Lyriost – Madentiraden

31.03.2005 um 22:25 Uhr

Aussicht

von: Lyriost

Aussicht

Die Berge von zuckendem Fleisch
in den Katakomben
des wütend blühenden
Zeitwahns

die Platzwunde
des Seins
nur der blutige
Vorhang vor dem
Raum der gemarterten
Seelen.

Stimmlos
blicklos
stummes
Geschrei.

31.03.2005 um 16:09 Uhr

Lotto

von: Lyriost

Lotto

Beim Denken ist es wie beim Lottospielen. Manchmal haben mehrere die richtigen Zahlen.

31.03.2005 um 16:07 Uhr

Fahnen

von: Lyriost

Fahnen

Nichts wehte einst so prächtig und wähnte sich so mächtig wie die Fahnen des Wahns. Besonders die roten mit Kreuzen und Werkzeugen.

31.03.2005 um 09:21 Uhr

Wachstum

von: Lyriost

Wachstum

Die Frühlingsblumen
zwischen den Leichenhallen
oder umgekehrt.

Wohin du die Augen lenkst:
Irgend etwas sprießt immer.

31.03.2005 um 08:57 Uhr

Furcht und Erleichterung

von: Lyriost

Furcht und Erleichterung

Wenn du spürst, wie die Jalousien der Verdrängung herunterrauschen, und du noch einen Zipfel des Schrecklichen siehst. Große Erleichterung, aber immer auch die Furcht, die Jalousien könnten sich beim nächsten Mal irgendwo verhaken.

30.03.2005 um 09:51 Uhr

Blicke

von: Lyriost

Blicke

Wenn du deinen Fingerabdruck auf dem Spiegel der Selbsterkenntnis leicht wieder abwischen kannst, dann hast du noch nicht tief genug in ihn hineingeschaut.

29.03.2005 um 00:32 Uhr

Unsagbar

von: Lyriost

Unsagbar

Worte ertrinken,
pressen ihren Saft hinein
ins weiße Papier.

So färben sich Gedanken,
und Botschaften verklingen.

28.03.2005 um 23:34 Uhr

Immer dasselbe

von: Lyriost

Immer dasselbe

"Wartet mal ab, ich hab noch gar nicht richtig angefangen."

Das Gefährlichste am Menschen ist sein Wille zur Macht, sein Ehrgeiz, vollständig er selbst zu werden. Oder was er dafür hält. Und am Ende liegt die ganze Welt in Trümmern. Und er steht mittendrin. Oder sitzt. Dann schüttelt er sich dreimal. Und immer wieder den Kopf, als wenn das etwas nützte. Und bald geht alles wieder von vorne los: Aufbauen, Zerstören, Kopfschütteln.

28.03.2005 um 10:48 Uhr

Augen und Ohren und anderes

von: Lyriost

Augen und Ohren und anderes

Wer hat sich nicht schon einmal verhört oder verguckt? Klar, jeder. Aber was für die Ohren und die Augen gilt, gilt auch für unser Gefühl: Es besteht immer die Gefahr der Täuschung. So real und niemals kritisierbar Liebesgefühle auch sein mögen, sie sind nicht immer verständlich und häufig "unangemessen", weil wir etwas in den andern hineinzuinterpretieren versuchen, was nicht vorhanden ist. Liebe macht bekanntlich schlechte Augen. Und dann, wenn wir eine Brille zur Hand nehmen, wundern wir uns über das, was wir sehen, und über uns selbst, auch wenn das an unseren Gefühlen manchmal nichts ändert.

28.03.2005 um 10:25 Uhr

Zukunft

von: Lyriost

Zukunft

Die meisten von uns neigen dazu, ihr Leben in die Zukunft zu verschieben. Bei diesem ständigen öffentlichen Nachdenken und dem Gerede über gesellschaftliche Zukunftsperspektiven und auch bei unserem inneren Palaver über unsere eigene Zukunft wird häufig das vergessen, was viel wichtiger ist: unsere Gegenwart. Wenn wir ganz in unserer Gegenwart aufgehen und unsere Möglichkeiten heute nutzen, brauchen wir uns um die Zukunft keine Sorgen zu machen. Und uns morgen nicht damit zu quälen, was wir gestern versäumt haben.

28.03.2005 um 03:07 Uhr

Realität

von: Lyriost

Realität

Vor meinen Augen
zuckt die mürbe Welt vorbei.
Luftbild im Spiegel.

Wenn ich's zu schnell einatme,
gehn in mir die Lichter aus.

28.03.2005 um 03:05 Uhr

Nicht allein

von: Lyriost

Nicht allein

Das Atmen der Stille,
klanggeschmiedetes Gewächs,
wie Brausen im Sturm.

Der Widerhall der Nächte
auf all die leisen Tränen.

28.03.2005 um 03:02 Uhr

Was tun?

von: Lyriost

Was tun?

Ich kann dich hören,
deine Stimme schmecken:
Brennt helle Risse in die
rauhen Mauern.
Ich seh dich
deine Lippen recken.
Du siehst mich an.
Dein Blick ist still, fast stumm.
Aus Angst, aus Furcht?
Ja, Zweifel, klar.
Bedauern.

28.03.2005 um 03:00 Uhr

Schöpfung

von: Lyriost

Schöpfung

Ob du im Augenblick zu sehen bist oder nicht, gesehen wirst oder nicht – du fummelst ständig am Sein herum. Existenz oder Nichtexistenz sind Kategorien für Blinde.

Und wieder läuten die Glocken.

28.03.2005 um 02:58 Uhr

Ausrufezeichen

von: Lyriost

Ausrufezeichen

Lehrer sagen und schreiben gern etwas mit Ausrufezeichen. Aber oft ist das Gesagte das Ausrufezeichen nicht wert. Wo du keine Ausrufezeichen findest, da lasse dich ruhig nieder, und suche nach den versteckten Zeichen im Text, und – noch besser – setze die Ausrufezeichen selbst, und zwar an den richtigen Stellen, wenn es solche für dich gibt: Aber darüber mußt du selbst entscheiden.

28.03.2005 um 02:57 Uhr

Fremdbestimmt

von: Lyriost

Fremdbestimmt

Das darfst du doch nicht
rostige Stimmen im Kopf
das kannst du doch nicht

immer derselbe Gestank
aus fernen Kinderzeiten.

28.03.2005 um 02:55 Uhr

Stille

von: Lyriost

Stille

Die Stille im Raum
spürt nur, wer die Klänge siebt,
die Töne im Ton.

Zwischen den Lauten ist nichts.
Die Stille ist im Gesang.

Im Nichts ist nichts, ist kein Licht.
Die Stille klingt wie Gesang.

28.03.2005 um 02:48 Uhr

Gewissen

von: Lyriost

Gewissen

Es ist so, als wären wir in unserer Kindheit mit einer Art retardierendem Breitband-Antibiotikum gegen uns selbst geimpft worden, das uns einerseits unsere Wege asphaltiert und diese deshalb leichter begehbar gemacht hat, aber uns heute immer wieder behindert, weil es erdrutschartig von Zeit zu Zeit Geröll auf unserem Weg zu uns selber auftürmt. Jedes Medikament hat eben unerwünschte Nebenwirkungen.
Oder sind es erwünschte? Wir sollten darüber nachdenken, wem die Wirkungen und Nebenwirkungen nützen. Und dann die von uns nicht erwünschten Nebenwirkungen mit einer anderen Medikation bekämpfen: zum Beispiel Eigensinn.
Das Dumme ist nur, daß gewissenfernes Nachdenken schon wieder Eigensinn voraussetzt und Eigensinn meistens gewissenfernes Nachdenken: ethischer circulus vitiosus.

28.03.2005 um 02:45 Uhr

Wahrnehmung und Bewußtsein

von: Lyriost

Wahrnehmung und Bewußtsein

Wir alle leben im Dunkeln. Das Sonnenlicht als Quelle der Offenbarung ist nichts als eine Widerspiegelung unseres Bewußtseins, gewissermaßen eine optische Täuschung. Was uns den Weg erhellt, ist einzig und allein das von den Sinnen gefütterte Bewußtsein, das sich durch die sinnliche Wahrnehmung seiner selbst bewußt wird. So was wie ein kosmischer Zerrspiegel des Überkosmischen.

28.03.2005 um 02:42 Uhr

Die Weisheit der Träume

von: Lyriost

Die Weisheit der Träume

Im Raunen des Bluts
verwirbelte Wahrheiten:
die Botschaft der Nacht.

Nicht sie verbirgt sich vor dir.
Du selbst versteckst deinen Sinn.