aufgewacht und konnte die restliche Zeit bis zum Aufstehen nur im Halbschlaf und mit lebhaften Träumen verbringen. Das ist schon in Ordnung. Aber mein Schlafdefizit war gestern so sehr angewachsen, dass ich um halb eins bereits stehend k.o. war. Meiner alten Gewohnheit entsprechend, dachte ich mir, ich könnte heute einen schönen Slackertag einlegen - was insgeheim auch implizierte, den Abend mit Zocken zu verbringen. So pflegte ich es ja die letzten Jahre zu tun. Allerdings bestand eine wichtige Komponente dieser Art des Zeitvertreibs darin, mich mit Gras wegzuknallen und so einen Hänger-Abend rauschhaft-sediert zu erleben. Das funktioniert nun nicht.
Seit ich nicht mehr kiffe, kämpfe ich hauptsächlich mit einem Problem: Wie vertreibe ich meine Einsamkeit? Heute wird mir das besonders schmerzhaft bewusst, weil auch die zweite Hauptkomponente meines Verdrängungsverhaltens zusammengebrochen ist. Mein Monitor gibt nur noch dunkle Schwarzweißbilder her. An Zocken ist daher nicht zu denken.
Vorhin, gegen acht Uhr, bin ich mental im Viereck gesprungen, weil die Einsamkeit so sehr über mich hereinbrach. Ich hielt den Gedanken nicht aus, den Abend hier in der Wohnung zu verbringen, doch ich konnte mich auch nicht dazu durchringen, jemanden anzurufen, um mit ihm auszugehen. Ich wollte nicht der Bittsteller sein. Ich wollte nicht irgendwo in der Kneipe sitzen und quatschen und dann wieder allein nach Hause fahren und daran denken, dass morgen wieder ein neuer Tag kommt, an dem ich nicht weiß, was ich tun soll. Ich wollte das nicht, weil ich es ebenso als Ablenkung empfunden hätte - nur eben als eine sozial akzeptierte. Ich habe mich dann sogar schon auf den Weg gemacht, um Gras zu kaufen. Die Vorstellung des tröstenden, beruhigenden Rauschs - alles ist wie auf Rosen gebettet, sagte Benjamin sinngemäß - war zu verlockend. Ich glaube, es wäre auch hinsichtlich meines Deals mit Herrn T. in Ordnung gewesen, nur heute Abend zu kiffen - solange ich es eben nicht ritualhaft tue und meine Werktagsmotivation damit ausbremse. Aber am Ende habe ich doch eingesehen, dass ich alles nur komplizierter machen würde, wenn ich wieder Gras für etliche Abende zu Hause hätte, denn nur eine Portion für heute Abend hätte ich ja nicht kaufen können. Ich habe umgedreht und mir eine DVD aus der Videothek geholt. Die ich jetzt, um elf, noch nicht mal angefangen habe anzuschauen. Weil mich die Vorstellung, Fluch der Karibik nüchtern zu sehen und dann nüchtern schlafen zu gehen, überhaupt nicht lockt. Immerhin habe ich bereits die Zeit bis jetzt mit kochen, surfen und schreiben herumgekriegt. Das Kiffen war also gar nicht unbedingt nötig. Wenn ich mich währenddessen nur gut gefühlt hätte...
Sicher weiß ich gerade aus meinen letzten Wochenenden, dass es auch sehr schön sein kann, mit Freunden unterwegs zu sein. Aber ich sträube mich dagegen, das zu tun, nur weil mir nichts anderes einfällt oder ich die Alternative nicht ertragen kann. Gibt es keinen Weg daran vorbei?
Ich sehne mich schon seit meiner Jungend nach rauschhaften Zuständen. Entsprechende Bilder ziehen immer dann in mir auf, wenn ich die Realität zu langweilig finde - oder zu beängstigend. Wie soll ich damit umgehen?
Mir werden in meiner freiwilligen Abstinenz zwei Dinge deutlich: Ich habe mich in den letzten Jahren zu wenig um Freunde gekümmert, mit denen ich ausgehen könnte, mit denen ich auf andere Gedanken komme, die mir Anstöße geben, die ich meinerseits motivieren kann. Deshalb sitze ich an Wochenenden so schnell auf dem Trockenen, wenn meine Handvoll guter Freunde gerade nicht zur Verfügung steht. Und ich habe auf eine sehr subtile und verquere Art Angst vor den Menschen. Möglicherweise habe ich mir diese Angst durch einen Komplex an Vorbehalten und Prinzipien herangezüchtet, denen zufolge ich mit diesem oder jener nichts zu tun haben wollte, weil sie andere Werte vertreten oder eine andere Lebenshaltung, die ich nicht verstand oder gutheißen konnte.
Ich gehe durch die Straßen und beobachte staunend die Menschen, wie sie abends nach Hause gehen - oder wie sie ausgehen - und ich denke mir: Warum denken nicht auch sie ständig daran, ob das alles einen Sinn ergibt, was sie da tun? Ob sie damit zufrieden sind? Warum sie ihre Freunde und die Leute, mit denen sie sich da unterhalten nicht auch etwas eigenartig finden...
Jetzt klinge ich zunehmend behämmert, das merke ich selber. Das sind nicht die wahren Gründe, weshalb ich mit mir und anderen hadere.
Jedenfalls ist mir heute Abend wieder in den Sinn gekommen, dass ich noch ein gutes Stück des Weges vor mir habe, bis ich mich "normal" fühle. Heute wäre wieder so ein Tag gewesen, an dem ich mich vor meiner Freundin zurückgezogen und eine schlimme Krise bekommen hätte. Ich sehe, dass ich mich nach wie vor sehr stark in diese Gedanken und Gefühle hineinsteigern kann. Das muss sich ändern.

Me and my charms
Me and my charms
When I kiss the angel
I have a taste of you
I have a piece of you