Liebes Lusel!
Ach, es ist gar nicht so einfach, erkennen zu müssen, daß unsere Kinder nicht nach unseren Idealen leben, sondern nach ihren eigenen. Ab einem gewissen Punkt ist man schon froh, wenn sie ihre eigenen haben, irgendwie.
Als ich dieser Tage bei Dir war, konnte ich immerhin feststellen, daß Deine Art zu leben ein glückliches, obendrein wunderschönes Kind hervorgebracht hat. Und daß Du ein leichteres Leben hast als ich damals, ist ja eher nur gut.
Aber dann bin ich doch erschrocken: Du zeigtest mir den Kindergarten, in den Du Deinen Sohn gerne bringen würdest. Nur leider sei dies ein evangelischer, und Dein Sohn würde doch katholisch getauft. "Ja, aber", fragte ich, wie Ihr das Kind in einer Kirche taufen lassen könnt, die Jungfrau Maria ... und Kondome verbieten sie auch. Im Hinterkopf all die Dinge, die wir ja alle wissen, also nicht mehr auszusprechen brauchen: Diese Kirche hat so viel Unglück über die Menschheit gebracht und Ihr wollt Euer Kind da hineintun.
Ich hab dann sehr schnell den Mund gehalten, nachdem Du darauf beharrtest, daß Dein Mann ja durchaus ...
Nicht nur, weil ich in der Vergangenheit einen anderen Eindruck gewonnen hatte, sondern weil sich in meinem Hinterkopf ein alter Film abspulte. Ich erinnerte mich, daß Dein Mann nicht den Namen seines Vaters, also des Mannes tragen durfte, der ihn großgezogen hat, weil man sonst Gefahr gelaufen wäre, das Erbe des leiblichen zu verlieren. Obwohl das aus meiner Sicht gar nicht geht. Aber er hätte wohl allerhand großzügige Gesten nicht getan, wäre da das Gefühl gewesen, dieses Kind sei nicht mehr sein Kind. Und sowieso ist das Erbe womöglich noch weit.
Imgrunde also, so mein Eindruck, geht es um Geld. Der Sohn durfte nicht heißen wie der Rest seiner Familie, und der Enkel darf nicht den Glauben haben, hinter dem seine Eltern womöglich eher stehen. Alles, weil da irgendein Vorfahre ist, der mit der Geldbörse wedelt und latent droht, er könne seine finanziellen Wohltaten auch einstellen, wenn man nicht so will, wie er wohl will. Wohlgefälliges Verhalten via Brieftasche.
Naja, ich habe jedenfalls nicht gedacht, daß ich Dich dazu erzogen habe. Ich hätte alle Abweichungen von meinem Weg hinnehmen können, aber diese Art von Selbstbetrug liegt meinem eigenen Lebensweg so was von fern, daß ich meinte, Du hättest wenigstens diese Prinzipien mitgekriegt.
Als Du noch meine Tochter warst und nicht die junge Frau, die zufällig meine Gene hat, war ich stolz auf Deine Bescheidenheit. Irgendwie war es mir gelungen, Dir zu vermitteln, daß Markenjeans eben auch nur Hosen sind. Du hast auf diese Dinge nie großen Wert gelegt. Ich hatte geglaubt, diese Art Erziehung würde ein Leben lang vorhalten; deswegen strengen wir Eltern uns ja meist so an: Wir wollen unsere Ideale weitergeben.
Und nun muß ich erkennen, daß das uralte Prinzip, nach dem sich überkommene Dinge viel zu lange halten, noch immer lebt und von Dir weitergetragen wird. Klar will jeder, daß es seinen Kindern mal besser geht. Klar steht Ihr finanziell so großartig nicht da. Klar spielt so eine Taufe nur eine untergeordnete Rolle. Wie man dann lebt, hat man selbst in der Hand. Aber: Dinge zu tun, hinter denen man nicht wirklich steht. Und Dinge zu verleugnen, die man halt tut (Dein Schwiegervater weiß bis heute nicht, daß sein über dreißigjähriger Sohn raucht; dort wie auch bei der Hochzeit, wo es seine Mutter hätte sehen können, hat Dein Mann heimlich geraucht, wie ein Fünfzehnjähriger...); irgendwann muß man doch man selbst sein können. Obendrein kränkt mich, daß Du für mich sehr viel kleinere Rücksichten nie genommen hast. Weil bei mir eben kein großes Erbe dahintersteht? Geht es immer nur um Geld? Und, wenn ja, was ist es, das Du von mir mitgekommen hast?
Aber wenn dieses Prinzip noch immer funktioniert, wenn Ihr es nicht geschafft habt, unabhängig und auf eigenen Füßen zu leben, dann stellt sich mir die Frage, warum und wofür ich gekämpft habe, mein bisheriges Leben lang. Und außerdem frage ich mich, wie sehr ich angesichts dessen zur Rücksicht verpflichtet bin: Soll nun auch ich zu einer Festivität erscheinen, hinter der ich nicht stehe, nur weil Du meine Tochter bist? Soll auch ich nun auf meine alten Tage, nach einem Leben voller Kämpfe gegen viel kleinere Sachen, plötzlich Teil dieses Systems werden?
Zum Glück habe ich Zeit bis zum nächsten Jahr. Über zu vieles muß ich nachdenken.
