Jetzt ist die Zeit, in der wir an unsere Toten denken. Ich glaube nicht, daß das mit Religiosität zu
tun hat. Denn sonst hätte all das ja nichts mit mir zu tun. Da jedoch auch ich das Bedürfnis habe, an
meine Toten zu denken, muß es wohl mit der Jahreszeit zu tun haben. Und tatsächlich, du weißt es,
sind sie ja alle um den Jahreswechsel herum von mir gegangen. Du weißt auch, daß ich meinen
Frieden gemacht habe mit dem Tod, auch für den Fall, daß ich ihm begegne. Nicht meinen Frieden
habe ich gemacht mit der Tatsache, daß ich es damals nicht geschafft habe, bei meiner Mutter zu sein,
als sie dann tatsächlich ging. Ich saß in dieser schlimmen Nacht an ihrem Bett, habe ihr die Hand
gehalten und den Kopf gestreichelt, aber gestorben ist sie Tage später. Da war ich nicht mehr bei
ihr, weil ich meinte, die weltlichen Dinge - rechtzeitige Rückkehr zur Arbeit usf. - könnten wichtiger
sein. Im Ohr habe ich noch das letzte Telefonat mit ihr, wenige Stunden vor ihrem Tod. Da
sagte sie, daß sie so merkwürdige Träume habe. Sie träumte von ihrem Sohn, der zwei Jahre zuvor
gegangen war. Es war, als hätten sie eine Verabredung. Seit damals sind meine Toten meine
freundlichen Begleiter. Sie machen mir keine Angst, sondern sie halten die Vergangenheit ein
Stück weit lebendig, weil sie dazu gehören, zu dieser meiner Vergangenheit. Manchmal sehe oder
höre ich Dinge, von denen ich weiß, wie sie - meine Toten - darauf reagiert hätten. Und dann rede
ich mit ihnen. --- Der vergangene Tod macht mir keine Angst. Aber da sind nun keine Menschen mehr,
die vor mir gehen sollten. Ein bißchen macht mir die Vorstellung, daß sich jemand nicht an die
Reihenfolge halten könnte, Angst. Ich fürchte, das wäre dann etwas zu viel für mich. -------------
Aber darüber, liebes Lusel, reden wir irgendwann später. Und wenn wir Glück haben, müssen wir
darüber nie reden.