Luselei

25.02.2006 um 18:37 Uhr

Liebes Lusel!

Es gibt Dinge im Leben, die wir erfolgreich verdrängen. Weil sie unangenehm waren oder sich im Nachhinein als peinlich erweisen. Eine solche Sache sind die Leibchen. Ich weiß bis heute nicht, ob ich solch ein Ding je getragen habe. Und wahrscheinlich wäre das überhaupt kein Thema für mich, wenn nicht irgendwann in den Mittagspausen eine meiner Kolleginnen angefangen hätte, von ihren Leibchen zu sprechen. Wir anderen waren erstaunt, konnten mit diesem Wort nichts anfangen und mußten uns erklären lassen, daß das so kratzige Unterhemden waren, die untendran Bändel hatten, an denen die Strümpfe, lange Strümpfe, in der kalten Jahreszeit festgeknüpft wurden, so eine Art Strumpfhalter für Kinder, die - wie gesagt - scheußlich gekratzt haben müssen, weil sie irgendwie aus Wolle waren.


Während also diese Kollegin, zugegebenermaßen ein paar Jahre älter als ich und auf dem Lande großgeworden, von ihren unerfreulichen Erfahrungen mit diesen Leibchen sprach, stritten wir anderen ab, so etwas je getragen, besessen, ja, auch nur gekannt zu haben. Wir meinten, in der Stadt habe man wohl schon andere, fortschrittlichere Kleidung gehabt, obschon wir die Erfindung von Strumpfhosen ziemlich zweifelsfrei in in die Jahre unserer späteren Kindheit und Jugend sortierten. Was also hatten wir angehabt, unten drunter, wenn es kalt war? Wir wußten es nicht, bestritten aber heftig den Besitz jedweden Leibchens.


Nun mag es ja keiner, wenn man ihn als altmodisches Landei bezichtig, weshalb ebenjene Kollegin danach immer ´mal wieder auf die Leibchen zu sprechen kam. Wohl in der Hoffnung, wir hätten uns inzwischen erinnert. Dem war nicht so. Und wir anderen lachten noch immer. Irgendwann später sprach ich meine Schwester, dreizehn Jahre älter, in gemütlicher Runde auf diese Leibchen an. Denn es ließ mir keine Ruhe, nicht mehr zu wissen, was wir in unserer Kindheit für Kleidung angehabt hatten. Zögerlich zwar, gab meine Schwester zu, selbst auch Leibchen besessen und zweifellos getragen zu haben, als Kind. Und auch sie erinnerte sich, daß diese Dinger fürchterlich gekratzt hätten, konnte sich aber nicht erinnern, ob auch ich so´n Zeugs noch hatte anziehen müssen.


Seither verfolgen mich die Leibchen und die Ungewißheit über einen Teil meines Lebens, der sich im Nachhinein als so unwichtig nicht erweist. Habe ich nun oder nicht? Und wenn nein: Was dann? Und ich horche allemal auf, wenn von diesen Leibchen, die ja sicherlich irgendwann eine unsägliche Sache waren, gesprochen wird, weil in mir die Annahme wächst, daß diese kratzigen Leibchen ein Teil meines Lebens und womöglich gar ein Kindheitstrauma waren, das ich verdrängte und also nicht verarbeiten konnte, vielleicht.


Immerhin scheinen wir, meine Kollegin, die mir ihre üble Erinnerung angehängt hat, und ich, mit diesem Thema nicht allein zu stehen. Margarethe von Trotta hat den Schwestern Ensslin in "Die bleierne Zeit" auch ein Leibchen-Gespräch in den Mund gelegt. Woraus wir weniger etwas über die Ensslin-Schwestern erfahren, denen das Gespräch wohl eher als dramaturgisches Mittel ins Drehbuch geschrieben wurde, als über die Trotta, die offenbar auch ihr Leibchen-Trauma mit sich ´rumschleppt.
... und da waren wir schon drei.

11.02.2006 um 14:16 Uhr

Liebes Lusel!

In den letzten Tagen dachte ich öfter über unsere Nett-Gesellschaft nach. Du weißt schon: Jeder findet jeden so furchtbar "nett" ("So als Mensch ..."), denkt aber am Ende doch nur an sich. Wir trauen uns, so wir halbwegs angepaßt leben, nicht, auf irgendeine Weise unhöflich, unfreundlich, unkorrekt - eben: nicht nett zu sein.


Es stimmt schon, auch wir, meine Generation, wurden seinerzeit von unseren Eltern dazu angehalten, stets hübsch freundlich und höflich zu sein, uns eben gut zu benehmen. Sie nannten das "gute Erziehung", und wir alle wußten, daß unser, der Kinder, schlechtes Benehmen auf sie als Eltern zurückfallen würde.


Ich werd´ jetzt nicht von der Super-Nanny reden und der damit verbundenen Feststellung, daß heute offenbar jederman, nur nicht mehr die Eltern Schuld sind, wenn etwas nicht stimmt. Aber ich erinnere mich, daß wir, als wir damals Kinder und Jugendliche waren, uns zwar bemühten, die Spielregeln im Großen und Ganzen einzuhalten, deswegen aber doch nicht an Herzdrücken gestorben sind.
Zudem waren wir die unmittelbare Folgegeneration der 68er, die auch schon manches an Regelverletzung in die Welt gesetzt hatten. Dennoch (oder gerade deswegen?) waren wir ziemlich nett, denn allerhand religiöses Zeugs, das wir nicht oder wenigstens nicht sooo zu Hause gelernt hatten, lag in der Luft. Wir träumten von einem Zwischending aus Paradies und Kommunismus und meinten, jeder hätte es verdient, da hin zu kommen. Und wir wollten das schon vor dem Lebensende haben. Am besten hier und jetzt. Wir waren bereit, dafür zu kämpfen, je nach persönlichem Temperament mit Gewalt oder gewaltfrei.
Die Vorstellung von dieser neuen Welt und die Idee, alles, ja, wirklich alles tun zu können, wenn wir es nur wollten, hob uns so an, daß wir in einem vorweg genommenen Glück durch die Welt gingen.


Damals waren wir nett, freundlich und hilfsbereit, weil wir glaubten, daß jeder ein Recht auf diese unsere Nettigkeit habe, weil alle Menschen gut sind, so von Natur aus.

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Heute ertappe ich mich in zunehmendem Maße dabei, wie ich mich dieser Nett-Gesellschaft entziehe. Manchmal denke ich, daß ich der einzige ganz unnette Mensch bin.
In Wahrheit ist das natürlich nicht richtig. Vermutlich gib es nach wie vor Menschen, die mich für anständig, gut erzogen (sofern man in meinem Alter derlei Vokabular noch gebrauchen kann) und sehr hilfsbereit halten. Vermutlich gibt es sogar Menschen, die mich mögen. Ich kann aber nicht erklären, nach welchen Kriterien ich die Leute um mich herum sortiere und ihnen gegenüber mein Verhalten ändere. Ich weiß nur, daß es nichts mit ihrer Nettigkeit zu tun hat.
Ich mag zum Beispiel viele alte Menschen. Die finde ich authentischer als die vielen Grinsemänner und -frauen um mich herum. Alte Menschen können sehr übel gelaunt sein. Aber das gefällt mir immernoch besser als die vermeintlich gutgelaunten Jungen, hinter deren Fassade ich selten schauen kann und es auch gar nicht will. Vorhin z.B., beim Einkaufen, kam dieser kleine alte Portugiese an mir vorbei. Auch nach Jahrzehnten in Deutschland spricht er kein wirklich gutes Deutsch, was ihn aber nicht daran hindert, immer irgendeine Bemerkung zu machen, die stets von einem freundlichen Lachen begleitet wird. Dem nehme ich es nicht einmal übel, wenn er mir im Vorbeigehen einen freundlichen Klatsch auf den Hintern verpaßt. Ich mochte auch die alte Dame über mir, mit der ich in sechs Jahren nach Anzahl bestenfalls Sätze im zweistelligen Bereich gewechselt habe. Die hatte Stil, soviel daß nicht einmal die Altersverwirrtheit sie unfreundlich machte.


Je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird, was ich -zunehmend vergeblich- mir von meinen Mitmenschen erhoffe: Sie müssen nicht klug sein oder schön. Sie brauchen nicht einmal cool zu sein oder ihr Herz auf der Zunge zu tragen. Aber sie sollen erkennbar sein und ehrlich. Anscheinend sind das die Dinge, nach denen wir ein Leben lang suchen, auch wenn wir die Liebe suchen oder gefunden zu haben meinen. Menschen, die wir erkennen können, vermitteln die Illusion, ein Teil von uns zu sein, wie auch wir hoffen, ein Teil von ihnen zu sein.


So alt mußte ich werden, um den Kleinen Prinz zu begreifen!