Gedanken oder Fragen

25.02.2009 um 15:08 Uhr

Eine Träne für einen Tropfen Wasser

Stimmung: gut

Quasimodo wurde am Schandpfahl aufs Rad gebunden. Die Volksmasse von Paris stand johlend davor, um das Schauspiel seiner Peinigung mit anzusehen.
Das Rad drehte sich langsam, damit auch jeder das Gesicht des Opfers sehen konnte. Die Peitsche des Henkers sauste auf Quasimodo nieder, riss seinen Rücken auf, doch er stiess keinen Seufzer aus.

Die Bestrafung war vorbei, aber er musste noch eine Stunde am Schandpfahl ausharren.
Die Menge lachte, man warf mit Steinen nach ihm.
"Alle hatten einen Groll auf ihn, die einen wegen seiner Bosheit, die anderen wegen seiner Hässlichkeit. Letztere waren die wütendsten. Es regnete tausend Schimpfreden, Hohngeschrei, Verwünschungen und hier und da Steine auf ihn....
Die Zeit verfloss. Schon länger als eineinhalb Stunden stand er da, zerfleischt, gemisshandelt, unaufhörlich verspottet und fast gesteinigt....

Plötzlich....schrie er mit einer so heiseren und wütenden Stime, das sie mehr dem Gebell eines Hundes als einer menschlichen Stimme glich: "Wasser!"

Dieser verzweifelte Ausruf erhöhte noch das Vergnügen des Pariser Pöbels. Keine einzige Stimme erhob sich für den Unglücklichen, sein Durst wurde nur verspottet. Freilich war sein Gesicht mit diesem irren Blicke, vor Schmerzen schäumenden Munde, mit seiner halb heraushängenden Zunge eher fratzenhaft abstossend, als Mitleid erregend.
Die Menge lachte umsomehr, als er den Ruf nach Wasser noch zweimal wiederholte. Sie warfen mit zerbrochenen Krügen nach Quasimodo, beschimpften ihn.

Da sah Quasimodo plötzlich, wie die Menge sich teilte. Ein junges, seltsam gekleidetes Mädchen trat aus dem Gedränge hervor. Es trug ein Tamburin in der Hand. Er zweifelte nicht, dass auch sie käme, sich zu rächen, und ihm, wie die übrigen einen Streich versetzen wollte.
Rasch kletterte die Zigeunerin die Leiter empor. Ohne ein Wort zu sagen näherte sie sich dem Unglücklichen auf dem Schandpfahl, der vergeblich sich hin und her wand, um ihr zu entgehen, machte die Kürbisflasche von ihrem Gürtel los und setzte sie langsam an die Lippen Quasimodos.

Da sah man aus diesem bisher so trockenen, glühenden Auge eine dicke Träne herabrollen, sie floss langsam über das entstellte und lange Zeit von Verzweiflung verzerrte Gesicht herab. Das war vielleicht die erste Träne, welche der Unglückliche jemals vergossen hatte. Jedoch vergass er zu trinken.
Die Zigeunerin warf ungeduldig ihre Unterlippe auf und setzte lächelnd den Hals ihrer Flasche an Quasimodos Mund. Er trank mit langen Zügen, sein Durst war brennend.
Als er fertig war, schob der Unglückliche seine schwarzen Lippen vor, ohne Zweifel um die schöne Hand zu küssen, welche ihm so hilfreich beigestanden hat. Aber das junge Mädchen, welches vielleicht nicht ohne Misstrauen war, zog ihre Hand zurück, wie ein Kind, welches fürchtet von einem Tier gebissen zu werden.
Da heftete der arme taube Mensch einen vorwurfsvollen und unaussprechlich traurigen Blick auf sie. Es war gewiss ein rührendes Schauspiel, dieses schöne, frische, reizende und doch zugleich so zarte Wesen mitleidig herbeieilen zu sehen um dem Elend, der Hässlichkeit und Bosheit beizustehen. Auf einem Schandpfahle war es ein erhebendes Schauspiel. Das Volk selbst wurde davon ergriffen und fing an in die Hände zu klatschen und Beifall zu rufen.
Esmaralda stieg schwankend vom Schandpfahl herab, als die Einsiedlerin sie als Zigeundirne verfluchte.
Quasimodo band man los und die Menge zerstreute sich.

Eine eigenartige Szene aus "Der Glöckner von Notre-Dame", eine Szende die sehr berührt.
Wünschen wir es uns nicht alle, dieses Gefühl, selbst wenn alles und alle gegen uns zu scheint, wir am Ende sind, keine Kraft mehr haben, dass dann die Menge sich teilt und dieser eine Mensch zu uns kommt, der an uns glaubt, der uns helfen will, ganz egal was die anderen sagen oder denken.
Dieser eine Mensch, der so anders ist als die anderen. Dieser eine Mensch, der mitfühlt, der uns Wasser reicht, wenn wir seelisch am verdursten sind.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. TheNicciPain schreibt am 25.02.2009 um 15:20 Uhr:Just in diesem Augenblick schaut sich meine Tochter DEN GLÖCKNER VON N.D. Teil 2 (Trickfilm!!) an, der so gar nichts mehr mit Q.M. 'Hässlichkeit' zu tun hat. Unbefangen geht sie zum Fernseher und gibt Q.M. ein Küsschen, sagt, dass sie ihn mag ...

    (eben so passiert)
  2. sternenschein schreibt am 25.02.2009 um 15:34 Uhr:Hey, Nicci,
    welch ein Zufall. Wusste garnicht, dass es den Glöckner von Notre-Dame als Zeichentrickfilm gibt.
    Kinder sind, aus meiner Sicht, eh vorurteilsfreier was das asussehen angeht. Sie wundern sich zwar, sprechen es auch aus, doch das werten ist noch nicht, kommt erst durch die Erwachsenen, glaube ich jedenfalls.
    Im Buch steht allerdings, dass die Kinder und jungen Frauen am meisten johlten und mit Steinen warfen. hmmm?
    Einen Aspekt sollte man vielleicht nicht unerwähnt lassen, bei diesem Wunsch, nach dem einen Menschen, der anders ist als die anderen. Der nicht fragt, was die anderen machen, sondern einfach, wie selbstverständlich hilft.
    Wieviele waren so, haben einfach geholfen, auch wenn alle sagten, ich würde es nicht tun. Und wurden dann ausgenutzt, es wurde nicht wirklich gedankt, ja der Helfende wurde durch seine Hilfsbereitschaft und sein Vertrauen fast zerstört.
    Ich denke, auch davon können einige ein Lied singen.
    Schwören sich dann, niemals wieder darauf hereinzufallen.
    Kennst du sicher ansatzweise auch.
    Da stellt sich dann die Frage, was ist richtig?
    Liebe Grüsse
  3. TheNicciPain schreibt am 25.02.2009 um 15:52 Uhr:Ich kenne nur die Zeichentrick-Verfilmungen ... realer Film wäre mir persl. wahrscheinlich schon zu viel, weil ich das nicht ertragen würde.

    Keine Ahnung, warum Kinder und Frauen am Meisten johlten - ich vermute, um ebenbürtig mit 'Männern' dazu stehen ... weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll. Gruppenzwang ein Stück weit, denke ich.
  4. AngelInChains schreibt am 25.02.2009 um 16:22 Uhr:Zumindest sind Kinder ungehemmter beim Ausdruck ihrer Emotionen. Wenn ihnen die Erwachsenen also einen Hass auf ungewoehnlich aussehende Menschen eingeredet haben, dann leben sie den auch selbstverstaendlich und weniger gehemmt aus. Manche jedenfalls. Natuerlich kann man nicht alle Menschen in einen Topf werfen.
  5. TheNicciPain schreibt am 25.02.2009 um 18:07 Uhr:Ich kann bestimmte Leute nicht ab, aber ich sag das meiner Tochter nicht .. die soll sich mal schön selber ihre Meinung bilden.
  6. AngelInChains schreibt am 26.02.2009 um 12:45 Uhr:Leider halten das nicht alle Eltern so. Ich hab schon Situationen erlebt... Schlimm, was manche Eltern ihren Kindern scheinbar einreden.

    Hab vom Gloeckner uebrigens auch schon Echtdarsteller- und Zeichentrickvarianten gesehen. Klar, gerade oben beschriebene Szene ist bei Echtverfilmungen uebel, aber wahrscheinlich wird sie da auch aus dem Grund bisschen "harmloser" dargestellt.
  7. TheNicciPain schreibt am 26.02.2009 um 12:54 Uhr:Ich hab zwar sonst 'ne große Fre**e, aber wenn ich solche Misshandlungs-Szenen sehe (Bsp hilflose Menschen im Altersheim) - ich kann's mir nicht anschauen, weil ich in dem Moment in den TV springen möchte, um das aufzuhalten. Ich versteh das nicht, wie man die Menschen noch misshandeln kann..
  8. AngelInChains schreibt am 26.02.2009 um 13:40 Uhr:Bei mir isses ein grosser Unterschied, ob es real ist oder nur Fiktion. Filme koennen mich allgemein nicht so besonders treffen, weil ich weiss, es ist nicht wahr. Bei Filmen isses in manchen Szenen dann hoechstens Ekel... Also, kommt drauf an, was genau dargestellt wird. Wir mussten in der Schule mal "Der englische Patient" sehen, wo einem in einer Szene der Daumen abgeschnitten wird. Nicht so toll.

    Bei Gewalt in der Realitaet, habe ich das Gefuehl, ich muesste eingreifen. Wie man auf einen Unschuldigen einschlagen kann, kann ich auch absolut nicht verstehen. Irgendetwas ist in den Hirnen solcher Leute wohl kaputt.
  9. sternenschein schreibt am 26.02.2009 um 15:18 Uhr:Im Buch schreibt der Autor:
    Die Menge lachte, hauptsächlich die Kinder und jungen Mädchen.
    ...
    Das Volk, vorzüglich im Mittelalter, ist in der Gesellschaft das, was das Kind in der Familie ist. Solalnge es in dem Zustande der ersten Unwissenheit, der moralischen und intellektuellen Minderjährigkeit bleibt, kann man von ihm wie vom Kinde sagen: Dieses Alter kennt kein Mitgefühl.

    Ich selbst, denke sehr wohl, dass auch Kinder schon Mitgefühl entwickeln können. Es kommt immer auf das Kind an.
    In dem Buch wird die Szene sehr brutal ausführlich beschrieben.
    Das Mittelalter war ja auch sehr brutal, von den ganzen Arten der Folterungen um Geständnisse bei Hexenprozessen etc. zu erpressen. Aber dieses sehr brutale zieht sich durch alle Zeiten, ob es die Römer waren mit ihren Gladiatorenspielen, die Spanier und Egländer mit den Indianern und Azteken, die Japaner mit den Chinesen, die Sklaverei in Amerika. Und es zieht sich ja auch durch die Neuzeit, die KZ's, die Verhörmethoden der Amerikaner unter Bush, die Steinigungen und Strafen des Islams. Chile unter Pinochet und viele andere Länder.
    Die Menschheitsgeschichte ist von Gewalt und Quälerei durchzogen, um andere zu unterdrücken um Macht zu erhalten.
    Und das spiegelt sich dann auch natürlich in Filmen wieder.
    Wie z.B. "Meuterei auf der Bounty" , "Barfuss durch die Hölle", "Die Farbe Lila" oder das Sklaven Epos "Kunta Kinte".
    Es ist schwer, diese Bilder zu ertragen, zu wissen, dass so etwas vorkommt, passiert. Doch dürfen wir es auch nicht ganz verdrängen und so tun, als gäbe es diese Gewalt nicht, denn dann kann man nichts dagegen machen, wenn sie nur versteckt und nichtöffentlich stattfindet.
    Sie muss schon hervorgezerrt und benannt werden, um sie bekämpfen zu können.
    Wann hört dieses alles endlich auf, wann werden die Menschen friedlich und ohne Gewalt miteinander leben können. Werden sie es lernen können, oder wird dieser Traum niemals in Erfüllung gehen werden?
    Wir hier, können dem Schicksal eigentlich nur dankbar sein, dass in unserer Region und Zeit das Leben in dieser Hinsicht relativ sicher ist. Ein Gut welches garnicht hoch genug einzuschätzen ist.
    Liebe Grüsse
    sternenschein
  10. AngelInChains schreibt am 26.02.2009 um 15:25 Uhr:Diese Aufteilung von Zeitaltern oder Menschengruppen in Entwicklungsstatuen und diese dann mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, usw, gleichzusetzen, kann man auch kritisch betrachten. Bsp hat man zur Zeit des Kolonialismus (um 1900) die Afrikaner als unerwachsene Kinder dargestellt, weil sie ja noch "unentwickelt" und "unerzogen" seien, und daraus das Recht entwickelt, sie zu "erziehen", dh ihnen europaeische (= erwachsene, ausgebildete) Normen und Gesetze aufzuzwingen und ihre alte Kultur zu vernichten. Das nur nebenbei ;)

    Ich denke, Kinder haben im "Normalfall" Mitgefuehl. Wobei ich auch solchen begegnet bin, wo ich das Gefuehl hatte, sie haetten keines. Da habe ich mich gefragt, wieso dies so sei... Ich hatte ja schon mal als Beispiel die Kinder genannt, die sich einen Spass draus machen, Pflanzen und Insekten kaputt/tot zu treten, dabei froehlich sind, lachen, und nichts Falsches oder Grausames darin erkennen.

    Ich muss ehrlich sagen, ich glaube, dass es eine Welt ohne Krieg und Gewalt nie geben wird. Menschen sind dafuer zu egoistisch und zu uneinfuehlsam. Sie glauben, das Leid anderer waere nicht schlimm, wenn sie damit persoenlich einen Vorteil erringen koennen. Verallgemeinert gesagt. Natuerlich sind nicht alle Menschen pauschal so. Aber leider doch einige.

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