Luselei

15.06.2006 um 19:20 Uhr

Liebes Lusel!

Gestern unterhielt ich mich mit meinem jungen Kollegen, der gerade von einem Grand-Canaria-Urlaub zurückgekehrt war. Er fährt nicht oft in Urlaub, genaugenommen hat er die Urlaube der letzten Jahre zu Hause verbracht (abgesehen von fünf Tagen in Österreich zu Weihnachten mit seiner Freundin), weil es ihm zu schade ums Geld ist. Auch diesmal hat er vorab gejammert, was man alles mit dem Geld anfangen könnte, wenn man es nicht mit neun Tagen Urlaub verbraten würde. Dabei war es ein wirklich günstiges Angebot!


Ich weiß gar nicht, wie wir drauf gekommen sind - jedenfalls sprachen wir dann über die "Kinder", die heutzutage nicht so recht erwachsen werden wollen. Mein Kollege war der Meinung, die Dinge dauern so lang, wie sie halt dauern. Und die Eltern sollten halt abwarten bis die Nesthocker sich von selbst verflüchtigen. Keinesfalls dürfe es so sein wie bei einem seiner ehemaligen Mit-Azubis, dem von seinen Eltern offeriert worden war, er solle ausziehen, wenn er seine Ausbildung fertig habe.


Ich fand das einen ziemlich guten Zeitpunkt, vielleicht nicht punktgenau, aber doch auch den, den ich mir so ungefähr vorstellte, daß Eltern aufhören könnten, zwingend Eltern zu sein. Natürlich, so räumte ich ein, gäbe es Unwägbarkeiten, gerade heutzutage. Dann nämlich, wenn die Kinder nach der Ausbildung ohne Job dastehen. Das vielleicht wäre nicht unbedingt die Gelegenheit, seinen Elternpflichten zu entsagen. Aber freilich wär´s auch keine Einladung an einen jugendlichen Pensionär, sich bis zur eigentlich Rente auf Mutters und Vaters Kosten ganz zur Ruhe zu setzen.


Mein Kollege wiederum meinte, das wäre ja nun der allerschlechteste Zeitpunkt. Weil man da doch noch kein Geld habe und folgerichtig nichts, um etwas aufzubauen. Und er sprach ganz unvermittelt von dem Geschirr für 180 Euro, das er sich erst unlängst gekauft habe; den ordentlichen Besteckkasten, der mit 80 Euro so teuer dann auch nicht gewesen sei, habe er sich erst im Monat drauf leisten können.


Ich wiederum erinnerte mich an mein erstes Besteck aus Aluminium, das zwar nicht für die Ewigkeit gedacht, aber für den Anfang durchaus ausreichend war. Dafür hatte ich eine neue Küche und eine Waschmaschine, die mein Kollege nach drei Jahren außer Haus noch immer nicht besitzt. Dafür nennt er eine X-Box (deren Wert ich nicht einzuschätzen vermag, die er jedoch stets anführt, wenn er von den Resultaten seiner Nebenbeschäftigung spricht) und einen Beamer sein Eigen. Daß er noch immer zu seiner Mutter zum Wäschewaschen fährt, stört ihn nicht.


Auch mein Hinweis auf diesen Widerspruch störte ihn nicht. Vielmehr war er der Meinung, so ein Nesthocker müsse daheim bleiben dürfen, bis er genug für seine hohen Lebensansprüche gespart hatte. Keinesfalls dürfe der Anfang des eigenständigen Lebens in irgend so einer Bruchbude stattfinden, die sich (wir damals wußten das zu schätzen) durch ihren günstigen Preis auszeichnet. Da müßte alles gleich und richtig da sein.


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Wenigstens verstehe ich jetzt, warum wir unsere Nesthocker nicht mehr loswerden. Vor lauter Spaßhaben kommen die armen Dinger gar nicht mehr dazu, genug zu sparen, damit sie sich eine Zukunft aufbauen können, die ihren Ansprüchen angemessen ist.
Naja, und wenn man das Frühstück fertig vor die Nase gesetzt kriegt, stört es vielleicht nicht so sehr, daß das Geschirr aus Steingut ist, weil die Eltern sich - solange die Kinder noch da sind - das teure Porzellan nicht leisten können.

11.06.2006 um 19:56 Uhr

Liebes Lusel!

So ist das mit dem Elternsein ...


Vorhin am Telefon hätte ich´s lieber gehabt, bei dir zu sein. Denn manchmal fühlt man sich einfach sicherer, wenn da einer ist, der das alles schon durch hat. Plötzlich bricht die Wucht der Mutterschaft über dich herein, und du nennst es die Hormone. Aber, glaube mir, es sind nicht die Hormone, wenn dir die Tränen kommen angesichts der Tatsache, daß du ein kleines Wesen bei dir hast, das nicht so will wie du wohl willst.


Auf diesen Teppich der Befindlichkeiten sind noch alle Eltern irgendwann herabgezogen worden. So ein Baby ist nämlich nicht einfach nur süß, sondern auch eine riesengroße Verantwortung. Das ist es, was dir die Tränen der Verzweiflung in die Augen treibt, nicht die Hormone. Wären es die Hormone, hätte ich heute noch Schwangerschaftshormone, was ja wohl keiner ernsthaft behaupten wird.


Wie sagte meine Kollegin angesichts des Babybildes?- " Sie sind so süß, aber sobald wir sie haben, hört die Sorge nicht mehr auf."
Da rennt man in der Nacht laufend zum Kinderbett und lauscht, ob sie noch atmen. Da fragt man sich, ob ihr langes Schlafen und "Bravsein" nicht Zeichen einer Krankheit sind, die man - unbedarft wie man ist - nur nicht zu deuten weiß. Da weiß man, trotz aller Betreuung durch Ärzte und Hebamme, daß eigentlich nur man selbst die Verantwortung trägt. Und das ist mehr, als so ein Single bis dahin von sich sagen konnte. Denn auch die Verantwortung füreinander in der Ehe ist, solange da kein Kind ist, eher eine fiktive. Meist ist ja bis dahin alles gut gelaufen.


Ich hoffe, daß ich Recht behalte mit dem, was ich dir vorhin sagte: In ein paar Wochen wirst du drüber lachen. Denn in mein Herz ist nun ein Kind mehr eingezogen, um das ich mir Sorgen machen - dein Kind.

10.06.2006 um 16:08 Uhr

Liebes Lusel!

Na, was ein Glück, daß ich hier keinen Seitenzähler habe. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was die Leute an diesem Blog interessiert. Schlimm genug, daß ich das bei erphschwester weiß.


Seit einiger Zeit schon fällt mir dort auf, daß die Schweiz offenbar ein sehr problematisches Land ist. Wenigstens, was die Interessen angeht. Dort (und anscheinend nur dort) herrscht ein nachhaltiges Interesse am Leichenwaschen, keine Ahnung warum. Und wenn die Schweizer "gut drauf" sind, interessieren sie sich für Papierspiele, was ja nun auch nicht so prickelnd ist, aber einiges darüber aussagt, wie man so seine Freizeit zubringt in der Schweiz.


Da lob´ ich mir doch Deutschland, irgendwie...

09.06.2006 um 19:37 Uhr

Liebes Lusel!

So im Rückblick betrachtet, war die Emanzipation doch zu etwas gut. Zwar nicht für meine Generation, aber deine hat davon durchaus profitiert. Während wir unseren Männern erst beibringen mußten, daß und was sie im Leben des Alltags mitmachen müssen, habt ihr ganz andere Erkenntnisse verinnerlicht:


Ihr habt aus unseren Diskussionen die Erkenntnis mitgenommen, daß keineswegs ihr allein für solche Sachen wie Haushalt und Kinder verantwortlich seid. Wenn der Bursche essen will, so richtig nett, dann wird er sich wohl die Mühe machen müssen, kochen zu lernen. Wenn es ihm zu dreckig ist ...


Ihr seid keine Emanzen mehr, weil ihr das nicht müßt. Ihr habt den Mut zum Phlegma entwickelt. Ihr gebt den Herren der Schöpfung, die Gelegenheit, ihre weibliche Seite zu entdecken. Und ... was soll ich sagen? ... es scheint, die Burschen hätten diese Entdeckung halbwegs gern gemacht. Sie sorgen gern für euch, nicht nur außer Haus. Und ich weiß auch, warum: Ihr versteht zu loben. Der Aufwand ist nicht so groß, als hätte man die Dinge selbst getan. Und der Dank für solch ein Lob beschert euch in Bälde ähnlich nette Erfahrungen. Er wird wieder kochen oder saubermachen oder was da noch zu tun ist. Und das ganz freiwillig, weil das Lob aus eurem Munde mehr ist, als er draußen in der Welt erfährt. Da gilt noch (genauso wie: Eine Junge weint nicht.), daß es selbstverständlich ist, wenn Männer ihre Pflicht erfüllen.


Naja, so blöd seid ihr nicht, daß ihr nicht wüßtet, daß all diese Dinge, die er für euch tut, zumindest euer beider gemeinsame Pflicht wäre. Insofern habt ihr schon Grund zur Dankbarkeit.


Übrigens auch meiner Frauengeneration gegenüber. Ohne uns und unsere Diskussionen damals wäre nicht diese erholsame Verwirrung in die Männerwelt gekommen, die euch, wenn ihr euch nur ein bißchen geschickt anstellt, diesen Segen beschert. Ohne unsere damaligen Diskussionen müßtet heute ihr diskutieren.

06.06.2006 um 22:36 Uhr

Liebes Lusel!

Wenn man als Frau in den Kreißsaal geht, denkt man erst einmal an nicht sonderlich viel. Man ist ein wenig ängstlich (Warum schreibe ich "man"? - Das betrifft ausschließlich Frauen!), weil man nicht Bescheid weiß, was einen erwartet, so als ERSTGEBÄRENDE. Im Hinterkopf sind die Szenen aus diversen Filmen, in denen hochschwangere Frauen bereits bei der ersten Wehe schmerzverkrampft zusammenbrechen. Was natürlich ein einziger Blödsinn ist. Soviel immerhin weiß man, wenn man in den Kreißsaal kommt. Denn die ersten Wehen hat man da schon hinter sich und weiß, daß sie auszuhalten waren. Was allerdings nichts darüber aussagt, wie es weitergeht. Spaßautorin Susanne Fröhlich erklärte einst in einem ihrer Bücher, daß Kinderkriegen sei, als wolle man eine Melone im Ganzen ausscheißen. Was sicherlich nicht sehr vornehm klingt, aber der Sache irgendwie nahe kommt, gegen Ende hin jedenfalls.


Aber davon weiß man noch nichts, wenn man in den Kreißsaal kommt. Da ist man noch am Anfang und hoffnungsfroh. Schließlich, so die Vorstellung, wird man - so nichts schief geht, aber davon geht ja keiner aus - hernach als kleine Familie nach Hause kommen. Mit einem Baby, das die Krönung der Liebe, Komplettierung des Lebens und Gegenstand mancher Hoffnungen ist, die man in dieses kleine Wesen setzt.


Bis dahin, Lusel, wird´s noch ein paar Stunden dauern, schätzt man. Dein Mann ist froh, daß du inzwischen eine PDA gekriegt hast, weil er es sonst nicht allzu lange mehr ausgehalten hätte. Ich werd´ nicht lästern, ganz bestimmt nicht. Ich habe mir vorgestellt in der letzten, schlaflosen Nacht, wie es wäre, wenn ich bei dir wäre. Und ich ahne, was er durchgemacht hat bis zur PDA. Wer will schon leiden sehen, wen er liebt?


Heute Mittag noch, als du mich anriefst, warst du so tapfer und entspannt. Das ist etwas, was ich im Ohr habe, bis ich die Nachricht kriege, daß ich nun endlich Oma bin.


PS: 21.47 h: 3780g, "paarundfünfzig" Zentimeter (Väter!), Mutter und Kind wohlauf



WILLKOMMEN TOM!