Luselei

25.05.2006 um 22:29 Uhr

Liebes Lusel!

Ich mag die Filme aus den Siebzigern und frühen Achtzigern. Also nicht diese Doof-Filme und schon gar nicht die deutschen, nein, mehr so die französischen. Obwohl ich die früher nicht so mochte. Zu problembeladen fand ich sie damals oft. Heute aber spiegeln sie für mich ein Lebensgefühl wider. Wir dachten damals über Geschlechterrollen nach, über Sex, Sexpraktiken, Freizügigkeit. Wir dachten auch nach über Freiheit und neue Lebensformen. Wir fragten uns, wieviel Freiheit so ein monogam konditioniertes Wesen wie der Mensch verträgt, rein beziehungstechnisch. Wie das ist, wenn da Kinder sind. Ob da noch Platz für etwas anderes ist als Monogamie.


Die Geschichte hat uns überholt. Und manchmal glaube ich, wir hätten damals noch ein bißchen mehr nachdenken sollen. Heute bin ich umgeben von inzwischen erwachsenen Kindern, die fertig werden mußten damit, daß ihre Eltern die Freiheit suchten. Kindern, die entwicklungsbedingt jeden Tag ein Stück mehr Unabhängigkeit von ihren Eltern erlangten, gleichwohl um sich herum Stabilität und Grenzen brauchten ... die sie nicht immer gekriegt haben in einem Umfeld, das in Auflösung begriffen war.


Ich sehe Erwachsene, in ihren besten Jugendjahren, die die verletzte Kinderseele verstecken und stattdessen sehr rational zu sein vorgeben, wenn sie sich selbst für bindungsunfähig erklären. Manche von ihnen jedenfalls. Andere stürzen sich mit Brachialgewalt in irgendwelche Beziehungen, in der Hoffnung, sie würden da jenes Maß von Geborgenheit finden, was sie bei ihren Eltern so vermißten. Sie wollen an ihren eigenen Kinder richtig machen, was man an ihnen versäumte. Und sie ahnen nicht, daß sie und ihre noch ungeborenen Kinder in Wahrheit auf das gleiche Schicksal zurasen wie ihre unglücklichen Eltern und sie selbst.


Daß all das so kommen würde, ahnten wir in den Siebziger und Achtzigern noch nicht. Wir fühlten uns frei, alles zu tun, was wir wollten. Wir trugen selbstgenähte Kleidung, die keinem Diktat folgte. Wir lasen Bücher, die wir nicht daheim im Bücherschrank fanden. Wir hörten Musik, klassische, und fanden uns kein bißchen elitär dabei. Wir erschlossen uns die Welt, die für uns nicht weit genug sein konnte.


Wir haben einen hohen Preis gezahlt für all das, wir alle. Den es nicht wert war angesichts dessen, was wir heute in der Welt vorfinden. Was wir damals taten, taten wir im Traum von einer neuen, besseren Welt. Die Welt aber ist seither kein bißchen besser geworden. Im Gegenteil.

14.05.2006 um 11:34 Uhr

Liebes Lusel!

Erinnerst Du Dich noch an diese Wohnung, in der wir alle zusammen zuletzt wohnten? Die Bücherregale standen im Wohnzimmer, das riesig war, und teilten es, ohne den Eindruck von allzu großer Belesenheit zu wecken. Sie sahen einfach aus wie Möbelstücke, die etwas zu Großes sinnträchtig teilten.


Kommen die Leute heute in meine Wohnung, staunen sie zuweilen, wie viele Bücher ich doch habe. Nunja, in den Jahren seitdem ist einiges hinzugekommen, auch wenn die Regale noch die gleichen sind. Sie sind halt voller jetzt. Zudem ist Lesen und Bücher besitzen aus der Mode gekommen. Es gibt das Internet, wo man seine Informationen holt. Und Bücher wieder verkaufen kann man da auch.


Ich habe mir in diesen Jahren nichts versagt, denn Bücher kaufen ist das Einzige, was mir wirklich Freude macht. Andere gehen Klamotten kaufen oder meinetwegen Heimelektronik. Das ermüdet mich nur; es macht keine Freude. Wohingegen Bücher kaufen (auch Stoffe) ein sinnliches Vergnügen ist. Ich muß sie berühren, in sie hineinlesen, sie einatmen können. Deswegen ist Internethandel in diesem Falle nur bedingt etwas für mich.


Ich erinnere mich, daß ich das glücklichste aller Kinder war, damals, als ich alt genug wurde, um allein in die Bibliothek zu gehen. Zu dieser Zeit gab es noch richtige Bibliotheken, jedenfalls in der Stadt. Solche, die ganztägig geöffnet waren und hunderte von Regalreihen hatten. Man konnte sich stundenlang dort aufhalten, ohne kritisch beäugt zu werden. Und man fand alles, wovon man je gehört hatte. Schlimmstenfalls, daß die vorhandenen Exemplare gerade ausgeliehen waren und man Geduld haben mußte. Aber das Bibliothekswesen ist gerecht. Man stellt sich in einer Warteschlange an, irgendwann ist das Buch da, und man kann es mit nach Hause nehmen.


All diese Dinge sind aus der Mode gekommen. Mehr oder weniger. Wo früher eigentlich jeder einen Bibliotheksausweis hatte, wissen heute viele gar nicht mehr, daß es Bibliotheken gibt. Und wenn: Wozu sollte man die brauchen? ... Auch hier auf dem Land gibt es Büchereien. Und am veränderten Terminus merkt man, daß es sich um bescheidenere Örtlichkeiten handelt als die, die ich aus meiner Kindheit gewöhnt bin. Man hat sich ziemlich schnell durchgelesen, läßt man die gedruckten Sachen außer Acht, die der allgemeinen Belehrung dienen ("Fensterkitten leicht gemacht"). Und wenn es sich, wie bei der einen der hier ortsansässigen, um eine katholische Bücherei handelt, wird man bestimmte Dinge, z.B. das Buch zu diesem neuen Film, der gerade allseits hofiert wird, nicht finden können. (Nicht, daß ich nun gerade das vermissen würde. Denn ein Stoff, der so viel Reklame braucht, nunja, der hat´s wohl nötig.)


Ich also kaufe Bücher, ohne jeweils vorher zu wissen, ob sie´s wert sind. Man merkt das erst beim Lesen und ist im übrigen nicht jederzeit in der richtigen Stimmung für jedes Buch. Manche liegen ewig neben meinem Bett, weil man sich beim Kauf ´was anderes vorgestellt hatte. Manche sind in kurzer Zeit verschlungen, was jedoch nicht zwingend etwas über ihren Weiterverwendungszweck aussagt. Sie müssen deswegen nicht zu denen gehören, die man auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Am Ende sagt man "AHA" und verborgt sie weiter, in der Hoffnung, sie würden ihren Weg in die Welt der Leser schon finden und nicht zwingend zurückkehren. Andere jedoch verborgte ich früher mit der Intention, ihr Wert würde anderswo auf fruchtbaren Boden fallen. Heute mache ich das ja nicht mehr. Sind es wichtige Sachen, kommen sie womöglich nicht wieder (nicht unbedingt, weil andere sie auch für wichtig befanden, sondern weil sie für die anderen im Nirgendwo der Belanglosigkeit versinken und man deswegen auch vergißt, sie zurückzugeben); verliert man die Leute, denen man solchart Gutes tun wollte, aus den Augen, muß man sich die Sache noch einmal kaufen. Und warum andere auf einen Weg schicken wollen, den sie tunlichst selber finden müssen?


Gestern Abend stellte ich fest, daß da neben meinem Bett jede Menge Bücher liegen, aber nur eines noch, das ich auch nachts um Drei noch aufzuschlagen gewillt war. Eines von denen, die ich wahrscheinlich mitnehmen würde ... auf die Insel, wenn Inseln nicht so verdammt teuer wären. Vermutlich könnte ich meinen Bücherbestand auf ein Minimum von einigen Zehn Exemplaren reduzieren, sollte das mal nötig sein. Wäre ich nicht in dem Dilemma, damit aufgewachsen zu sein, daß man Bücher nicht wegwirft, einerseits, und daß es nach neuesten Erkenntnissen keinen großen Bedarf mehr für sie gibt, andererseits. Wohin also mit dem Zeugs? Für Bücher gibt´s noch keine Altkleidersäcke.


Dieses aber, das ich in der Nacht fand, schlug ich auf, nicht ohne mich zu fragen, wie Bücher es schaffen, einen zutiefst glücklich zu machen. Und ich las wohl zum tausendsten Mal: "Mein Name sei Gantenbein. Ich stelle mir vor ..."

10.05.2006 um 19:14 Uhr

Liebes Lusel!

Während ich mich hier als Kreißsaal-Wachablösung für den werdenden Vater meines Enkelkindes bereithalte, geht das Leben draußen weiter.


Auf eine Weise, die mich froh sein läßt, daß Dein Umfeld so ist, wie es eben ist. Denn heute hatte ich eine Begegnung mit dieser anderen Welt, von deren Existenz wir zwar wissen, sie auch gern in den Medien ausschlachten, die wir aber allemal für "weit weg" halten. In Wahrheit finden die Dinge nebenan statt. Und wenn wir nicht gerade dienstlich mit ihnen zu tun haben, nehmen wir auch in unmittelbarer Nachbarschaft von ihnen keine Notiz.


Da saß diese junge Frau, gerade ein Jahr älter als der Halbgare, vor mir, fesch gestylt, wie es die südländischen Frauen oft sind, und legte mir dar, warum sie jetzt so lebt, wie sie lebt, und was zu den von ihr getroffenen Entscheidungen geführt hat. Wer heute und hierzulande so jung verheiratet ist, dem glaube ich die Zwangsehe auf Anhieb. Auch wenn Morddrohungen aus der eigenen Familie, vom eigenen Ehemann eine Sache sind, die ich zwar glauben, mir aber am Ende irgendwie doch nicht vorstellen kann. Wenn man einen Menschen liebt, als Tochter, Schwester, Ehefrau ... wie kann man ihn dann töten wollen?


So ein Mann meinetwegen, der ein hübsches, nettes Mädchen an seiner Seite glaubt und sich dann unversehens verlassen sieht - der mag leiden und um Rückkehr bitten, der mag alles mögliche versprechen (und dann vielleicht nicht einhalten), aber töten wollen?


Nein, ganz entschieden ist das eine Welt, die sich mir gedanklich und emotional nicht erschließen will. Und ich dachte, daß dieses Mädel bei diesem kleinen, bissigen Kläffer von Anwalt, von dem ich mich in anderen Zusammenhängen leichten Herzens trennte, ausgesprochen gut aufgehoben ist. Denn einer, der sich für so ein Mädel einsetzt (und sei es auch nur aus dem Grund, weil er dafür bezahlt wird), kann gar nicht bissig genug sein.