Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer

11.11.2005 um 17:02 Uhr

Z

von: Paul

Z - wie Ziel

Ich hatte einen super Traum letzte Nacht:

Ich fuhr mit dem BMX-Rad (eine irgendwie größere Vision) in einem Bergdorf herum, das schon vor einiger Zeit in einem meiner Träume vorkam. Auch wenn es jetzt ganz anders aussah, fühlte es sich doch ähnlich an. Daher glaube ich , dass es dasselbe sein sollte.Es gab dort eine u-förmige Strecke, von dem Ort, wo wir wohnten den Berg hinab, dann eine U-Kurve nach rechts, den Berg hinauf bis zu einer modernen Kirche, deren Schiff wie der Bug eines wirklichen Schiffs über die Straße hinausragte. Diesen Weg fuhr ich entlang. Ich weiß nicht mehr, was ich bei der Kirche machte, irgendwas geschah auch dort. Dann schoss ich mit meinem Rad wieder den Berg hinab, um die U-Kurve nach links. Dann nahm ich nicht die normale Straße nach oben, sondern fuhr an deren rechtem Rand, wo Erde aufgeschüttet war - vielleicht war es auch eine lehmige, mehrere Meter hohe Böschung. Jedenfalls ging es wie auf einer Buckelpiste auf und ab durch den Dreck, ich machte ein paar kleine Jumps mit meinem Rad und fühlte mich schon ganz toll, wie ich so durch die Luft segelte. Da fuhr ich ein eine schlammige Stelle, und schwupps, sank ich innerhalb von Sekundenbruchteilen ganz tief ein.
Scheiße, Treibsand, dachte ich, und sah mich schon langsam und qualvoll versinken und ersticken. Aber das einzige, was geschah, war, dass mein Rad unter mir in die Tiefe stürzte. Es wurde mir einfach unter dem Hintern weggezogen - als hätte sich im Schlamm unter mir ein Schacht aufgetan, in den das Rad fiel, und hätte sich dann wieder geschlossen. Ich war konsterniert. Es war schnell klar, dass ich nicht versinken würde, dazu war der Schlamm dann doch plötzlich irgendwie zu sandig, außerdem stießen meine Füße auf festen Grund. Aber mein Rad war weg. Ich fing an den Schlamm, der mir bis zur Brust reichte, einfach von mir weg zu schieben (so, wie man Kisten von sich schiebt), mir einen immer größeren Freiraum zu schaffen, ich glaube, ich konnte ihn zum Teil sogar aufrollen wie einen Rollrasen. Jedenfalls stand ich irgendwann auf einer betonierten Fläche, der Schlamm rings um mich mehrere Meter entfernt, und kein Fahrrad in Sicht. Inzwischen waren Freunde gekommen, ich glaube Kerstin war dabei. Vielleicht war sie auch eine Mischung aus K. und K. Sie suchten mit mir nach dem Fahrrad (nur wo? es war ja auf den ersten Blick zu sehen, dass da nichts war!) Irgend jemand hatte plötzlich den Rahmen eines anderen, kleinen roten BMX-Rades in der Hand. Aber das nützte mir natürlich nicht viel, denn "allein das Tretlager würde über 100 Euro kosten"...
Man sieht, irgendwann wurde er etwas banal und verlor selbst den Faden. Wie's weiterging, ist auch nicht mehr so wichtig. Was auf mich den größten emotionalen Eindruck gemacht hat, war das Fahren durch das Dorf – es war in Wirklichkeit (im Traum) viel komplexer als nur Straße rauf, Straße runter. Da gab es noch einige andere Gassen, und ich fuhr auch durch Wald. Und vor allem dieses Gefühl, als ich mit dem Rad in den Schlamm geriet und es mir dann unterm Hintern "wegfiel" und wie ich den Schlamm beiseite schob, um einen freien, festen, übersichtlichen Boden unter den Füßen zu entdecken.

Irgendwie ein schönes Bild. Und ein schöner Schluss für mein Alphabet der Selbstentwicklung. Ich weiß noch nicht, was ich als nächstes schreiben will. Aber etwas weniger Selbstbezügliches wird es bestimmt. Vielleicht tatsächlich das Alphabet der Alltagsbeobachtungen, das war eigentlich die Idee, als ich dieses Blog aufmachte.
Oder meine gesammelten und fortschreitenden Sex-Überlegungen und -Erlebnisse.... mal sehen :-)

10.11.2005 um 23:59 Uhr

Y

von: Paul

Y - wie You are not alone

(Sollte ursprünglich "Yeah, yeah, yeah!" heißen. Aber ich will vorsichtig sein mit übertriebener Euphorie.) Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich am häufigsten vergesse: Egal, worum es sich handelt. Ich bin nicht der einzige, dem es so geht. Gerade war M. zum Essen da. (Nebenbei bemerkt, eine Premiere in der neuen Wohnung, nachdem ich schon ein halbes Jahr hier wohne. Was nur bestätigt, dass ich viel zu lange keine Konsequenzen aus der benannten Erkenntis gezogen habe und hier so wohne, als wäre ich eben doch allein, anstatt einfach des öfteren jemanden einzuladen.)
Wir unterhielten uns über unsere Kämpfe, die wir ja in erster Linie gegen die Dämonen und Narren in uns ausfechten, und ich konnte wieder sehen, wie wenig singulär und "typisch für mich" meine Selbstzweifel, die unrealistischen Ansprüche an mich und mein Leben und die Enttäuschungen sind, die daraus resultieren.
Viele Menschen sind immer wieder unzufrieden mit sich, sehen mehr ihre Schwächen als ihre Stärken, sind neidisch auf andere und machen sich wegen all dem Vorwürfe. Wenn mir M. von sich erzählt, sehe ich die Ursachen und Lösungen so klar, wie sie für mich selbst nie erscheinen. Oder besser: Ich sehe mich außer Stande, die Lösungen anzugehen, während ich bei ihm erkenne, dass das durchaus möglich ist. Dafür ist keine Eingebung von oben und kein Grundlender Wandel der Person nötig, sondern "einfach" nur ein Abschied von der fixen Idee, alles schon von Natur aus können zu müssen, jegliche Ansprüche erfüllen zu können und so gut zu sein wie die Summe aller Menschen, die ich in irgendeiner Form respektiere, bewundere oder besser finde als mich. Und: Darüber reden, um zu erfahren, wie andere damit umgehen. Wie sie mich sehen. Wie sie sich selbst sehen.
Einfach ist das nicht unbedingt. Das heißt, es geht nicht von heute auf morgen. Aber es ist durchaus machbar. In kleinen Schritten. Und mit der regelmäßigen Erinnerung daran, dass ich bereits in Ordnung bin, so wie ich bin.

05.11.2005 um 21:26 Uhr

X

von: Paul

X - wie "daraus wird nix"

Oder doch? Ach, sie ist meine Elizabeth! Aber bin ich ihr Mr. Darcy? Ich leide. Und ich bin versucht zu sagen: Ich leide köstlich. Donnerstag war ich mit E. in "Sense ans Sensibility". Ein fantastischer Film. Lange saß ich nicht mehr so aufgewühlt im Kino. Als Darcy in ihr Zimmer platzte, um "Konversation" zu üben, und nur um Worte rang. Hilflos, verzweifelt starrend, tausend Kämpfe in sich ausfechtend, da fieberte ich so sehr mit wie seit Jahren nicht mit anderen Helden. Die beiden Schauspieler waren so fantastisch klischeefrei, so original in den Gesten ihrer Unsicherheiten, in der Mimik verborgener Gefühle, im Ausdruck tiefer Liebe in ihren Augen, dass ich mich in beide verliebt habe. Und in E. gleich mit. Wenn sie keinen Freund hätte, würde ich jetzt richtig große Avancen machen. Ich finde sie toll. Sie ist so überlegt, so zurückhaltend, so klug und so schön. Wenn sie innehält, um über etwas nachzudenken, sieht es manchmal so aus, als wäre sie völlig abwesend, als hätte sie ihr Gegenüber vollkommen vergessen. Und dann sagt sie etwas gut Überlegtes. Das finde ich toll!

Und dann, wie beim Abschied an der U-Bahn, habe ich immer wieder das Gefühl, dass sie ihre Abschiedsküsse auch lieber in die Mitte statt auf die Wangen platzieren wollte. Ich hatte es mir vorgenommen! Zumindest fast. Wie so oft sagte ich mir: Wenn sie irgendein Anzeichen gibt, dann tu ich`s! Aber so wird das doch nix, zumal wenn sie dasselbe denkt.

Und sie hat ihren blöden Freund. Wie sollte sie da ihre Beziehung aufs Spiel setzen für so einen komischen romantischen Anflug wie einen Abschiedskuss nach dem Kino! Ich sehe schon, ich müsste etwas tun. Oder nicht mehr romantisch träumen. Das tue ich nun schon das ganze Jahr. Spätestens seit dem einen Abschiedsbussi vor dem FAF, das auch fast auf die Lippen gegangen wäre, da waren wir beide, glaube ich, leicht verwirrt hinterher.

Und dann denke ich wieder an einen noch viel länger zurückliegenden Abend, zu einer Zeit, da sie noch keinen Freund hatte, da ihre Schwester sie mir wärmstens ans Herz zu legen versuchte. Sie hatte mich zur Tram begleitet und wartete die ganze lange Weile mit mir zusammen, und es hing dieses "Irgendwas sollte jetzt passieren"-Schweigen zwischen uns. Ich war damals so arrogant zu denken: Wie süß von ihr, aber ich möchte leider nicht. Weil ich sie noch nicht so kannte, wie ich sie jetzt kenne. Weil ich sie damals vor allem nett und hübsch fand, aber etwas zu jung, zu brav. Jetzt denke ich, sie wäre genau die Richtige. Denn der brave Eindruck kommt eher von ihrer Zurückhaltung und Bescheidenheit - sie stellt sich eben nicht in den Mittelpunkt und zeigt, wie toll sie ist, was sie alles weiß, oder was für wichtige Dinge sie gerade wieder gemacht hat..

Verdammt, ich wollte auf diesen Seiten immer Beschlüsse fassen, Erkenntnisse gewinnen und anschließend zur Tat schreiten. Aber hier kann ich das nicht. Ich kann nicht wagen, mich an sie heranzumachen, wegen ihrem Freund (entweder blamiere ich mich, weil sie gar nicht will, oder ich ruiniere eine Beziehung), und ich will nicht aufhören zu hoffen und zu träumen, denn das ist so schön.

Gut, zumindest kann ich beschließen, nicht allzu traurig zu sein, wenn die Träume platzen.