Gedanken oder Fragen

30.03.2010 um 15:14 Uhr

Schmerzen und Schmerzgedächtnis

Schmerzgedächtnis, haben wir eines?
Ich denke ja.
Ebenso wie unser Gedächtnis sich an schöne Dinge erinnert, kann es sich an gelerntes aber auch an Schmerzen, an Schmach und peinliche Situationen erinnern.

Wenn wir daran denken, fühlen und empfinden wir fast genauso, wie zu der Zeit als es wirklich und real auftrat.

Wenn ich sehe, wie ein Kind sich den Kopf an der Tischkante stösst oder sich beim fallen das Knie aufschlägt, dann tut es mir selbst fast so weh, als würde es mir passieren. Denn ich kenne noch dieses Gefühl welches ich als Kind in solchen Momenten hatte.
Ja, selbst die Schmerzen meines Armbruches als Kind kann ich noch fühlen, wenn ich daran denke.
Das Schmerzgedächtnis hat scheinbar eine lange Erinnerung.
Wir können unser Gedächtnis fördern, indem wir Dinge wiederholen. Dadurch werden Verknüpfungen in unserem Gehirn gefestigt, werden zu Datenautobahnen. Wenn wir dieses allerdings mit den Schmerzen auch machen, wird es wohl eher abträglich für uns sein.
Es ist bekannt, das Schmerz sich verselbständigen kann, wenn er zu lange andauert.
Dann schmerzt es, selbst wenn die Ursache garnicht (mehr) vorhanden ist. Ist ja von dem Phantomschmerz her bekannt.

Ängste können Schmerzen wohl auch verstärken.
Was sehr gut bei der Zahnarztphobie beobachtet werden kann. Die Behandlung wird wohl für jeden Menschen gleich schmerzhaft oder nicht schmerzhaft sein, doch die Schmerzempfindungen bei den verschiedenen Patienten sind doch sehr unterschiedlich.

An der Universität Jena hat Prof. Weiß mit bildgebenden MRT Verfahren Menschen ins Gehirn "geschaut", wie dieses auf Gedanken zu Schmerz reagiert. Zu sehen waren die gleichen Aktivitäten von Hirnregionen die auch auf wirklichen Schmerz reagieren. Zu prüfen ist, ob die Erwähnung von Schmerz diesen eher manifestiert und festigt, es den Patienten auf Dauer schlechter gehen lässt. Sein Gehirn darauf konditioniert wird.

Nachzulesen hier
Friedrich Schiller Universität Jena /Schmerz

Mir selbst scheinen diese Forschungsergebnisse zu diesem Thema zwar interessant aber noch etwas dünn zu sein um klare Erkenntnisse daraus ziehen zu können.
Ich freue mich immer wieder über das menschliche Gehirn und Gedächtnis, welches auch das Vergessen oder verdrängen zulässt. Uns somit ermöglicht, nach einer Krankheit, bei der wir fast das Gefühl haben sterben zu müssen, nur ein zwei Tage nach der Gesundung auch all diese Gefühle mehr oder weniger wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen, wenn wir uns wieder gesund fühlen.
Das sind Änderungen, die manchmal innerhalb von wenigen Stunden vor sich gehen. VOn dem Gefühl schwer krank zu sein zu einem plötzlich wieder topfit.
Wer kennt diesen Zustand nicht, wenn er zum Beispiel eine schwere Grippe überstanden hat?
Wieder vergessen zu können, kann auch sehr schön sein. Oftmals besser als sich zu erinnern.

Weiterführender Link zum Schmerzgedächtnis und Vorbeugung um chronifizierte Schmerzen zu verhindern:
aerzteblatt.de, Schmerzgedächtnis.
..

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. ameparia schreibt am 30.03.2010 um 18:21 Uhr:Zum Schmerzgedächtnis. Vielleicht kennst du es schon, vielleicht aber auch nicht und ich schaffe es, dir eine kleine Freude zu machen *lächel*.


    "Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderst behandelte der französische Arzt Eduard Clafard eine junge Frau, die wegen eines Gehirnschadens keine neuen Erinnerungen bilden konnte, (...). Jedes Mal, wenn Clafard ihr Zimmer betrat, musste er sich neu vorstollen und ihr die Hand reichen, denn sie hatte über Nacht vergessen, wer er war. Eines Tages griff Clafard zu einer Arglist. In der Hand, die er seiner Patientin zur Begrüßung reichte, verbragt er eine Nadel. Die Ärmste spürte den Schmerz und fuhr erschocken zurück. Am nächsten Morgen hatte sie zwar wieder vergessen, wer Clafard war, doch sie weigerte sich hartnäckig, ihm die Hand zu geben, ohne ihr Verhalten erklären zu können. Clafards Patientin hatte zu ihrem Arzt ein seltsames Verhältnis entwickelt: Sie erinnerte sich nicht daran, wer er war, doch sie erinnerte sich daran, dass sie sich vor ihm fürchtete. (...)
    Die Erinnerung der Patientin von Eduard Clafard an ihren Schmerz (...) entspringt - zusammen mit weiteren Erinnerungen, die keiner bewussten Wiedergabe bedürfen - dem Gedächtnis für Fertigkeiten, auch prozedurales Gedächtnis genannt.
    (...)
    Der Gehirnforscher Joseph LeDoux und seine Kollegen haben im vergangenen Jahrzehnt eindeutig nachgewiesen, dass Erinnerungen an Angstgefühle vermittels eines ganz kleinen Gehirnbereichs gespeichert werden, der nicht weit vom Hippocampus entfernt tief im Schläfenlappen liegt. Wegen seiner Form und Größe wurde dieser Bereich Amygdala (amydale - gr. Mandel) genannt. Die Amygdala fungiert als Hauptschalter des Gehirns für die Regulierung von Angst- und Furchtreaktionen. LeDoux entdeckte, dass die Amygdala die Verbindung zwischen dem Angst auslösenden Erlebnis und dem gleichzeitigen, anscheinend 'unschuldigen' Reiz nicht vergisst. Clapards Patientin, die ihr Wissensgedächtnis verloren hatte, erinnerte sich sehr gut an den Zusammenhang zwischen der ausgestreckten Hand des netten Doktors und dem schmerzhaften Nadelstich. Das Erinnerungsvermögen der Amygdala bleibt unbewusst, das ist ihr charakteristisches Merkmal. Sie braucht das Wissensgedächtnis nicht, um zu funktionieren: Clapards Patientin konnte nicht explizit begründen, warum sie sich vor ihrem Arzt fürchtete, aber dass sie sich fürchtete, war offensichtlich."
    (Yoram Yovell - Der Feind in meinem Zimmer und andere Geschichten aus der Psychotherapie)
  2. sternenschein schreibt am 31.03.2010 um 00:49 Uhr:Liebe ameparia,
    nein, diesen interessanten Auszug und die Begebenheit kannte ich noch nicht. Danke dafür.
    Schmerz empfinden zu können, ist für uns teils ja auch lebenswichtig, um vorsichtig zu sein, ihm aus den Weg zu gehen um uns nicht zu gefährden.
    Nur eben chronifizierte Schmerzen, die sich von der Urache gelöst haben, sind kontraproduktiv und schaffen nur Leiden.
    Die moderne Schmerztherapie gibt es ja auch noch nicht so übermässig lange, doch sie scheint immer wichtiger zu werden. Gerade bei chronischen Erkrankungen.
    Wie sie im Aerzteblatt schreiben sind ja durch die Schmerzen auch Veränderungen in den Nervenbahnen festzustellen, die die Schmerzimpulse weiterleiten sollen.

    Liebe Grüsse
    sternenschein

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