Liebes Lusel!
An manchen Tagen sollte man einfach nicht zum Briefkasten gehen, und in der Vorweihachtszeit gehört das Ding zeitweilig zugemauert. Was einen doppelt praktischen Effekt hätte: Alle jene, die sich um diese Zeit zu sentimentalen Ergüssen genötigt fühlen, bekämen ihren Mist zurück als unzustellbar und könnten noch mal drüber nachdenken, ob sie den Schmonsens bei klarem, nichtweihnachtlichem Verstand genauso oder überhaupt geschrieben hätten. Und allerhand Rechnungen blieben einem auch erspart.
Zu ersteren gehört zweifelsohne Schwiegermutter Nr.2, also die, die nicht Deine Großmutter ist, aber ganz nach Bedarf so tut, als sei sie´s. Zum Beispiel jetzt, wo sie Anwandlungen hat, sich als Urgroßmutter zu fühlen, die sie nicht ist. Da soll´n sich andere, richtige Enkel drum kümmern und Dir Deine Ruhe lassen. Jedenfalls nehme ich an, Dich gut genug zu kennen, um das einfach mal so behaupten zu können. Andernfalls liefe Dein Sohn Gefahr, noch mit 25 Holzeisenbahnen zu kriegen, weil sie seit jeher dazu neigt, das Alter ihrer Nachfahren zu unterschätzen. Sie mag nun mal Kinder so sehr, weil jeglicher Erwachsene schnell dahin kommt, sie für ein bißchen zurückgeblieben zu halten.
So zurückgeblieben immerhin, daß sie nicht allzeit bereit gewesen wäre, ihre Brut gegen Gott, die Welt und allerhand Anwürfe zu verteidigen, ist sie nicht. Da gelingt ihr sogar zuweilen eine Scharfzüngigkeit, die man ihrem simplen Gemüt nicht zugetraut hätte. Denn schließlich: Ihren seit nunmehr vierzig Jahren zu neuer Jungfernschaft verschlossenen Lenden (so lange ist der Alte nicht mehr rangegangen, als er merkte, daß sie sich anschickte, eine Gebärmaschine werden zu wollen, wo doch Gott und jeder andere wußte, daß Schwiegervater Kinder ja nicht wirklich leiden kann, schon gar nicht welche, die er mit dieser Frau gezeugt hat), diesen Lenden also konnte ja nichts anderes als Gottgleiches entschlüpft sein.
So bin natürlich, laut dieser Post, auch wieder ich es, die sich im "Groll" (wat´n Wort? wußte gar nicht, daß die so reden kann) über lang vergangene Geschehnisse meiner mütterlichen Pflicht der Zuführung von Enkeln und Urenkeln an die Ahnen schmählichst entzieht.
Ich hätt´ nicht übel Lust, dieser alten Scharteke mal klar zu machen, daß die Geschichten mitnichten uralt, sondern sozusagen taufrisch sind. Übermorgen habe ich den nächsten Termin mit Halbgarens Anwalt, um die Unterhaltssache wieder, überhaupt oder was auch immer, aber jedenfalls in Gang zu bringen. Da Söhnchen von Schwiegermutter, Halbgarens Vater, genaugenommen seit 5 Jahren nicht ans Zahlen denkt und dabei eine Phantasie entwickelt, die eigentlich nicht wirklich seine eigene sein kann, aber - woher auch immer bezogen - äußerst wirksam ist im Zahlungsvermeiden. Söhnchen hat im übrigen keinerlei Skrupel, den Steuerzahler für seinen Sproß zahlen zu lassen. Vermutlich sagt er sich (man hört so dies und das), daß er eh schon genug Steuern zahlt. Was ja sein mag, wie es will, aber genaugenommen bin seit einiger Zeit ausschließlich ich es, die da löhnt für ein Kind, das einstens unser beider Wunschkind war.
So ist es halt: Wenn´s mit der Mutter des Wunschkindes nicht mehr klappt, sucht man sich ´ne neue Wunschfrau und macht halt neue Wunschkinder. Bis zum nächsten Mal.
All das zu schreiben, an diese seit Geburt verkalkte Frau hätt ich nicht übel Lust (In einfachen Worten natürlich, weil schwer zu verstehen ist, was sich dem eigenen Horizont entzieht, gleich gar, wenn´s um Sachen geht, die man nicht hören will.), aber was soll ich den Krieg zwischen Halbgarens Erzeuger und mir jetzt auf Nebenschauplätzen austragen? Abgesehen davon, daß er schon seit langer Zeit nicht mehr auf sie hört (was ich zu Zeiten sehr zu schätzen wußte, aber da ging´s ja auch noch um mich und meine Familie), wird er seine eigene Variation der Wahrheit parat haben. Die Mütterchen so viel lieber glauben wird als eine, bei der Söhnchen nicht sonderlich gut abschneidet. Und sowieso ist Familie ja nur schön, wenn alles gut läuft, man die Enkel und Urenkel schaukeln und sich als Urmutter ganz großartig fühlen kann. Da macht man einige Zugeständnisse, auch an das, was für wahr gilt. Zudem: Was sollte mir an ihrem Wohlwollen liegen? Da drüben in der Familie beginnt man auch zu sterben. Ja, gut, das ist der Lauf der Dinge. Mag sie den Glauben über die Wohlgeratenheit der Frucht ihrer Lenden mit ins Grab nehmen. Den Würmer ist das wurscht.
