Es gibt so Momente, manchmal ganze Tage oder sogar verlängerte Wochenenden, an denen ich mir das kleine Große Theater mit Dir zurückwünsche. Was war das doch für ein Pippifax gegen das GROSSE THEATER, das ich zuweilen mit Deinem Bruder hab. Es scheint, als ginge seine Pubertät nie zu Ende. Wer Große Gefühle sehen und hören will, tut sich als Nachbar von uns zuweilen ganz leicht. Es geht auch ohne Eintritt, quasi frei Haus. Allerdings ahne ich, daß manchereiner von ihnen, also den Nachbarn, morgens um Fünf oder nachts um Zwölf auf derlei Auftritte gern verzichten und mehr die Stille pflegen würde.
Trotzdem habe ich das Gefühl, daß unsere Auftritte zwar nicht so ganz stilsicher, aber wenigstens sehr klar und richtungweisend sind. Der Eine will dies, der Andere das. Beide wollen wir - immerhin! - daß irgendwie doch wieder Frieden bei uns einkehrt, auch wenn wir jeweils sehr verschiedene Vorstellungen davon haben, was der Andere zur Wiederherstellung des Friedens tun oder lieber lassen sollte.
Ratloser jedoch als ich, die ich im schlimmsten Falle schon mal angeboten hab, Dein Bruder könne ja sehen, ob er woanders unterkommt (ein Angebot, das er kurzzeitig angenommen und nach genau zwei Stunden dann doch nicht ernsthaft für sich in Erwägung gezogen hat), ist die Mutter auf der anderen Seite. Denn das Problem, das wir haben, ist kein vordergründiges Eltern-Kind-Problem, sondern ein partnerschaftliches, das man unter dem Titel "Sie küßten und sie schlugen sich" zusammenfassen kann. Letzteres freilich nur bildlich oder eben verbal, da aber richtig und so, daß wir alle was davon haben. Hernach kommen stets die großen Gefühle. Während sie klagt, jammert, auch schon mal schreit, er habe eine andere, er würde sie nicht lieben, droht er, daß er sich umbringen werde, wenn sie Schluß macht, nachdem er alle Register der ihm bekannten Liebeserklärungen und Treueschwüre vergeblich gezogen hat. Irgendwann schreit er ins Telefon, daß er sie und keine andere liebe, wirft den Hörer auf und tobt durch die Wohnung. Irgendwann sehr kurze Zeit später klingelt das Telefon und alles beginnt von vorn.
Kann ja sein, daß dies Wechselbad der Gefühle für junge Menschen etwas Erfrischendes hat; wir Älteren jedoch leiden zunehmend. Während ich mich bemühe, Regeln einzuführen, die zwar nicht funktionieren, aber wenigstens meinen Leidensdruck beschreiben, ist die Mutter auf der anderen Seite verzweifelt bemüht, ihr Vertrauensverhältnis zum Kind nicht zu schädigen. Wobei ich sekundenlang (oder doch ein bißchen mehr) ins Grübeln gerate, wie Konsequenz vertrauensschädigend wirken kann. Irgendwie, wenn man sie regelmäßig anwendet, kann sie ja aus meiner Sicht doch nur vertrauensbildend, weil verläßlich wirken. Gleichzeitig ahne ich, daß die andere Mutter weniger Angst vorm Vertrauensverlust als vor den Anfällen von Eigensinn hat, derer ich schon - wenigstens via Telefon - ansichtig werden durfte.
Mein aufbauendes "Schließlich sind wir doch die Chefs!" prallt an ihr ab. Offenbar sind in ihrer Familie die Machtverhältnisse ein wenig anders gestaltet.
Anders Dein Bruder, der nach unserem Finalstreit-Abschied heute morgen um halb Fünf selbigen ebenso bedauert wie ich und beim nachmittäglichen Anruf ehrlich bereut. Schließlich bin ich nicht wirklich seine Gegnerin, sondern an seinem emotionalen Wohlbefinden dringend interessiert. Umso mehr, als man nicht wissen kann, wie ernst einer in solch verwirrtem Zustand seine Absicht meint, nicht weiter leben zu wollen, wenn SIE nicht mehr für ihn da ist.
Er also mag sich fühlen wie so viele gute Söhne, die natürlich wissen, wen sie lieben, aber eine seltsame Zerrissenheit empfinden, wenn Mutter und Geliebte auf verschiedenen Seiten steh´n. Und das tun wir, ich geb´s zu. Nicht aus dem Müttern so gern angedichteten niedrigen Gefühl von Eifersucht, sondern weil ich das düstere Ahnen habe, diese Frau (die einstweilen nur verwöhntes Kind ist), tut meinem Sohn nicht gut. Wobei ich weiß, daß dies auch die wirklich eifersüchtigen Mütter behaupten. Wir alle wollen ja nur das Beste für unsere Goldjungen.
Dein Bruder also ist so erschöpft von diesem Dauerzoff, daß er zwar nicht von ihr lassen mag, gleichwohl dringend interessiert ist am Gespräch, das ich - aus wirklicher Not geboren - mit der anderen Mutter führte. Irgendwie ahnt er, daß die Lösung bei uns Müttern liegt. Nicht nur, weil er nichts anderes hat als mich, sondern weil der Vater auf der anderen Seite sich rauszuhalten scheint aus erzieherischem Tun, was ihn irgendwie dann doch wieder mit seiner Frau verbindet. Dein Bruder saugt die Vorschläge auf, die ich - gesetzt den Fall, ich wäre ihre Mutter - als dringend angeraten scheinen lasse. Zuerst gehört das Telefon mit eigener Nummer und Flat in ihrem Zimmer abgeschafft. Müßte sie unten bei den Eltern ihre Gespräche führen, wären die an Dauer, Emotionalität und Lautstärke wohl sicher besser dosiert. Wüßte mein Sohn, daß er Gefahr läuft, morgens um Fünf ihre Eltern und nicht sie selbst zu wecken, würde er sich derlei Anrufe überlegen. Auch würde ich am Gipfel jeder Krise öfters mal ein halbgarenfreies Wochenende verkünden, wenn denn ich es wäre, unter deren Dach sich das junge Glück vergnügt. Bis sich die Wogen geglättet haben. Dann würde sich weisen, ob man nicht imstande wäre, ein wenig Beherrschtheit in die großen Gefühle zu bringen.
Dein Bruder, man höre und staune, nimmt diese Gedanken wohlwollend auf. Auch wenn sie alles in allem bedeuten könnten, daß aus der Geschichte ein Romeo und Julia wird. Was den Gedanken nahelegt, daß ihn das alles mehr erschöpft, als er je zugeben würde. Fast war´s, als spräche ich mit einem, der sich in Pädagogik auskennt. Fast schien´s, als würde ihm die Idee einer Problemlösung von außen insgeheim gefallen.
Auch wenn ich mich keinen Illusionen hingebe. Wenn sie heute noch bei ihm im Internat anruft, wird er die gleichen Schwüre schwören wie seit Monaten schon, zunehmend verzweifelt zwar, weil sie ihm übel nimmt, schon vor ihr ein Leben gehabt zu haben, aber mit nicht weniger Verve als in all der Zeit. Und wenn´s drauf ankommt, werden hier wieder die Wände wackeln, weil ich "gemein" und "unfair", wie ich nun einmal bin, ebenso verzweifelt um meinen und seinen Seelenfrieden kämpfen werde.
Und wenn Gott will, dann werden wir beide heil aus der Sache kommen und irgendwann drüber lachen kann. Wenn aber nicht, dann gnade uns Gott.