Lyriost – Madentiraden

18.07.2005 um 15:27 Uhr

Kommunikation

von: Lyriost

Kommunikation

Kommunikation scheitert häufig daran, daß die weniger offenen Menschen den offenen Menschen deren Offenheit übelnehmen und zum Vorwurf machen.

14.07.2005 um 10:05 Uhr

Stadt im Krieg

von: Lyriost

Stadt im Krieg

Blutiger Schnee
in den Bergen
die Sonne
zittert im Sturm
kein Wasser
nur Eis
in den Herzen
den Augen
kein Licht
in den Löchern
nur kaltes
Metall.

09.07.2005 um 14:07 Uhr

Das Wesentliche

von: Lyriost

Das Wesentliche

Man findet das Wesentliche beim Lebensspiel nicht, wenn man es sucht, man findet es, wenn man es sieht. Sehbehinderte haben dabei schlechte Karten, auch wenn sie selbst meinen, sie hätten gute, weil sie die Karten selbst gezinkt und gegeben haben. Voraussetzung für besseres Sehen ist ehrliches Spiel. Und das ist die einzige Chance für den Zugang zum Wesentlichen.

07.07.2005 um 17:55 Uhr

Vielleicht ein Fehler

von: Lyriost

Vielleicht ein Fehler

Vielleicht ist es ein Fehler, auch respektlosen Menschen gegenüber Respekt zu zeigen, hoffend, daß sie durch diese Haltung ihren Mangel bemerken und ihr Verhalten ändern. Häufig glauben sie statt dessen, wenn man ihnen mit Respekt begegnet, sei das entweder eine Schwäche, oder gerade sie hätten Respekt verdient. Die andern jedoch nicht.

07.07.2005 um 15:07 Uhr

Besuch

von: Lyriost

Besuch

Niemand kann dauerhaft bei sich selbst zu Besuch sein.

07.07.2005 um 15:05 Uhr

Sieg und Niederlage

von: Lyriost

Sieg und Niederlage

Eine Niederlage wird nicht dadurch zum Sieg, daß man sie selbst herbeigeführt hat.

07.07.2005 um 12:25 Uhr

Wie der Mönch am Meer

von: Lyriost

Wie der Mönch am Meer

Du hast gesprochen
blutverkrustete Lippen
Jahr um Jahr um Jahr

und niemand hat es gehört.
Gefühl als wärest du stumm.

Und plötzlich eine Stimme
Gefühl wie Wetterleuchten.

Am Horizont eine Gestalt.
Sie kommt auf dich zu.

Unfaßbar.

Du bist nicht allein.

 

07.07.2005 um 11:42 Uhr

Einseitig

von: Lyriost

Einseitig

Einseitige Liebe ist möglich, auch und gerade, wenn sie nicht gelebt werden kann. Manchmal verblaßt sie mit der Zeit, manchmal nicht. Aber einseitige Freundschaft ist etwas Unmögliches.

07.07.2005 um 00:06 Uhr

Der tiefe Blick

von: Lyriost

Der tiefe Blick

Am Ende immer
der tiefe Blick
der schwere
der Blick
in die gähnende
Leere.

06.07.2005 um 12:40 Uhr

Erkenntnis

von: Lyriost

Erkenntnis

Manchmal verändert sich unsere Umwelt und manchmal unser Blickwinkel. Der Effekt für unser Denken ist der gleiche: neue Erkenntnis.

04.07.2005 um 16:38 Uhr

Förderlich

von: Lyriost

Förderlich

Wenn du fortgehst
vergiß nicht
dort zu bleiben
wo du bist.
Sonst wirst
du nirgendwo
ankommen.

Wenn du
nicht dort bist
wo du bist
solltest du
nicht fortgehen.
Du solltest schauen
wo du bist.

04.07.2005 um 11:50 Uhr

Ablösung

von: Lyriost

Ablösung

Sitzen auf morschen Thronen
das düstere Knacken von Holz
bestürmt das Ohr
von ferne der faulige
Geruch des Vergehens.
Die rostigen Fingernägel
greifen ins Leere.
Es ist Zeit.

03.07.2005 um 09:17 Uhr

Kein Märchen

von: Lyriost

Kein Märchen

Ein Mensch ist mit sich und seiner Umgebung nicht im reinen und entschließt sich, seine Gedanken im Internet zu veröffentlichen, sucht das Gespräch mit andern. Ein normaler Vorgang. Nun hat dieser Mensch aber auch eine Neigung zum Provozieren und schreibt einen Beitrag zu einem Reizthema. Unter einer aggressiven Überschrift tut er in aggressiver Manier und großer Widersprüchlichkeit seine Meinung kund und erklärt, das sei nicht nur seine Meinung. Und er tut das auf provokative Art und Weise.

Er wird sachlich darauf hingewiesen, daß sein Beitrag widersprüchlich ist und gekennzeichnet von Schwarzweißdenken, niemand verunglimpft ihn persönlich, niemand greift ihn persönlich an, sondern die hinter seinen Worten (und es ist ja nicht nur seine Meinung, wie er selbst erklärt hat) stehende Haltung wird kritisch betrachtet.

Seine Reaktion darauf ist gekennzeichnet von vollkommener Uneinsichtigkeit. Er nimmt die Reaktionen als Angriffe wahr und holt die Keule raus. In der Folge werden die Kritiker beschimpft, persönlich angegriffen, es wird ihnen etwas unterstellt, unsinnige Behauptungen werden aufgestellt. Wer anderer Meinung ist, wird verunglimpft, beleidigt, unter Verdacht gestellt. Andere werden als Extremisten, arrogante Intelligenzler, Leute von einer "Sorte", gar als "aufgeblasener Frosch" bezeichnet. Und man scheut sich nicht, Gesinnungsverwandte dazu aufzufordern, einen Kritiker, dessen Kritik zu keiner Zeit ein persönlicher Angriff war, "niederzubetonieren". ("Tu mir den Gefallen und betonier den aufgeblasenen Frosch mit einm guten Argument nieder – aber ich fürchte, der steht wieder auf.")

Man weist auf angebliche "Eigentore" und "Widersprüche" anderer hin, ohne auch nur ein einziges Beispiel dafür anzuführen, es wird einfach blind und lustvoll auf andere eingeschlagen.

Bei alldem wird dieser aggressive Mensch nicht müde, auf seine große Toleranz und Menschenliebe hinzuweisen, und vergießt bittere Tränen darüber, daß er mißverstanden worden sei. Was ihn nicht daran hindert, bei nächster Gelegenheit den nächsten Kritiker auf die übliche Weise mundtot machen zu wollen.

Und dann stellt er sich hin und erklärt, Haß sei "kein wirklich guter Nährboden für Frieden". Abgesehen davon, daß Haß NIE Nährboden für irgend etwas Positives ist und schon gar nicht für Frieden und immer ein Zeichen von emotionaler Unreife: Ausgerechnet der, der solche Gefühle hat und versucht, sie bei andern zu erzeugen, sagt so etwas. Das ist der Gipfel der Impertinenz.

Aber vielleicht ist es ja nur ein Versuch der Selbstsuggestion und ein Selbstgespräch. Vielleicht die erste zarte Blüte der Einsicht.

Der Friede fängt immer bei einem selbst an. Wenn ich mit mir selbst nicht in Frieden leben kann und deshalb andere beleidigen, provozieren, angreifen muß, dann ist wenig Hoffnung auf Frieden.

Ohne akzeptable Gesprächskultur kein Gespräch.

02.07.2005 um 11:46 Uhr

Aufrichtigkeit

von: Lyriost

Aufrichtigkeit

Nichts ist schädlicher für die Entwicklung eines Menschen als ein falsches Selbstbild. Förderlich ist Aufrichtigkeit.

01.07.2005 um 15:26 Uhr

Über Dünkel

von: Lyriost

Über Dünkel

Wenn ich mich einem andern unterlegen fühle, ist das ein normales Gefühl, das ich zum Beispiel dann entwickle, wenn ich Gedichte von Gottfried Benn oder Einsteins Schriften lese oder mir sitzend auf dem Zahnarztstuhl die Struktur des Nervensystems im Kiefer erklären lasse. Ich habe genügend Selbstbewußtsein, um zu akzeptieren, daß andere etwas besser wissen oder besser können als ich. Und ich habe genügend Verstand, um zu begreifen, daß Menschen unterschiedliche Begabungen haben. Und wenn ich noch solange übe, ich werde nie Gitarre spielen können wie Mr. Hendrix oder eine Figur verkörpern wie Bruno Ganz.

Nun auf die Idee zu kommen, etwa im Gespräch mit Bruno Ganz diesem Dünkel unterstellen zu wollen, also eine übertriebene Selbsteinschätzung, weil er meine Meinung übers Theater nicht teilt, das käme mir komisch vor. Mag sein, daß das, was er sagt, bei mir Nachdenken auslöst und meine Meinung modifizieren hilft, mag aber auch sein, daß sich meine Auffassungen nicht verändern, wie auch immer, aber ihm Dünkel unterstellen, nein. Wie käme ich dazu?

Wer andern Dünkel unterstellt, leidet ebenso wie der dünkelhafte Mensch: Es sind die Gefühle von Minderwertigkeit, meistens uneingestanden, die solchen Unterstellungen zugrunde liegen. Und nicht selten ist es gerade der wahrhaft dünkelhafte Mensch, der andern Dünkel anreden möchte.

01.07.2005 um 14:40 Uhr

Scheuklappen

von: Lyriost

Scheuklappen

Bei Pferden haben Scheuklappen den Sinn, durch Wahrnehmungseinschränkung Aufregung und damit das Scheuen zu verhindern. Bei Menschen trägt oft eher die Wahrnehmungserweiterung zur Beruhigung bei.

01.07.2005 um 13:53 Uhr

Intoleranz

von: Lyriost

Intoleranz

Es gehört zum Wesen der Intoleranz, andere, die diese Intoleranz bemerken, obgleich sie sich gleichermaßen wortreich wie gedankenarm zur Toleranz verklärt, der Intoleranz zu bezichtigen. Kreide glättet zwar die Stimme, aber sorgt für sichtbaren Belag auf der Zunge.

01.07.2005 um 10:31 Uhr

Über Unbelehrbarkeit

von: Lyriost

Über Unbelehrbarkeit

Manche Menschen haben sich dermaßen gut eingerichtet in ihrer Selbstherrlichkeit, daß nichts sie erreicht, was sie nachdenklich machen könnte, weder Kritik noch gutgemeinte Ratschläge, noch fundierte Argumente. Sie sind wie imprägniert gegen Meinungen und Sichtweisen anderer, und sie sorgen mit mentalem Imprägnierspray dafür, daß ihr Denken und die damit verbundenen Haltungen und Handlungen nicht durch Fremdes beeinträchtigt werden. So weit, so gut. Man kann sie bedauern oder nicht, jeder, wie er mag. Auch die Imprägnierten haben das Recht, nach ihrer Fasson zu leben.

Jeder hat dieses Recht.

Nun ist es aber so, daß gerade diese geistig unbeweglichen Menschen häufig mit überdimensionalem Sendungsbewußtsein ausgestattet sind und dazu neigen, anderen ihre Denkart als vorbildlich aufdrängen zu wollen. Das führt dazu, daß sie ihren Mitmenschen mit geradezu missionarischem Eifer vorgeben wollen, wie Texte zu lesen seien, was wie und wo geschrieben werden soll und darf und welche Gefühle die richtigen sind. Sie glauben allen Ernstes, sie hätten ganz allein das Recht, darüber zu entscheiden, über was geredet werden darf und wann Diskussionen, wenn sie sich überhaupt auf solche einlassen, beendet sind.

Dieses Recht hat niemand.

01.07.2005 um 09:49 Uhr

Spät

von: Lyriost

Spät

Der kalte Dunst schwebt
über den Kantinen
die Stadt hält inne
vor dem nächsten Rausch.
Die Traummaschinen
hinter den Gardinen
verströmen Gift
den faden Maskentausch.

Da werden Jäger
zu gejagten Tätern
Gerechtigkeit, im Rechteck
ist sie wahr
und Kinder blicken
auf zu ihren Vätern
und Gut und Böse
waren nie so klar.

So ist das Sein
das wahre, gute, schöne
und selbst die Leichen
sind ganz fern so nah
und Väter blicken
stolz auf ihre Söhne.
Das Licht erlischt:
Der Tod ist wieder da.