Gedanken oder Fragen

18.05.2011 um 23:22 Uhr

Infantile Amnesie

Es ist merkwürdig was Wissenschaftler herauszufinden glauben.
Sie gehen davon aus, dass ein Mensch sich nicht an Erlebnisse aus seiner frühesten Kindheit erinnern kann. Alles was vor dem 4. Lebensjahr geschah, soll der Mensch angeblich vergessen, sich nicht wirklich darin erinnern können.

Sie nennen dieses angeblich auftretende Phänomen
" Infantile Amnesie".

Ich weiss ja nicht, ob sie diese Schlussfolgerungen treffen, da sie unter dieser Infantilen Amnesie leiden, sich an nichts mehr aus dem Kleinkindalter erinnern können.

Ich jedenfalls kann es.
Nicht an alles natürlich, aber doch an so einiges.
Die Forscher behaupten dann meistens, die Erinerungen beruhten in solchen Fällen auf Fotos von damals, oder auf Erzählungen.

Nur an das erzählte kann ich mich eher nicht erinnern, sondern mehr an einige Auschnitte von Erlebnissen aus dieser Zeit.

So weiss ich noch, wie meine Schwester geboren wurde.
Es war eine Hausgeburt.
Ich war damals ein Jahr alt. Die Hebamme deckte meine Schwester mit einem Kissen zu. Sie weinte fürchterlich. Wie es eben Neugeborene tun.
Natürlich kannte und wusste ich als einjähriger Junge nichts von Neugeborenen und so hielt ich ihr Geschreie und Gequäke für das schreien einer Katze.

Dachte, jetzt hätten wir zu unserem Kater auch noch eine Katze hinzubekommen.

Und ja, ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern, in der ich noch nicht sprechen konnte, nicht laufen konnte, dafür aber umso besser auf allen vieren krabbeln.
Es kam mir immer wahnsinnig schnell vor, mit welcher Geschwindigkeit ich auf allen vieren vorankam. Und ich fragte mich, weshalb man überhaupt stehen und laufen lernen sollte, da man dann doch nur stolperte und umfiel.
Zudem meine Mutter mich immer anlog, wenn sie sagte sie hält mich fest, wenn ich mich hinstelle.
In Wirklichkeit liess sie mich los, ging immer einen Schritt weiter zurück und freute sich, wenn ich ihr entgegenfiel.

Dann wurde ich auch noch in dieses Gefängnis, Laufgitter genannt, gesperrt. In dem man als Kind stundenlang vor den weissen Gitterstäben verharren musste, da die Mutter anderes zu tun hatte.

Dazu kam dann noch solch ein Blödsinn, dass ich sprechen lernen sollte.
Hatte ich irgendwie garkeine Lust zu, denn ich verstand ja all die Worte und Sätze, die die Erwachsenen sprachen, wozu sollte ich ihnen dann noch alles nachplappern.
Mit meiner kleineren Schwester konnte ich mich in einer Babysprache glänzend unterhalten, die war wohl angeboren.

Aber "Auto", verdammt noch mal, weshalb sollte ich Auto sagen? Ich wollte es nicht.

Aber meine Mutter wollte es.
Ich sass auf dem Fussboden, laufen konnte ich ja noch nicht. Und sie sagte, wenn du nicht "Auto" sagst, dann bin ich ganz traurig, dann gehe ich weg und komme nie, nie mehr wieder.

Es ging nicht, ich wollte nicht Auto sagen, konnte es wohl auch nicht.
Uns so ging sie. Warf mir noch einen traurigen und bösen Blick zu, bevor sie nach draussen verschwand, die Tür hinter sich schloss und mich alleine dort auf dem Fussboden sitzen liess.
Jetzt ist sie weg. Für immer. Dachte ich. Sie hat mich endgültig verlassen.
Ich fing leise an zu weinen, heisse salzige Tränen kullerten an menen Wangen herunter.
Jetzt werde ich für immer hier sitzen, alleingelassen, nur weil ich "Auto" nicht sagen kann.
Natürlich hatte sie mich nicht verlassen. Sie stand draussen im Garten, vor dem Küchenfenster und beobachtete von dort die Szene. Sah mich weinen und kam irgendwann wieder herein.
Aber das Vertrauen in sie, es wurde dadurch ein anderes.
Infantile Amnesie, von wegen.
Unbewusst wirken solche Dinge weiter.

Irgendwann im späteren Erwachsenenalter, musste ich mir mal sagen, dass ich niemals wieder auf traurige dunkle Augen hereinfalle, auf beleidigtes Schweigen, auf Verlassensängste, mich von diesen Dingen nicht mehr manipulieren lasse oder mich dadurch zu Handlungen, die nicht die meinen sind, zwingen lasse.
Infantile Amnesie?