Liebes Lusel !
Letzthin wunderte ich mich darüber, wie wenig du dich doch für die Dinge interessierst, die mich
interessieren. So weit, so wenig schön. Angesichts meiner gestrigen Begegnung mit einem
richtig erwachsenen Mann, der nicht einmal über die wichtigen Dinge in seinem Leben Bescheid
wußte, kann ich dir das aber wohl gar nicht übel nehmen. Nun mag man ja geteilter Meinung sein,
was in so einem Männerleben wirklich wichtig ist. Und also kann eine Scheidung schon einmal
zur Unwichtigkeit gedeihen. Aber wenn da ein Kind dranhängt... In Anbetracht meines Erstaunens,
daß er, der Mann, mit dem ich da sprach, nicht einmal wußte, wie alt sein Kind sei, erklärte er mir
wortreich, daß er sich ziemlich sicher sei, daß dies gar nicht sein Kind sei. So ein bissel kam ich
mir da vor wie in diesen Nachmittags-Talkshows mit all den vielen Vaterschaftstests neuerdings.
Halt bloß, daß dieser hier gar kein Interesse am Feststellen des tatsächlichen Vaters hatte. Weil
ja die Frau, die Ex, also die Mutter des Kindes, ja doch jetzt mit dem vermuteten leiblichen Vater
zusammenlebe und vielleicht sei das Kind ja inzwischen adoptiert. Daß er das hätte erfahren haben
müssen, verwunderte ihn sehr, war ihm aber imgrunde gleichgültig. Ebenso wie die Frage nach dem
Unterhalt. --- Naja, ich geb´s zu, daß ich vielleicht ein bißchen viel fragte. Aber er hätte ja sagen
können, wenn es ihm zu viel gewesen wäre. Und was mich angeht: Ich fand es zunehmend
erstaunlich, daß jemandem das eigene Leben so durch die Finger rinnen kann. Erstaunt war
dieser Mittdreißiger, als ich meinte, es müsse ihn doch wenigstens interessieren, ob er
Unterhalt zu zahlen habe für dieses Kind, das er nicht für sein eigenes hält. Nee, nicht wirklich,
sie, die Ex habe verzichtet, noch nie etwas von ihm gewollt. Nachdenklich ist er erst geworden,
als ich ihn darauf hinwies, daß dies Kind, wer auch immer es gemacht habe, doch auf dem Papier
seines sei und immerhin möglicherweise so ca. 20 Jahre noch ( irgendwann erinnerte er sich,
daß es so um die fünf Jahre alt sein müsse ) Geld von ihm haben wollen könnte. Das wäre
doch eine schöne Vorstellung: Plötzlich klingelts an der Tür, man macht auf, draußen steht ein
junger Mensch, den man nicht kennt, und sagt: "Hallo Vater, wenn du mir nicht die nächsten
paar Jahre 300 Euro im Monat ´rüberschiebst, muß ich dich verklagen." - Hatte er doch wirklich
angenommen, sein gutes Einvernehmen mit der Ex würde ausreichen, diesen kleinen Menschen
aus seinem Leben zu schaffen. -------------------------------------------------------------------------
Seit diesem Gespräch ist mir ein wenig klarer, wie Männer ticken. Und daß sie selbst vermutlich
nie so ganz richtig erwachsen werden. Denn ich fürchte, nicht nur d i e s e r ist so.
