Lyriost – Madentiraden

26.07.2014 um 10:33 Uhr

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 7

von: Lyriost   Stichwörter: Family, Affairs

„F. A. – Verbotenes Verlangen“, Seite 7

Ganz erstaunlich finde ich, wie viele Gefühle ich vor der Vivian-Hall-Lektüre noch nicht kannte, zum Beispiel Zwischengefühle wie etwa „dieses unglaubliche Gefühl zwischen angenehmem Wohlbefinden und schmerzhafter Ruhelosigkeit“. Dieses Ding saust, wie es scheint, eine Weile irgendwo im Körper rum und „schoss direkt in ihren [Chloes] Unterleib“. Bum, bum. Ja, unglaublich oder besser kaum zu glauben. Ich frage mich jetzt, weil ich nicht immer so leichtgläubig bin, wie ich sein sollte, ob es neben dem angenehmen Wohlbefinden auch noch ein unangenehmes Wohlbefinden gibt. Muß es wohl, denn sonst wäre es unsinnig, von angenehmem Wohlbefinden zu sprechen, weil das Angenehme Wesensmerkmal des Wohlbefindens ist. Vielleicht ist dieses Gefühl auch nur eine Antwort auf das Freudsche unbehagliche „Unbehagen in der Kultur“, das mit seiner Libidoverformung so lustbremsend wirkt.

Das führt dann zu „süchtig machenden Qualen“ (wie bei Karl May: „Unter Masochisten“ oder so ähnlich), und diese Qualen „sammelten“ sich „in dem winzigen Nervenbündel ihrer Weiblichkeit“, etwa so wie Wasser in der Regentonne. Und als die Tonne dann ziemlich voll war, „hielt Chloe es nicht länger aus und schob sich die leichte Hose und ihren Slip [aus Baumwolle, wir erinnern uns] ein Stück über die Schenkel hinunter. Sie machte sich nicht die Mühe, sie ganz auszuziehen ...“ Da fragt sich nun nicht nur der Grammatiker: Wie zieht man Schenkel aus?, ist es doch in der deutschen Sprache so, daß ein Pronomen im attributiven Relativsatz wie hier beim Hose-Slip-Schenkel-Beispiel, aber nicht nur dort, sich stets auf das letzte vorhergehende Nomen bezieht. Wenn ich also sage, das Haus des Mannes mit dem zerstörten Giebel, dann ist klar, wo der Dachschaden zu suchen ist: nicht beim Haus. Das weiß Frau Vivian Hall aber nicht, und deswegen findet man bei ihr ständig falsche Bezüge wie diesen, was hier einmal exemplarisch gezeigt werden sollte.

Doch nun zurück zum Wesentlichen: „Ein Stöhnen unterdrückend, begann sie sich zu streicheln.“ Warum wird das Stöhnen unterdrückt? Sind kleine Kinder im Raum, oder geniert man sich vorm Miezekätzchen, das möglicherweise katholisch erzogen wurde? Schnell wie immer hat Chloe „himmlische Empfindungen“ wie etwa „einen scharfen Stich der Wonne“. „Zeitgleich setzen Kontraktionen ein als laue Vorboten“ von etwas Gewaltigem, so daß Chloe keine Zeit hat, im Bett nach der liegengebliebenen Stecknadel zu suchen, die den scharfen Stich verursacht haben könnte.

Jetzt sehnt sich Chloe nach einer Zunge, die durch die „Falten ihrer Weiblichkeit pflügte, jede Furche und jede Vertiefung nachzog“. Dabei ist es beim Pflügen tatsächlich so, daß die Furchen in die Erde gerissen werden, nicht etwa nachgezogen. Im übertragenen Sinne wäre das krasse Körperverletzung. Aber nun ja, vielleicht wäre das gar nicht so abwegig, soll doch die „Klit mit peitschenden Schlägen zur Räson“ gebracht werden. Eine zur Räson (Einsicht?) gebrachte Klitoris: ein gewagtes Bild.

Da Chloe schon mal beim Unterdrücken ist, unterdrückt sie nun auch einen „Schrei, der ihr in der Kehle saß“. Bestimmt auf einem Stuhl, aber man erfährt es nicht genauer. Er kommt jedenfalls nicht raus, der Schrei, und man hofft, er habe es bequem auf seinem Stuhl. Statt zu schreien, was das Einfachste wäre, beginnt Chloe nun, mit ihren messerscharfen Zähnen sich selbst zu beißen: „Sie riss sich die Haut auf, schmeckte das herausperlende Blut ...“ Ich glaube, es wäre besser für Chloe, einen Zahnarzt aufzusuchen und sich die Schneidezähne nachfeilen zu lassen, denn wenn so schnell das Blut herausperlt …

Außerdem gibt es auf dieser Seite noch „Glut, die wie ein Schwelbrand auf den gesamten Körper übergriff“ und viel „delikate Spannung“. Gerade bemerke ich, ich habe vergessen, wie angekündigt, etwas zu den „seidigen Wänden“ zu sagen. Das trage ich später nach, denn wie so vieles, wiederholt sich in diesem Roman auch das Bild von den „seidigen Wänden“ oft genug. Mir reicht es für heute.

Morgen geht’s weiter mit Seite 8 und „Feuerstößen und Explosionen“.


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