Lyriost – Madentiraden

23.07.2014 um 11:12 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 4

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 4

Nicht nur die „bleierne Müdigkeit“ der Beine macht der armen Chloe zu schaffen, sondern der „ohrenbetäubende Londoner Geräuschpegel“ hat dafür gesorgt, daß sich „ihr armer Kopf anfühlte wie ein zu heiß gekochtes Würstchen“.

Das gibt nun in mancherlei Hinsicht zu denken. Zum einen: Wie fühlt sich ein solches Würstchen? Sollte es fühlen können, was eher unwahrscheinlich ist, könnten wir uns bei allem Mitgefühl für das arme Würstchen nicht einfühlen. Wir wissen also nicht, wie sich ein solches Würstchen fühlen könnte. Nun kann es aber sein, daß die Autorin meint, der Kopf der armen Chloe fühle sich innen in etwa so an wie ein derartig gekochtes Würstchen von außen. Ein verwegenes Bild, aber die Autorin wird wohl wissen, wie sich das anfühlt, sonst käme diese Metapher ihr sicher nicht in den Sinn.

Soviel zur sinnlichen Seite, aber darüber hinaus möchte ich noch etwas zur logisch-semantischen sagen: Ich selbst esse selten Würstchen, und wenn, dann „koche“ ich sie gar nicht, sondern lasse sie in heißem Wasser ziehen, weil sie sonst platzen und von außen so unansehnlich werden wie manches Hirn von innen. Wenn ich sie aber, vielleicht auf Wunsch eines exzentrischen Gastes, kochen würde, dann sicher nicht zu heiß, denn das Wasser beginnt bei etwa hundert Grad zu sieden. Das Würstchen kocht dann, auch wenn weiter erhitzt wird. Heißer kochen geht gar nicht, außer vielleicht im Labor und mit einer anderen Flüssigkeit als Wasser. Ich vermute mal, es ist gemeint, der Kopf fühle sich an wie ein zu „lange“ gekochtes Würstchen. Im Text steht jedoch zu „heiß“. Dabei sehen die Wörter doch ganz und gar nicht zum Verwechseln aus.

„Der Pegel ihres Gute-Laune-Barometers fiel ins Bodenlose ...“ Vielleicht fiel der Zeiger ihres Meßgerätes gegen null, aber, na, lassen wir das. Viel interessanter ist, daß sie „absichtlich den frenetisch blinkenden Anrufbeantworter“ mit Mißachtung straft, obgleich er sich doch solche Mühe gibt. Eine derartige Leidenschaft traut man Anrufbeantwortern im allgemeinen nicht zu, aber bisweilen nehmen sie wohl Charaktereigenschaften ihrer Besitzer an. Da muß noch geforscht werden. Warum Chloe den Anrufbeantworter „absichtlich“ ärgert, man erfährt es nicht. Aber es wird mitgeteilt, daß sie „unterwegs“ (sie hatte sich mit „einer entschlossenen Bewegung von der Tür“ abgestoßen und „durchquerte den schmalen Flur“ – der Leser denkt zuerst, die Wohnung könnte unter Wasser stehen und das Ganze geschähe schwimmend) ihre „hochhackigen Schuhe“ los wurde, indem sie „die Designerstücke lieblos von den schmerzenden Füßen streifte“. Na so was. Nicht einmal über die Farbe der Schuhe erfährt man etwas.

Was wird einem statt dessen mitgeteilt? Sie sieht durch einen Spalt ins Wohnzimmer. Und was sieht sie da? „… nichts als tiefe Dunkelheit, die gierig durch die Lücke nach außen drängte“. Also Licht, das, wenn auch nicht gierig, in die Dunkelheit „drängt“, weil es dazu neigt, sich gradlinig auszudehnen, das kann ich mir noch mit Mühe vorstellen, aber gierige Dunkelheit im Wohnzimmer, da fehlt mir die Phantasie.

Zum Schluß erfährt man auf Seite 4, daß Chloes Hand „nach dem seitlich angebrachten Lichtschalter“ tastete. Das ist wichtig, denn in den meisten Wohnungen sind die Lichtschalter ja oben unter der Zimmerdecke oder in den Fußboden eingelassen. Nun flammt das Licht auf, und „ihre Katze kam hinter der Couch hervorgeschlichen“.

Morgen geht's weiter.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenzartgewebt schreibt am 23.07.2014 um 13:47 Uhr:Einfach köstlich, nein göttlich, Lyriost,
    wie gut du es verstehst, vieles, was du
    aufgetischt bekommst, bis ins kleinste
    Detail zu hinterfragen, zu zerlegen,
    bevor du es schluckst;
    da steckt wahre Leidenschaft dahinter ;-)

    Wobei ich mir aber denke, oftmals
    verlässt du gleich angewidert die Tafel ,
    nämlich dann, wenn`s gar zu arg
    zum Himmel stinkt ;-)

  2. zitierenLyriost schreibt am 24.07.2014 um 07:34 Uhr:Danke, liebe zartgewebt;

    aber meinst du wirklich, es wäre Leidenschaft? Ich weiß nicht, ja vielleicht, vielleicht ist es aber auch nur eine gewisse Resistenz gegen die allgemeine Abstumpfung der Sinne und des Verstandes, vielmehr der Vernunft, durch die zu vielen Reize. Ich rieche gern noch ein zweites Mal hin, wo viele andere bereits an etwas (scheinbar) Neuem schnuppern ... Damit macht man sich nicht immer Freunde, schon gar nicht in der Berufswelt, der Welt des schnellen Geschäfts. Ich versuche es für mich mit Humor zu ertragen.

    Liebe Grüße
    Ly
  3. zitierenzartgewebt schreibt am 24.07.2014 um 13:30 Uhr:Na ja, Leidenschaft hin oder her, zumindest denke ich, dass du, wenn du eine Sache anpackst, große Sorgfalt an den Tag legst; mit halben Sachen oder Halbherzigem … wird bei dir … so mein Gefühl, keiner (so leicht) abgespeist ;-)
  4. zitierenLyriost schreibt am 24.07.2014 um 16:04 Uhr:http://geizhals.at/p/1010212.jpg
  5. zitierenzartgewebt schreibt am 25.07.2014 um 09:03 Uhr:Mannomann, bei soviel Herz …
    bekommt Frau ja Herzflattern ;-)

    *Bummmmbummmbumbum …*

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