Luselei

31.07.2006 um 22:31 Uhr

Liebes Lusel!

Urlaub, was ist das?


Die einen verstehen darunter Verreisen, die Welt sehen, Spaß haben, Menschen kennenlernen, Abwechslung, sich als wer anders fühlen oder anderen wen anders vorspielen. Und, ganz wichtig: Man muß hernach erzählen können, was man alles erlebt hat und wen man alles kennengelernt hat.


Neben all dem fühlt sich meine Vorstellung von Urlaub äußerst bescheiden an: Weggehen, um bei sich selbst anzukommen. Gereist bin ich schon in meinem Leben, in allerhand Länder. Ich habe sie gesehen aus der Sicht des Pauschaltouristen genauso wie aus der Sicht des Campers. Ich habe Menschen in anderen Ländern kennengelernt und bin als Nobeltourist gezielt an den Einheimischen vorbeigeführt worden. Ich weiß, daß man mit den Menschen leben muß, um sie wirklich kennenzulernen. Und eine blaue Lagune sehen kann ich auch im Fernsehen. Auch wenn man da das Meer nicht riecht - ich erinnere mich sehr wohl.


Nicht nur, weil mein Urlaubsgeld beim Zahnarzt landen wird, bevorzuge ich den Urlaub zu Hause. Gut, daß das Wetter neuerdings auch hier wie im Süden ist, aber es macht keinen Unterschied, keinen großen jedenfalls. Bei meiner Vorstellung von Urlaub kommt´s nur bedingt auf schönes Wetter an. Wichtiger ist das, was im Kopf passiert. Da ist irgendwann ein Tag, an dem ich feststelle, daß ich morgen und übermorgen und überübermorgen nicht arbeiten muß. Ich stelle fest, daß ich Herrscher über meine Zeit bin, für eine Anzahl von Tagen, die sich nicht mit irgendwelchen überüber-Worten beschreiben lassen. Ich fange an, mich zu erinnern, was das für Sachen waren, die ich immer schon machen und denken wollte, das ganze Jahr über, und nicht gedacht und getan habe, weil der Alltag mich müde macht oder ärgerlich.


Ich lese also. Dieses Jahr bin ich gelandet, ohne das im übrigen zu beabsichtigen, bei einer Reihe von schwermütigen jungen Frauen. Die einen definieren sich über die Männer in ihrem Leben, die anderen über DINGE. Und dann gab´s da noch eine - nicht in Büchern, sondern im wahren Leben -, die sich mit nicht einmal Dreißig die ersten Falten hat wegspritzen lassen, über Brustvergrößerung nachdenkt und jederman(n) bei jeglicher Verrichtung anlächelt, weil es das Leben leichter macht.
Ich frage mich, wie weit man gehen muß, um das Glück zu finden. Und ein bißchen froh bin ich, daß ich schon allerhand glückliche Zeiten hatte, ohne diese Kopfstände machen zu müssen. Also, ohne zu glauben, daß ich das muß.


Ich bin gespannt auf dieses Buch von meinen Buchhändlerinnen, in denen sie mir eine Familie ankündigten, drei Generationen, in denen es auch ohne Väter geht. Sie sagen, dieses Buch habe ihnen ihr Leben gerettet, allen beiden. Was auch immer das bedeuten mag. Vielleicht ist es nicht wichtig, ob es mit oder ohne Männer geht. Vielleicht ist es wichtiger, daß es alleine geht ... Dann können Männer kommen oder auch nicht. Frau hat die Wahl.

28.07.2006 um 16:51 Uhr

Liebes Lusel!

Trinke ma anen auf den 5555 Besucher! 100 000 Besucher haben kann ja jeder ... ;)

27.07.2006 um 20:51 Uhr

Liebes Lusel!

Da liegen sie nun, hingegossen von der Hitze und den Anstrengungen beziehungstechnischer Diskussionen. Erwachsensein ist anstrengend, besonders wenn man es eben nicht ist. Erwachsensein erfordert Einsichten, die man nicht hat und haben kann, wenn man es nicht ist. Was nicht zwingend heißt, daß alle Erwachsenen auch wirklich erwachsen wären. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls reicht es nicht, nach dem physischen auch das psychische Ineinanderkriechen zu versuchen.


Erwachsensein führt uns zu der Erkenntnis, daß wir nie wirklich mit jemandem EINS sein können. Im einen wie im anderen Sinne. Und dieses "Füreinandergeschaffensein", das besonders der amerikanische Film so gern bemüht, ist ein Gerücht. Menschen können zueinander finden, sich mit diesem Einen, dieser Einen besonders gut verstehen, sich da verstanden fühlen. Sie können sich gegenseitig befruchten, nicht nur im biologischen Sinne. Sie können voneinander profitieren, aneinander wachsen. Aber sie werden nie wirklich EINS sein, nie die fehlende zweite Hälfte. Da wird immer etwas sein, daß das eine vom anderen Individuum abgrenzt. Und damit meine ich nicht nur die Haut.


Da liegen sie, zwei schlafende Kinder, und beginnen, das Prinzip der Einsamkeit zu begreifen ...

27.07.2006 um 16:14 Uhr

Liebes Lusel!

Na, das hat mir zu meinem Glück ja noch gefehlt!


Dickes Mädchen hat mich um ein Gespräch "unter vier Augen" gebeten. (Ich, wer sagt denn, daß man jemals erwachsen wird, kriegte gleich ein schlechtes Gewissen ob meiner schwachen Gastgeber-Qualitäten. Aber, bitte schön, nachdem in der Wohnung, während ich mich zu einem netten Mittagsschläfchen gebettet hatte, wohl tausendmal die Türen geknallt hatten, darf man, finde ich, schon ein bißchen sauer feststellen, daß es keinen Sinn macht, weiterschlafen zu wollen. Ich stand jedenfalls auf, sammelte noch rechtzeitig vorm Regen die Balkon-Utensilien ein und wehrte ihr freundlich gemeintes Hilfsangebot schnöde ab.)


Das Gespräch selbst, nunja, hatte vollkommen andere Gründe. Und ich, wenn ich der Halbgare gewesen wäre, hätte hübsch was dagegen gehabt, wenn meine Freundin (dick oder nicht) derlei Gespräche mit meiner Mutter hätte anfangen wollen. Dicke Freundin beklagte sich nämlich bei mir, daß der Halbgare ihr sein Vorleben nicht nahtlos vor den Füßen ausbreiten mochte. Frühere Freundinnen, die Sache mit dem Vater und all so Sachen mehr, über die man natürlich unglaublich gern und am liebsten den ganzen Tag reden möchte.
Dicke Freundin fühlte sich angelogen, weil er eben blockt und nicht erzählt, wenn sie das will, sondern eben erst dann, wenn er das will. Und mir fiel es zu, dicker Freundin zu erklären, daß auch ich mit dem neuen Mann meines Herzens, wenn denn da mal einer daherkäme, nicht unbedingt über frühere Männer würde reden wollen, die nun nicht mehr in meinem Herzen sind. Weil ... in diesen Dingen macht man es ja nun eigentlich immer verkehrt.
Redet man über die Früheren schlecht, dann fürchtet der Neue, man könne vom ihm dermaleinst (wir wissen ja, nichts heute währt mehr ewig) ebenso schlecht reden. Überdies steht immer die Frage im Raum, was denn man selbst vielleicht eventuell verkehrt gemacht hat, um den Früheren zu vergraulen. Denn auch das wissen wir: Schuld ist nie einer alleine. Und weil wir alle irgendwie gebrannte Kinder sind, forschen wir gern im Vorfeld, ob die/der, die/der uns da gegenüber sitzt, vielleicht irgendetwas an sich hat, was uns einstens gehörig Ärger und Verdruß bereiten könne.
Redet man aber allzu gut über die Früheren, dann steht unausgesprochen die Frage im Raum, warum man denn dann nicht mehr zusammen sei, wenn alles so prima gelaufen ist. Und, ja, ob man dem Alten nicht noch immer anhängen würde und womöglich gar nicht bereit sei für eine neue Beziehung. Lückenbüßer, bis sich alles vielleicht wieder gerichtet hat, möchte keiner so gern sein. Und also läßt man von solchen Über-frühere-Beziehungen-Schwärmer lieber gleich ganz die Finger.


Kurzum: Was auch immer man über frühere Beziehungen sagen könnte, wird verkehrt sein. Weil man immer gleichzeitig Opfer und Täter ist und gemessen werden könnte an den eigenen Taten und nicht-Taten. Als Opfer dastehen, will man ja sowieso gleich gar nicht, aber auch nicht als der Böse in der Geschichte. Sobald man aber anfängt zu erzählen, ist man irgendwie beides.


Ich weiß nicht, ob dickes Mädchen all das verstanden hat. Für ihr Alter jedenfalls gab sie sich erstaunlich verständig. Sehr gut verstehen kann wiederum ich den Halbgaren, der sich auf solche Geschichten nicht einlassen mochte.Auch hatte ich im Vorfeld dieses Frauengespräches aus seinem Zimmer zu hören gemeint, wie er sie mit lauter Stimme und allem Nachdruck zum Aufhören zu bewegen versuchte. Tja, Sohn, es wird wohl einige Zeit dauern, ehe dir eine Frau über den Weg läuft, die am besten gar nicht erst damit anfängt...

26.07.2006 um 18:51 Uhr

Liebes Lusel!

In so einem Zu-Hause-Urlaub, der ja ansich nichts Schlechtes sein muß, gibt es gute und schlechte Tage. Die Tatsache allein, daß ein weiterer Zahnarztbesuch ansteht, muß nicht bedeuten, daß es sich um einen schlechten Tag handelt. Vielmehr kann es schon ausreichen, daß an einem der freien freien Tage mich jemand mutwillig, mindestens aber fahrlässig daran hindert, meinen Schreibgelüsten nachzugeben. Überhaupt finde ich es höchst fahrlässig, mir zu einer Tageszeit, da ich es gewöhnt bin, mich ganz meiner Muse hinzugeben, im Weg rumzustehen, mein Bad zu blockieren, in sinnlos wilde Küchentätigkeit auszubrechen ... kurzum: da zu sein.


Ich weiß schon, daß das in anderen Familien anders ist. Aber: Bin ich eine Familie? Imgrunde findet es doch alle Welt gut, daß ich mit dem Alleinsein so gut klar komme. Es ist für alle Beteiligten geruhsam, weil keiner ein schlechtes Gewissen haben muß, wenn ich so oft allein bin. Da möge sich doch, bitte schön, keiner darüber echauffieren, daß ich auf meine Alleinseinsrechte poche, auch wenn mal jemand da ist.


Dein Bruder, zum Glück, versteht das, ohne großartig darauf hingewiesen werden zu müssen. Kommt er an den Wochenenden, dann schläft er so lange bis er mich draußen klappern hört. Was ihm wiederum sagt, ich würde mich freuen, wenn er aufsteht. Und sollte er wirklich während meiner morgendlichen Musezeit schon wach sein, trollt er sich wieder in sein Zimmer oder klappert seinerseits in der Küche, was mich nicht stört, solange er mir nicht in die Quere kommt.
Und auch jetzt hat er verstanden, daß er gut daran tut, mir seine kleine Freundin (Mamas Liebling, der täglich von Mama angerufen wird, weil wir ja doch Dicke-Mädchen-Fresser, wenigstens aber Mädchenhändler sind. Und da, wo sie dicke Mädchen mögen und kaufen, wir wissen es, gibt es keine Rückkehr aus dem Harem. - Ich hatte diese Variante auch kurz in Erwägung gezogen, um endlich hier wieder Ruhe reinzukriegen, dann jedoch davon Abstand genommen. Derart Mädchenhändler stehen mehr auf blond, was sie nun mal nicht ist.) Also sind die beiden heute beizeiten zum Bahnhof gegangen, um in die große Stadt zu fahren, was mir Zeit ließ, noch was zu schreiben und hernach zu spät zum Zahnarzt zu kommen.


Der Tag war noch jung, beinahe kühl nach derzeitigen Maßstäben, und machte mich unternehmungslustig. Ich ging zu meinen Lieblingsbuchhändlerinnen (vielen, vielen Dank, Rollblau!), die auf mich gewartet hatten, und erlaubte ihnen, drei ihrer eigenen Lieblingsbücher vor mir auszubreiten, was sie nur allzu eifrig und wortreich taten, nachdem sie verstanden hatten, daß meine Herkunft mich nicht zwingend verpflichtet, Jurek Becker und Christoph Hein zu mögen. Zwar, glaube ich, sie haben nicht verstanden, warum ich dieser Art Autoren nun nicht mehr mag (zumindest J.Becker habe ich einstmals durchaus gemocht). Aber wie sollen sie auch begreifen können, daß ich erst jetzt mit diesen Büchern eine Beklemmung erlebe, die ich zu DDR-Zeiten nicht empfunden habe, aber wohl hätte empfinden sollen. Ich mag es nicht, wenn da immer und immer wieder der alte Senf und die alten Befindlichkeiten ausgegraben werden. Das Land hat sich verändert, ich habe mich verändert, und ich habe - verdammt noch eins! - ein Recht darauf, auch veränderte Befindlichkeiten zu leben und zu LESEN.


Schlußletztlich sind wir uns dann doch einig geworden. Ich sackte meine drei Bücher ein, von denen sich zeigen wird, ob sie auch meine Lieblingsbücher werden und legte mich daheim angekommen auf den schattigen Küchenbalkon. Da wehte nicht nur ein lauer Wind, sondern auch das Übungsspiel des Klarinettenspielers aus dem Haus um mich. Den ich eigentlich nicht leiden kann. So ein kleiner, alter, mißmutiger Gartenzwerg, der doch tatsächlich erwartet, von mir zuerst gegrüßt zu werden. ("Hömma, so alt kannst du gar nicht sein, daß eine Oma dich zuerst grüßen müßte!"). Aus geheimen Quellen weiß ich, daß er und seine Frau jüdische Emigranten aus dem Baltikum sind, was immerhin erklärt, warum sein Klarinettenspiel oft so schwermütig ist. Obwohl es durchaus auch anders geht. Aber es liegt eben auch nicht in seiner Natur, fröhlich zu sein. Heute aber gab er sich Mühe, und ich bedauerte, so wenig Bescheid zu wissen in der Musik. Denn das, was er spielte, gefiel mir tatsächlich. Und während ich eine Zeit lang mein Buch auf dem Schoß ruhen ließ und seinem Spiel lauschte, stellte ich mir vor, daß seine durchaus praktisch veranlagte Frau (Mathematikerin? Biologin?) in der Küche mit den Töpfen klapperte. Ich stellte mir vor, daß er das vielleicht schon vor mehr als dreißig Jahren getan hatte, als sie für ihre Abschlußprüfungen lernte. Ich konnte mir sogar vorstellen, daß die beiden sich tatsächlich einmal so von Herzen geliebt hatten. Und eigentlich glaube ich, sie tun es noch, sei er so miesepetrig wie auch immer.


Das alles zusammengenommen denke ich, heute war einer von den guten freien Tagen.

23.07.2006 um 21:44 Uhr

Liebes Lusel!

Es ist erstaunlich. Ich hatte fast vergessen, daß ich eine Familie habe. Plötzlich sind da ein Sohn, eine Tochter, ein Enkelkind, die Freundin des Sohnes. Und beinahe wären die Eltern der Freundin des Sohnes da gewesen. Er, der Vater, hatte einen Kreislaufkollaps, auf dem Weg hierher, gerade in dem Moment, in dem ich mich auf Besuch zu freuen begann. Was mir ehrlich leid tut. Nun liegt er im Krankenhaus. Und die Kinder (Sohn und Freundin) sind mit dem Zug hergekommen.


Plötzlich ist das Haus voll. Und ich bin hin- und hergerissen zwischen freudigem Erinnern (Ich erinnere mich, daß ich einstmals gerne Gäste hatte. Ich erinnere mich, eine gar nicht so schlechte Gastgeberin gewesen zu sein, ehe ich mich zurückgezogen habe aus dem öffentlichen Leben, was auch immer das ist.) und Mich-gestört-Fühlen. Der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier.


Schon heute morgen saß ich hier und wollte schreiben, ehe erst durch den Bildschirm des alten Mac, dann durch den Fernseher das Abbild eines dicken Mädchens im kurzen Schlafshirt wanderte, das die derzeitige Liebe meines Sohnes ist. Wahrscheinlich ist sie ein liebes Ding, aber genau weiß ich es nicht, weil sie nicht viel sagt. Vielleicht werde ich´s bis zum Ende der Woche erfahren haben.


Und ich habe meinen Enkelsohn auf dem Arm gehalten. Immernoch eine besondere und wichtige Sache, noch keine Normalität. Tom ist noch keine sieben Wochen alt. Da ist noch alles besonders. Auch wenn ich schon jetzt zu ahnen beginne, daß Tom Dich voll im Griff hat.


Ich weiß nicht, wie es gekommen ist, daß ich mich zurückzog. Aber immerhin halte ich es für möglich, daß das keine endgültige Sache ist, denn es war schön zu sehen, wie Du Dich hier nach all den Jahren so selbstverständlich und normal bewegtest, als sei das Dein Elternhaus (und das, obwohl ich weiß, daß Du Dich hier nie zu Hause gefühlt hast). Das ließ mich hoffen, es könnte auch in Zukunft so sein.

21.07.2006 um 00:11 Uhr

Liebes Lusel!

Pssst! Ich verrat dir was. So kurz vor Mitternacht ist die Zeit, wo man sich Geheimnisse anvertrauen kann.


Sie mögen es viel mehr, wenn ich mit Dir rede. Mehr als diesen politischen Kram bei Erphschwester. Sie mögen es, wenn es menschelt. Obwohl man ja meinen könnte, es gäbe genug von diesen Blogs, in denen die Leute ihr Leben ausbreiten. Selbst diesen Gärtnerscheiß haben sie gelesen, mit wachsender Begeisterung. Dabei ist doch klar, daß das meine ganz eigene Freude war. Wer, der nicht diese kleinen Tomaten und winzigen Gurken gesehen hat, könnte das sonst verstehen? Ich Städter habe so was noch nie gesehen, ebensowenig wie die Paprikaschoten im letzten Jahr, die ihre Ärsche mitten aus den Blüten rausschoben. Aber darüber denkt doch kein Mensch nach, ders noch nie gesehen hat. Und wers kennt, den scherts nicht.


Heute hat einer gesagt, daß Männer sich vor klugen Frauen fürchten, oder so ähnlich. Und wenns auch nur im Scherz gesagt war; vielleicht stimmt es ja? Als ob Frauen, die klug sind, nur das sind: klug. Sie bleiben trotzdem Frauen, was heißt, daß sie anders sind als Männer. Vielleicht haben sie nicht Angst vor der Klugheit, sondern vorm Anderssein? Vielleicht ist es nur so, daß sie dieses Anderssein nicht auf Dummheit reduzieren können bei klugen Frauen?


Was weiß denn ich? Jedenfalls menschelts hier gewaltig. Diese Hitze ist ganz entschieden nicht dazu geschaffen,daß man irgendwie klug ist. Till Brönner auf den Ohren schlenkere ich so vor mich hin, habe eben in die Sterne geschaut (Warum - dammichnocheins - haben wir nur ein Jahr Astronomie gehabt? Wärens mehr gewesen, könnte ich ein paar der Sternbilder benennen, also so richtig, Centaurus oder so.) und mich geärgert, daß kluge Frauen ja doch zur Vernunft neigen. Natürlich werde ich bei den angesagten Gewittern nicht auf dem Balkon schlafen, obwohl ich drinnen wahrscheinlich noch schlimmere Erstickungsanfälle kriege als letzte Nacht vom Ozon. Frau gewöhnt sich so schnell an die Freiheit, im Schlafen wie im Tun.


Dieses Wetter ist so ein bißchen wie Sterben. Ständig muß ich draußen gießen. Ständig fühle ich mich selbst so schwach. Was natürlich ein einziger Blödsinn ist. Die Hitze macht uns alle schwach und wenig tatendurstig.


Manchmal denke ich, irgendwann wirst du das hier lesen.

19.07.2006 um 13:11 Uhr

Liebes Lusel!

Ich bin Gärtner, jawoll! Einer, bei dem richtige Sachen wachsen. Ich hab die ersten Tomaten entdeckt und da sind auch Gurken. YEAH! Nur bei den Paprikas klemmts noch; die blühen nicht einmal, so daß ich gestern sicherheitshalber noch mal im Netz nachgeschaut habe, ob´s überhaupt welche sind. Sie sind, und ich muß mich in Geduld fassen. Was mir alles in allem stets schwer fällt, so daß meine Gärtnerei eine besonders großartige Leistung ist, finde ich. Denn Ungeduld und Gärtnerei kommt ja allgemein nicht so gut.


Ich sag Dir, ich schaff das noch, irgendwann auf Selbstversorgung via Balkon umzusteigen. Hach!

18.07.2006 um 23:51 Uhr

Liebes Lusel!

Seit über zehn Jahren leb ich jetzt allein, mehr oder weniger. Na, jedenfalls ist dieser oder jener Herr zwar über die Schwelle gekommen, aber nie mit seinem Rasierzeug hier eingezogen. Wenn ich die Anleitung zum Entlieben lese, fällt mir wieder ein, warum das so ist: Sie machen sich entweder zu sehr oder zu wenig breit in unserem Leben. Es scheint, als würde ihnen das rechte Maß fehlen.


Mittlerweile ist das wurscht. Ich führe treffliche Selbstgespräche mit mir, wo auch immer ich bin, und leide nicht unter Einsamkeit. Ist ja auch nur so´n Wort. Was nützt einem die Zweisamkeit, wenn man nicht sprechen kann über die Dinge, die einen wirklich bewegen, mit dem Menschen, der gekommen ist, einem die Einsamkeit zu nehmen. So wenigstens habe ich die Freiheit, mit den Leuten zu sprechen, die ich mir aussuche, statt die zu nehmen, die nun einmal da sind, aus welchen Gründen auch immer.


Geradezu genervt bin ich von solchen Leuten, die Stille nicht aushalten. Wie diese Zahnarzthelferin, die mir alles mögliche Zeugs erklären zu müssen meint. Und am Ende weiß ich doch nicht, was sie gerade macht und warum. Plappermäulchen, das mir nicht einmal mütterliche Gefühle entlockt. Und das will was heißen, denn mein Mutterherz ist erstaunlich groß, gemessen daran, daß ich nie wirklich eine solche Übermutter war, wie man sie aus der Reklame kennt. Als sie mir heute so ganz furchtbar nahe kam, wie das nur beim Zahnarzt möglich ist, habe ich lediglich gesehen, daß sie sieben Löcher oder so im Ohr hat und an Dich gedacht, wie Du mit dem Nagel auf der Fußbank Deine Löcher selbst ins Ohr gehauen hast, daß man fürchten mußte, Du würdest die Fußbank am Ohr festnageln. Das wäre ein Spaß gewesen beim ärztlichen Notdienst. Aber es ist genauso gut gegangen wie das Piercing am Bauchnabel, das Du Dir nach fachmännischer Eiswürfel-Vereisung ... Was bin ich froh, daß solche Sachen hinter mir liegen.


Nur manchmal, wenn ich - wie eben - auf der Straße einen alten Menschen sehe ( der hier war weißhaarig und hangelte sich am Geländer des Treppenweges hinauf ), der mit sich selber spricht, laut und ungeduldig bis böse, dann frage ich mich, wie das mit mir wohl weitergeht.


Wenn ich Glück habe, gehe ich mit meinen über Siebzig, den kurzgeschorenen weißen Haaren (ganz sicher werde ich irgendwann von diesem Selbstrasierer wieder Gebrauch machen und diese Färberei auch ganz nervig finden) und meinen wütenden Selbstgesprächen als exzentrisch durch. Viel zu erben gibt´s bei mir ja nicht, so daß sich eine Entmündigung nicht lohnt. Wenn Gott und meine Kinder wollen, werde ich also als verrückte, aber autonome Alte durch die Welt tollen und entweder närrisches Zeug machen oder mich fragen, warum der liebe Werauchimmer mich nicht endlich zu sich nimmt, da weder meine Kinder, noch meine Enkel (die bis dahin groß und ebenso selbständig sind) sich noch mit dieser wirren Alten abzugeben bereit sind.


Lustig wär´s, wenn ich dann irgendwann einen unrasierten Alten träfe, den ich vielleicht nicht mehr küssen, geschweige denn anderes wollte, der aber genauso wirr vor sich hin redet, so daß sich manchmal unsere Selbstgespräche zu treffen scheinen und es sich anhört wie ein Dialog ...

15.07.2006 um 13:33 Uhr

Liebes Lusel!

Meine Buchhändlerin hat mir heute den Tag gerettet. Denn nach dem Aufstehen, noch im Schlafanzug vor dem PC, fand ich ihre e-Mail vor, daß mein bestelltes Buch da ist. Ich weiß schon, warum ich die Dinger nicht gleich selbst bei dieser A-Firma bestelle. Bequemer geht´s ja eigentlich nicht. Aber ich sehe dann immer Sandra Bullock in "Das Netz" vor mir, die nur noch virtuell gelebt hat und folglich von ihren Nachbarn dann auch nicht vermißt wurde.


Ich mußte also rausgehen, bei diesem Wetter nicht die schlechteste aller Ideen. Nicht nur, weil Sommer ist, sondern weil´s heut nicht so heiß war. Und obendrein ist es ja eine nette Sache, mit einem neuerstandenen Buch im Café zu sitzen. Wobei ich allerdings nicht zu den Leuten gehöre, die so was unbedingt bei ihren Hobbys mit aufzählen: Im Café sitzen und Leute beobachten. Na, pardon, wer Leute beobachten muß, der hat ja wohl dann kein eigenes Leben mehr, oder? Überdies sehe ich keinen so besonderen Unterhaltungswert in z.B. diesen Jungeltern, die ich am Nachbartisch mit ihren Kindern in Lehrerstimme reden hörte. Oder aber diesen verzweifelten Spätsingles, die Ausschau halten, ob nicht doch irgendein Bekannter des Weges kommt, dem man ein Gespräch aufdrängen kann, wenn schon zu Hause keiner zum Reden ist. In unserem kleinen Kaff rennt einem ja ständig jemand Bekanntes über den Weg.


Ich selbst gehöre meistens zu denen, die am Café vorbeirennen, mit vollen Einkaufstaschen, und möglichst keinen treffen wollen, der einem ein Gespräch aufdrängt. Schon gar nicht, wenn in der Einkaufstasche währenddessen irgendwelches Tiefkühlzeugs dahinschmilzt oder der Salat vor lauter Hitze welk wird.


Ich, wenn ich denn schon mal in so einem Café sitze, genieße die Gesellschaft meines Buches, die mir ausreicht, während der Milchkaffe (ich sage nie Café latte, mag die Bude so italienisch sein, wie sie will) abkühlt (warum habe ich nicht gleich einen Eiskaffee bestellt?). Meine Heldin aus dem neuen Buch enttäuscht mich nicht, und die dicken Frauen und Mädchen, die bauchfrei an mir vorbeischlendern in der Hoffnung, gesehen zu werden, bieten obendrein allerhand Trost: Mein Bauch ist nicht frei, aber beileibe (haha!) nicht so dick.


Ich hab´s dann auch nicht über Gebühr ausgedehnt und bin bei Seite 42 schließlich doch noch drei Sachen einkaufen gegangen. Auf dem Rückweg sah ich, daß mein dämlicher Nachbar, der - obschon einige Jahre jünger als ich - niemals so alt werden kann, wie er heute schon aussieht, immernoch da saß und pseudowichtig irgendwas auf sein Zettelchen kritzelte. Ich, wenn ich mich so wichtig machen wollte, würde mit Schlepptop losziehen und in der gleichen Zeit vermutlich einen halbwegs gescheiten Eintrag hier fertig haben. Aber, naja, er ist halt doch sehr anders als ich, und die Tatsache, daß wir zur gleichen Zeit das Haus verlassen, um ins Café zu gehen, schafft nun gerade nicht unbedingt eine Verbindung zwischen uns.


Und übrigens hab´ ich´s ja nicht nötig, mich wichtig zu machen. Ich schreib mein Zeugs daheim, wie eben jetzt.

12.07.2006 um 00:54 Uhr

Liebes Lusel!

Schon vor Stunden hat sich der Himmel zugezogen, was ich geradezu großartig fand (und das ist selten genug!), denn die Vorstellung, Wasser auf die Haut zu kriegen, das eine Temperatur von weniger als dreißig Grad hat, war beinahe genial.


Aber die Sache war nur eine hohle Drohung, selbst jetzt, wo sie schon untergehen sollte, scheint noch die Sonne, das Schwein. Ich sitze in der Brühe meiner eigenen Abwässer, die aus allen Poren kriechen, und kann die Welt nicht ausstehen. Allenfalls der Gedanke, nach zwei letzten Tagen Arbeit endlich Urlaub zu haben, hält mich auf den Beinen.


Sei der Urlaub wie auch immer. Mein Zahnarzt, der nach mir Urlaub hat, freut sich dumm und dusselig, daß ich den seinen bezahle, nochzumal er sinnvollerweise in der zweiten Runde mit dieser jugendlichen Zahntechnikerin verheiratet ist, die die große Schwester seines Sohnes aus erster Ehe bzw. beinahe seine Tochter, also die vom Zahnarzt, sein könnte. Aber man tut ja gerne etwas für seine Mitmenschen. Und übrigens lasse ich mir das Geld lieber von meinem Zahnarzt in den Mund pflastern, als es dem Steinbrück hinten rein zu schieben.


Leider fangen wir ja erst am Montag mit der Sache an, wohingegen ich den Halbgaren mitsamt Freundin und deren Eltern schon irgendwann vorher erwarte. Also, nicht daß ich drauf warten würde. Ist schließlich schon das dritte Elternpaar, das sich einbildet, den Halbgaren als nettesten aller Schwiegersöhne in spé in seiner Familie aufnehmen zu dürfen. Ich hab bis hierhin schon zu viel gesehen, um mir einzubilden, daß das das Ende wäre. Ich werde noch allerhand Eltern von allerhand netten Töchtern kennenlernen, die allesamt hernach bei mir anrufen und die Welt nicht verstehen werden.Die Töchter meine ich. Denn die Eltern sollten´s bei näherer Betrachtung sehr wohl verstehen, daß man in diesem Alter noch keine Bindung für die Ewigkeit eingeht, wenn´s denn so etwas überhaupt noch gibt.--- Was weiß denn ich? Ich würde mich nur zu gern aus all dem ´raushalten. Auch wenn ich natürlich diese Eltern begreifen kann, die lieber heute als morgen ihre Mädchen-Kinder unter der Haube hätten.


Und wie bin ich jetzt auf all das gekommen? --- Achja, die Sonne, das Schwein, ist inzwischen untergegangen. Wir beide haben telefoniert. Du hast mir telefonisch versichert, daß du noch immer keine Zeit hattest, hier rein zu schauen. Und ich nahm das mit einer gewissen Befriedigung zur Kenntnis. Denn eigentlich willst du nicht wissen, was hier steht. Und ich will nicht, daß du weißt, was ich hier schreibe.


Auf diese Weise können Mutter und Tochter sich wunderbar verstehen.



Gute Nacht für heut!

04.07.2006 um 21:57 Uhr

Liebes Lusel!

Der hübscheste Satz, den ich heute gehört habe:


"Das soll nicht heißen, daß wir ein Paar sind; das ist ein Mitleidsfick."



("Sex and the City", womit ein weiteres Mal bewiesen wäre, daß ich kein Fußballfreund bin. Die Jungs schießen einfach zu oft daneben, wenn sie denn überhaupt mal an den Ball rankommen.)

02.07.2006 um 10:43 Uhr

Liebes Lusel!

Also die Kirchen hier haben sich ja gegen meinen Schlaf verschworen. Alle beide. Morgens halb Acht bimmeln die Katholiken zum ersten Mal. Und wenn die sich beruhigt haben, weil die Katholiken auf den Kirchenbänken sitzen, dann fangen die Evangelen an, um neun. Die Evangelen klingeln mindesten drei Mal. Wahrscheinlich haben die´s etwas schwerer, ihre Schäfchen in die Kirche zu kriegen.


Jedenfalls gehört schon allerhand Willenskraft dazu, länger als bis halb Acht zu schlafen. Schlechtes Wetter ist dabei auch ganz hilfreich. Weil man da die Fenster zu hat und die Sache nicht so gut hören kann. Aber jetzt haben wir ja gutes Wetter und das Bedürfnis, länger zu schlafen. Weil es tagsüber so lange so heiß ist, daß man die Abend- und Nachtstunden genießen will. Da kann´s dann abends schon ein bißchen spät werden.


Wenn´s mir hier in der Wohnung nicht so gut gefallen würde, wären die Kirchen schon ein Grund, sich etwas Neues zu suchen. So aber wäge ich ab und sehe die zwei Balkons, die (wenn sie denn scheint) mir Sonne den ganzen Tag ermöglichen. Ich sehe diesen großartigen Blick über die Stadt, auf Sonnenauf- und -untergänge und - zu Silvester - das großartigste Feuerwerk, das es gibt. Ich denke an den Fleischer und den Bäcker und überhaupt allerhand Läden, die da sind, wenn ich aus meiner Haustür ´rauskomme, manche sogar sonntags. Ja, und da ist auch der Logenplatz bei mancher Festivität, wo sich die Leute unten auf der Straße drängeln und doch nicht zu sehen kriegen, was ich sehe.


Daß ich zum Ausgleich auch dann dabei bin, wenn ich keine Lust drauf habe, muß ich wohl hinnehmen: Böllerschüsse zum Grafenfest (direkt unter meinem Balkon, aber es sind ja nur zehn ... oder zwölf?), Dickebackenmusik beim Durchzug der Karnevalvereine aller umliegenden Orte (ebenda), Autokorsos (wußte gar nicht, daß wir so viele Portugiesen hier haben) oder auch nur das Feuerwehrfest.


Gerade um letzteres war ja geradezu froh, weil das der Tag war, an dem ich das Wespennest in meinem Rolladenkasten entdeckte. Die sind auch ganz schnell drei Mann hoch zu mir gekommen und haben mit staunenden Augen geguckt, was es alles gibt. Aber entfernt haben sie das Ding noch nicht. Obwohl sie sich zwei Mal morgens um sieben bei mir angekündigt haben. Naja, ich sehe ja ein, daß sie auch noch andere Beschäftigungen haben als Wespennester zu entfernen. Aber schließlich gibt es ein Telefon, mit dem man mal Bescheid sagen kann, daß man nicht kommt. Wolln ja auch Geld dafür haben, denn so weit geht die Menschenliebe nicht, daß sie´s umsonst machen. Der LIDL drei Orte weiter hatte jedenfalls schon Tage vorher gebrannt, daran kann´s nicht gelegen haben, daß sie nicht gekommen sind.


Mittlerweile überlege ich, ob ich das Wespennest nicht lasse, wo es ist und erst im Herbst entferne. Richtig stören tun mich die Viecher ja nicht. Ich hätt´sie gar nicht bemerkt, wenn ich nicht die doofe Idee gehabt hätte, den Rolladen runterzumachen. Mach ich doch sonst auch nie. Genaugenommen hab ich dieses Jahr weniger Wespen in der Wohnung als in manchem Jahr davor. Vielleicht so´ne Art Heimvorteil?


Jedenfalls sind das alles so Sachen, bei denen ich mir sage: Man kann nicht alles kriegen, was man will und wie man´s will. Nur das Gute ohne ein bißchen Schlechtes gibt es wohl nicht. Und wenn alles nur gut wäre, würden wir´s vielleicht, wahrscheinlich gar nicht mehr merken. Erst die schlechten Sachen im Leben zeigen uns, wie gut wir´s doch eigentlich haben. Oder?