Luselei

10.11.2004 um 20:07 Uhr

Liebes Lusel !

Wahrscheinlich kannst du dir nicht vorstellen, was es mir neulich bedeutet hat zu sehen, daß Blut eben doch dicker ist als Wasser. Im doppelten Sinne. Daß der Halbgare sich mit seinem Problem an dich gewandt hat ebenso wie die Tatsache, daß Du - unabhängig hiervon - auch mir zuhörtest. Die Entfernung zwischen uns ist deswegen nicht überwunden, aber dann doch wieder mehr Nähe hergestellt. Auch wenn das widersprüchlich klingen mag. Zu wissen, daß man im Notfall, aufeinander zählen kann, ist dann doch so viel mehr als das Selbstverständliche. Und was dein Problem angeht - ich kann es nicht lösen, aber ich bin hier.

01.11.2004 um 23:30 Uhr

Liebes Lusel !

Jetzt ist die Zeit, in der wir an unsere Toten denken. Ich glaube nicht, daß das mit Religiosität zu tun hat. Denn sonst hätte all das ja nichts mit mir zu tun. Da jedoch auch ich das Bedürfnis habe, an meine Toten zu denken, muß es wohl mit der Jahreszeit zu tun haben. Und tatsächlich, du weißt es, sind sie ja alle um den Jahreswechsel herum von mir gegangen. Du weißt auch, daß ich meinen Frieden gemacht habe mit dem Tod, auch für den Fall, daß ich ihm begegne. Nicht meinen Frieden habe ich gemacht mit der Tatsache, daß ich es damals nicht geschafft habe, bei meiner Mutter zu sein, als sie dann tatsächlich ging. Ich saß in dieser schlimmen Nacht an ihrem Bett, habe ihr die Hand gehalten und den Kopf gestreichelt, aber gestorben ist sie Tage später. Da war ich nicht mehr bei ihr, weil ich meinte, die weltlichen Dinge - rechtzeitige Rückkehr zur Arbeit usf. - könnten wichtiger sein. Im Ohr habe ich noch das letzte Telefonat mit ihr, wenige Stunden vor ihrem Tod. Da sagte sie, daß sie so merkwürdige Träume habe. Sie träumte von ihrem Sohn, der zwei Jahre zuvor gegangen war. Es war, als hätten sie eine Verabredung. Seit damals sind meine Toten meine freundlichen Begleiter. Sie machen mir keine Angst, sondern sie halten die Vergangenheit ein Stück weit lebendig, weil sie dazu gehören, zu dieser meiner Vergangenheit. Manchmal sehe oder höre ich Dinge, von denen ich weiß, wie sie - meine Toten - darauf reagiert hätten. Und dann rede ich mit ihnen. --- Der vergangene Tod macht mir keine Angst. Aber da sind nun keine Menschen mehr, die vor mir gehen sollten. Ein bißchen macht mir die Vorstellung, daß sich jemand nicht an die Reihenfolge halten könnte, Angst. Ich fürchte, das wäre dann etwas zu viel für mich. ------------- Aber darüber, liebes Lusel, reden wir irgendwann später. Und wenn wir Glück haben, müssen wir darüber nie reden.