Lyriost – Madentiraden

16.06.2005 um 07:54 Uhr

Der Spott der Unendlichkeit

von: Lyriost

Der Spott der Unendlichkeit

Geruch durchsäuert
Blutgeräusche
und leises Schaben
an der Wand.

Dein Schatten schweigt
tonloser Atem
streift dich wie
eine kalte Hand. 

Im Dunkel nur
Sekundenblitzen
neugierig-fragend
böser Blick

kopflos und klar
ein starres Auge
im leeren Raum.
Keine Replik.

14.06.2005 um 13:29 Uhr

Tragik

von: Lyriost

Tragik

Die Tragik im Leben der meisten Menschen besteht darin, daß sie erst viele falsche Entscheidungen treffen müssen, um zu begreifen, daß sie zu jeder Zeit die richtige Entscheidung treffen können.

13.06.2005 um 10:35 Uhr

Traditionen

von: Lyriost

Traditionen

Du lernst das Laufen
auf verblichnen Knochen
und sprechen mit
zerbrochnen Schädeln
trinkst Blut
wie alle Diadochen
versuchst dich
in die Welt zu fädeln.

Verbrauchte Luft
füllt deine Lungen
noch ehe du
das Licht erblickst
und eigne Worte
sind verklungen
eh du vor ihrem
Klang erschrickst.

Du siehst den Platz
in den Ruinen
wo mancher
seinen Tag verbracht
da waren Kerker
Guillotinen
und manchmal
spürst du dort
die Nacht.

10.06.2005 um 11:38 Uhr

Magie

von: Lyriost

Magie

Schreiben im Sand
das Wichtige im Leben
den Finger im Sand

Schreib mit dem Finger in Sand
immer das richtige Wort.

10.06.2005 um 08:57 Uhr

Die letzten Flammen

von: Lyriost

Die letzten Flammen

Betrügt euch weiter
lockert eure Gürtel
im Schneesturm
regt sich
keine Maus.
Die Klappen fallen
leises Klicken:
Die letzten Flammen
atmen noch mal
aus.

09.06.2005 um 09:58 Uhr

Hier

von: Lyriost

Hier

Wo ich wohne
wo ich steh
kein Ort.
Wo ich sitze
wo ich geh
kein Hort
kein Punkt
auf der Karte
nicht einmal
du.

Und kein
erlösendes
Wort.

08.06.2005 um 17:03 Uhr

Abkühlung

von: Lyriost

Abkühlung

Du sinkst hinab
kaum aufgestiegen
die Stille
öffnet
einen Spalt
im Mondlicht
wirst du
traumlos liegen
und deine Tränen
werden kalt.

07.06.2005 um 11:06 Uhr

Gerade jetzt

von: Lyriost

Gerade jetzt

Die Fenster knacken
Schnaubend springt der Wind sie an
Weltatem flattert
Zischend in die Nischen.
Im Bett der warme Regen.

Die Fenster flattern
Im Blut verzischen Sterne
Dein Atem schmeichelt
Sanft um meine Haut
Und Hände spüren Hände.

Sind nicht die eignen
Die sich in sich verzehren
Doch nah wie sie und
Wie ein Sommertag.
Mit lichtem, leisem Atem.

04.06.2005 um 10:37 Uhr

Im Kopf der Zeit

von: Lyriost

Im Kopf der Zeit

Milliarden die im
Keim verdarben
sind um uns
wenn wir
uns verbergen
auf abgerißner
Glieder Narben
im Dunkel tappen
zwischen leeren
Särgen.

Hier stirbt man nicht
reiht Tode nur an Leben
formt Sedimente
Schicht für Schicht
dem Feuer
preisgegeben. 

 

04.06.2005 um 10:29 Uhr

Die Helfer des Sisyphos

von: Lyriost

Die Helfer des Sisyphos

Sie rollen früh durch
erste Kinderträume
und kommen spät
heraus ans Licht
des Tages
als Sinnbild des
kosmischen Flügelschlages
bewegte Beweger
im dunklen Raum.

Bald sprühen sie Funken
bald weißen Schaum
und lehren die Kunst
des schnellen Ertrages
sind Treiber des
künstlichen Hammerschlages
harmlos gekleidet
in eisernen Zaum.

Und sind bis heute
nicht von uns gewichen
beherrscht von Reibung
und Gravitation.
Sie kommen getanzt
sie kommen geschlichen
und spucken Feuer
verteilen den Lohn.

In ihnen sind keine
Jahre verstrichen:
Sie dienen dem Kreis
dem höllischen Sohn.

03.06.2005 um 17:25 Uhr

Geschichte

von: Lyriost

Geschichte

Der morsche Krug
ist hohl
nur Stein.
Antike Form
gefärbt
vom Wein.

Doch nicht gefüllt
nicht Sinn
noch Sein
nur Mythentraum
im Sonnenschein.

02.06.2005 um 11:33 Uhr

Über Ich-Setzung

von: Lyriost

Über Ich-Setzung

Ich-Setzung als Selbst-Definition, genau das ist es, was ich mit Selbst-Täuschung meine. Ich will es mal mit einer philosophischen Anekdote veranschaulichen, die mich immer wieder zum Lachen reizt: Nach seinem Tod fand sich in Schopenhauers Bibliothek das Exemplar einer Fichte-Ausgabe, in der Schopenhauer immer dann einen Stuhl an den Rand gezeichnet hatte, wenn es bei Fichte hieß: "Das Ich setzt sich." Klarer und humorvoller kann man den unsinnigen Wunsch des Ich, sich über den ganzen Menschen mit seinem Getriebensein zu erheben, nicht der Lächerlichkeit preisgeben.

Eine Ich-Setzung, die von der Abgründigkeit und Getriebenheit des Menschen abstrahiert, ist nichts weiter als die Schaffung eines Windbeutels mit Über-Ich-Kruste.