Luselei

29.12.2005 um 19:55 Uhr

Liebes Lusel!

Am ersten Feiertag haben wir uns gesehen, das erste Mal seit einem halben Jahr. Oder waren es neun Monate? Die Zeit fließt rasch, und das zunächst als schmerzlich Empfundene wird irgendwann auch normal.


Wir sprachen über Erziehung, weil du doch selbst bald wirst erziehen müssen. Und irgendwie schien es, als hätte ich allzu vieles verkehrt gemacht. Im Nachhinein schienst du kein gutes Haar an mir und meinem Tun lassen zu wollen. Es erübrigt sich, zu sagen, daß ich bis dahin geglaubt hatte, es gut gemacht zu haben. Weil du doch ein selbstbewußter Mensch geworden bist. Oder etwa nicht?


Schon seltsam, wie du heute kritisch hinterfragst, was du selbst einstmals gut gefunden hast: junge Eltern zu haben, die doch nicht zu jung waren, um sich keine Gedanken zu machen, aber jung genug, dich zu verstehen. Heute weckt es den Anschein, als wäre dir etwas mehr Abstand lieber gewesen, so von Groß nach Klein, statt eine Mutter zu haben, die sich nur allzu gut erinnern konnte, was eine Fünfzehnjährige denkt. Damals mußtest du lachen, als ich es auf den Punkt traf, und konntest nicht mehr böse mit mir sein.


Auch heute bist du nicht böse mit mir, sondern distanziert, was umso erstaunlicher ist, als ich dich früher einmal als "meine beste Freundin" bezeichnete. Irgendwann, sehr viel später, war das ein Vorwurf von dir; du hättest manches lieber nicht wissen wollen. Pardon! Als ich diese Dinge, die du lieber nicht wissen wolltest, sagte, hielt ich dich für erwachsen, ganz vergessend, daß Kinder vor ihren Eltern immer Kinder bleiben. Zwar kämpfen sie stets darum, als Erwachsene anerkannt zu werden, aber irgendwo in ihnen drinnen schlummert das wohlige Gefühl, "nach Hause" kommen zu können, wenn etwas schief geht.


Wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann diesen: Es gibt hier kein Zimmer mehr für dich, weil ich wußte, daß du es nie brauchen wirst. Du warst so früh schon so selbständig und hast alle Dinge selbst geregelt. Ich war deswegen stolz auf dich. Und ich dachte, daß ich es gut gemacht habe. Denn darin hatte ich den Sinn der Erziehung gesehen: Einen kleinen Menschen dahin zu bringen, daß er auf den eigenen Füßen stehen kann.


Bei dir wußte ich sehr bald, daß du deinen Weg und alles richtig machen würdest. Das weiß ich auch heute noch. Es spielt keine Rolle, wenn du mein Zutun bei der Sache unter- oder fehleinschätzt. Und die Kränkung über manches, was du heute denkst und sagst, ist nicht groß genug, dich hämisch auf die nächsten fünfzehn oder zwanzig Jahre hinzuweisen, in denen du selbst es besser machen kannst oder auch nicht.


Ich denke an meine eigene Mutter, die es auch nicht leicht mit mir hatte, und daran, wie wir gegen Ende hin unsere Verhältnisse doch noch gerichtet haben, irgendwie. Die Erkenntnis muß aus einem selber kommen.