Luselei

18.12.2006 um 17:45 Uhr

Liebes Lusel!

An manchen Tagen sollte man einfach nicht zum Briefkasten gehen, und in der Vorweihachtszeit gehört das Ding zeitweilig zugemauert. Was einen doppelt praktischen Effekt hätte: Alle jene, die sich um diese Zeit zu sentimentalen Ergüssen genötigt fühlen, bekämen ihren Mist zurück als unzustellbar und könnten noch mal drüber nachdenken, ob sie den Schmonsens bei klarem, nichtweihnachtlichem Verstand genauso oder überhaupt geschrieben hätten. Und allerhand Rechnungen blieben einem auch erspart.

Zu ersteren gehört zweifelsohne Schwiegermutter Nr.2, also die, die nicht Deine Großmutter ist, aber ganz nach Bedarf so tut, als sei sie´s. Zum Beispiel jetzt, wo sie Anwandlungen hat, sich als Urgroßmutter zu fühlen, die sie nicht ist. Da soll´n sich andere, richtige Enkel drum kümmern und Dir Deine Ruhe lassen. Jedenfalls nehme ich an, Dich gut genug zu kennen, um das einfach mal so behaupten zu können. Andernfalls liefe Dein Sohn Gefahr, noch mit 25 Holzeisenbahnen zu kriegen, weil sie seit jeher dazu neigt, das Alter ihrer Nachfahren zu unterschätzen. Sie mag nun mal Kinder so sehr, weil jeglicher Erwachsene schnell dahin kommt, sie für ein bißchen zurückgeblieben zu halten.

So zurückgeblieben immerhin, daß sie nicht allzeit bereit gewesen wäre, ihre Brut gegen Gott, die Welt und allerhand Anwürfe zu verteidigen, ist sie nicht. Da gelingt ihr sogar zuweilen eine Scharfzüngigkeit, die man ihrem simplen Gemüt nicht zugetraut hätte. Denn schließlich: Ihren seit nunmehr vierzig Jahren zu neuer Jungfernschaft verschlossenen Lenden (so lange ist der Alte nicht mehr rangegangen, als er merkte, daß sie sich anschickte, eine Gebärmaschine werden zu wollen, wo doch Gott und jeder andere wußte, daß Schwiegervater Kinder ja nicht wirklich leiden kann, schon gar nicht welche, die er mit dieser Frau gezeugt hat), diesen Lenden also konnte ja nichts anderes als Gottgleiches entschlüpft sein.

So bin natürlich, laut dieser Post, auch wieder ich es, die sich im "Groll" (wat´n Wort? wußte gar nicht, daß die so reden kann) über lang vergangene Geschehnisse meiner mütterlichen Pflicht der Zuführung von Enkeln und Urenkeln an die Ahnen schmählichst entzieht.

Ich hätt´ nicht übel Lust, dieser alten Scharteke mal klar zu machen, daß die Geschichten mitnichten uralt, sondern sozusagen taufrisch sind. Übermorgen habe ich den nächsten Termin mit Halbgarens Anwalt, um die Unterhaltssache wieder, überhaupt oder was auch immer, aber jedenfalls in Gang zu bringen. Da Söhnchen von Schwiegermutter, Halbgarens Vater, genaugenommen seit 5 Jahren nicht ans Zahlen denkt und dabei eine Phantasie entwickelt, die eigentlich nicht wirklich seine eigene sein kann, aber - woher auch immer bezogen - äußerst wirksam ist im Zahlungsvermeiden. Söhnchen hat im übrigen keinerlei Skrupel, den Steuerzahler für seinen Sproß zahlen zu lassen. Vermutlich sagt er sich (man hört so dies und das), daß er eh schon genug Steuern zahlt. Was ja sein mag, wie es will, aber genaugenommen bin seit einiger Zeit ausschließlich ich es, die da löhnt für ein Kind, das einstens unser beider Wunschkind war.

So ist es halt: Wenn´s mit der Mutter des Wunschkindes nicht mehr klappt, sucht man sich ´ne neue Wunschfrau und macht halt neue Wunschkinder. Bis zum nächsten Mal.

All das zu schreiben, an diese seit Geburt verkalkte Frau hätt ich nicht übel Lust (In einfachen Worten natürlich, weil schwer zu verstehen ist, was sich dem eigenen Horizont entzieht, gleich gar, wenn´s um Sachen geht, die man nicht hören will.), aber was soll ich den Krieg zwischen Halbgarens Erzeuger und mir jetzt auf Nebenschauplätzen austragen? Abgesehen davon, daß er schon seit langer Zeit nicht mehr auf sie hört (was ich zu Zeiten sehr zu schätzen wußte, aber da ging´s ja auch noch um mich und meine Familie), wird er seine eigene Variation der Wahrheit parat haben. Die Mütterchen so viel lieber glauben wird als eine, bei der Söhnchen nicht sonderlich gut abschneidet. Und sowieso ist Familie ja nur schön, wenn alles gut läuft, man die Enkel und Urenkel schaukeln und sich als Urmutter ganz großartig fühlen kann. Da macht man einige Zugeständnisse, auch an das, was für wahr gilt. Zudem: Was sollte mir an ihrem Wohlwollen liegen? Da drüben in der Familie beginnt man auch zu sterben. Ja, gut, das ist der Lauf der Dinge. Mag sie den Glauben über die Wohlgeratenheit der Frucht ihrer Lenden mit ins Grab nehmen. Den Würmer ist das wurscht.

 

03.12.2006 um 10:42 Uhr

Liebes Lusel!

Mit den Kindern ist das ja so eine Sache: Sie werden erwachsen.

Was zunächst einmal so übel nicht ist. Weil irgendwann ein bißchen die Luft raus ist und man seine Erziehungsmethoden erschöpft. Auch wird es immer schwieriger, wie mir kleine Schwester letzthin glaubhaft aus ihrem Grundschullehrerinnendasein bestätigte. Da hat sie nämlich gerade eine 2.Klasse, die sehr viel weniger brav ist, als man das noch vor Jahren von Grundschülern kannte. Schwester, Pädagogin durch und durch, führte diese Strichegeschichte ein. Du weißt schon: ein roter Strich für Bravsein und ein blauer, wenn man´s nicht ist. Was aber tut man, wenn so ein kleiner Stift sagt: "Na, und? Ist doch auch nur´n Strich!"

Wo er Recht hat, hat er Recht, der Knirps. Und wir sitzen in der Ecke und grübeln, wie man dieser Wichte Herr werden kann, wenn schon die alten Methoden nicht mehr ziehen. Ach, was waren das doch für Zeiten, als Du, damals immerhin schon acht Jahre alt, noch glaubtest, daß ich um Ecken gucken könnte, nur weil ich auch im Wohnzimmer wußte, wenn Du in der Küche an den "Schokoladenschrank" gegangen bist, ohne meine Erlaubnis eingeholt zu haben. (Heute natürlich ist Dir klar, daß die Türen in dieser Jugendstilküche auf eine sehr eigene Art gequietscht haben.)

Wenn wir also Glück haben, wachsen wir mit unseren Aufgaben und unseren Kindern. Wenn wir Glück haben, schaffen wir es lange Zeit, den Eindruck zu wecken, wir könnten um Ecken gucken und wüßten alles. Wenngleich es häufig wir sind, die im Dunklen tasten und einfach mal so auf´s Gradeheraus irgendwelche Dinge vermuten, die dann auch stimmen und zerknirscht eingestanden werden von unseren Kindern. Wenn sie denn so etwas wie einen Hauch von schlechtem Gewissen in sich fühlen. Einen solch ausgekochten Wicht wie diesen Blauestriche-Jungen hätte ich nicht unbedingt zum Sohne haben wollen; er hätte mich wohl regelmäßig an die Grenzen der Ratlosigkeit gebracht.

Und übrigens, wenn sie groß sind, unsere Kinder, läuft manches viel leichter über die nonverbale Kommunikation, was ganz wörtlich genommen werden kann. Nach meinem letzten Besuch bei Dir war ich ein wenig sauer. Gerade genug, um eine Zeit lang nichts von mir hören zu lassen. Und, siehe da!, plötzlich war allerhand von Deiner Seite möglich, was sich kurz zuvor noch als undenkbar dargestellt hat und mich veranlaßte, künftig den kleinen Finger etwas öfter einzuziehen, damit mir nicht der ganze Arm abgerissen würde.

Die Grenzen zu Dir scheinen also gesteckt. Und auch Dein Bruder scheint die seinen immer besser kennenzulernen. Ich könnte also froh sein, wären da nicht noch die kleinen Sachen aus der Welt der Juristerei.

Nachdem ich in der vorletzten und letzten Woche dem Anwalt Deines Bruders tüchtig auf den Füßen gestanden habe, verkündete dieser in seinem letzten Schreiben, eigentlich sei ja ich Schuld, daß seit mehr als zwei Monaten von seiner Seite aus nichts geschähe. Was so natürlich nicht stimmt und nicht einmal auf ein verzeihliches Mißverständnis zurückgeführt werden kann. Ich, wenn ich von jemandem einen Auftrag erhalte und mir fehlt noch was, mache den Mund auf, was dieser, der Herr Anwalt, nicht getan hat. Ich weiß schon, was es damit auf sich hat. Nicht umsonst haben wir bis hierher bereits drei Anwälte verschlissen. Es lohnt sich einfach nicht, für einen jungen, nichts verdienenden Azubi um Unterhalt zu kämpfen, weil doch die Prozeßkostenhilfe so viel nie und nimmer zahlt wie jeder andere Mandant.

Daß es einen Grund hat, warum so ein junger Kerl kein Geld hat (nämlich: er kriegt keinen Unterhalt von seinem Vater), ist die teuflische Falle, dank derer so viele Väter erwachsener Kinder keinen Unterhalt mehr zahlen: Das System stellt sie so viel besser als die dappischen Mütter, die ihre Kinder ja lieben und schon nicht verhungern lassen werden. Man sollte den Balg vor die Tür setzen und mal sehen, was passiert, wenn die öffentliche Hand für sie aufzukommen hätte. (Was ich übrigens eine Zeit lang getan habe. Und es funktionierte gut. Der Vater hat sich eine Zeit lang gesträubt und nach einer Niederlage vor Gericht dann plötzlich einfach bezahlt, alles!, ohne nach mir zu fragen, die ich ja nun auch nicht ganz außen vor bin. Was dafür spricht, daß Vater sehr viel besser dasteht, als man es sich zu träumen wagt. - D a s übrigens war´s auch, was ich dem Herrn Anwalt zu verklickern versucht habe. Dem die Mühe trotzdem zu groß ist. Man müßte rechnen und vielleicht ein wenig Zeit investieren, die von anderen Mandanten so viel besser bezahlt wird. Was keine Kunst ist, wenn man für das Schreiben eines Briefes schon 400 Euro kassieren kann.)

Na, jedenfalls: Selbst wenn die Kinder, groß oder nicht, in der Spur laufen, gibt´s immer noch genug Probleme drumherum. Die gelöst werden müssen, was es ab einem bestimmten Zeitpunkt dann doch sehr erstrebenswert macht, sie irgendwann als Nicht-mehr-Kinder zu erleben. Rein von den äußeren Bedingungen her. Stehen sie irgendwann auf eigenen Füßen, kann man sich (rein theoretisch!) überlegen, ob und wie oft man mit ihnen zu tun haben will.

Rein theoretisch könnte der Umgang dann Spaß machen ...