Liebes Lusel!
Es gibt Dinge im Leben, die wir erfolgreich verdrängen. Weil sie unangenehm waren oder sich im Nachhinein als peinlich erweisen. Eine solche Sache sind die Leibchen. Ich weiß bis heute nicht, ob ich solch ein Ding je getragen habe. Und wahrscheinlich wäre das überhaupt kein Thema für mich, wenn nicht irgendwann in den Mittagspausen eine meiner Kolleginnen angefangen hätte, von ihren Leibchen zu sprechen. Wir anderen waren erstaunt, konnten mit diesem Wort nichts anfangen und mußten uns erklären lassen, daß das so kratzige Unterhemden waren, die untendran Bändel hatten, an denen die Strümpfe, lange Strümpfe, in der kalten Jahreszeit festgeknüpft wurden, so eine Art Strumpfhalter für Kinder, die - wie gesagt - scheußlich gekratzt haben müssen, weil sie irgendwie aus Wolle waren.
Während also diese Kollegin, zugegebenermaßen ein paar Jahre älter als ich und auf dem Lande großgeworden, von ihren unerfreulichen Erfahrungen mit diesen Leibchen sprach, stritten wir anderen ab, so etwas je getragen, besessen, ja, auch nur gekannt zu haben. Wir meinten, in der Stadt habe man wohl schon andere, fortschrittlichere Kleidung gehabt, obschon wir die Erfindung von Strumpfhosen ziemlich zweifelsfrei in in die Jahre unserer späteren Kindheit und Jugend sortierten. Was also hatten wir angehabt, unten drunter, wenn es kalt war? Wir wußten es nicht, bestritten aber heftig den Besitz jedweden Leibchens.
Nun mag es ja keiner, wenn man ihn als altmodisches Landei bezichtig, weshalb ebenjene Kollegin danach immer ´mal wieder auf die Leibchen zu sprechen kam. Wohl in der Hoffnung, wir hätten uns inzwischen erinnert. Dem war nicht so. Und wir anderen lachten noch immer. Irgendwann später sprach ich meine Schwester, dreizehn Jahre älter, in gemütlicher Runde auf diese Leibchen an. Denn es ließ mir keine Ruhe, nicht mehr zu wissen, was wir in unserer Kindheit für Kleidung angehabt hatten. Zögerlich zwar, gab meine Schwester zu, selbst auch Leibchen besessen und zweifellos getragen zu haben, als Kind. Und auch sie erinnerte sich, daß diese Dinger fürchterlich gekratzt hätten, konnte sich aber nicht erinnern, ob auch ich so´n Zeugs noch hatte anziehen müssen.
Seither verfolgen mich die Leibchen und die Ungewißheit über einen Teil meines Lebens, der sich im Nachhinein als so unwichtig nicht erweist. Habe ich nun oder nicht? Und wenn nein: Was dann? Und ich horche allemal auf, wenn von diesen Leibchen, die ja sicherlich irgendwann eine unsägliche Sache waren, gesprochen wird, weil in mir die Annahme wächst, daß diese kratzigen Leibchen ein Teil meines Lebens und womöglich gar ein Kindheitstrauma waren, das ich verdrängte und also nicht verarbeiten konnte, vielleicht.
Immerhin scheinen wir, meine Kollegin, die mir ihre üble Erinnerung angehängt hat, und ich, mit diesem Thema nicht allein zu stehen. Margarethe von Trotta hat den Schwestern Ensslin in "Die bleierne Zeit" auch ein Leibchen-Gespräch in den Mund gelegt. Woraus wir weniger etwas über die Ensslin-Schwestern erfahren, denen das Gespräch wohl eher als dramaturgisches Mittel ins Drehbuch geschrieben wurde, als über die Trotta, die offenbar auch ihr Leibchen-Trauma mit sich ´rumschleppt.
... und da waren wir schon drei.
Während also diese Kollegin, zugegebenermaßen ein paar Jahre älter als ich und auf dem Lande großgeworden, von ihren unerfreulichen Erfahrungen mit diesen Leibchen sprach, stritten wir anderen ab, so etwas je getragen, besessen, ja, auch nur gekannt zu haben. Wir meinten, in der Stadt habe man wohl schon andere, fortschrittlichere Kleidung gehabt, obschon wir die Erfindung von Strumpfhosen ziemlich zweifelsfrei in in die Jahre unserer späteren Kindheit und Jugend sortierten. Was also hatten wir angehabt, unten drunter, wenn es kalt war? Wir wußten es nicht, bestritten aber heftig den Besitz jedweden Leibchens.
Nun mag es ja keiner, wenn man ihn als altmodisches Landei bezichtig, weshalb ebenjene Kollegin danach immer ´mal wieder auf die Leibchen zu sprechen kam. Wohl in der Hoffnung, wir hätten uns inzwischen erinnert. Dem war nicht so. Und wir anderen lachten noch immer. Irgendwann später sprach ich meine Schwester, dreizehn Jahre älter, in gemütlicher Runde auf diese Leibchen an. Denn es ließ mir keine Ruhe, nicht mehr zu wissen, was wir in unserer Kindheit für Kleidung angehabt hatten. Zögerlich zwar, gab meine Schwester zu, selbst auch Leibchen besessen und zweifellos getragen zu haben, als Kind. Und auch sie erinnerte sich, daß diese Dinger fürchterlich gekratzt hätten, konnte sich aber nicht erinnern, ob auch ich so´n Zeugs noch hatte anziehen müssen.
Seither verfolgen mich die Leibchen und die Ungewißheit über einen Teil meines Lebens, der sich im Nachhinein als so unwichtig nicht erweist. Habe ich nun oder nicht? Und wenn nein: Was dann? Und ich horche allemal auf, wenn von diesen Leibchen, die ja sicherlich irgendwann eine unsägliche Sache waren, gesprochen wird, weil in mir die Annahme wächst, daß diese kratzigen Leibchen ein Teil meines Lebens und womöglich gar ein Kindheitstrauma waren, das ich verdrängte und also nicht verarbeiten konnte, vielleicht.
Immerhin scheinen wir, meine Kollegin, die mir ihre üble Erinnerung angehängt hat, und ich, mit diesem Thema nicht allein zu stehen. Margarethe von Trotta hat den Schwestern Ensslin in "Die bleierne Zeit" auch ein Leibchen-Gespräch in den Mund gelegt. Woraus wir weniger etwas über die Ensslin-Schwestern erfahren, denen das Gespräch wohl eher als dramaturgisches Mittel ins Drehbuch geschrieben wurde, als über die Trotta, die offenbar auch ihr Leibchen-Trauma mit sich ´rumschleppt.
... und da waren wir schon drei.
