Luselei

14.01.2007 um 08:33 Uhr

Liebes Lusel!

Nicht, daß ich ein wirklicher Langschläfer wäre, frage ich mich an manchem Wochenende dann doch, ob mein Aufwachen so von ganz allein vonstatten ging.

Heute, zum Beispiel, höre beim Aufstehen aus Halbgarens Zimmer schon die altbekannten Diskussionen. Ein Blick auf mein Telefon beweist, daß er sich wenigstens an die Abmachung von letzter Woche gehalten hat und am Handy telefoniert (die andere Mutter wird über die Rechnung begeistert sein!). Das altbekannte Spiel: laute Diskussionen, zwischendurch der Ausruf "laß mich ausreden!", irgendwann der noch lautere Ruf "Tschüss!!!" - bis alles von vorn losgeht.

Ganz entschieden hat Dickes Mädchen ein Rad ab und kann nicht leben ohne den Halbgaren und die Diskussionen mit ihm, in denen sie ihm offenbar allerhand Vorwürfe zu unterbreiten hat, die er wortgewaltig zu entkräften sucht, stets ohne Erfolg übrigens. Vertrauen tut sie ihm nur, wenn sie ihn, bei sich, unter voller Kontrolle hat.

Eine solche aberwitzige Beziehung habe ich nie gehabt und ich habe schon allerhand erlebt in dieser Welt. Allerdings kann ich mir auch vorstellen, daß ich eine solche Beziehung auch nie hätte haben können. Ich habe schon bei sehr viel geringeren Ausprägungen von Machtausübung einen Rückzieher gemacht. Nie stand mir der Sinn danach, beherrscht zu werden, wie ich auch nie beherrschen wollte. Am Reellsten schien mir die Beziehung auf Augenhöhe. Die schwer genug zu kriegen ist, eben weil da allzu häufig Machtspielchen beteiligt sind.

Müde, wie ich so früh am Morgen noch bin, habe ich dann ziemlich verhalten und - wie ich mit einigem Stolz feststellen muß - entspannt reagiert und meinen Halbgaren erinnert, daß solche Gespräche in meiner Wohnung nicht mehr stattfinden werden. Eigentlich sei dies bereits schon der Moment, in dem er sich anziehen und rausgehen müsse.

Was er nun auch getan hat. Denn die Diskussionen werden bis heute abend nicht aufhören. Mutter kennt das ja. Immerhin: Auf diese Weise bekommt der Kleine schön viel frische Luft.

Schade nur, daß ich vergessen habe, ihm das Mitbringen von Frühstücksbrötchen aufzuerlegen. Erregt, wie er ist, wird er daran wohl nicht von alleine denken. 

 

10.01.2007 um 20:35 Uhr

Liebes Lusel!

Der Mensch lebt nicht von der Familie allein. Oder doch, irgendwie, zieht man in Betracht, daß Familie nicht nur die sind, die den eigenen Lenden entsprangen.

Große Schwester jedenfalls, der ich die Misere heute unterbreitete (nicht, ohne die allfälligen, wenn auch verspäteten Neujahrsgrüße zu überbringen), findet nach wie vor, daß ich nichts verkehrt gemacht habe. Nicht, daß mich das meiner Zweifel entlasten würde, hat es doch das wohlige Gefühl, daß andere es nicht viel anders angefangen hätten.

Und übrigens scheint es, habe ich wirklich etwas richtig gemacht. Und eben gerade das scheint richtig gewesen zu sein, was ich nun selbst grundverkehrt fand. Nämlich ... Dickes Mädchens Mutter hat Halbgarens Abwesenheit für´s Wochenende beschlossen. Und schuld bin ich.

Womit ich leben kann. Denn genau das schlug ich ihr bereits vor einigen Monden vor, ohne damit auf offene Ohren zu stoßen: Wenn fickende Kinder sich wie Erwachsene gebärden, ohne erwachsen zu sein,  sollte man doch ihr Erwachsensein hinterfragen und gegebenenfalls eine Gelegenheit zur Läuterung einberufen.

Natürlich ist es dumm, den Halbgaren für eine Sache zu bestrafen, die ich getan habe. Und Halbgarer versuchte auch, mir heute klar zu machen, wie ...( ja, was?)  "unfair" ich bin? (Das jedenfalls ist sein Vokabular aus der Vergangenheit, das ja nun auch nicht gerade für sonderliche Reife spricht. Übrigens habe ich ihm letzthin klar gemacht, daß ich keinen Wert auf Fairneß lege, wenn´s um meinen Seelenfrieden geht.) Meinen Seelenfrieden habe ich ihm auch heute nahe gelegt.

Nicht nur, daß ich keine vierzig Anrufe von Dickes Mädchen an einem Abend auf meinem oder einem anderen Telefon in meiner Wohnung mehr haben will. Nein, keines eines mehr soll es sein. Denn mein Telefon gehört mir! Punktum! Und wenn die dämliche, fette Schlampe gut dafür war, Dickes Mädchens Mutter auf die eine oder andere Weise zur Besinnung zu bringen, dann war dieser Ausbruch am Ende doch noch etwas wert.

Und wenn es sich dem Halbgaren auch nicht erschlösse. 

Halbgarer, dem ich heute meine Meinung zur Sache in ihrer Ganzheit unterbreitete, schien schon jetzt geläutert. Er möchte Bewerbungsfotos machen, für den neuen Job. Wenn er denn die Prüfung bestanden hat. Was keine so üble, jedenfalls eine erdgebundene Idee ist, die ich nur unterstützen kann. 

Irgendwie hab ich gewußt, daß nur Dickens Mädchens Mutter die Sache richten konnte. Und wenn es nötig war, ihre verwöhnte Putte solcherart zu beschimpfen, um derlei Gesinnungswandel herbeizuführen, dann habe ich mein Bestes getan. 

 

08.01.2007 um 21:31 Uhr

Liebes Lusel!

Wir schreiben Tag Acht des neuen Jahres, und Du hast es zwar nicht fertig gebracht, mir ein gutes neues Jahr zu wünschen. Aber immerhin hast Du angerufen. Was ja wenigstens ein Anfang und so viel besser ist als das Letzte, was mir mit Deinem Bruder wiederfuhr. Das nämlich war ein Wortwechsel des Inhalts, daß ich seine Freundin (seit immerhin einem Jahr) "dämliche, fette Schlampe" nannte. Was ja nun deutlich unter meinem üblichen Niveau ist.

Natürlich könnte ich solcherart verbale Entgleisung in irgendeiner Weise zu rechtfertigen versuchen, aber am Ende bleibt die durchaus selbstkritische Erkenntnis, daß Mütter nie und nimmer sich so gehen und auf dies kindliche Niveau herablassen sollten, das der Psychologe einer gewissen Schule als Kindheits-Ich beschreibt. Je, nun: Hernach ist frau immer klüger. Und C., die die ganz Misere kennt,erwartete vergeblich, der Halbgare könnte angerufen und einiges von wiederum seinen Äußerungen, die letzlich zu diesem Exzeß führten, relativiert haben.

Was mich angeht, ist es zwar intelligent, aber emotional halbwegs schwer machbar, von Abgrenzung in einer Drei-Zimmer-Wohnung zu reden, in der jedes Schreien und Heulen (ja, wirklich!) am Telefon nur schwer auszublenden ist.

Wer da geschrien und geheult hat, war natürlich der Halbgare, dessen Dickes Mädchen es auch nach einem Jahr nicht schafft, ein gewisses Grundvertrauen in seine Person zu setzen. Und mich, als Mutter des Halbgaren, irritiert es ungemein, wenn jener alle zwei Wochen wieder hier die gleichen Affentänze aufführt. "Ich liebe sie." - "Ich liebe sie nicht." ist selbst mir beziehungserprobter Frau zuviel, wenn es im Minutentakt erschallt.

Weil ... irgendwie meine ich, da sollte eine gewisse Beständigkeit sein, eben diese Grundsicherheit, nicht ein Dauer- Wechselbad der Gefühle. Ganz entschieden habe ich dafür ein zu schwaches Herz. Und mein Nervenkostüm war ja auch schon mal besser. Irgendwie wollen wir Mütter doch alle, daß es unseren "Kleinen" gut geht. Und seien sie auch zwei Meter groß. Was Dickes Mädchen angeht, will sich das Empfinden partout nicht einstellen, es könnte dem Halbgaren wirklich und wahrhaftig gut gehen bei ihr, mit ihr. Sie macht entschieden zu viel Zoff.

Vermutlich bin ich zu alt, um begreifen zu können, daß gerade eben dieser Wechsel von Ent- und Anspannung den Knaben beim Dicken Mädchen hält. Wir, dermaleinst im gleichen Alter, hätten für solchen Aberwitz weder Zeit, noch Nerven gehabt. Wir hatten uns zu kümmern um ein Kind, und daß eine ofenbeheizte Wohnung warm wird und bleibt. Vom Geld gar nicht zu reden. Für Gefühlswechselbäder blieb da kein Raum. Und eigentlich, betrachte ich es recht, war das auch wirklich gut so. Ich wäre nicht so fit, wie ich das noch bin, hätte´ ich meine Kräfte an solchen Schwachsinn verplempert.

C. war es dann auch heute, die meinte, ich solle nun langsam loslassen. Was sich leicht sagte, würde eben dieser plärrende Elendshaufen, den Dickes Mädchen mir regelmäßig zurückläßt, mir nicht noch auf der Tasche liegen und die latente Befürchtung zurücklassen, seine Ausbildung könne den emotionalen Verwirrungen am Ende doch noch zum Opfer fallen. Loslassen, ja gerne, aber leider erst, wenn der Gesetzgeber mich vom Haken läßt. Noch bin ich dran, am Haken, und löhne brav dafür, daß der Halbgare und Dickes Mädchen mit schöner Regelmäßigkeit zu Chinesen, Indern und weiß ich nicht wem Essen gehen können, auf daß Dickes Mädchen zum Fetten Mädchen werden mag.

So betrachtet, bin ich mit Dir, Lusel, ja so richtig und ganz und gar gut bedient. Zwar bedenkst Du mich nicht mit allzu großer Tochterliebe. Aber wenigstens belästigst Du mich nicht mit sonderlich großen Instabilitäten. Vielmehr bist Du auf eine Art stabil, die ich zwar nicht für erstrebenswert halte (für mich), die gleichwohl mich, Deine Mutter, vor allzu großem Ungemach bewahrt.

Meiner Tochter geht es so gut, wie sie es eben will. Heihoheiho, was sind wir alle froh ... 

C. übrigens läßt nichts unversucht, mich von diesem Haus in L. zu überzeugen. Sie oben, ich unten (wenn ich denn mal keine Treppen mehr steigen kann). Für mich die Terasse, für sie den halbrunden Balkon. Im Keller die Sauna, der Partyraum, die Sonnenbank. Halbtags arbeiten wir sicher; die andere Hälfte auf Honorarbasis.

Man wird doch träumen dürfen ...

 

 

02.01.2007 um 04:44 Uhr

Liebes Lusel!

Ein neues Jahr hat begonnen. Eines, das durchaus, so Gott und ein paar andere Leute wollen, allerhand Veränderungen mit sich bringen kann und sollte. Denn es ist Zeit für einen Wandel.

Als ich Dir zu Weihnachten meine Ideen unterbreitete, da tönten Du und Dein Mann unisono, all das, was mir so vorschwebt, sei ja doch recht unsicher, möglicherweise begrenzt, mithin latent gefährlich. Jaja, das Leben ist so: unsicher, begrenzt und latent gefährlich. Und wer sich in Gefahr begibt, kommt - vielleicht - darin um. Wer aber nie etwas wagt, ist schon tot, lange vor seiner Zeit.

Ich habe nie ein Leben gelebt, dem allzu viel Abenteuer innewohnte; die Risiken waren kalkuliert. Denn schließlich wart da ja Ihr, Du und Dein Bruder. Ihr beide seid jetzt groß. Und ich fand es erstaunlich zu beobachten, daß schon die Tatsache meiner "Unerreichbarkeit" zum Jahreswechsel Euch zu befremden schien. Auch Ihr seid für mich nicht immer erreichbar gewesen, seit Ihr auf Euer Erwachsensein pocht. Ich aber bin seit langer Zeit schon erwachsen und kann doch erst jetzt Unabhängigkeit ins Auge fassen.

Schon möglich, daß da Risiken drin stecken. Schon möglich, daß da keine Sicherheit ist bis zur letzten Konsequenz. Im Leben ist vieles möglich und nichts unmöglich. Und schließlich könnte es ja auch gut gehen. Das wäre immerhin möglich. So viel Verstand solltet Ihr mir schon zutrauen. Und so viel Glück solltet Ihr mir wünschen.

Ja, Glück wünsche ich mir (unbescheiden, wie ich neuerdings bin) und auch Euch, die Ihr´s sicherlich im neuen und manch folgenden Jahr brauchen könnt. Glück und ein wenig (mehr) Mut. Beides kann nicht schaden in einem Leben, wenn es denn am Ende gut gewesen sein soll. Beides brauchen wir heute und alle Zeit, damit die Dinge am Ende doch noch gut werden.