Luselei

29.09.2004 um 19:38 Uhr

Liebes Lusel !

Letzthin wunderte ich mich darüber, wie wenig du dich doch für die Dinge interessierst, die mich interessieren. So weit, so wenig schön. Angesichts meiner gestrigen Begegnung mit einem richtig erwachsenen Mann, der nicht einmal über die wichtigen Dinge in seinem Leben Bescheid wußte, kann ich dir das aber wohl gar nicht übel nehmen. Nun mag man ja geteilter Meinung sein, was in so einem Männerleben wirklich wichtig ist. Und also kann eine Scheidung schon einmal zur Unwichtigkeit gedeihen. Aber wenn da ein Kind dranhängt... In Anbetracht meines Erstaunens, daß er, der Mann, mit dem ich da sprach, nicht einmal wußte, wie alt sein Kind sei, erklärte er mir wortreich, daß er sich ziemlich sicher sei, daß dies gar nicht sein Kind sei. So ein bissel kam ich mir da vor wie in diesen Nachmittags-Talkshows mit all den vielen Vaterschaftstests neuerdings. Halt bloß, daß dieser hier gar kein Interesse am Feststellen des tatsächlichen Vaters hatte. Weil ja die Frau, die Ex, also die Mutter des Kindes, ja doch jetzt mit dem vermuteten leiblichen Vater zusammenlebe und vielleicht sei das Kind ja inzwischen adoptiert. Daß er das hätte erfahren haben müssen, verwunderte ihn sehr, war ihm aber imgrunde gleichgültig. Ebenso wie die Frage nach dem Unterhalt. --- Naja, ich geb´s zu, daß ich vielleicht ein bißchen viel fragte. Aber er hätte ja sagen können, wenn es ihm zu viel gewesen wäre. Und was mich angeht: Ich fand es zunehmend erstaunlich, daß jemandem das eigene Leben so durch die Finger rinnen kann. Erstaunt war dieser Mittdreißiger, als ich meinte, es müsse ihn doch wenigstens interessieren, ob er Unterhalt zu zahlen habe für dieses Kind, das er nicht für sein eigenes hält. Nee, nicht wirklich, sie, die Ex habe verzichtet, noch nie etwas von ihm gewollt. Nachdenklich ist er erst geworden, als ich ihn darauf hinwies, daß dies Kind, wer auch immer es gemacht habe, doch auf dem Papier seines sei und immerhin möglicherweise so ca. 20 Jahre noch ( irgendwann erinnerte er sich, daß es so um die fünf Jahre alt sein müsse ) Geld von ihm haben wollen könnte. Das wäre doch eine schöne Vorstellung: Plötzlich klingelts an der Tür, man macht auf, draußen steht ein junger Mensch, den man nicht kennt, und sagt: "Hallo Vater, wenn du mir nicht die nächsten paar Jahre 300 Euro im Monat ´rüberschiebst, muß ich dich verklagen." - Hatte er doch wirklich angenommen, sein gutes Einvernehmen mit der Ex würde ausreichen, diesen kleinen Menschen aus seinem Leben zu schaffen. ------------------------------------------------------------------------- Seit diesem Gespräch ist mir ein wenig klarer, wie Männer ticken. Und daß sie selbst vermutlich nie so ganz richtig erwachsen werden. Denn ich fürchte, nicht nur d i e s e r ist so.

26.09.2004 um 00:08 Uhr

Liebes Lusel !

Ich hab´ dich von zu Hause nicht noch einmal angerufen, obwohl ich das von dir stets erwarte, wenn du wegfährst. Manchmal hältst du dich an diese meine Erwartung, manchmal nicht - eigentlich zunehmend weniger. Ich weiß schon, daß sich die Zeiten ändern und m a n heute nicht mehr die gleichen Dinge tut wie irgendwann früher. Wenn dir auf dem Heimweg etwas passierte, würde ich das schon irgendwie erfahren. Heute allerdings hatte ich das Gefühl, daß es so viel nicht mehr zu sagen gab. Wie ich letzthin überhaupt immer öfter das Gefühl habe, daß diese Begegnungen mit mir für dich mehr Last als Bedürfnis sind, daß du sie abschüttelst, sobald du mein Haus verläßt.

25.09.2004 um 15:08 Uhr

Liebes Lusel !

Gestern habe ich dich bei dir zu Hause besucht. Das erste Mal seit zwei Jahren. Wohl haben wir in dieser Zeit telefoniert, und so ungefähr alle Vierteljahre hast du mich besucht, aber nie zu dir eingeladen. Nun war ich also da. Und ich war erstaunt darüber, daß du so oft in unserem Gespräch darauf beharrtest: " Laß mich doch ´mal ausreden! " Nun ja, du kennst mich und weißt, daß es kein böser Wille ist, wenn mein Temperament mit mir durchgeht und ich irgendwem ins Wort falle. Es liegt nicht daran, daß ich keine andere Meinung gelten lasse. Allenfalls daran, daß ich fürchte, meinen eigenen Gedanken zu verlieren. Du sagtest auch unverhältnismäßig oft, daß du über dies und jenes Thema nicht sprechen oder nachdenken möchtest. Und das waren genau die Themen, die mich zur Zeit bewegen, denn die Zeiten sind bewegt und bewegen uns. Am flüssigsten noch lief unser Gespräch als wir von früher sprachen. Du zeigtest mir Bilder, die ich in meinem Fotokarton wähnte. Schon möglich, daß ich sie dir irgendwann gab. Irgendwann früher als ich schon ahnte, daß unsere Wege sich sehr voneinander entfernt haben seit der Zeit als ich dich meine beste Freundin nannte.