Einer von den guten Samstagen. (Und ich werde jetzt nicht behaupten, daß das an der Abwesenheit Deines Bruders liegt, an die ich mich freilich zu gewöhnen beginne. Single-Sein ist keine so üble Sache.)
Die Wohnung heute Morgen war genauso wie ich sie gestern beim zu-Bett-Gehen gesehen habe. Kein Halbgarer, der des Nachts Freßattacken hatte und eine entsprechende Küche hinterließ. Dreckwäsche nur gerade so viel, wie ich sie in dieser Woche produzierte, und kein Druck, jetzt und sofort mit der Reinigung zu beginnen. Minimaleinkauf in der "Stadt", dann ein Eiskaffee beim Italiener.
Irgendwo zwischendrin diese netten Burschen von den "letzten Tagen". Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, derlei Gespräche sofort abzublocken, habe ich ihnen zugehört, lang genug, um zu wissen, daß es eigentlich Mormonen sind. Und mich erinnert, daß der Großvater Deines Vaters (also: des Mannes, der Dich großgezogen hat, ohne Dein wirklicher Vater zu sein) mir das Buch Mormon überantwortet hat, welches ich jedoch nie las. Beim ersten Blick da rein erkannte ich, daß es ebenso mühselig sein würde wie das Bibellesen, das ich immerhin ein ganzes Stück weit (beim Alten Testament) und komplett (bei Neuen Testament) geschafft habe. Nur so viel hatte ich im Kopf: Die Mormonen sind doch die mit der Vielweiberei, oder?
Es war wohl dieser Teufel, der mich geritten hat, den Jungs meine Telefonnummer zu geben, weil ich gerade eben so schrecklich in Zeitnot war: Mal nachfragen, warum diese Sache nicht auch für Frauen gilt, also: Warum die nicht mehrere Männer haben dürfen bei den Mormonen.
Inzwischen habe ich mich informiert (noch mal passiert mir so ´was nicht wie damals bei Gabi: eine Horde von Zeugen Jehovas, die auf mich einreden, daß ich mir alles Mögliche wünsche, nur nicht, Mitglied in diesem Verein zu sein) und herausgefunden, daß die Mormonen hierzulande eher nicht der Vielweiberei anhängen (die gibt es nur noch in Utah) und sehr sittsam sind, also jedenfalls sittsamer als ich, die ich mich nie an irgendwelche Regeln hielt. Sie schicken ihre Jungen, wenn sie zwischen 19 und 21 sind, zum Missionieren. Und wenn sie mir wieder über den Weg laufen, was sich wohl nicht vermeiden läßt, denn es ist derzeit ihr einziger Job (für den ihre Familien und nicht die Glaubensgemeinschaft aufkommen), dann sollte ich, wenn ich denn schon nicht vom Mormonenglauben zu überzeugen bin, die zarten Seelen der Jungs wenigstens nicht ankratzen. Mag jeder nach seiner Facon selig werden.
Was auch für mich gilt.
Wenngleich ich mich heute mehr als irgendwann in der letzten Zeit erinnern konnte an damals, wo ich mit glänzenden Augen durch die Gegend lief und jeden ganz schrecklich nett fand. Und weil ich sie nett fand, waren sie auch nett. Es war eine durchaus nette Zeit, damals. Denn die Menschen mögen es, vorurteilslos betrachtet zu werden. Es gibt ihnen alle Möglichkeiten, noch einmal von vorn anzufangen, das Beste zu zeigen, was in ihnen steckt. Und viele von ihnen nutzen die Gelegenheit; so viele davon gibt es ja nicht.
Manchmal wünsche ich mir diese glanzäugige Zeit zurück. Was nützen einem Lebenserfahrung und der Plan B in der Tasche, wenn man den anderen keine Chance gibt? Und: Will nicht auch ich manchmal meine Chance, vollkommen von vorn anzufangen?