Lyriost – Madentiraden

07.04.2005 um 01:39 Uhr

Tag für Tag Nacht

von: Lyriost

Tag für Tag Nacht

Schaufelschwielen keuchen Gräben
Splitterrisse hoffnungslahm.
Böse bellen Uniformen
Fusel flucht auf Abraham.

Zyanaugen löschen Flehen
Wunde Blicke blickerstickt.
Eisgelächter schneidet Leben
Peitschen knurren haßgespickt.

Angstbefeuert schmelzen Seelen
Leiber stürzen aufs Gesicht
zucken in den klammen Furchen.
Brüllend löscht der Tod das Licht.

...
Deutsche Meister schwitzen DAMALS
Robenrentner rheumalahm.
Mythenrauch schwült kalte Helden
Lippen zucken prahlebram.

06.04.2005 um 23:57 Uhr

Der Tod und der Schatten

von: Lyriost

Der Tod und der Schatten

Überall, wo Lichter lohen, brennen, glühen, schimmern, huschen große oder kleine Schatten umher. Schatten sind so allgegenwärtig wie das Licht. Der Tod aber wirft keine Schatten, denn er stellt alles in den Schatten, weil er die Lichter ausbläst.

06.04.2005 um 11:45 Uhr

Latet anguis in herba

von: Lyriost

Latet anguis in herba

Eine Häufung lateinischer Zitate und Redewendungen wirkt selbst in wissenschaftlichen Abhandlungen oft verkrampft wichtigtuerisch und erzeugt bei aufmerksamen Lesern eher Abscheu als Bewunderung. Wenn aber die Texte um die Zitate herum wohlgeordnet und prägnant sind, ist man geneigt, ein Auge zuzudrücken.

Aber lateinische Redewendungen in einem Schreiben der Hausverwaltung? Da vermutet man doch sofort, daß die Hausverwalterin auf dem Flohmarkt versehentlich den Büchmann mitgenommen hat, weil die Farbe so gut zum grünen Kostüm paßt.

Und wenn es dann nur mit Mühe gelingt, den um das Zitat herumgruppierten Text in deutscher Kanzleiversuchssprache zu entziffern, dann hilft nur noch homerisches Gelächter. Aber das klingt ja nicht lateinisch, sondern griechisch. Ich werde mein Antwortschreiben mit ein paar altgriechischen Floskeln garnieren. Bin gespannt auf die Reaktion.

Wer die Sprachschleiferei nicht so gut beherrscht wie weiland Spinoza das Linsenschleifen, der sollte besser auf derlei bildungsbürgerlichen Schnickschnack verzichten, denn durch die Qualität solcher Zitateinsprengsel wird die Armseligkeit der Umgebung nur noch deutlicher.

Latet anguis in herba.

06.04.2005 um 11:43 Uhr

Sonett 66

von: Lyriost

 

TIRED with all these, for restful death I cry:
As to behold desert a beggar born,
And needy nothing trimmed in jollity,
And purest faith unhappily forsworn,
And gilded honor shamefully misplaced,
And maiden virtue rudely strumpeted,
And right perfection wrongfully disgraced,
And strength by limping sway disabled,
And art made tongue-tied by authority,
And folly, doctor-like, controlling skill,
And simple truth miscalled simplicity,
And captive good attending captain ill.

Tired with all these, from these would I be gone,
Save that, to die, I leave my love alone.

 

William Shakespeare
Sonett 66 -
Nachdichtung


Dies müdgesehen, möcht im Tod ich ruhn:
Wie sich Verdienst mit Bettelgroschen quält
Und taube Nuß da stelzt in goldnen Schuhn
Und treuem Glauben wird Verrat vermählt

Und Gaunerhemd mit Kreuz am Band geschmückt
Und junge Tugend schwärzt der alte Sumpf
Und wahre Größe gilt als weltentrückt
Und Kraft erlahmt im Impotenztriumph

Und Kunstgewalt von Machtverstand entmachtet
Und edler Geist ist Spielzeug schlauer Narren
Und Wahrheit wird als Bonhomie verachtet
Und Sklavin Güte zieht der Bosheit Karren.

Von all dem müde, möcht ich heut noch fort –
Ließ ich nicht dich allein an diesem Ort.

05.04.2005 um 18:22 Uhr

Bild

von: Lyriost

 

Bild

Im Schatten meiner
träumenden Augen
wälzt sich die Welt
in Asche und Staub:
das Licht der kalten
Gesichter.

05.04.2005 um 09:33 Uhr

Über Zynismus

von: Lyriost

Über Zynismus

Zynismus kann etwas sehr Amüsantes und Anregendes für den Betrachter haben. Vorausgesetzt, der Zyniker hat außer dem Salz auch ein wenig Selbstironie in die Suppe gestreut. Ist das nicht so, empfehle ich ein Vorgehen nach der homöopathischen Methode, in diesem Fall fremdironisches Kommentieren. Dann wird neben dem Betrachter auch der Suppenkoch angeregt.

In sehr schweren Fällen kann man zusätzlich etwas Pfeffer und Salz in die zynische Suppe streuen. Das hilft in jedem Fall sofort und wirkt abführend. Aber es nimmt allen das dauerhafte Amüsement.

04.04.2005 um 21:16 Uhr

Liebesvorstellungen

von: Lyriost

Liebesvorstellungen

Die Krise der dauerhaften Liebesfähigkeit hat viel damit zu tun, daß eine wachsende Zahl von Menschen ihre Vorstellungen über die Liebe zunehmend aus Groschenromanen, Szene-Psychologen-Geschwätz, Soap-Operas und Hollywoodfilmen bezieht.

04.04.2005 um 20:39 Uhr

Alltäglichkeit

von: Lyriost

Alltäglichkeit

Wenn im Dornbusch
das Herz verbrennt
flüstert die Nacht
fromme Lieder
so still wie
der Tau

04.04.2005 um 09:41 Uhr

Unbewußte Selbstkritik

von: Lyriost

Unbewußte Selbstkritik

Manche Menschen verkörpern selbst genau das, was sie so vehement kritisieren. So gehen sie naßforsch und rücksichtslos gegen vermeintlich naßforsches Verhalten und Rücksichtslosigkeit vor und merken nichts dabei, denn ihrem eigenen Verhalten gegenüber scheinen sie blind zu sein.

Und sie sind durch nichts zu bremsen in ihrer Empörung und wilden Entschlossenheit, auf sich aufmerksam zu machen, und hören nicht mal dann auf, wenn ihre Worte so gar nicht mehr klar, sondern durch ihren schaumigen Mund bereits zur Unkenntlichkeit entstellt sind und alle andern nur noch den Kopf schütteln.

Man ist dann leicht geneigt zu sagen: Der muß es nötig haben. Ja, der hat es nötig, und sein Unbewußtes versucht auf diesem ungewöhnlichen Weg der Projektion, eine Situation zu schaffen, die nach einer Weile dafür sorgen wird, daß wenigstens ein Hauch von Selbstzweifel in das empörte Gemüt einsickert, was schlußendlich vielleicht doch einmal Einsicht erzwingen könnte. Und es ist leider (?) so: Erzwingen kann man Einsicht bei sich selbst nur selber. 

04.04.2005 um 02:36 Uhr

Zeitlose Zeit

von: Lyriost

Zeitlose Zeit

Wenn die Uhren
denken könnten
würden sie sprechen

Wenn die Uhren
fühlen könnten
würden sie schreien

Wenn die Uhren
denken und fühlen könnten
würden sie schweigen

Wenn die Uhren
schweigen könnten
wäre es still auf der Welt

Wenigstens für eine Weile

03.04.2005 um 12:30 Uhr

Buße

von: Lyriost

Buße

Nichts ohne Schuld
in Ketten gelegt
die Meere Steinereißer
aus Uferwacht
verurteilt
das Urteil
der Zeit

03.04.2005 um 03:19 Uhr

Maskenschutz

von: Lyriost

Maskenschutz

Kein gutes Wort
das deine Wangen härtet
kein gutes Lächeln
das die Lippen reizt
kein Augenblick
der nicht bewertet
in Selbstentleerung
sich im Spott
feist spreizt.

02.04.2005 um 22:12 Uhr

Der Papst stirbt

von: Lyriost

Der Papst stirbt

Wie Schattenlichter
das Blitzen
entfremdeter Tod.

Die Welt beugt sich
laut über
das fremde Sterben
für dich

in den zeitlosen Säulen
das kalte
Steinegestrüpp.

Die Massen
auf den Plätzen
der endlosen
Wahngewalten.

Und zum
Schluß nur
ein Name mehr
auf der Tafel
der verruchten
Stellvertretergestalten.

Eine Blume aus Stein
im Fenster
der Glockentänze.

Ein Name nur
der Vergeblichkeit.

Kein Trost
im Gewühl.

Nur gefiederte
Worte.

02.04.2005 um 21:13 Uhr

Existenz

von: Lyriost

Existenz

Kein wahrhaft tiefer Gedanke über die menschliche Existenz, ja die Existenz generell, kommt ohne das Gefühl des Erschreckens in unseren Kopf.

02.04.2005 um 08:15 Uhr

Geschenk

von: Lyriost

Geschenk

Im eisigen Schneestein
der zeitlichen Weiten
torkeln vermummte Gestalten
wie hungrige Raben
mit flehenden Armen
und zittrigen Händen
in Aschengewändern.
Sie rufen nach Warmem
und betteln um Gnade
zertreten die Waagen
zerreißen die Roben
zerbrechen die Tafeln
und sprechen
das Wort vor sich hin:
Kein Recht für
das Recht.
Nur gerechte
Begnadung.

02.04.2005 um 00:32 Uhr

Krankheit

von: Lyriost

Krankheit

Manchmal ist die Krankheit das Medikament.

Manchmal ist Krankheit das beste Medikament gegen Krankheit. 

Manchmal ist Krankheit das beste Medikament gegen falsch verstandene Gesundheit.

Manchmal ist Krankheit der Weg zur Gesundheit.

 

01.04.2005 um 10:26 Uhr

Bild im Spiegel

von: Lyriost

Bild im Spiegel

Immer wieder Spiegel. Und der Blick hinein. Wenn die Eitelkeit in den Spiegel hineinschaut, kann nicht die Erkenntnis herausschauen.

Vielleicht hilft dir ein mutiger Sprung hinein in dein gläsernes Ich.