Liebes Lusel!
Fast hätte ich ja auf die Idee kommen können, diese Urlaubswoche, gemeinsam mit Deinem Bruder verbracht, als eine gute, harmonische zu bezeichnen. Quasi eine Erinnerung an frühere Zeiten, in denen er der gute Junge war.
Insgeheim habe ich mich gefragt, was denn die andere Mutter getan oder gesagt haben mag, um dieses verwirrte Pärchen wieder auf den Pfad der Normalität zu bringen. Ist sie sich ihrer Macht bewußt geworden und hat sie ausgespielt? Na, mir war es recht, was auch immer sie gesagt hat. Denn neben mir bewegte sich dieser normale Sohn, an den ich mich aus grauen Vorzeiten erinnern konnte. Der ganz normale Dinge getan hat, sich - sogar zusammen mit der Mutter - aus dem Haus begab, die Sonne auf den Bauch scheinen ließ, einen Tag seinem Neffen opferte und all so was.
Noch vor sehr kurzer Zeit wagte er sich kaum zum Einkauf aus dem Haus, weil ja sie inzwischen hätte anrufen und ihn hernach - im Falle der fehlenden Erreichbarkeit - der Untreue bezichtigen können.
Fast schien es, als hätte es meiner Spielregeln zur Gewährleistung egoistischen Erholungseffektes nicht bedurft. Die Anrufe auf meinem Telefon, die ich mir gleich zu Beginn der Woche verbat, wie auch die affektgeladenen Handytelefonate (die zur Bitte geführt hätten, das Gespräch außerhalb meiner Wohnung weiter zu führen) blieben aus. Wenngleich ich meine Zweifel darob anmeldete, daß Dickes Mädchen tatsächlich krank und also imstande war, bereits am Vormittag mit Sohn zu chatten.
Eine ruhige Woche also, bis zum gestrigen Abend, an dem ich wieder die altbekannten Liebesschwüre, laut und dringlich vorgebracht, aus Sohns Zimmer hörte: diesmal über´s Headset und ICQ, was immerhin den Vorteil hat, daß sie - in Ermangelung des Equipments - ihre Verbalangriffe via Tastatur liefern mußte und ihm nicht ins Wort fallen konnte. Dann doch der Griff zum Telefon. Irgendwann der Satz: "Dann such dir eben einen anderen Freund!"
Ach, wenn er das doch endlich wahrmachen würde!
Am Nachmittag hatte das Filtertütenmädchen angerufen. Und ich, ehe ich ihm den Hörer gab, zischte ihm zu: "Sei freundlich!", was er wohl war, aber eben auch seeehr kurz. Filtertütenmädchen adé, dachte ich. Denn frau mag sich ja zu einem Erstkontakt nach langer Zeit aufraffen, aber erkennt eine Abwimmelei, wo sie stattfindet.
Irgendwann in der Nacht, so halb fünf, fand ich ihn, nachdem ich seine Stimme gehört, angezogen auf dem Bett vor. Hellwach, aber erschöpft. Und ahnte, daß diesem Vorfinden stundenlange Gespräche nach meinem Schlafengehen vorangegangen waren. Auch heute morgen, in aller Herrgottsfrühe, wieder das Geräusch des eingehängten Telefons.
Daneben (Hört all das denn nie auf?) verblaßt, was mir so angesichts unseres Besuches bei Dir ein- und aufgefallen ist. Ich werde später drüber nachdenken. Erst mal diesen Tag rumkriegen und schauen, was der mir so bringt.
Nur eins: Ich habe den großartigsten Enkel von der Welt.
