Liebes Lusel!
Gerade eben war der Moment, in dem ich mir wünschte, so schlagfertig reagieren zu können wie dieser Vater aus "Schlaflos in Seattle". Erinnernst Du Dich? - um das Rendezvous mit der "lachenden Hyäne" zu verhindern, ruft Söhnchen im Restaurant an und Vati fragt: "Ist dir schlecht? Blutest du? ..."
Dein Bruder, eben, nach fünfmaliger verzweifelt klingenden Ansprache auf meinen AB hat es geschafft, mich aus dem Bett zu holen. Wo ich mich wohlig wand, nachdem ich meine sparsam bemessene Gutzeit, hart erarbeitet, für genau diesen Zweck geopfert hatte: Einen schönen Nachmittagsschlaf. Ich hätte gleich wieder auflegen sollen, als ich hörte, was er will. Sofort. Aber so verschlafen, wie ich war, reichte es nur zum Funktionieren, nicht zum Reagieren: Söhnchen hatte die PIN, PUK oder was weiß ich für sein Handy nicht dabei, selbiges aber gesperrt, so daß ihn Dickes Mädchen nun wohl nicht erreichen konnte, was wahrscheinlich das größte aller Weltprobleme darstellt.
Erst hernach, als die Verbindung zu DM wieder gesichert war, fragte er mich, wie es mir ginge. Ich antwortete, daß es mir "Sch..." ginge (das Wort ist bekannt) und er mich morgen noch mal fragen solle. Dann legte ich, spät, aber nicht zu spät, auf.
Wieso Kinder jenseits der Zwanzig noch immer glauben, ihre Mütter hätten kein anderes Bestreben, als ihnen die vergessenen Köpfe hinterher zu schleppen, werde ich ja nie begreifen. Aber sie tun´s. Und seit ich hier erfahren habe, daß sogar Mittdreißigerinnen, die selbst bereits Mütter sind, ihre eigenen Mütter als selbstverständliches Hilfsunternehmen bar jeder eigenen Bedürfnisse wahrnehmen, wundert mich gar nichts mehr.
Ich erlaube mir deshalb, hier und in aller Form, darauf hinzuweisen, daß Mütter nebenher auch Frauen, sozusagen Menschen sind. Mütter haben, ebenso wie alle anderen, Träume, Wünsche und sogar Begierden (die sich nicht allein im Griff nach der Schokoladentafel erschöpfen, auch wenn das ihre Tendenz zum Dickerwerden erklären würde). Mütter haben PMS, ihre Tage und hernach den Eisprung (der nicht selten einhergeht mit einer Vorstellung davon, wie Männer sich fühlen müssen, die - wissenschaftlich erwiesen - ständig an Sex denken; auch Mütter tun das, wenn ihnen der Körper die geschlechtliche Vermehrung vorschreibt). Mütter träumen, wenn sie so träumen, nicht von dicken, gleichaltrigen Männern (schon gar nicht vom eigenen, wenn da einer ist), sondern von jungen, knackigen Kerlen, die ihre Söhne sein könnten. Ihr schlechtes Gewissen kriegen sie erst hinterher (aber schön war es doch) und wissen natürlich, daß sie so etwas im wahren Leben nie tun würden. Wozu schließlich sind Träume da?
Mütter schreiben solche Bekenntnisse nur in Weblogs, die erwiesenermaßen nicht von ihren eigenen Kindern oder irgendwelchen wirklich nahestehenden Menschen gelesen werden.
Denn: Mutti ist die Beste und hatte ja nur gerade so oft Sex, wie es nötig war, um ihre heißgeliebten Blagen zu kriegen. (Und nicht einmal das mag Kind sich vorstellen. - Nur daher kommt die Idee von der unbefleckten Empfängnis.)

Als eine der Mittdreißigerinnen: Ich habe meine Mutter niemals als Hilfsunternehmen angesehen... (leider immer weit davon entfernt) Sie war eben einfach "Mutter". Und ich denke, es ist sehr schwierig, sich als Kind (was man ja in einem gewissen Sinne bleibt) von diesem festgelegten Rollenverhältnis zu lösen...
Und ich habe eine Frage. Nur aus Interesse. Keine Provokation. Wie hast du deine Mutter wahrgenommen, als du so jung warst?
Und: Wie könnte man eine differenziertere Sicht als Mutter fördern?
die götter sind sozusagen von ganz allein vom olymp herab gekrochen, ohne daß das unserer beziehung nachhaltig abbruch getan hätte.
als unser vater starb, machte unsere mutter kein hehl daraus, daß nicht nur seine gegenwart fehlt, sondern eben auch die zärtlichkeit. wir kinder konnten das nicht ersetzen, aber als meine mutter totkrank war, war es kein problem oder keine große umstellung, diese kleine, verhärmte frau liebevoll zu umsorgen, wie man es mit einem kind getan hätte.
hinterher ist natürlich alles zu wenig ...
das könnte das geheimnis gewesen sein. dankeschön.