Lyriost – Madentiraden

07.05.2005 um 00:08 Uhr

Und klaglos lächelt die Sonne

von: Lyriost

Und klaglos lächelt die Sonne

Heulend saugen
die Pumpen
das Blut aus
den Katakomben
vergessener Höllen
zerren Vorzeitkadaver
hervor zu beleuchten
die Foltergruben
kreisender Zeiten.
Schwarz färbt
die Lunge
des Meeres
der Rauch
der Geschichte
und schuldlahme
Flügel flattern hilflos
im klebrigen Schlamm
ihrer Ahnen
sinnlose Opfer im
haltlosen Strudel
der Aggregatzustände
Beulen der Pest
im Miasma
der Epochen.

07.05.2005 um 00:06 Uhr

Geburtsfehler

von: Lyriost

Geburtsfehler

Eingetreten
in die Höhle des Scheins
als wäre es die
Halle des Seins
durch die
falsche Tür.
Gelockt von den
gläsernen Glocken
dem Klang gefolgt.
Zu spät
das Erstaunen
der Blick zurück
zu der Tür
ohne Klinke.
Und die Fenster
mit Steinen verhängt.
Dahinter die
Nacht und die
Fratzengesichter.
Ruhe bewahren.
Vielleicht nur
ein Traum.

Oder ein Versehen.

06.05.2005 um 23:40 Uhr

Leichtigkeit

von: Lyriost

Leichtigkeit

Manchmal findet
der Wind
die Wolken
und sie jagen
umher zwischen
flatternden Sternen
wie tollende
Hunde im Park.
Und vor Lachen
krümmt sich
der Raum.

06.05.2005 um 23:12 Uhr

Was bleibt

von: Lyriost

Was bleibt

Furchtlos die Höhlen
im inneren Gebirge
voller blutiger Schatten

ausleuchten bis zum Grunde.
Emphase der Einsamkeit.

06.05.2005 um 22:42 Uhr

Existenz

von: Lyriost

Existenz

Da fault ein Stumpf
wo groß
ein Baum geträumt
von Moos
und lichtem Gras
umsäumt.
Kein Blätterrauschen
Ästeknarren:
Beklemmende Stille.
Die Worte erstarren.

06.05.2005 um 12:38 Uhr

Manchmal

von: Lyriost

Manchmal

Wenn die Narben
erglühen
möchte ich schreien
möchte hassen
wenn deine Achseln
lose Worte
zucken
die Chiffren
der sprachlosen
Verwirrung
im Gewirr
deiner ungefühlten
Gedanken.

Eine Wurzel
die die Erde sucht
als stecke sie
nicht darin.

Und die
vor ihr flieht.

Ich möchte schreien
möchte hassen
doch die
Stimme bricht.

In reiner Liebe
wächst kein Haß.

06.05.2005 um 01:56 Uhr

Warten

von: Lyriost

Warten

Mit hängenden Säcken
unter dem Blick
sich selbst zum Schrecken
ein runzliges Siegel
zerfranster Strick
Moira bricht grausam
ihr ist es ein Necken   
bald Herz, Hirn, bald Flügel. 
Spät knackt das Genick.

05.05.2005 um 01:13 Uhr

Essenz

von: Lyriost

Essenz

Dies ist die
Stille im Lärm
unerkannt
unter rhythmisch
klatschenden Zungen
ihr Gesang ist
von Worten
umwachsen
ihre Augen
sind stumm.

Dies ist das
Glühen im Eis
Diamant
hinter Bergen
blinder Gesteine
seine Pracht ist
von Spiegeln
umstellt
und die Blicke
sind krumm.

Dies ist das
Kreisen im Kreise
an der Wand
unterm Röcheln
ratloser Sterne
ihr Gestöhn ist
von Dunkel
umschlungen
täuschend mildes
Gebrumm.

 

03.05.2005 um 11:05 Uhr

Fragen und Antworten

von: Lyriost

Fragen und Antworten

Wenn man sämtliche Interrogativpronomen in allen möglichen syntaktischen Variationen – die deutsche Sprache ist dabei außerordentlich flexibel –  ausgeschöpft hat, ohne eine Antwort zu bekommen, dann sollte man für eine Weile schweigen. Vielleicht sucht der Gesprächspartner selbst verzweifelt nach einer Antwort und wird durch erneutes Fragen immer wieder beim Nachdenken gestört.

Es kann sein, daß niemals eine Antwort gegeben wird. Es kann sein, daß nach einer Weile geantwortet wird, verbal oder durch eindeutige Handlung. Kann sein noch rechtzeitig.

Aber wenn wir zu lange auf eine Antwort warten müssen, dann kann es sein, daß die Antwort zu spät kommt, wenn sie schließlich doch noch gegeben wird, weil uns Frage und Antwort inzwischen nicht mehr wichtig erscheinen oder wir einen weniger säumigen Gesprächspartner gefunden haben. Oder beides.

03.05.2005 um 10:41 Uhr

Gesang

von: Lyriost

Gesang

Sind stille Lieder
die im Grab erklingen
sind leise Worte
die die Erde
spricht.

03.05.2005 um 10:34 Uhr

Verletzungen

von: Lyriost

Verletzungen

Es ist eine Illusion, zu glauben, man könne eigene Verletzungen besser ertragen, wenn man den andern verletzt, ob nun den, der uns verletzt hat, oder wieder andere – weil die verletzbarer oder einfach nur greifbar sind –, von heilen ganz zu schweigen.

Wenn wir einen anderen verletzen, verletzen wir immer auch uns selbst, und dadurch werden unsere Wunden nur tiefer.

Besser ist es, mit dem anderen über unsere Verletzungen zu sprechen.

Und über seine.

03.05.2005 um 09:20 Uhr

Miteinander sprechen

von: Lyriost

Miteinander sprechen

Wenn du über andere redest, merke ich vielleicht nicht, daß du über dich selbst sprichst, weil ich das Gefühl habe, du sprächest über mich. Entsprechend fällt dann manchmal meine Antwort aus. Gar nicht so einfach. Man muß immer aufmerksam hinhören, wer über wen spricht.

03.05.2005 um 08:40 Uhr

Übel

von: Lyriost

Übel

Wer von ihm nicht betroffen ist, weil er nicht von ihm getroffen wurde, möglicherweise weil es schlecht gezielt hatte, sollte sich in jedem Augenblick darüber im klaren sein, daß es schon heute besser zielen und ihn treffen könnte. Es schießt dauernd und sehr häufig vorbei. Doch es trifft jeden mindestens einmal. Meist jedoch viel, viel öfter. Es ist nicht die schlechteste Art und Weise, sich auf diesen Augenblick, da man selbst getroffen werden wird, dadurch einzustellen, daß man sich in Menschen einfühlt, die bereits getroffen wurden.

Dazu ist es manchmal notwendig, sich erst einmal an die eigenen Wunden zu erinnern und ihren Schmerz nicht ständig zu verdrängen. Der zweite Schritt fällt dann leichter.

03.05.2005 um 01:15 Uhr

Diskussion

von: Lyriost

Diskussion

Der Sinn einer kreativen Diskussion ist es nicht, herauszufinden, wer recht hat, oder sich mit seiner Meinung oder Theorie durchsetzen zu wollen, sondern auszuloten, was richtig sein könnte.

Dabei wird sich manches Mal herausstellen, daß keiner recht hat oder alle recht haben, und zwar deshalb, weil die Perspektive eine jeweils andere ist oder einem Diskussionsgegenstand mehrere Erscheinungsformen zukommen können. Dann kann man natürlich über die Qualität der Perspektive diskutieren und über eine eventuelle Ungleichwertigkeit der Erscheinungsformen und so weiter.

Diskussion sollte aber kein Kriegsersatz sein. Spielen und mit Gegenständen werfen kann man besser im Sandkasten.

(Wenn ich meinen Text betrachte, fällt mir ein möglicher Ansatzpunkt für Kritik oder eine Diskussion auf: das Spielen im Sandkasten. Wie jeder weiß oder wissen sollte, kann Spielen im Sandkasten sehr kreativ sein, und deshalb habe ich hier zu allgemein formuliert, weil ich die kreativen Erscheinungsformen des Sandkastenspiels außer acht gelassen habe.

Ich dachte daran, daß die Kontrahenten sich in Diskussionen häufig gegenseitig Sand in die Augen streuen, und finde diese Unart wenig förderlich. Spielerische Elemente jedoch können Diskussionen in mancherlei Hinsicht beleben.

Ein zweiter möglicher Einwand könnte sein, daß ich die sportliche Komponente von Diskussionen nicht erwähnt habe: Diskussion als geistige Eristik. Und schon wären wir in einer fruchtbaren Diskussion über Diskussionen.)

03.05.2005 um 00:15 Uhr

Über Selbstironie

von: Lyriost

Über Selbstironie

Selbstironie ist kein Lachen, wie jemand behauptet hat, sondern ein Lächeln, weil etwas in uns genau weiß, daß alles nicht so ernst ist, wie wir uns und andere glauben machen wollen, ein wissendes Lächeln, weil wir uns der Tatsache bewußt sind, daß in unseren Selbstentäußerungen eine gehörige Portion Theatralik, Inszenierung steckt. Selbstironie kann der Beginn einer gelasseneren Betrachtungsweise der eigenen Realität sein und schützt uns vor Illusionen über uns selbst. Wenn wir dem Souffleur soufflieren, heben wir die Illusion der Ernsthaftigkeit auf.

02.05.2005 um 23:46 Uhr

Bekränzte Gedanken

von: Lyriost

Bekränzte Gedanken

Wie die Schuppen
der Fische
im Mondlicht
gedeihn.
So als sprächest
du Recht.
Und der Wind
kühlt jedes
wärmende Wort.

02.05.2005 um 12:24 Uhr

Über emotionale Farbenblindheit

von: Lyriost

Über emotionale Farbenblindheit

Manchmal ist es so, daß Menschen, wenn sie einander nahekommen, sich selbst näherkommen, aber wenn sie Probleme mit ihrem Selbst haben und diese gewohnheitsmäßig mit scheinbarem Erfolg in den Ego-Bereich verdrängen, sich von dem andern, der als eine Art Katalysator wirkt, abwenden, weil sie Angst davor haben, sich dem Teil in sich selbst zuzuwenden, auf den es ankommt, dem Kern ihrer Persönlichkeit – dann wenden sie sich vom andern ab, um zu vermeiden, sich sich selbst zuzuwenden.

Und sie leben weiter ihr verhängnisvolles Muster, weil es ihnen bekannt und gewohnt ist. Und wenn es bei ihnen immer wieder mal mächtig knallt, verlagern sie die Ursache dafür in den jeweils andern. Vermeidung der Auseinandersetzung mit sich selbst durch Projektion von Konfliktursachen auf den andern.

Das ist so etwas wie eine gefühlsmäßige Achromatopsie. Solche Menschen sind blind für die problemauslösende Struktur in ihrem Innern. Darauf hingewiesen, neigen sie gewohnheitsmäßig dazu, dem andern Fehlsichtigkeit zu attestieren. Und wenn beim nächsten andern das gleiche passiert, wundern sie sich nur darüber, daß es so viele Fehlsichtige gibt.

01.05.2005 um 23:01 Uhr

Zum Beispiel Afrika

von: Lyriost

Zum Beispiel Afrika

Die Sterne kümmern sich nicht darum, ob hier unten gerade Krieg ist oder Scheinfrieden. Ganz schön eingebildet, die Sterne.

Fast so wie wir, wenn wir zum Beispiel nach Afrika gucken, obwohl wir keine Sterne sind. Zu unserer Entlastung sei gesagt, daß Sterne meistens weiter blicken können als wir. Vielleicht trägt das zu ihrer Arroganz bei – oder ist es am Ende nur Gleichgültigkeit? Wir können nicht so weit gucken wie die Sterne. Und die in den Observatorien schauen  nicht nach Afrika, sondern hoch zu den Sternen.

Vielleicht sehen sie durch die Teleskope ja eines Tages ein Schild, auf dem steht, was zum Beispiel in Afrika geschieht.

Aber dann wird es wahrscheinlich zu spät sein – nicht nur für Afrika.

01.05.2005 um 09:44 Uhr

Mysterium

von: Lyriost

Mysterium

Als ich heute morgen aufwachte und meine Frau neben mir atmen hörte, habe ich mich gefragt, warum sie mit mir zusammen die Nacht verbringt, wenn sie so weit von mir entfernt ist, wie sie nicht müde wird, immer wieder zu behaupten. Ich habe keine Antwort gefunden. Wenn auch viele Vermutungen. Keine von ihnen überzeugt, ich habe nicht mal eine Ahnung. Meine Vermutungen über ihre Motive überzeugen mich ebensowenig wie ihre Erklärungsversuche. Der Sinn ist verborgen. Wahrscheinlich uns beiden.

Aber ich werde nicht müde werden, immer wieder zu betonen, daß ich ihr nur so lange fern bin, wie sie mir fern sein will. Ob sie mir nun wirklich so fern ist, wie sie glaubt, oder ob sie mir aus irgendeinem mir und möglicherweise sogar ihr unbekannten Grund fern sein will, spielt dabei bis auf weiteres keine Rolle.

Das Handeln der Menschen ist manchmal ein Mysterium.