Lyriost – Madentiraden

29.06.2005 um 14:45 Uhr

Schein und Sein

von: Lyriost

Schein und Sein

So viele Sterne
gebrochen rasendes Licht
am Großstadthimmel

Vielleicht schon längst erloschen.
Die Sterne sehen wir nicht.

29.06.2005 um 11:31 Uhr

Ungeschminkt

von: Lyriost

Ungeschminkt

Vor der Härte und
Plumpheit der Zeit
erschrickt die
Unendlichkeit.

28.06.2005 um 16:34 Uhr

Über Egozentrik

von: Lyriost

Über Egozentrik

Ein Egozentriker ist ein Mensch, der von einem andern erwartet, daß der ihm den Apfel vom höchsten Ast holt, aber selbst nicht bereit ist, dabei auch nur die Leiter zu halten.

Daß der Egozentriker nicht willens ist, den Apfel zu teilen, versteht sich von selbst.

28.06.2005 um 14:11 Uhr

Solipsistische Miniatur II

von: Lyriost

Solipsistische Miniatur II

Wir sind verborgen, in uns selbst gefangen
und einig nur im Anderssein.
Die Hilferufe, die hinausgelangen
verfehlen sich im Dämmerschein.

Und bleiben ungehört und ungesehen
die Dunkelheit bricht sie entzwei.
Wenn wir des Nachts am Fenster stehen
brennt nur das Licht der Tyrannei

der unerforschten, ewig unbekannten
gespiegelt nur im Rauch der Zeit
in der wir an die Mauern rannten
im blutbefleckten Hochzeitskleid.

27.06.2005 um 13:46 Uhr

Ausbeute

von: Lyriost

Ausbeute

Die Quintessenz
der Weltgeschichte
der Sud
verwehter Gestalten
zerkocht in Höllen
warmen und kalten:
ein paar Gedichte.

27.06.2005 um 11:55 Uhr

Perspektivenwechsel

von: Lyriost

Perspektivenwechsel

Den Strom verstehen
losgerissen
in Zwischenwelten
rundum Staub.

Der Blick hinab
ins stumme Fluten
dem Meer entgegen
nasses Laub.

Der Blick hinauf
die Möwen fliehen
der Sonne zu
im Dunst das Licht.

Schnell gehst du fort
kein fester Boden
und in der Tiefe
dein Gesicht.

25.06.2005 um 15:12 Uhr

Kirchgang

von: Lyriost

Kirchgang

Da gehn sie bieder
brav und guter Dinge
voll feuchter Lieder
Köpfe in der Schlinge.

Schreiten vornehm, nobel
in den fremden Fellen
Fuchs und Nerz und Zobel
hin zu den Kapellen.

Und die andern wieder
in gegerbten Häuten
gutgeölte Glieder
aufgeschreckt vom Läuten.

Glockenruf zum Essen
Zug der Kannibalen
in die schwarzen Messen
zu den goldnen Schalen.

Rausch der Weihrauchschwaden
sattes Orgelbrausen
Menschen fluchbeladen
kollektives Schmausen.

Kult der Opfertäter
Omophagenspiele
Ritus der Verräter
Tanz der Krokodile.

Voll von dem Erlöser
Fleisch-und-Blut-Genosse
guter Mensch und böser
alte Priesterposse.

25.06.2005 um 14:50 Uhr

Gebrochene Illusion

von: Lyriost

Gebrochene Illusion

 
In unserm Zoo stehn
lauter Tiermaschinen
sind wie lebendig
wildbewegt wie echt.
Sie schlucken Fisch
und Kohl und Apfelsinen
und manches Mal wird
sogar einer schlecht.

Nur ihre Augen sind
nicht gut gelungen
das gilt für alle:
Löwe, Wolf und Lurch.
Sie schaun kein
bißchen ungezwungen –
ihr Blick geht kalt und glatt
durch dich hindurch.

24.06.2005 um 08:05 Uhr

Vom deutschen Wesen

von: Lyriost

Vom deutschen Wesen
(natürlich im Dreischritt)


Immer noch einsam
gemeinsam erst recht
fossile Mimosen
ein Mammongeschlecht.

Gedankenmaschinen
der Weltgeist in Hosen
Gemüt in Pantinen
historisch umweht.

Der Tiefsinn in Dosen
gefeierte Unschuld
politisch vernunftlos
und pünktlich zu spät.

23.06.2005 um 15:12 Uhr

Bauchredner

von: Lyriost

Bauchredner

Manchmal führt Nachdenklichkeit zum Nachdenken und manchmal Nachdenken zur Nachdenklichkeit. Man sollte das zulassen und den eigenen oder den fremden Bauchredner hin und wieder in seine Schranken verweisen.

23.06.2005 um 14:40 Uhr

Regeln

von: Lyriost

Regeln

Wenn ich mich in der Öffentlichkeit äußere, muß ich damit rechnen, daß ein anderer öffentlich etwas dazu sagt. Dabei kann es vorkommen, daß mir das, was gesagt wird, mehr oder weniger gut gefällt. Das ist Risiko und Chance zugleich.

Zum einen kann durch den Kommentar des andern etwas deutlich werden, von dem ich (zum Beispiel aus Gründen der Eitelkeit) nicht möchte, daß es deutlich wird. Zum anderen aber kann mir klar werden, daß ich nicht genügend nachgedacht habe über dieses oder jenes. Ich habe also Gelegenheit, etwas dazuzulernen.

In jedem Falle entspricht es meinem Demokratieverständnis, alle zu Wort kommen zu lassen, die anderer Meinung sind als ich selbst, solange sie ihre Meinung sachlich oder polemisch, ironisch, süffisant oder sonstwie originell äußern. Persönliche Angriffe, Beschimpfungen und Beleidigungen kann ich, muß ich jedoch nicht dulden, wenngleich auch solche manchmal sinnvollerweise geduldet werden sollten, weil sie sichtbar und für die Mehrheit nachvollziehbar auf ihre Urheber zurückfallen und deren Gedankenarmut deutlich werden lassen. Denn persönlich beleidigende Angriffe sind normalerweise ein Zeichen fehlender Argumente oder eines Mangels an Argumentierfähigkeit. Oder auch nur eines Überschusses von Gallensekret.

So halte ich das auch hier auf meinem Blog. Hier darf jeder kommentieren, der etwas zu sagen hat, und auch jeder, der nichts zu sagen hat, aber auf originelle Art und Weise davon ablenkt, daß er nichts zu sagen hat. Ob das Gesagte sich mit meiner Meinung deckt, spielt dabei naturgemäß keine Rolle. Aber selbstverständlich muß jeder, der einen Kommentar abgibt, wissen, daß dieser Kommentar kommentierbar ist und von mir selbst oder von anderen kommentiert wird.

Persönliche Verunglimpfungen und Beleidigungen, die erkennbar über metaphorisch mehr oder weniger kunstvolle Charakterisierungen von Verhaltensweisen oder Haltungen hinausgehen, sind davon ausdrücklich ausgenommen. Sie werden entweder gelöscht, oder der Urheber wird gebeten, sich zu entfernen, und erst dann wieder zu erscheinen, wenn er meine Regeln hier respektiert. Auf seinem eigenen Blog kann er es halten, wie er will. Hier nicht.

Auf anderen Blogs erfahre ich manchmal, daß es Zeitgenossen gibt, die ganz andere Regeln haben. Und diese Regeln haben häufig eher totalitäre Tendenz. Sachliche Kritik ist nicht erwünscht, und bei Nichtbeachtung gibt es postwendend persönliche Beschimpfungen, Unterstellungen und dergleichen. Da merkt man schnell, daß diese Blogs nur der Selbstdarstellung und narzißtischen Bestätigungssucht dienen, und wenn man es nicht schnell genug merkt, dann läuft man Gefahr, verbal aufgeschlitzt oder in einen Betonmischer gesteckt zu werden. Nun ist ja mein Fell härter, als es die Spielzeugmesser sind, mit denen an solchen Orten herumgefuchtelt wird, aber unästhetisch ist das Ganze dennoch.

Wenn man sich dann, schon aus hygienischen Gründen, aus dem "Gespräch" von solchen Orten zurückzieht und das ausdrücklich in einem letzten Kommentar, explizit, vermerkt, muß man aber damit rechnen, daß einem noch jede Menge verbale Steine hinterherfliegen. Manchmal wird es sogar spaßig, wenn man, nachdem man sich schon weit entfernt hat, noch zu hören bekommt, man solle endlich Ruhe geben.

Doch ich verstehe das Bedürfnis. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, für die andern.

Was ich nicht verstehe, ist, daß man einen Ruhigen auffordert, Ruhe zu geben.

Ein Wahrnehmungsproblem.

23.06.2005 um 12:37 Uhr

Puzzeln

von: Lyriost

Puzzeln

Im Leben wie auch in der Kunst sollte man beim Puzzeln vielleicht innovativ sein und mehrere Puzzles zu etwas ganz Neuem zusammenfassen, ganz im Sinne des radikalen Expressionismus: (Lebens-)Kunst als Montage. Und manchmal wird aus zwei oder mehreren Puzzles eine Collage neuer Qualität, fernab der Reproduzierbarkeit üblicher zerschnittener und wieder zusammengesetzter Bilder. Es gibt viele Formen von Avantgardismus, die sich im postmodernen Sinne weiterentwickeln ließen.

Warum nicht mal im persönlichen Leben?

22.06.2005 um 14:39 Uhr

Von Fröschen und Prinzen und der Phantasie

von: Lyriost

Von Fröschen und Prinzen und der Phantasie

Manchmal verwandeln sich Frösche in Prinzen, aber viel öfter Prinzen in Frösche. Aber nicht in der Wirklichkeit, sondern nur in der Phantasie. In der Wirklichkeit gibt es nur Frösche und Menschen. Und die verwandeln sich nicht. Weder wird ein Mensch ein Frosch noch ein Frosch ein Mensch. Jeder ist, was er ist.

Bei eingebildeten Prinzessinnen besteht jedoch Hoffnung auf Wandlung, wie die Märchen bekunden. Aber war das mit dem Froschprinzen nicht auch ein Märchen?

22.06.2005 um 13:13 Uhr

Befremden

von: Lyriost

Befremden

Immer wieder sehe ich mit Befremden, daß es Menschen gibt, die Spaß daran haben, im Winter Fensterscheiben einzuwerfen, und sich in der Folge darüber beschweren, daß es so zugig ist. Und wenn man sie auf die Ursache des kühlen Luftstroms hinweist, die Chuzpe besitzen, andere dafür verantwortlich zu machen, während sie selbst sich gerade nach dem nächsten Stein bücken. Man kann sicher lernen, darüber zu lachen. Das werde ich mir zur Aufgabe machen.

Gegen die Arroganz von Egozentrikern hilft Lachen. Wissen allein ist machtlos. Aber Wissen reicht dennoch. Denn wirkliche geistige Lebendigkeit und Offenheit sind wichtiger als beißkräftige Zähne.

22.06.2005 um 09:15 Uhr

Projektion

von: Lyriost

Projektion

Schematisch Denkende, klassifizierend Denkende denken differenzierungsarm und statisch. Wer so denkt, wähnt sich selbst schnell als abqualifiziert, weil in seinem Denkmuster nicht vorgesehen ist, daß ernstzunehmende andere eine andere Denkstruktur haben könnten als er selbst. Der Abqualifizierer fühlt sich auch dann abqualifiziert, wenn das gar nicht geschieht, weil ihm selbst etwas anderes als Abqualifizierung nicht in den Sinn kommt. Wie sollte es also einem anderen in den Sinn kommen? Das führt manchmal zu grotesken Situationen, in denen jemand, der andere fortwährend beleidigt und abqualifiziert, sich auf das schärfste gegen persönliche Beleidigungen und Abqualifizierungen verwahrt, obwohl er auf nichts weiter stößt als Gegenwind und sachliche Argumentation.

21.06.2005 um 17:27 Uhr

Ansichtskarte

von: Lyriost

Ansichtskarte

Krachfassaden
Stahlblau Wallen 
Südlandgrüße
Koloriert.
Hinten schleimen
Qualgrau Quallen
Morsche Häute   
Wortlackiert.

21.06.2005 um 11:12 Uhr

Über Toleranz

von: Lyriost

Über Toleranz

Wenn man Bodyguardphantasien und Selbstjustizwünsche bei sich entdeckt, ohne daß man sich selbst in einer aktuellen Bedrohungssituation befindet, dann sollte man darüber nachdenken, ob das Toleranzmodell, nach dem man zu leben vermeint, wirklich etwas Echtes und Gewachsenes ist oder nur Camouflage des internen Aggressionspotentials, das beständig nach außen drängt, wenn es mit Andersartigem konfrontiert wird. Oder gar nur von Andersartigem hört oder liest. Vielleicht aber ist es schon der Gipfel der gängigen Toleranz, wenn man Billy Mo gestattet, sich einen Tirolerhut zu kaufen. Dann hat man was zum Lachen, und Lachen befreit. Manchmal auch von tiefsitzenden Aversionen.

21.06.2005 um 02:15 Uhr

Was ist anständig?

von: Lyriost

Was ist anständig?

Ist es anständig, wenn ich dafür sorge, daß mein jazzliebender Nachbar mal anständige Musik zu hören bekommt, indem ich Black Sabbath auflege und meine 300-Watt-Anlage anständig aufdrehe? Ist es anständig, wenn ich dem Vegetarier eine anständige Haxe serviere, damit er mal was Anständiges zu essen bekommt? Ist es anständig, wenn ich dem Kiffer Wodka aufdränge, damit er mal anständig besoffen ist? Ist es anständig, wenn ich Kurzhaariger dem Langhaarigen einen anständigen Haarschnitt verpasse? Ist es anständig, wenn ich dem Nichtkatholiken klarmache, er sei ein Heide und brauche eine anständige Religion? Derartige Anständigkeiten sind oder waren anständig verbreitet. Es scheint Sitte unter Anständigen zu sein, anderen ihre Art Anständigkeit aufdrängen zu wollen. Vor allem die ganz Anständigen scheinen so von sich überzeugt zu sein, daß sie es nicht ertragen können, wenn andere nicht in den Genuß dieser Anständigkeit kommen. Möglicherweise ist die Ursache ihres Sendungsbewußtseins aber eher ein klitzekleiner Selbstzweifel, der immer dann hochkommt, wenn sie mit einer anständigen Unanständigkeit konfrontiert werden. Oder mit einer anderen Farbe der Anständigkeit.

21.06.2005 um 01:41 Uhr

Spitzfindig?

von: Lyriost

Spitzfindig?

Wenn man eine Perücke in der Suppe findet und bemerkt, es sei Haar in der Suppe, ist das spitzfindig oder rücksichtsvoll?

20.06.2005 um 11:13 Uhr

Iceman

von: Lyriost

Iceman

Verglühter Schatten.
Kein Licht am Tag früher Nacht.
Der Mord vor der Tat.
Das Gift in der Saat.
Getöteter
Tod.