Luselei

29.10.2006 um 10:01 Uhr

Liebes Lusel!

Fast hätte ich ja auf die Idee kommen können, diese Urlaubswoche, gemeinsam mit Deinem Bruder verbracht, als eine gute, harmonische zu bezeichnen. Quasi eine Erinnerung an frühere Zeiten, in denen er der gute Junge war.

Insgeheim habe ich mich gefragt, was denn die andere Mutter getan oder gesagt haben mag, um dieses verwirrte Pärchen wieder auf den Pfad der Normalität zu bringen. Ist sie sich ihrer Macht bewußt geworden und hat sie ausgespielt? Na, mir war es recht, was auch immer sie gesagt hat. Denn neben mir bewegte sich dieser normale Sohn, an den ich mich aus grauen Vorzeiten erinnern konnte. Der ganz normale Dinge getan hat, sich - sogar zusammen mit der Mutter - aus dem Haus begab, die Sonne auf den Bauch scheinen ließ, einen Tag seinem Neffen opferte und all so was.

Noch vor sehr kurzer Zeit wagte er sich kaum zum Einkauf aus dem Haus, weil ja sie inzwischen hätte anrufen und ihn hernach - im Falle der fehlenden Erreichbarkeit - der Untreue bezichtigen können.

Fast schien es, als hätte es meiner Spielregeln zur Gewährleistung egoistischen Erholungseffektes nicht bedurft. Die Anrufe auf meinem Telefon, die ich mir gleich zu Beginn der Woche verbat, wie auch die affektgeladenen Handytelefonate (die zur Bitte geführt hätten, das Gespräch außerhalb meiner Wohnung weiter zu führen) blieben aus. Wenngleich ich meine Zweifel darob anmeldete, daß Dickes Mädchen tatsächlich krank und also imstande war, bereits am Vormittag mit Sohn zu chatten. 

Eine ruhige Woche also, bis zum gestrigen Abend, an dem ich wieder die altbekannten Liebesschwüre, laut und dringlich vorgebracht, aus Sohns Zimmer hörte: diesmal über´s Headset und ICQ, was immerhin den Vorteil hat, daß sie - in Ermangelung des Equipments - ihre Verbalangriffe via Tastatur liefern mußte und ihm nicht ins Wort fallen konnte. Dann doch der Griff zum Telefon. Irgendwann der Satz: "Dann such dir eben einen anderen Freund!"

Ach, wenn er das doch endlich wahrmachen würde!

Am Nachmittag hatte das Filtertütenmädchen angerufen. Und ich, ehe ich ihm den Hörer gab, zischte ihm zu: "Sei freundlich!", was er wohl war, aber eben auch seeehr kurz. Filtertütenmädchen adé, dachte ich. Denn frau mag sich ja zu einem Erstkontakt nach langer Zeit aufraffen, aber erkennt eine Abwimmelei, wo sie stattfindet.

Irgendwann in der Nacht, so halb fünf, fand ich ihn, nachdem ich seine Stimme gehört, angezogen auf dem Bett vor. Hellwach, aber erschöpft. Und ahnte, daß diesem Vorfinden stundenlange Gespräche nach meinem Schlafengehen vorangegangen waren. Auch heute morgen, in aller Herrgottsfrühe, wieder das Geräusch des eingehängten Telefons. 

Daneben (Hört all das denn nie auf?) verblaßt, was mir so angesichts unseres Besuches bei Dir ein- und aufgefallen ist. Ich werde später drüber nachdenken. Erst mal diesen Tag rumkriegen und schauen, was der mir so bringt.

Nur eins: Ich habe den großartigsten Enkel von der Welt. 

23.10.2006 um 09:35 Uhr

Liebes Lusel!

Gestern rief mich meine Schwester an. Sie erzählte, daß unser beider andere Schwester sich bitterlich beklagt habe, sie würde sich so selten melden.

Es stimmt ja, wir drei haben so häufig nicht Kontakt zueinander. Wobei meine Schwester, also die, die anrief, sich ungefähr vier Mal im Jahr meldet, die andere allerdings höchstens zum Geburtstag ... wenn überhaupt. Woraus deutlich wird, wie die Verhältnisse bei uns sind. Wir telefonieren halt alle drei nicht so gern. Und übrigens pflegen wir gern die Stille.

Und sowieso hat ja jeder seine eigene Familie und sein eigenes Leben. Und am Telefon kann man nicht alles sagen. Aber mir reicht es, wenn wir vier Mal oder so im Jahr telefonieren. Wollte ich das öfter haben, könnte ich ja auch anrufen. Manchmal tue ich das auch. Aber eigentlich finde ich es schön, daß meine Schwester seit dem Tod unserer Mutter die Familie zusammenhält. Sie lädt uns auch zuweilen zu irgendwelchen Festen ein. Damit wir alle den Kontakt nicht verlieren.

Wahrscheinlich war das auch der Grund, weshalb meine Schwester ein wenig betroffen über diesen nicht so neuen Vorwurf war. Sie gibt sich ja Mühe und hat einen Job übernommen, der nicht ihrer ist. Sie ist zwar die Große, aber eigentlich sind wir doch alle groß. Und wenn einer von uns Defizite empfindet, dann kann er doch was dagegen unternehmen.

Und sowieso stelle ich mir die Frage, warum unsere Schwester diesen Mangel stets nur in Schüben empfindet. Immer dann, wenn bei ihr alles in Ordnung ist, will sie den großen Kontakt, wenn aber -wie so oft im Laufe der Jahrzehnte- irgendwas nicht so läuft, zieht sie sich zurück. Sie möchte nicht, daß wir von den Schwachpunkten in ihrem Leben und ihrer Beziehung wissen.

Kann ja sein, daß unsere Große irgendwann sehr kritisch war und uns auch nicht alles erzählt hat. Aber ich bin schon froh, daß sie´s heute nicht mehr ist. Sie hat im Laufe der Jahrzehnte ein großes Herz gekriegt und versteht vieles, was man natürlich erst begreift, wenn man es ausprobiert. Ich jedenfalls, die ich ja auch keine Scheu habe, mich hier auszubreiten, ich also finde es albern, wenn man sich sogar in der Familie verstecken soll. Manchmal läufts gut, manchmal eben nicht. Und schließlich sind wir ja nicht an allem selber schuld. Die Dinge sind, wie sie sind. Und das stete Mühen, sie so gut als möglich zu machen, setze ich wohlmeinend einfach voraus.

Wer, außer der Familie, sollte denn da sein,wenn´s mal nicht so läuft? Auch auf die Gefahr hin, daß ebendiese Familie uns irgendwann unter die Nase reibt, daß wir diesen einen Fehler schon etliche Male gemacht haben.Dafür ist eine Familie da. Zum Feste feiern findet man auch viele andere Leute. 

Meine Schwester gestand mir auch, sie habe nicht mehr die gleiche Lust wie früher, Dinge zu tun. Vieles sei so viel mühseliger als früher und verheiße längst nicht mehr den gleichen Spaß. Das einzige, worauf sie wirklich und immer Lust habe, sei ihre Enkeltochter.

So betrachtet, kann ich, die ich mich schon heute oft so fühle, ja noch hoffen.

Noch diese Woche schaue ich mir wieder mal Deinen Kleinen an ... 

 

20.10.2006 um 15:33 Uhr

Liebes Lusel!

Meine Buchhändlerin hat mir heute den Tag gerettet. Also nicht die eine, mit der ich meist verhandle, sondern die andere, eher ruhige, die nicht ganz so oft zu Wort kommt und auch ein wenig ernsthafter ist.

Als ich das Buch "Älterwerden" bestellte, weil´s offenbar mich betrifft und hoch gelobt worden ist, ob der Kontenance der Schreiberin ( Sie wissen schon: Kontenance ist das, was dem Stoiber oftmals fehlt.), kamen wir natürlich auf´s Älterwerden zu sprechen. Kurz nur. Und ebenjene ansonsten eher ruhige Buchhändlerin sagte höflich, daß das ja schon mit Dreißig begänne. Nun ja, ich geb´s zu: Ich kokettiere ganz gerne mit meiner Großmutterschaft. Nicht nur, weil ja jeder sich einbildet, jünger auszusehen, als er ist, sondern auch, weil manchereine in meinem Alter noch ihr Erstgeborenes morgens zur Grundschule bringt. Wir haben im Osten halt früher angefangen.

Höflich sagte die Buchhändlerin also, daß das mit den Enkelkindern manchmal schneller ginge als man denkt, woraufhin ich mich genötigt fühlte, zu erklären, daß meine Tochter bereits 28 sei. Da schaute sie dann wirklich erstaunt drein und gestand, mich doch jünger geschätzt zu haben. Ich übertrieb ein wenig und meinte, ich ginge hart auf Fünfzig zu, was meinem Empfinden nach nicht einmal gelogen ist, fehlen ja nur noch eineinhalb Jahre. Woraufhin sie mir spontan gestand, sie hätte mich gerade mal auf anfang Vierzig geschätzt.

Eigentlich ist es ja ein völliger Blödsinn, sich über so etwas zu freuen. Als ob es auf ein paar Jahre ankäme! Aber offenbar tut es das doch. Ja, klar! Wir möchten gern näher an den Vierzig sein als an den Fünfzig. Und das nicht nur, weil da zehn Jahre dazwischen liegen, sondern weil - wenigstens nach meinem Empfinden - der Schritt zwischen Vierzig und Fünfzig eben der zwischen den besten Jahren und der nachlassenden Kraft und Schönheit ist (nicht, daß ich mich schön finde), aber in diesem Alter kommt es auf Ausstrahlung, straffe Haut und einen knackigen Arsch an; all diese Dinge lassen eben zwischen Vierzig und Fünfzig nach. Beim einen mehr, beim anderen weniger, aber irgendwie doch bei uns allen. In diesem Alter übrigens werden wir (so wir nicht vollkommen durchgeknallt sind und gerade eben erst mit dem Erwachsensein angefangen haben) eben auch Großeltern und übrigens auch die Generation, die langsam anfangen sollte, über eine Sterbeversicherung nachzudenken. Da könne wir uns so jugendlich geben, wie wir wollen. Bestenfalls gelingt es, die Sache noch um zehn Jahre hinaus zu zögern. Eben weil unsere Kinder noch klein sind oder wir erst jetzt, nach einem ewig langen Studium, so richtig Fuß gefaßt haben im Berufsleben.

Aber eigentlich, und das hören wir alle Tage, haben wir auf dem "Markt", dem Arbeitsmarkt oder auch dem Singlemarkt, dann so große Chancen doch nicht mehr. Altes Eisen mit sinkender Leistungskurve, im Job und im Bett gleichermaßen, ob das nun stimmt oder nicht. Man sieht uns so an, als würde es stimmen. "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr ...", irgendwie so. Wir fangen an, zurück zu blicken und uns zu fragen, was da noch "drin" ist. Und fürchten, das könne so viel dann nicht mehr sein.

Mit anfang Vierzig aber wäre noch alles mögliche drin, vielleicht, wenn wir´s noch mal wären und manches anders gemacht hätten. Mit anfang Vierzig könnte man, wie so viele andere, noch einmal Kinder haben ( aber, pardon, Frauen sind selten so blöd, die gleiche Sache noch mal zu machen, nur um sich jünger zu fühlen). Aber man könnte ...

Übrigens hoffe ich, daß meine Buchhändlerin, sie wissen schon: die eher ruhige, nicht einfach nur freundlich sein wollte. Bei den angenehmen Dingen ist man so kritisch ja dann doch nicht. Aber eigentlich ... ich finde auch nicht, daß ich wirke, als wäre ich näher an den Fünfzig.

 

Übrigens geht die Geschichte noch weiter, nur für mich. Denn kurz nach meiner Heimkehr stellte ich fest, daß unten an diesem Springbrunnen vor meinem Balkon Leute zu Gange waren, diesen zu reinigen. Ich hatte bei der Stadt schon vor einem halben Jahr darum gebeten und nicht mehr zu hoffen gewagt. Weil doch seit inzwischen drei Jahren schon kein Tropfen Wasser mehr durch die Rohre kommt. Alles verdreckt, auch weil die Jugendlichen , die gerne abends dort sitzen, alles fallen lassen, was sie nicht mehr brauchen. Und nun waren da drei Leute dabei, den Dreck wegzumachen und alles zu putzen. Das macht man nicht, wenn man nicht auch irgendwann den Wasserhahn wieder anstellen will.

Ich hab dann, als der Druckluftreiniger mal einen Moment aus war, einen Kasten Pralinen runtergeschmissen. Kann schon sein, daß den Ein-Euro-Kräften ein paar Euro mehr lieber gewesen wären. Aber erfreute Anwohner zu sehen, die dankbar sind, daß nun endlich was geschieht, war offensichtlich auch nicht schlecht.

Sie putzten wie die Wilden ...

 

19.10.2006 um 21:21 Uhr

Liebes Lusel!

Da ich Dich ja schon unter der Haube habe und Dein Bruder es vorzieht, mit weit geöffneten Armen in sein Unglück zu rennen, kann ich mich getrost C.´s Schicksal widmen.

Immerhin steht sie jeglicher Art von Vorschlag sehr offen gegenüber. Heute zum Beispiel (nachdem, ich geb´s zu, meine letzte Idee vielleicht dann doch nicht so gut war) sprang mir in einem dieser Blättchen, die sie einem kostenlos in den Briefkasten schmeißen (auf daß ich sie nicht einmal meine Wohnung sehen lasse, weil ich sie sofort zur blauen Tonne trage), heute also hab ich das Blättchen mit hoch genommen. Weil ich C. und mich eingeladen fühlte. Zum Martins-Gans-Essen.

Was ja ansich schon eine schöne Sache ist, wenn man nicht vom Diätwahn befallen durchs Leben läuft. Aber nicht die Gans hatte mich beeindruckt, sondern die Beschreibung des Ambientes ("Romantischer Stehempfang" am Feuerkorb mit Punsch in einer Mühle; Gans natürlich auch) und der Gastgeber: liberaler mittelstand.

Ich mag es ja, wenn Leute ihren Haufen klein schreiben, weil sie um ihre innere Größe wissen. (Ich schwaches Geschöpf dagegen habe heute auf der Arbeit mehrfach fett und einmal sogar einen ganzen Satz GROSS geschrieben. Wahrscheinlich schwang noch das Mittagsgespräch in mir nach, bei dem wir uns über Dominas unterhalten hatten. Wir kamen darauf, daß eine wirklich gute Domina, die ausgelastet ist und soviel Zeit mit ihrer Arbeit verbringt wie unsereiner, in vierzig harten Arbeitsjahren so an die zehn Millionen verdient haben könnte. Vielleicht gefiel mir die Idee und ich hab´s, klein anfangen!, erst einmal auf dem Papier versucht, ein wenig grob zu sein.) Dabei weiß doch jeder, daß der Mittelstand die Stütze unserer Gesellschaft ist und - nicht nur das - auch dazu neigt, Netzwerke zu bilden. Was ja eher gut ist: Kennst du einen, kennst du sie alle. Und jeder hilft jedem, weil sie irgendwie alle die gleichen Probleme haben. Besonders gut: Gemischte Netzwerke, weil auch Frauen Geschäftsleute sind.

Und sollte es, aus Versehen, passieren, daß du irgendwann mal in die Truppe mit dem F rutschst, läufst du wenigstens nicht allzu große Gefahr, in die Regierung zu kommen. (Oh, wie schön ist´s in der Opposition!) Aber nicht politische Ambitionen treiben uns zum liberalen mittelstand, sondern die Idee, daß man da (vorausgesetzt, man ist eine Frau mit Stil, Bildung und einem Fortpflanzungswunsch) jedenfalls eher halbwegs zuverlässige Gesellen treffen könnte. Solche, die nicht so´ne Hungerleider sind, weil sie Spaß am Geldverdienen und -ausgeben haben, und liberal in den Anschauungen obendrein, was das im Einzelfall auch immer heißen mag.

C., die ja durchaus zugänglich, aber nicht in jedem Fall begeistert ist von meinen Gedankengängen, fand diesen bedenkenswert. Nicht nur, weil die biologische Uhr tickt, sondern auch, weil man den Tatsachen ins Auge sehen muß: Es gibt nicht so viele Orte, an denen man die möglicherweise interessantesten Menschen der Region auf einem Haufen antreffen kann. Und man muß ja doch etwas für einen guten Umgang tun.

C. also hat sich den Tag im Kalender vorgemerkt (stand noch nichts drin) und auch, daß man sich vorher verbindlich anmelden muß. Schließlich soll bei so einer Sache nicht Kreti und Pleti auflaufen. Das kann man ja verstehen. Weil ... Kreti und Pleti anzutreffen, gehn wir da ja nun wirklich nicht hin. Und irgendwie liberal sind wir ja doch auch.

 

17.10.2006 um 20:25 Uhr

Liebes Lusel!

Ich sprach neulich über C. und ihre Pläne für die Zukunft. Na, eigentlich waren´s meine Plände, weil ich C. doch kenne, beinahe wie eine Mutter, die ihr Kind kennt (man bildet sich gern ein, daß es so ist). Die Reaktion der verheirateten Frauen schlug Wellen, weil wir so ruchlos über die Ehefrauenrechte hinweg gehen wollten. Was ja so eigentlich nicht stimmt. Wir meinten nur, jeder möge die Verantwortung für seinen Part bei der Sache übernehmen.

C. nun rief mich heute zwei Mal an, aufgeregt, fast verstört. Wozu zu sagen ist, daß wir untertags eigentlich nie telefonieren, weil wir beide in unserem Job aufgehen, ja, das gibt´s. C. war empört, weil der Genspender ihrer/ unserer Wahl sich nicht entblödet hatte, aus einer Freitagabendverabredung gleich eine Selbsteinladung für ein ganzes Wochenende zu machen. Das war so nicht abgesprochen und spricht dafür, daß er C. nicht so gut kennt, wie er sollte, wenn er neues Leben spenden soll (wovon wiederum er nichts weiß). C. verkündete empört, daß er wohl spinne, weil ... es gäbe ja genaugenommen nur eine Hand voll Leute, die C. länger als ein paar Stunden ertrüge.

Der Spender, den sie übrigens seit drei entwicklungstechnisch schwerwiegenden Jahren nicht gesehen hatte, gehöre ganz sicher nicht zu denen. (Und selbst ich muß froh sein, daß C. mich dazu zählt, weil ich von mancherlei Gelegenheit zu berichten weiß, da C. sich mit echten oder vorgeschützten Kopfschmerzen zurückzog. Was mich annehmen läßt, sie könne mich nur der Freundlichkeit halber in diese Hand gedrückt haben.) Jedenfalls fand sie´s eine bodenlose Frechheit, verplant zu werden von einem, wo sie doch ihre Pläne selber mache, oft und gern und auch an diesem Wochenende.

Es spricht ja nun eher für sie, die wertvolle Zeit eines verheirateten Mannes nicht allzu sehr in Anspruch nehmen zu wollen und auch die Gepflogenheiten nicht zu kennen. Denn schließlich ist so einer ja doch eher stolz, sich dieses Wochenende für sie "freigeschaufelt" zu haben mit einer guten Ausrede für die Gemahlin und einem Was-auch-immer-Spiel, das er nicht aufzusuchen gedenkt, um bei C. zu sein. Die so viel Nähe sogar gedanklich, geschweige denn in Wahrheit kaum verkraften kann.

Wir sinnierten also, was zu tun sei, um ihm diese feste Planung auszutreiben. Und hatten mancherlei Idee. So die von der Freundin, die am Samstag umzieht und C.´s Hilfe dringend bedarf. Was nicht einmal gelogen wäre, denn C. hatte das wirklich vor. Und wußte nur nicht recht, wie man das einem Mannsbild klarmacht, das nicht einmal genug Loayalität besitzt, die eigne Frau nicht anzulügen. So einer würde ja dann wohl erwartet haben, daß sie sich ähnlich aus der Affäre ziehen kann. Nicht ahnend, daß Frauenfreundschaft so viel mehr wert ist als ... vieles, was ein Mann sich vorstellen mag.

Wir kamen gar auf die Idee, die solle ihn fragen, ob sie - nachdem sie ihn für den Rest des Wochenendes ausgeladen hat - für Freitagabend ein Hotelzimmer für ihn beschaffen soll. Das hätte ihm die Lust vermutlich ausgetrieben. C. nämlich war sie längst schon vergangen.

Weil: "Man merkt sich ja immer nur das Schöne. Den Rest vergißt man. Aber jetzt, jetzt habe ich mich erinnert, warum wir damals nicht ..."

Nun ja, der Mensch plant, indem er vergißt. Und wenn er sich erinnert, muß er neue Pläne machen. Wir werden schon noch einen Erzeuger für ihren Nachwuchs finden, der wirklich eine Geliebte und keine verdammte Ersatzfrau sucht. Einen, so wünscht sich C., der einen Hammer mit so etwas wie Grazie halten kann, einen, der mit ihr abspricht, was er vorhat, damit sie´s ihm ausreden kann, ehe er sie vor vollendete Tatsachen stellt. Kurzum: Den idealen Nicht-Ehemann.

16.10.2006 um 21:47 Uhr

Liebes Lusel!

Die Rettung vor Dickes Mädchen könnte quasi eine Frei-Haus-Lieferung werden. Jawoll!

Denn was rettet uns besser von einer verzweifelt unglücklichen Liebe als eine neue? Wenigstens in der Jugend funktioniert das noch ziemlich gut. Wenn man nicht grade ein Halbgarer ist, der sich einbildet, er würde nie wieder eine Frau finden.

Na, erst einmal muß er überhaupt eine Frau finden, die kein dummes, verwöhntes Balg ist, das Spielchen mit ihm treibt.

Die Frau hat heute angerufen, ihr Name klang wie eine Filtertüte, sie selbst aber sehr vernünftig und erwachsen. Sie und ich mußten lächeln (auf eine Art, wie man sie auch am Telefon hört), als ich ihr auf den Zahn fühlte, um rauszukriegen, ob sie zum Nothelfer taugt.

Und, verdammt!, sie tut´s. Denn ein Mädel (inzwischen zur Frau gereift), das sich auch nach zwei Jahren noch an meinen Halbgaren erinnert, auf durchaus indiskrete Fragen vernünftige Antworten zu geben, sich überhaupt auszudrücken vermag, ohne gleich erschrocken und gekränkt den Hörer aufzuwerfen ... das wäre doch mal was.

Ich gebe zu, daß ich mich fühlte wie eine von diesen Müttern aus der Kränzchenbücherei, die einstens die Liebesgeschicke ihrer ziemlich erwachsenen Kinder lenkten, um etwas Standesgemäßes ins Haus zu kriegen. Wobei mir´s ja nicht um den Stand geht, sondern um das Wohlbefinden des Halbgaren, der nach so viel Verwirrung durchaus ein Recht auf trunkenes Liebesglück hat. Was zwar ebenfalls Kränzchen-Like ist, aber keineswegs altmodisch. Denn Liebesglück kommt wohl nie aus der Mode. 

Ich habe die Telefonnummer des Filtertütenmädchens notiert und beim nachfolgenden Anruf meines Halbgaren verkündet, daß da ein solches wäre. Eines, das sich an ihn erinnert, wie er noch gestern träumte ("Ich bin doch blöd! Damals, als wir hierher gezogen sind, haben mich verschiedene Mädchen angesprochen ... "). Auch wenn er sich abgeneigt gab, offerierte ich ihm, die Nummer sei hier bei mir. Er müsse nur fragen. Und sowieso solle er sehr genau überlegen, was er wolle und in Zukunft tue.

Weil doch Dickes Mädchen nur Spielchen mit ihm spiele, sehr gefährliche überdies. Denn irgendwann, angesichts der HIV-Infektion könne er zwar die Quelle seines Elends zweifelsfrei orten -ein längeres und freudvolleres Leben würde ihm dies jedoch mitnichten verheißen. Sondern einfach nur den Gedanken: "Scheiße, du Schlampe hast mir das angehängt und ich bade es nun aus."

Gut, gut, ich geb´s zu, so hart hab´ich´s dann doch nicht gesagt. Weil vernünftige Gespräche einer Mutter besser zu Gesicht stehen. Und unsachlich waren wir in letzter Zeit schon genug. Mutter muß froh sein, wenn Sohn zuhört. Und das tat er, auf eine Weise, die mich zuweilen glauben ließ, die Verbindung sei getrennt.

Ich habe ihm gesagt, daß er von Dickes Mädchen so viel nicht zu erwarten hätte als immer neue Beweise ihrer Machtgier, und ihn gefragt, was denn als nächstes kommen würde, da alle Gemeinheiten, die ich selbst mir vorstellen kann, schon ausgespielt seien. Ich habe mit Engelszungen geredet.

Was nicht heißen muß, ich hätte irgendwas bewegt. Wahrscheinlich wird er am Wochenende nicht nach Haus kommen, sondern zu Dickes Mädchen fahren. Wahrscheinlich wird er das Wochenende verlängern, weil ihre Eltern Dickes Mädchen nichts abschlagen können. Wahrscheinlich muß er noch doller auf die Schnauze fallen, als er´s schon ist.

Aber hier, in meinem Schreibtisch, hab ich die Nummer vom Filtertütenmädchen, ein wirklich klasse Mädchen. Und irgendwann in der nächsten Woche kommt der Halbgare heim. Bis dahin werd ich das Filtertütenmädchen schon noch hinhalten können. Dann aber werden wir sehen ... 

 

15.10.2006 um 17:34 Uhr

Liebes Lusel!

Sprachen wir doch dieser Tage von neuen Lebensformen, aber so was von! Und ahnten dabei nicht, daß wir sie bereits in der Familie haben.

Augenscheinlich die Modernste unter uns ist Dickes Mädchen. Wir erinnern uns: Fünfzehn Jahre alt, das eifersüchtigste Geschöpf auf Gottes Erdenrund, das dem Halbgaren ob seiner sieben Jahre, die er schon länger auf dieser Welt ist, die Hölle heiß macht. Jede Mail, jede SMS, die er einstens schrieb, jeder Liebesschwur, den er einstens einer anderen schwor, wird nervenaufreibend aufgearbeitet.

Neulich, als der Halbgare es für zwei Stunden ausprobierte, auf eigenen Füßen zu stehen, war Dickes Mädchen ebenfalls nicht untätig, sondern noch umtriebiger als er. Auch sie zog es nach draußen, wo ihr ein Pulk von Jungens über den Weg lief, die zufällig etwas Hochprozentiges zu trinken dabei hatten. Dickes Mädchen sprach dem Getränk eifrig zu und gibt nun vor, sich nicht mehr so recht erinnern zu können, wie das dann letztlich war, als sie mit dem Flascheneigner auf der Matte gelandet ist.

Mich altmodisches Geschöpf mutet es schon etwas merkwürdig an, daß ich durch die Tür des Halbgaren hindurch eben noch die altbekannten Treue- und Liebesbeteuerungen höre und gleich danach solch böse Worte wie "Schlampe!" und so fort. Gar nicht zu reden vom Schreibtisch, der an der Stelle, wo Halbgarens Faust in beinahe gleichmäßigen Abständen wütend herniedergeht, bald so ähnlich aussehen dürfte wie Jahrhunderte alte Sandsteinstufen.

In der Tat (Margit hat´s vorausgesagt) beobachte ich mit Staunen, daß der Halbgare sich ratlos gibt, wo ich es nicht einmal eines Ratschlages für nötig befinde. Schlampen (und, bitte schön, das ist nicht mein Wort, sondern ein Zitat) liebt man nicht; mit denen schläft man. Unter Aufwendung aller nötigen Vorsichtsmaßnahmen, versteht sich, weil man(n) ja doch nicht weiß, wer da außer einem selber noch dran und drin war. Übrigens weiß auch Dickes Mädchen über den Knaben aus jener Nacht nicht sonderlich viel zu berichten. In solchen Momenten versagt ihr Gedächtnis eklatant.

Ich jedenfalls habe dann doch mal das Gespräch auf HIV gebracht, was immerhin ein nicht unberechtigter und wenigstens sachlicher Einwurf war. Da wiederum, meint sich Dickes Mädchen erinnern zu können: Der Andere habe "verhütet", was ich übrigens auch vom Halbgaren hoffe - jetzt und immerdar.

Sowieso frage ich mich, was Eltern im Leben einer Fünfzehnjährigen für eine Rolle spielen können, die Samstag abends irgendwann weit nach Zehn Gelüste verspürt, draußen auf der Straße Jungens aufzulesen, die sie nicht kennt, um mit ihnen nach reichlichem Alkoholgenuß rasch in die Falle zu springen. 

Sie könnte, so hat Dickes Mädchen übrigens gesagt, verstehen, wenn der Halbgare mit ihr Schluß machen würde (Ich auch! Und ich staune, daß er´s nicht wirklich tut. Früher war er schon bei minder großen Anlässen entschlußfreudiger.), aber offenbar kann sie ihm, während sie selber untreu ist, seine wahrhafte Treue nicht glauben. So hab´ ich sie dann, als dem Halbgaren beim zweiunddreißigsten Anruf im Laufe dieses Tages ein wenig die Luft ausging, gefragt, was für eine Art Unrechtsbewußtsein sie habe.

Das sind so Sachen, die Dickes Mädchen nicht hören mag. Und sowieso mag sie nicht mich hören, die ich nicht begreife und eigentlich nur meine sonntägliche Ruhe haben will. Dickes Mädchen legt regelmäßig den Hörer auf, wenn sie im Hörer hört, was sie nicht hören mag. Und als beim nächsten Klingeln wieder ich dran war und ihr obendrein noch schlechtes Benehmen vorwarf (In welcher Zeit lebe ich nur?), mochte sie wohl auch nicht hören, daß ich nicht will, daß sie mit dem Halbgaren spricht. Weil´s ihm ja unangenehm ist, seine Mutter vorzuschicken.

Und schließlich ist es nicht ´mal unwahr: Ich mag es nicht, wenn diese fette, verwöhnte fünfzehnjährige Schlampe via Telefon, Chat, SMS und e-Mail meine Wochenenden beherrscht. Noch weniger mag ich´s (kann eine Anfängerin so gut im Bett sein?), wenn sie den Halbgaren beherrscht, dem vor lauter verqueren Diskussionen bereits ebenfalls das Bewußtsein von Richtig und Falsch abhanden kommt.

So kommen wir irgendwie alle im neuen Jahrtausend an, ob wir nun wollen oder nicht. Vermutlich werde ich, die ich wenigstens noch an Männeremanzipation glaube, in nicht allzu ferner Zeit erfahren, daß die Dinge, die mir heute so mißfallen, ganz alltäglich sind.

Wer weiß denn schon, was heut´modern ist? 

12.10.2006 um 20:32 Uhr

liebes Lusel!

Du ahnst ja gar nicht, wie gut Du es hast! Ein Mann, ein Kind, ein großartiges Erbe in Wartestellung. Großeltern, die Euch ob Eures Vermehrungswunsches vergöttern, weil sie ja doch endlich reif für die Enkelkinder sind. Alles, was der Mensch so braucht.

Glaub mir: Anderen geht es nicht so gut.

C., zum Beispiel, die in ihrer Verzweiflung, weil sie im Job wohl nicht weiterkommen wird, einen Wechsel in Betracht zieht (was ja erst einmal nicht schädlich ist) und mir vorgerechnet hat: Wenn sie mich nachholt, dann könnten wir (unsere beiden heutigen Mieten zusammenwerfend) uns locker ein Haus mieten. Sie oben und ich unten. Und wären beide nicht mehr allein. Aber irgendwie auch nicht so schrecklich gebunden. C. ist, wie Du weißt, nur zwei Jahre älter als Du. Könnte also meine Tochter sein. Warum will sie mit mir zusammen ziehen, aber mit ihrer Mutter nicht?

C. gestand mir neulich, daß sie gern ein Kind hätte, was ja in diesem Alter so sehr nicht von der Hand zu weisen ist. Ich wollte schon viel früher. Halt bloß, daß man erst mal einen Erzeuger finden muß. Einen, der möglichst nicht ständig da ist, weil ... C. lebt schon zu lang allein, als daß sie sich so diesen Friede-Freude-Eierkuchen- Staubsauger-Feudel-Kram vorstellen könnte. C. geht, genaugenommen, am Wochenende gerne brunchen und hätte gern eine Putzfrau. Nicht nur, weil die blöde Putzerei die Nägel ruiniert, sondern weil es eben langweilig ist. C. fühlt sich durchaus häuslich, wenn sie ihren Gute-Nacht-Tee aufgießt. Aber als Hausfrau fühlt sie sich nicht.

C. und ich haben heute herausgefunden, wie sie ihr Leben zum Funktionieren bringen kann und alle drumherum glücklich sind. Denn sie kennt da einen, der sie mag, so sehr immerhin, daß er sein erstes Kind nach ihr benannt hat. Der hat Qualitäten, die C. durchaus mehr als nur ein bißchen mehr schätzt: Gute Gene und eine gute Technik, und er verdient gutes Geld. C. möchte nicht mit ihm zusammenleben, weil er doch verheiratet ist und zwei Kinder hat (daher weiß sie von den guten Genen) und weil sie doch mit keinem zusammenleben kann, der mit einer anderen lebt, und weil sie ja irgendwie auch mit gar keinem so ständig zusammenleben kann. Und: Frau macht doch keine Familie kaputt.

Ich hab C. erklärt, daß sie nicht dumm sein soll. Weil doch keiner verlangt, daß sie eine Familie kaputt macht. Sie soll die Welt bereichern mit noch mehr guten Genen und eine weitere Familie gründen, vielmehr: Die Familie, die schon da ist, komplettieren. Sie kriegt das Leben, wie sie es will (ich stelle mich als Ersatz-Oma zu Verfügung) und er die kluge Frau (die er nicht hat) und ein Kind (das er mit ihr durchaus wollen will) - alles unter der Voraussetzung, daß er sich nicht scheiden läßt und auf die Idee kommt, einen Hausstand mit ihr zu gründen. Weil ... dafür ist sie nicht geschaffen. Und wenn er so klug ist, wie sie denkt, wird er ihr das wohl glauben müssen.

Und überhaupt, habe ich ihr erklärt, würden wenige Männer widerstehen können, bietet man ihnen an, ein williges und fortpflanzungsbereites Weib zu sein, vorausgesetzt, man sucht nicht allzu große Nähe. Das Geld immerhin sollte da sein, und das ist es, soweit ich höre. Wo also ist das Problem?

Wir alle (ich als Ersatzoma im Haus, sie als endlich-Mutter, er als Ehemann mit Zweitfamilie) blicken herrlichen Zeiten entgegen. Jetzt, wo ich sie an die Sechziger Jahre, Kommune Nr.1 und all das erinnert habe.

Ja, wir sind im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends! Ehe ist out, (Eva Hermann sowieso) alternative Lebensformen sind in. Wir könnten es so gut haben, wenn wir nur anders denken ...

 

 

10.10.2006 um 21:53 Uhr

Liebes Lusel!

Ich sollte wirklich öfter den inneren Schweinehund überwinden und etwas tun. Also nicht diese alltäglichen Sachen, die man sowieso tut, früher oder später, ehe man im Dreck erstickt oder nichts mehr anzuziehn hat. Nein, ich rede von diesen Spaßsachen, die man sich nur allzu oft selbst verleidet, indem man sich auf seine vermeintliche oder echte Erschöpfung nach einem Arbeitstag zurückrettet.

Früher hab ich das nicht so oft getan wie heute. Naja, früher war ich jung. Und im späteren Früher hab´ ich teilzeit gearbeitet. Da hatte der Tag oder man selber irgendwie mehr Reserven. Obwohl ich ja nicht aus Spaß nachmittags zu Hause war, sondern weil zwei Kinder an mir zogen. Aber anscheinend zogen die Kinder weniger an mir als dieser Job. Oder ich war wirklich einfach jünger. Oder ich hatte am Abend eines solchen Kindertages dann eine solch verdammte Sehnsucht, mit erwachsenen Menschen umzugehen, daß ich die Müdigkeit leichter überwand als heute.

Naja, jedenfalls bin ich fauler geworden und habe auch das Gefühl, daß es so viel gar nicht geben kann, was mich aus dem Haus lockt. Alles schon gesehen, alles schon erlebt. Angefangen hat das damals, wo ich meinen Platz im Theater (erste Reihe, toller Platz) noch vor der ersten Pause verließ. T. hatte sich so Mühe gegeben, mir einen netten Abend zu verschaffen, an dem ich beinahe auf der Bühne saß. Und ich fand den Schmierenkram da oben einfach seicht. Tausendmal gesehen, schon in Schwarz-Weiß-Verfilmungen ... nein, so mochte ich den Abend nicht verbringen. Die Schauspieler waren empört, die Zuschauer auch, die Garderobiere beschimpfte uns gar als ungehobeltes Pack, während ich fast das Geld zurück verlangt hätte, weil ich es eine Unverschämtheit fand, mir so etwas zumuten zu wollen. Ich ließ es dann, weil zum einen nicht ich, sondern T. gezahlt hatte. Zum anderen muß man ja schließlich wissen, worauf man sich einläßt, wenn man an eine solche Örtlichkeit geht. Offenbar kannte T. mich nicht sonderlich gut.

Ich habe von T. seit Jahren nichts mehr gehört, was kein Schade ist, denn T. küßte schlecht und war zu weich für mich. Überdies war sein Gemüt eine Kleinigkeit zu bayrisch für mich preußische Stadtpflanze.

Das ist lange her. Heute tut es mir schon gut, wenn ich in einer Frauenbuchhandlung mir die neuen Bücher der Saison vorstellen lasse. Nicht ohne so manchen Seitenhieb gegen die Männer, die zwar eingeladen, aber nicht gekommen waren. Bis auf einen, der gern gekommen wäre, aber von seiner Frau dringlich zum Daheimbleiben aufgefordert worden ist. Und das war gut so, denn das Klima wäre ein anderes gewesen.

Nicht, daß ich eine Männerfeindin wäre. Zu Zeiten habe ich die Männer durchaus gemocht. Zeige mir heute welche, und ich werde dir sagen, was ich von ihnen halte. Aber irgendwie gibt´s immer weniger Sehenswertes in der freien Wildbahn, was an der Zeit und auch an meinem Alter liegen mag. Warum sollte ich die dickbäuchigen, glatzköpfigen, selbstverliebten Herren der Schöpfung lieben, nur weil sie zufällig in meinem Alter sind? (Sagte ich schon, daß ich in ein paar Wochen sechs Kilo abgenommen habe und mich vom roten in den grünen Bereich meiner Waage zu bewegen beginne? - Für den Rest gibt´s Chemie und Kosmetik und , ja, auch meinen Zahnarzt, dem ich jedoch angesichts der kneifenden Drähte meiner Zahnspange am Freitag seine frischverliebten kleinen Eier abreißen werden. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Jedenfalls bin ich lange nicht so alt, wie ich mich fühle, was ich an solchen Abenden wie heute merke. Wo Schätzing zum tollsten Mann der Zeit und überhaupt nur gutaussehende Männer zu Gutschreibern erklärt werden. Frauen haben entschieden mehr Humor als Männer, denke ich an solch einem Abend, denn natürlich wissen wir, Frauen meines Alters unter sich, daß alles nur Spaß ist. Genauso wie die Toilettengespräche, auf die Männer dem Gerücht nach so neugierig sind.

Trotzdem, denke ich, werde ich mir den Schätzing kaufen, weil er nicht nur verdammt gut aussieht - naja, das Buch kaufe ich mir (der Mann ist schon vergeben) -, sondern diesmal auch etwas kurzweiliger schreibt als zuvor. Ich gönn´s ihm sogar, daß er inzwischen jeden Satz, den er irgendwann ´mal geschrieben hat, vergoldet.

 

Es gibt so wenig tolle Männer in unserem Alter ...

04.10.2006 um 18:39 Uhr

Liebes Lusel!

Es gibt so Momente, manchmal ganze Tage oder sogar verlängerte Wochenenden, an denen ich mir das kleine Große Theater mit Dir zurückwünsche. Was war das doch für ein Pippifax gegen das GROSSE THEATER, das ich zuweilen mit Deinem Bruder hab. Es scheint, als ginge seine Pubertät nie zu Ende. Wer Große Gefühle sehen und hören will, tut sich als Nachbar von uns zuweilen ganz leicht. Es geht auch ohne Eintritt, quasi frei Haus. Allerdings ahne ich, daß manchereiner von ihnen, also den Nachbarn, morgens um Fünf oder nachts um Zwölf auf derlei Auftritte gern verzichten und mehr die Stille pflegen würde.

Trotzdem habe ich das Gefühl, daß unsere Auftritte zwar nicht so ganz stilsicher, aber wenigstens sehr klar und richtungweisend sind. Der Eine will dies, der Andere das. Beide wollen wir - immerhin! - daß irgendwie doch wieder Frieden bei uns einkehrt, auch wenn wir jeweils sehr verschiedene Vorstellungen davon haben, was der Andere zur Wiederherstellung des Friedens tun oder lieber lassen sollte.

Ratloser jedoch als ich, die ich im schlimmsten Falle schon mal angeboten hab, Dein Bruder könne ja sehen, ob er woanders unterkommt (ein Angebot, das er kurzzeitig angenommen und nach genau zwei Stunden dann doch nicht ernsthaft für sich in Erwägung gezogen hat), ist die Mutter auf der anderen Seite. Denn das Problem, das wir haben, ist kein vordergründiges Eltern-Kind-Problem, sondern ein partnerschaftliches, das man unter dem Titel "Sie küßten und sie schlugen sich" zusammenfassen kann. Letzteres freilich nur bildlich oder eben verbal, da aber richtig und so, daß wir alle was davon haben. Hernach kommen stets die großen Gefühle. Während sie klagt, jammert, auch schon mal schreit, er habe eine andere, er würde sie nicht lieben, droht er, daß er sich umbringen werde, wenn sie Schluß macht, nachdem er alle Register der ihm bekannten Liebeserklärungen und Treueschwüre vergeblich gezogen hat. Irgendwann schreit er ins Telefon, daß er sie und keine andere liebe, wirft den Hörer auf und tobt durch die Wohnung. Irgendwann sehr kurze Zeit später klingelt das Telefon und alles beginnt von vorn.

Kann ja sein, daß dies Wechselbad der Gefühle für junge Menschen etwas Erfrischendes hat; wir Älteren jedoch leiden zunehmend. Während ich mich bemühe, Regeln einzuführen, die zwar nicht funktionieren, aber wenigstens meinen Leidensdruck beschreiben, ist die Mutter auf der anderen Seite verzweifelt bemüht, ihr Vertrauensverhältnis zum Kind nicht zu schädigen. Wobei ich sekundenlang (oder doch ein bißchen mehr) ins Grübeln gerate, wie Konsequenz vertrauensschädigend wirken kann. Irgendwie, wenn man sie regelmäßig anwendet, kann sie ja aus meiner Sicht doch nur vertrauensbildend, weil verläßlich wirken. Gleichzeitig ahne ich, daß die andere Mutter weniger Angst vorm Vertrauensverlust als vor den Anfällen von Eigensinn hat, derer ich schon - wenigstens via Telefon - ansichtig werden durfte.

Mein aufbauendes "Schließlich sind wir doch die Chefs!" prallt an ihr ab. Offenbar sind in ihrer Familie die Machtverhältnisse ein wenig anders gestaltet.

Anders Dein Bruder, der nach unserem Finalstreit-Abschied heute morgen um halb Fünf selbigen ebenso bedauert wie ich und beim nachmittäglichen Anruf ehrlich bereut. Schließlich bin ich nicht wirklich seine Gegnerin, sondern an seinem emotionalen Wohlbefinden dringend interessiert. Umso mehr, als man nicht wissen kann, wie ernst einer in solch verwirrtem Zustand seine Absicht meint, nicht weiter leben zu wollen, wenn SIE nicht mehr für ihn da ist.

Er also mag sich fühlen wie so viele gute Söhne, die natürlich wissen, wen sie lieben, aber eine seltsame Zerrissenheit empfinden, wenn Mutter und Geliebte auf verschiedenen Seiten steh´n. Und das tun wir, ich geb´s zu. Nicht aus dem Müttern so gern angedichteten niedrigen Gefühl von Eifersucht, sondern weil ich das düstere Ahnen habe, diese Frau (die einstweilen nur verwöhntes Kind ist), tut meinem Sohn nicht gut. Wobei ich weiß, daß dies auch die wirklich eifersüchtigen Mütter behaupten. Wir alle wollen ja nur das Beste für unsere Goldjungen.

Dein Bruder also ist so erschöpft von diesem Dauerzoff, daß er zwar nicht von ihr lassen mag, gleichwohl dringend interessiert ist am Gespräch, das ich - aus wirklicher Not geboren - mit der anderen Mutter führte. Irgendwie ahnt er, daß die Lösung bei uns Müttern liegt. Nicht nur, weil er nichts anderes hat als mich, sondern weil der Vater auf der anderen Seite sich rauszuhalten scheint aus erzieherischem Tun, was ihn irgendwie dann doch wieder mit seiner Frau verbindet. Dein Bruder saugt die Vorschläge auf, die ich - gesetzt den Fall, ich wäre ihre Mutter - als dringend angeraten scheinen lasse. Zuerst gehört das Telefon mit eigener Nummer und Flat in ihrem Zimmer abgeschafft. Müßte sie unten bei den Eltern ihre Gespräche führen, wären die an Dauer, Emotionalität und Lautstärke wohl sicher besser dosiert. Wüßte mein Sohn, daß er Gefahr läuft, morgens um Fünf ihre Eltern und nicht sie selbst zu wecken, würde er sich derlei Anrufe überlegen. Auch würde ich am Gipfel jeder Krise öfters mal ein halbgarenfreies Wochenende verkünden, wenn denn ich es wäre, unter deren Dach sich das junge Glück vergnügt. Bis sich die Wogen geglättet haben. Dann würde sich weisen, ob man nicht imstande wäre, ein wenig Beherrschtheit in die großen Gefühle zu bringen.

Dein Bruder, man höre und staune, nimmt diese Gedanken wohlwollend auf. Auch wenn sie alles in allem bedeuten könnten, daß aus der Geschichte ein Romeo und Julia wird. Was den Gedanken nahelegt, daß ihn das alles mehr erschöpft, als er je zugeben würde. Fast war´s, als spräche ich mit einem, der sich in Pädagogik auskennt. Fast schien´s, als würde ihm die Idee einer Problemlösung von außen insgeheim gefallen.

Auch wenn ich mich keinen Illusionen hingebe. Wenn sie heute noch bei ihm im Internat anruft, wird er die gleichen Schwüre schwören wie seit Monaten schon, zunehmend verzweifelt zwar, weil sie ihm übel nimmt, schon vor ihr ein Leben gehabt zu haben, aber mit nicht weniger Verve als in all der Zeit. Und wenn´s drauf ankommt, werden hier wieder die Wände wackeln, weil ich "gemein" und "unfair", wie ich nun einmal bin, ebenso verzweifelt um meinen und seinen Seelenfrieden kämpfen werde.

Und wenn Gott will, dann werden wir beide heil aus der Sache kommen und irgendwann drüber lachen kann. Wenn aber nicht, dann gnade uns Gott.