Lyriost – Madentiraden

31.10.2005 um 23:33 Uhr

Denken

von: Lyriost

Denken

Man denkt am besten ohne Brille.

30.10.2005 um 07:08 Uhr

Blicke

von: Lyriost

Blicke

Wenn du zurückblickst
nichts als wallende Wogen
im Sonnennebel

schaust du nach vorne fern nah
Blick in die Nebel des Nichts

nur wenn du aufschaust
rings um dich her das Fließen
gereinigten Lichts

28.10.2005 um 10:26 Uhr

Vorurteile

von: Lyriost

Vorurteile

Mit den Vorurteilen ist es wie mit allen Ausscheidungen: Der eigene Kot riecht immer wesentlich weniger streng als der der anderen.

25.10.2005 um 08:26 Uhr

Wahrnehmung

von: Lyriost

Wahrnehmung

Glücklich ist, wer wahrnimmt, daß er glücklich ist. Man könnte meinen, viele Menschen wären glücklicher, wenn sie nur etwas bewußter durchs Leben gingen und sich nicht so sehr von dem medialen Tinnef ablenken ließen, der sie tagtäglich überflutet. Aber leider würden auch viele ihr Unglück wahrnehmen, wenn ihr Bewußtsein nicht so getrübt wäre. In der Summe bleibt das vermutlich mindestens gleich. Unglücklich ist, wer wahrnimmt, daß er unglücklich ist.

22.10.2005 um 08:09 Uhr

Den Kopf halt kühl, die Füße warm ...

von: Lyriost

Den Kopf halt kühl, die Füße warm ...

Die Bevölkerungen in den kälteren Ländern haben es nicht geschafft, passend zur Pudelmütze eine Religion oder wenigstens eine allgemeinverbindliche Weltanschauung zu kreieren. Das hat dazu geführt, daß der Bommel nichts anderes symbolisiert als sich selbst und kulturgeschichtlich marginal ist. Immerhin trägt dieses Defizit dazu bei, einen kühlen Kopf zu bewahren. Aber ästhetisch unterhaltsam wäre es schon, zum Beispiel im Unterricht neben Lehrerinnen mit Kopftuch auch solche mit Pudelmützen bestaunen zu können.

21.10.2005 um 08:24 Uhr

Fehlsichtigkeit

von: Lyriost

Fehlsichtigkeit

Schlechte Aussichten
sagten sie bitter
rückten die dunklen
Brillen zurecht
und löschten
das Licht.

 

19.10.2005 um 09:06 Uhr

Humor

von: Lyriost

Humor

Wer wahrhaft Humor hat, lacht nicht über die eigenen Witze.

16.10.2005 um 12:34 Uhr

Provisorium

von: Lyriost

Provisorium

So gar nichts zu wissen
nur Wortgeklingel von Gott
und Welt und Lebenssinn.
Als gäbe es mehr als uns selbst
als wären die Straßen mehr
als erstarrter Wüstensand
nichts was es scheint
nur die Liebe
vielleicht.

12.10.2005 um 16:09 Uhr

Madentiraden

von: Lyriost

Madentiraden

Ein Großteil der Menschen in den sogenannten zivilisierten Ländern wünscht sich materiellen Wohlstand, Zuwendung und Freizeit, aber je mehr Wohltaten diese Menschen genießen können (oder besser könnten), um so mehr fällt ihnen auf, was ihnen fehlt. Und sei es auch noch so wenig, das Bewußtsein, daß etwas fehlt – und natürlich fehlt immer etwas, und sei es auch nur Bewußtsein –, macht sie unzufrieden. Von allem nur ein wenig zu haben, das scheint eine bessere Quelle des Glückes zu sein. Man kann aber auch das Bewußtsein dahingehend erweitern, daß man das Bewußtsein, daß etwas fehlt, ergänzt durch das Bewußtsein dessen, was man tatsächlich besitzt. Am besten wäre es, wenn man sich klarmachte, daß es vor allem an klarem Bewußtsein fehlt, wenn ein Fetter glaubt, er hätte zuwenig zu essen.

11.10.2005 um 07:17 Uhr

Idylle

von: Lyriost

Idylle

Saft der Wiesen zarte Farben
junges Grün und Gelb der Blüten
Ort des Glückes, Trost der Narben.
Und ein Kind beim Kühehüten.

Bäche murmeln, Fische springen
und der Goldfasan stelzt träge
und der Vögel leises Singen
in der Ferne eine Säge.

Purpurrot entflammt die Sonne
ihre Röte kündet Nacht
flachen Landes Sommerwonne.
In den Gräsern tobt die Schlacht.

Mörder lauern dort auf Beute:
aufgespießt zerpflückt zerknackt
wild zerrissen Felle, Häute.
Lebensgier-Dreivierteltakt.

 

10.10.2005 um 19:48 Uhr

Prognosen

von: Lyriost

Prognosen

Wenn man es pessimistisch betrachtet, haben sowohl philosophische Metaphysik wie Elementarteilchenphysik prognostischen Charakter und sind ähnlich vage und unsicher wie die Zukunftsprognosen. Und selbst die Geschichtsschreibung wie auch große Teile der Evolutionstheorien sind eine Art Vergangenheitsprognostik.

08.10.2005 um 09:52 Uhr

Vom Menschen

von: Lyriost

Vom Menschen

Daß ihm die Steine
nicht hart genug
sagt viel
über das Wesen
des Menschen.
Wäre es nicht so
säße er
auf ihnen und
wünschte verzweifelt
sie wären
weicher.

07.10.2005 um 19:28 Uhr

Kein Gedicht

von: Lyriost

Kein Gedicht

Wenn du die
Sätze auf
dem Hackbrett
strickst, wird
luftig, leicht so
manches Wort.
Doch der
Gedanke, kühn
bis schlicht
bleibt, was
er ist.

Ob du nun
auf den
Reim verzichtest
oder auch nicht
gerupfte Prosa ist
noch kein
Gedicht.

07.10.2005 um 16:59 Uhr

Schwäche

von: Lyriost

Sprechschwäche

Wenn ein Wissenschaftler, der sich mit Lese- und Rechtschreibschwäche beschäftigt, in einem kurzen Radiobeitrag von einzelnen Worten statt Wörtern spricht und von "der Gegenüber" statt das Gegenüber, dann ist das kein Ausdruck von Lese- und Rechtschreibschwäche.

07.10.2005 um 08:03 Uhr

Profan

von: Lyriost

Profan

Demnächst werden sich einige der Koalitionäre einer großen Koalition wesentlich größer fühlen, weil sie die Oppositionsbank verlassen konnten und nun einen Chefsessel unter dem Hintern haben, was ja der Hauptzweck der Veranstaltung ist. Versuch der Entprofanierung der Profanierten. Allüberall wird große Koalition großgeschrieben werden. Aber auch nach der sogenannten Rechtschreibreform bleibt es dabei, daß das Große in große Koalition klein geschrieben wird. Und auch kleingeschrieben. Und das Profane wird profan bleiben.

05.10.2005 um 08:37 Uhr

La Strada

von: Lyriost

La Strada

Auf dem Weg von Meer zu Meer
am Rande des Universums
Ketten sprengen
aus Metallpapier
kein Woher kein Wohin
ein Strandzigeuner
verwickelt in die Fäden
unendlicher Zeiten.
Ariadne ist fern.
Nur die Sterne
sehen deine Tränen.