Luselei

21.11.2006 um 17:00 Uhr

Liebes Lusel!

Die Tatsache, daß ich hier seit längerem nicht schrieb, bedeutet nicht etwa, alles sei gut. Vielmehr mutiert Dickes Mädchen mehr und mehr zur Dicken Spinne, die den Halbgaren in ihr Netz einwebt. Glücklich nur, wenn der Halbgare bei ihr ist, was folglich immer öfter passiert.

Ganz augenscheinlich bewirkt Dickes Mädchens Mutter mit ihrem hochgepriesenen Vertrauensverhältnis nichts anderes, als dem Dicken Mädchen mehr und mehr zu Willen zu sein. Weil der Halbgare doch der Erste war. Naja, einer muß es ja machen. Und schließlich, wenn der Erste so eine komplizierte Sache ist, liegt doch der Gedanke nahe, daß man´s noch ein wenig hätte hinausschieben können, die Sache mit dem Ersten. (Aber, wer weiß, vielleicht war auch zu befürchten, daß dann lange,lange kein Ersten-Anwärter mehr auf der Bildfläche erscheinen könnte?)

Jedenfalls ist alles unverändert kompliziert und ärgerlich obendrein, wenn so ein großes Familienfest ansteht, wo sich die ganze bucklige Verwandtschaft trifft, vor der man ja einen guten Eindruck machen will, weil es vermutlich der letzte für die nächsten fünf Jahre, wenn nicht gar bis zur nächsten Beerdigung ist. (Der Sänger beim Fest sang: "Alles für die Leute...", was leider wahr ist. Aber schließlich ist es auch lästig, den anderen aus der Sippe als der in Erinnerung zu bleiben, der irgendwie grundlos "abgedreht" ist. Weil die ja Dickes Mädchen nicht kennen und also auch nicht wissen können, daß eigentlich Dickes Mädchen die Abgedrehtere von beiden ist.)

Der Skandal des Wochenendes lief letztlich doch im Geheimen ab und keiner kriegte ihn so recht mit. Sieht man einmal von mir ab, die inzwischen so ihre Antennen für derlei hat und obendrein das zweifelhafte Vergnügen, mit dem Halbgaren im verwandtschaftlichen Ehebett untergebracht zu werden. Ich also erlebte, neben diesem geheimen Skandal, wie der Halbgare sich in nächtlichen Traum-Diskussionen mit dem Dicken Mädchen wand und erst von Mutters beruhigender Hand (vermutlich im Traum als Dicken Mädchens dicke Hand verkannt) zur Ruhe kam.

Am allzu frühen Sonntagmorgen wieder die bekannten Telefondiskussionen:

H: " Wenn du meinst, dann mußt du eben Schluß machen. Dann bring ich mich um." (Anm.d.Red.:Was nach der tausendsten Drohung ja auch nicht mehr so recht zieht, Mutters Herz aber nach wie vor an den Rand des Stillstands treibt.)

DM: "Blablablablablaaaablabla ..."

H: "Aber ich liebe dich doch. Ich hab dir gestern in der Stadt eine Karte gekauft und ein kleines Geschenk. Das würde ich doch nicht machen ..."

DM: "Blablaablablaahblablbla ..."

usw.usf.

Mutter, zum dreiundsiebzigsten Male, nahm dem Halbgaren, der im übrigen so traurig über die Schützenhilfe nicht scheint, den Hörer aus der Hand:

Mutter: "DM, was ist bei euch schon wieder los? Können wir nicht ein einziges Wochenende in Ruhe ..."

DM: "Iiiich habe nichts gemacht, der Halbgare hat ..." (Kindergarten: "Der da drüben hat die Scheibe eingeschlagen!")

Mutter: "Mir ist egal, wer was gemacht hat. Ich will nur einmal, ein einziges Mal ein Wochenende ohne Ärger haben."

DM: "Was sagst du das mir? der Halbgare hier, der Halbgare dort ... blablablablaaaah... Du hältst immer nur zum Halbgaren"

Mutter: "Das ist mein Job; ich bin seine Mutter. Du hast eine eigene Mutter."

DM: "Das ist so gemein von Dir!"

Mutter: "Stimmt! Wer sagt denn, daß das Leben nicht gemein ist? - Ich jedenfalls werde die deine heute Abend anrufen und eindringlich bitten, daß sie den Halbgaren ein paar Wochen nicht zu euch läßt."

DM: (heulend, schreiend) "Das kannst du nicht machen!"

Mutter: "Oh, doch, ich kann."

DM: "Du bist ja so gemein!" (Ich weiß, du sagtest es schon.) "Und überhaupt: Das hast nicht du zu bestimmen!"

Mutter: "Deswegen rufe ich ja deine Mutter an."

DM: (heult und schluchzt noch viel lauter) "Auch die hat das nicht zu bestimmen!"

Mutter: "Da irrst du dich. Es ist i h r Haus. Sie kann sehr wohl bestimmen, wen sie zu Gast haben möchte und wen nicht. Und übrigens bist du noch minderjährig. Ein weiterer guter Grund für deine Mutter, zu bestimmen." (Anm.d.Red.: Hätte diese ihre Mutter von Anfang an derlei bestimmt, hätten wir diesen Ärger nie gekriegt!) "Es genügt eben nicht, sich mit einem Kerl ins Bett zu legen. Das allein macht einen noch nicht erwachsen."

DM: "Du bist sooo gemein!" ( Mein liebes Kind, bei anderen Gelegenheiten warst du aber schon einfallsreicher. Und übrigens beginne ich zu ahnen, woher DM-Mutters Vertrauensverhältnis kommt: Angesichts solch herzerweichender Vorwürfe vermag nicht jeder zu sagen, daß Mütter nicht gemein, sondern eben Mütter sind. Auch unsereiner verstand manches, was Mutter tat, erst später. Allerdings braucht´s dazu eine gewisse Härte, die DM-Mutter angesichts ihres greinenden, fußaufstampfenden verwöhnten Balges offenbar nicht aufzubringen vermag.)

Mutter: "Wieso gemein? Schläfst du mit dem Halbgaren oder nicht? Was ist da gemein, wenn man´s ausspricht. Benimm dich nicht wie ein Kind, wenn du ansonsten Rechte wie eine Erwachsene haben willst."

DM: "Der Halbgare benimmt sich aber auch nicht ..."

Mutter: "Das ist wohl wahr, sonst würde er nicht dich vögeln, liebes Kind, sondern eine Zwanzigjährige."

Und so weiter und so weiter und so fort.

Ganz entschieden darf es nicht so weit kommen, daß der Halbgare dermaleinst mit Dickem Mädchen dicke Enkelkinder zeugt, die ich vermutlich dann nie zu Gesicht kriegen werde, weil Dickes Mädchen mich so abgrundtief haßt. (Ich selbst würde nie so weit gehen, sie zu hassen. Hieße das doch, ihr eine Wichtigkeit beizumessen, die sie keinesfalls haben darf. Und sowieso würde diese Verbindung den Halbgaren früher oder später in die Klappsmühle treiben. - Mich auch, wenn ich noch lange Zeuge dieser Dramen werde.)

Naja, ich hab die Mutter vom Dicken Mädchen nicht angerufen, mich nur eine Weile noch an ihrer Sorge geweidet. Die da hieß, es dürfe so nicht zu Ende gehen. Worauf ich erwiderte, das Leben sei kein Wunschkonzert und wie sie wohl meine, daß so eine erste Liebe zu Ende gehe? Mit einer rauschenden Abschiedsparty?

Ich weiß ja inzwischen, wie die Gespräche mit Dickes-Mädchen-Mutter ausgehen. Man dürfe die Kinder nicht einengen, zu nichts zwingen und müsse den Dingen ihren Lauf lassen. All dieser weichgespülte Kram halt, dem zu entnehmen ist, daß man keinen Ärger will, nicht jedenfalls mit dieser kreischenden dicken Heulboje. Na, schönen Dank auch!

Nächstes Wochenende wird der Halbgare wieder dort sein, nehme ich an. Nur auf diese Weise ist die Heulboje zum Stillstand zu bringen. Wogegen ich nicht wirklich etwas hätte, wenn Dickes Mädchen ihn auch manchmal herkommen ließe, ohne allzu viel Aufhebens drum zu machen. Wenn sie ihn adoptieren würden, freilich, wär´s was anderes. Aber irgendwann wird Dickes Mädchen von selbst die Nase voll haben. Und dann steht der Halbgare wieder hier vor der Tür und hat all die Pfunde abgenommen, die Dickes Mädchen zu viel auf den Rippen hat. Dann darf ich zusammenkehren, was von diesem zur Unkenntlichkeit herabgemagerten Riesen noch übrig ist.

Es ist schon Mist, daß die Kinder heute nicht mehr mit Zwanzig heiraten und unsereinem endlich seine Ruhe gönnen...

 

 

 

 

 

 

10.11.2006 um 20:35 Uhr

Liebes Lusel!

Der Vorteil am Älterwerden ist, daß man sich zurücknehmen kann. Ja.

Ich habe verschiedenen Leuten erzählt von diesem meinem letzten Besuch bei Dir, wo Dein Mann gefragt hat, ob Du (angesichts des für Dich selbst geschmierten Brötchens) nicht auch mal Deiner Mutter etwas zu Essen anbieten möchtest. Wo Du Deinen Bruder, der Dich nur einmal im Halbjahr sieht, gebeten hast, einen Kasten Wasser zu holen. Wo Du die von mir am Vorabend bis in die Nacht gebackenen Plätzchen (einschließlich des selbstgemachten Marzipans) mit nur geringem Interesse und eher kritisch begutachtest, weil all das nicht Deinem Geschmack zu entsprechen schien. Dein Mann derweil wärmte sich das Essen auf, das er am Vorabend, nach einer Doppelschicht gekocht hatte.

Man meinte, ich solle mit Dir sprechen, weil Du auf diese Weise wenn nicht mich, so doch wenigstens Deinen Mann vergrätzen würdest. Ich bin sonst durchaus kommunikativ. Blöd aber bin ich nicht. Dein Bruder hat, dank meines vorherigen Hinweise, daß es so viel zu Essen (wenn überhaupt) nicht geben würde, den Hungertod nicht erlitten. Und ich selbst leide nicht, solange ich meinen Enkel sehen oder auch nur hören darf (heute am Telefon).

Jedoch sah ich ein, daß es nicht gut tut, es Dir allzu leicht zu machen. Ich habe geschwiegen, zwei Wochen lang. Was mir nicht wirklich schwer fiel, da so viel zu bedenken war. Reden oder Schnauze halten. Und wenn nicht letzteres, dann was reden.

Um Gottes Willen nicht von meinen Befindlichkeiten, die schon so sind, daß ich mich frage, welcher Art Wertschätzung ich als Mutter zu erwarten hab. Wenn überhaupt. Sind Mütter einfach da und selbstverständlich? - Ich bin da hin gekommen, daß mir nun d a s nicht gefällt. Da sein ist keine Selbstverständlichkeit, so lange andere Elternteile durch Abwesenheit glänzen. Du weißt, wovon ich spreche.

Ich rief Dich also heute an und merkte an, daß da Kindersachen stünden, die zu schicken, per Post, ich nicht die Absicht hätte. Du könntest ja kommen. Ich lebe nicht aus der Welt. Das Auto ist da, und das Kind schläft gern im Auto. Wo ist das Problem?

Ich war erstaunt, daß es auch ohne Samthandschuhe geht. Du zeigtest Dich verständig.

Ich werd´ diese Dinger ausziehen, demnächst. Weil ... ich bin schon alt, eine Oma. Und kein Mensch darf von mir zu viel erwarten, keiner, der jünger ist als ich.

Eigentlich hätte mir das bereits früher einfallen können.