Lyriost – Madentiraden

30.04.2005 um 12:03 Uhr

Weisheit

von: Lyriost

Weisheit

Man sollte sich nicht täuschen: Der kluge Mensch ist von der Weisheit ebensoweit entfernt wie der dumme von der Klugheit.

30.04.2005 um 11:46 Uhr

Respekt

von: Lyriost

Respekt

Respektiere Menschen, die dich respektieren. Und versuche auch Menschen mit Respekt zu begegnen, die dich nicht respektieren. Vielleicht lernen sie dadurch. Und alle gewinnen Respekt. Das gilt natürlich nur im persönlichen Umfeld und nicht für respektlose Verfechter eigennütziger Ideologien und Interessenvertreter.

30.04.2005 um 11:09 Uhr

Fehler

von: Lyriost

Fehler

Wenn wir auf einen Fehler in unserem Denken oder in unserer Sprache aufmerksam gemacht werden und diesen erkennen, weil wir den Einwand ernst nehmen, suchen wir nach dem Grund dieses Fehlers und benennen ihn, wenn wir das können. Das sieht für andere manchmal wie eine Ausrede aus, ist aber keine Rechtfertigung vor andern, sondern in erster Linie vor uns selbst und wirkt bei uns beruhigend, weil wir so weiter den Traum der Perfektion träumen können. Vielleicht möchten wir uns aber einfach nur weiterentwickeln.

Schlimm wird es, wenn wir unsere Fehler zwar erkennen, aber nicht verstehen.

30.04.2005 um 10:00 Uhr

Die ewige Frage: Wozu?

von: Lyriost

Die ewige Frage: Wozu?

Ob du eine Antwort auf die Sinnsuchfrage bekommen wirst, weiß ich nicht. Aber wenn du sie nicht stellst, wirst du bestimmt keine bekommen. Und wenn du sie stellst, frag den richtigen. Am besten dich selbst.

29.04.2005 um 14:59 Uhr

Belanglosigkeit

von: Lyriost

Belanglosigkeit

Daß die Belanglosigkeit Spitzenpositionen erreicht, ist nicht weiter verwunderlich und im Grunde belanglos, denn es spiegelt nur die innere Triebkraft wider, die ihr innewohnt und die gleichzeitig ihr Wesen ist. Deshalb ist es ratsam, nach Wesentlichem eher in den mittleren und in Kellerregionen zu suchen, wenn man sich für Wesentliches interessiert.

29.04.2005 um 13:53 Uhr

Medizinglaube

von: Lyriost

Medizinglaube

Nach längerem Nachdenken (bei mir dauert das häufig etwas länger, deshalb habe ich kürzlich ein EEG machen lassen) komme ich zu dem Schluß, daß ein unauffälliges Hirnstrombild nicht mit letzter Sicherheit einen Dachschaden ausschließt. Man sollte die Fähigkeiten der technologisch fundierten Medizin nicht überbewerten.

Im Augenblick denke ich darüber nach, ob meine Nichtabweichung vom Normbereich nicht vielleicht bedenklicher ist, als es eine Abweichung wäre.

Was ich als eine unbedenkliche Abweichung vom Normbereich betrachte.

29.04.2005 um 11:50 Uhr

Über Rassismus

von: Lyriost

Über Rassismus

Ein Rassist ist im tiefsten Herzen ein wissenschaftsgläubiger Mensch: Er ist überzeugt, seine Vorurteile seien nicht bedingt durch Mangel an Denkvermögen, sondern Folge der basischen Verteilung in der Desoxyribonukleinsäure. Folglich blickt er auf andere Menschen wie ein Biochemiker, der eine Sequenzanalyse vornimmt. Im Unterschied zum Rassisten kann der Biochemiker jedoch zwischen Genotyp und Phänotyp unterscheiden.

29.04.2005 um 00:06 Uhr

Befreiung

von: Lyriost

Befreiung

Öffne den Mund
wenn der Stickschlamm
aus den Katakomben
hochsteigt
Miasma der
inneren Gestirne
Urknall der Seele
du mußt nicht schreien
öffne den Mund
und sprich
oder stammle
die Sonne spricht mit
und der Wind
sie formen das
feuchtglatte Wort
und trocknen
die wilden Gedanken
Gefühlgestalten
und bald spuckst
du Ton
wie weiches Fossil
lebenden Lehm
und wäschst von
den Lippen
die Asche
der Zeit.

28.04.2005 um 17:50 Uhr

Akkommodation

von: Lyriost

Akkommodation

Hinter der Tür des Psychologen findet ihr die Tiefe nicht. Wenn er gut ist, dann macht er euch höchstens Mut zu euch selbst. Gehen müßt ihr allein: durch die Kellertür. Dahinter aber ist es erst mal scheinbar dunkel. Und nicht in jedem Kellerraum ist ein Lichtschalter. Wenn ihr nun furchtsam davonlaufen wollt, denkt daran: Das Auge braucht etwas Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, aber bald werden die ersten Konturen sichtbar. Dann wird die Orientierung leichter, doch was ihr dann zu sehen bekommt, das kann euch niemand vorher sagen.

28.04.2005 um 02:26 Uhr

Du anderer

von: Lyriost

Du anderer

Willst du dich sehn
laß den Spiegel
sieh mich an
atme tief den Geruch
der schwefligen Lügen
im Ehrlichkeitskult der
verschlossenen Schlösser
hinter denen
du dich verkriechst
in mir.

Oder wende dich ab
von dir
wenn die Schlüssel
klirren in mir
dem Gefängnis
deiner unausgesprochenen
Gedanken.

Wenn die Blicke
sich streifen
siehst du vorbei
siehst deinen
Rücken
wie er im Dunkel
verschwindet
in den Schatten
deiner Unmöglichkeit
so fern wie
die Sonne
als wäre kein Tag.

Vorbei der Traum
der Unendlichkeit.
Vorbei der Traum
der Geburt.

 

27.04.2005 um 18:38 Uhr

Besser

von: Lyriost

Besser

Wer heute beschließt, morgen etwas besser zu machen, gibt damit gleichzeitig zu, daß er es gestern schlechter gemacht hat. Das hält viele davon ab, sich weiterzuentwickeln.

27.04.2005 um 13:27 Uhr

Baden

von: Lyriost

Baden

Das Baden in Dummheit hat neben den schlechten Gerüchen immer auch einen angenehmen Nebeneffekt: Es befriedigt unsere Eitelkeit, denn wir können uns dabei leichter schlau vorkommen, als wenn wir im Klaren badeten. Denn im Klaren hebt man sich nicht so leicht ab. Außer wenn man dumm ist.

27.04.2005 um 13:14 Uhr

Ozean

von: Lyriost

Ozean

Wenn sie mir zu sehr um die Füße schwappt, die Dummheit, fühle ich mich manches Mal versucht, zum antidummistischen Rassisten zu werden, aber dann fällt mir wieder Tucholsky ein, der gesagt hat: "Gegen den Ozean pfeift man nicht an." Tucholsky hat sich das Leben genommen. Das ist keine für mich akzeptable Lösung. Also wenigstens schwimmen lernen.

27.04.2005 um 12:52 Uhr

Wieder mal Spiegel

von: Lyriost

Wieder mal Spiegel

Spiegel sind durchaus nicht so unbestechlich, wie immer wieder gesagt wird. Unser eigener Spiegel zeigt uns, was wir sehen wollen, denn er möchte nicht zerschlagen werden. Und wir putzen ihn zum Dank dafür, daß er uns das zeigt, was wir sehen wollen.

Wenn uns aber ein anderer einen Spiegel vorhält, sind wir unangenehm überrascht und sehr häufig empört, weil uns das nicht gefällt, was wir da sehen.

Wenn ein Hammer zur Hand ist, werden wir ihn benutzen. Das ist menschlich verständlich, aber nicht klug.

27.04.2005 um 12:10 Uhr

Bildung

von: Lyriost

Einbildung

Nichts verhindert Bildung so sehr wie die Einbildung. Denn wenn wir uns einbilden, etwas zu sein, können wir es nicht werden.

Nur wenn die Wörter "Bildung" und "Einbildung" im ersten Satz austauschbar sind, handelt es sich um wirkliche Bildung und nicht um eingebildete.

27.04.2005 um 11:34 Uhr

Dialogbereitschaft

von: Lyriost

Dialogbereitschaft

Wenn du in mir sprichst
schweige ich sprachlos fast stumm
ich höre dir zu.

Hast du etwas zu sagen
dann werde ich es hören.

27.04.2005 um 11:01 Uhr

Gewohnheit

von: Lyriost

Gewohnheit

Man sollte sich angewöhnen, sich abzugewöhnen, andern etwas abgewöhnen zu wollen, und statt dessen angewöhnen, sich anzugewöhnen, sich selbst das abzugewöhnen, was nicht stimmig ist.

Das wäre eine gute Gewohnheit.

27.04.2005 um 01:05 Uhr

Über das Bloggen

von: Lyriost

Über das Bloggen

Genaugenommen müßte die Überschrift heißen "Über mein Bloggen", denn es gibt so viele Formen und Motivationen des Bloggens, daß man ein Buch darüber schreiben könnte, aber diese Formen interessieren mich im Augenblick nicht und sollen in diesem Beitrag nicht angesprochen werden.

Worum es mir geht, ist meine eigene Motivation und meine idealtypische Vorstellung vom Bloggen. Für mich ist Bloggen eine, wenn nicht die Möglichkeit, mein eigenes Denken zur Disposition zu stellen – und auch meine Gefühle. Und das Ganze zu dem Zweck der Erprobung in der virtuellen Wirklichkeit.

Bei der Wahl der Freunde sind wir geneigt, uns eher den Menschen zuzuwenden, mit denen uns möglichst vieles verbindet, und wir wählen sie dementsprechend aus, sei es nun bewußt oder unbewußt. Wenn wir aber unsern Blog in den Raum stellen, müssen wir mit Widerspruch ebenso rechnen wie mit Häme, Belustigung, Gleichgültigkeit und Unverständnis. Und wir laufen Gefahr, daß uns das ungeschminkt gesagt wird.

Freunde sind normalerweise verständnisvoller als Fremde, so wie wir ihnen gegenüber eher geneigt sind, ein Auge zuzudrücken, wenn sie etwas erzählen, das uns nicht überzeugt. Freunde wollen Freunde bleiben. Auch beim Bloggen können wir solcherart Rücksicht nehmen, aber wir müssen nicht, und auch die andern müssen nicht.

Jeder weiß, daß tiefere Einsichten so manches Mal Folge der Konfrontation mit konträren oder einfach nur abweichenden Ansichten sind, vorausgesetzt, man nimmt sich die Zeit, über Auseinandersetzungen nachzudenken.

Genau das ist es, was mich treibt, hier zu sagen, was ich denke, und mich als lyrisch kreativer Mensch zu zeigen. Ich möchte mich anderen mitteilen, um Resonanz zu erzeugen, die mich in meinem eigenen Denken und Dichten weiterbringt.

Und dasselbe möchte ich auch den andern geben: Resonanz. Und deshalb beteilige ich mich an den Denkvorgängen anderer, deren Denken und verborgenes oder weniger verborgenes Fühlen mich interessiert, berührt, bewegt, ärgerlich macht oder abstößt.

Jeder für sich und gemeinsam kreativ sein: Das ist meine idealtypische Vorstellung vom Bloggen. Ich glaube nicht, daß uns das dümmer macht.

27.04.2005 um 00:06 Uhr

Über das Lesen

von: Lyriost

Über das Lesen

"Lesen macht dumm." Inmitten all der Bücher im Arbeitszimmer prangt dieses Diktum und lächelt ironisch und süffisant. Und die Bücher lächeln ironisch und noch süffisanter zurück: die guten wie die schlechten. Und Leute, die mich besuchen, tun es ihnen nach, manche lachen gar laut und möchten sich am liebsten wälzen angesichts dieses scheinbaren Widerspruchs.

Auch ich selbst habe gelächelt, als ich diesen Spruch einrahmte und ihm seinen Platz zuwies, denn "Lesen macht dumm" inmitten von Bücherhaufen, das ist schon ein starkes Stück und natürlich Witz und Provokation zugleich. So wird es im allgemeinen aufgefaßt, und das ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Doch die eigentliche Bedeutung ist eine andere.

Was tun wir, wenn wir etwas Gedrucktes in die Hand nehmen und zu lesen beginnen? Wir begeben uns in die Gedankenwelt eines anderen Menschen, vollziehen seine Gedankengänge nach, und wenn er gut schreibt, fällt uns das immer leichter und leichter. Und wenn wir viel lesen, gewöhnen wir uns daran, denn es ist einfacher für uns, wenn ein anderer für uns denkt, so wie es weniger anstrengend ist, im Auto zu fahren, als zu laufen. Und so wie dem Vielfahrer das Gehen nach und nach lästiger und mühsamer wird, so geht es auch dem Vielleser mit dem Denken.

Statt lange und ausdauernd selbst zu denken, was ein langsamer und mühsamer, widersprüchlicher Prozeß ist, sucht sich der Vielleser den Lesestoff und verschlingt Buch für Buch und freut sich an den Gedanken, die nicht seine eigenen sind. Und manche Leser verlernen das Denken beim Lesen ganz und gar. Das merkt man spätestens dann, wenn man länger mit ihnen redet und plötzlich feststellt, daß ein anderer aus ihnen spricht; und wenn man weiß, was sie zuletzt gelesen haben, und dieses kennt, dann erkennt man, wie gefährlich das Lesen für die Intelligenz sein kann. Lesen mag bilden, aber es kann mindestens ebensosehr das eigenständige Denken gefährden oder gar unterdrücken.

Das erste Mal ist mir das aufgefallen, als ich nacheinander Parmenides und Heraklit las und beide gleich überzeugend fand, obschon beide Vorsokratiker einen gegensätzlichen Standpunkt vertreten, und erst viel später habe ich mich gefragt, was ICH denke. So gebannt und gefangen war ich von ihrem philosophischen Denken. Dieser Vorgang hat sich später noch öfter wiederholt, und so etwas passiert mir auch heute noch, wenn ich nicht größere Denkpausen zwischen den Lektüren einlege und das Gelesene schreibend und dialogisch verarbeite.

Wer die Universitätsmoden einigermaßen genau kennt, kann nach einer Viertelstunde Gespräch ziemlich sicher sagen, wann der Gesprächspartner studiert hat, weil dessen Denken durch die Schriften geprägt ist, die zu seiner Zeit an der Uni gerade rezipiert und nachgeplappert wurden.

Ob es sich dabei um Philosophie handelt, Linguistik oder Literaturwissenschaft, ist ziemlich egal. Ich vermute, daß es in anderen Fächern nicht viel anders ist.

Daraus ziehe ich für mich den Schluß, daß es wichtiger ist, viel zu denken, als viel zu lesen. Und daß man sich Zeit lassen sollte beim Lesen und den Büchern keinen größeren Vertrauensvorschuß geben sollte als Gebrauchtwagenhändlern und Versicherungsvertretern.

26.04.2005 um 16:33 Uhr

Das alte Lied

von: Lyriost

Das alte Lied

Das Hirn umschlungen
von bemaltem Tuch
geschwenktes Vaterland
gebrüllter Fluch.

Die Fahne flattert
bald zerreißt die Haut
vom Feuersturm verbrannt
kein Schrei, kein Laut.

Die Zungen klirren
kalt und steif auf Grund
Soldaten unbekannt
erloschner Mund.

Der Sarg umschlungen
von bedrucktem Tuch
geschenktes Vaterland
erfüllter Fluch.