Las ich doch dieser Tage in meiner Psychologiezeitschrift, daß allzu strenges Leben nach der Wahrheit zwangsläufig mit einem Verlust der sozialen Kompetenz einhergeht. Was irgendwie logisch ist. Denn würde ich jedem Blödmann sagen, daß ich ihn für einen halte, hätte ich bald nicht nur all die Blödmänner gegen mich, sondern auch deren Freunde und all die anderen Leute, die wissen, daß sie Blödmänner sind, und fürchten, ich könnte es aussprechen.
Gleichwohl fällt es mir mit zunehmendem Alter immer schwerer, mich diesbezüglich zurückzuhalten. Denn das Leben ist zu kurz, um es mit Blödmännern zu verschwenden. Und da ist es doch besser, wenn alle Beteiligten Bescheid wissen.
Es geht also gar nicht so sehr um die Wahrheit, sondern um die Verschwendung von Zeit, die man womöglich gar nicht mehr hat. Denn das Lügen, das hab ich auch aus der Zeitschrift, gehört zum Leben dazu. Alle tun es, und alle tun es ungefähr im gleichen Maße. Womit im übrigen wissenschaftlich bewiesen wäre, daß weder Männer, noch Frauen mehr lügen, sondern allenfalls
anders. Warum sollte ich mich da ausnehmen? Andererseits suche ich mir die Anlässe für meine Lügen schon gerne selbst aus. Denn der Anlaß muß den Aufwand schon rechtfertigen. Weil Lügen ja irgendwie eine anstrengende Sache ist: Man muß sich merken, wen man wann womit belogen hat, und sich bei Bedarf daran erinnern. Da ist die Wahrheit bequemer. Jedenfalls, wenn man es nicht allzu sehr darauf angelegt hat, von anderen gemocht zu werden.
Am Ende ist es hierbei wie überall im Leben: Man muß Entscheidungen treffen und Prioritäten setzen. Allerdings habe ich gelernt, daß die Lüge, da sie ja sowieso zum Leben dazugehört, quasi eine Art Bevorzugung darstellt, was ich so noch nicht gesehen hatte. Aber es stimmt; nur die Leute, die ich in meinem Umfeld halten möchte, kommen in den Genuß, von mir belogen zu werden, manchmal jedenfalls, wenn die Wahrheit ihnen nicht so angenehm wäre. Weil ich doch will, daß sie sich in meiner Gegenwart auch später noch wohl fühlen.
Allen anderen sage ich die Wahrheit, was ja nicht immer etwas Schlechtes sein muß. Es stellt quasi so eine Art Aufräumaktion dar, ein Ballast abwerfen. Manch einer ist geblieben, trotzdem, weil ihm meine Wahrheit gefallen hat, weil er mehr davon hören wollte ...