Lyriost – Madentiraden

30.12.2005 um 22:56 Uhr

Blinder Passagier

von: Lyriost

Blinder Passagier

Jahre flattern in die Ferne
sinken in den Schoß der Nacht
Zeitenzeiger Blendlaterne
Anfang Ende unbedacht

Wechselwäsche Atemhäute
Unterm Dach ein leises Klopfen
Im Gepäck gezinkte Beute
aufgewacht im Regentropfen

Lange her und längst vergessen
wie der Tropfen färbte rot
keiner kann sich selbst ermessen
Blindpassage Rettungsboot.


 

29.12.2005 um 22:08 Uhr

Der Sinn des Lebens

von: Lyriost

Der Sinn des Lebens

Wegen Überlänge
gekürzt

 

28.12.2005 um 23:48 Uhr

Liebesdienst

von: Lyriost

Liebesdienst

Will bei dir liegen
in den samtenen Stunden
zwischen den Tagen

in Bodennähe ganz still
verwickelt in deine Träume
unter den Wolken

ich seh deine Tränen
sanft glitzern wie Tau

und in den Herzen
rauscht das Meer

 

28.12.2005 um 14:02 Uhr

Apperzeptionsdefizit

von: Lyriost

Apperzeptionsdefizit

Allzu häufig gehen wir mit den Augenblicken unseres Lebens um wie Raucher mit dem Mittagessen: In Gedanken sind wir schon bei der Zigarette danach, und es gibt keine Verbindung zwischen unseren Sinnesorganen und unserem Bewußtsein.

27.12.2005 um 17:08 Uhr

Mag sein Illusion

von: Lyriost

Mag sein Illusion

Aus dem Fenster
der Blick
die Welt sprüht
vorbei
oder ich
an der Welt.
Wer weiß das schon
so genau.

26.12.2005 um 21:54 Uhr

Der Boden der Realität

von: Lyriost

Der Boden der Realität

Die meisten Leute, die vollmundig erklären, sie stünden mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität, behaupten dies, während sie in Wirklichkeit an Tischen – meist Schreibtischen – sitzen, die Füße in Socken oder Strümpfen, und auf ihre Schuhe schauen, prüfend, ob diese wirklich blankgeputzt sind.

Zivilisation kann eine angenehme Sache sein, aber Realität erfährt man besser barfuß auf einer Wiese oder wenn man im Sand an einem Strand entlangschlendert. Es muß ja nicht unbedingt gleich im Winter sein. Jeder hat mal klein angefangen.

26.12.2005 um 11:51 Uhr

Über Glauben und Freiheit

von: Lyriost

Über Glauben und Freiheit

Es ist ein untrügliches Merkmal von Emanzipation, an etwas zu glauben und nicht an jemand. So wie der Glaube an die Freiheit, und sei er auch noch so naiv und unbegründet, um vieles wertvoller ist als der Glaube an jemanden, der sie uns gewährt, so ist auch der Glaube an ein wie immer geartetes göttliches oder auch teuflisches Prinzip Ausdruck von selbstbestimmtem Denken, der Glaube an einen Gott oder den Teufel hingegen ein Zeichen von Unmündigkeit. Und der Glaube an unser äußeres Selbst als Maß aller Dinge ist nur ein Reflex dieser anthropomorphen Vorstellungen und der Gipfel der Dependenz.

Die wahre Freiheit des Königs liegt in der Möglichkeit der freiwilligen Abdankung.

26.12.2005 um 10:54 Uhr

Weiße Weisheit

von: Lyriost

Weiße Weisheit

Die weißen Schleier
fallen auf die Welt
und alles Wollen
wird von Sturm
zu Wind.
Ich schaue still
wie Jagd nach Ruhm
nach Glück nach Geld
nach allem
was im Rausch zerfällt
im Nichts zerrinnt.
Wie alles endet
und von vorn
beginnt.

Die weisen Schleier
fallen auf die Welt
und alles Wollen
wird vom Sehen
blind.

26.12.2005 um 09:36 Uhr

Schattenlichter

von: Lyriost

Schattenlichter

So wach kein Schlaf
abgeschnitten
die Sorgenschere
schnipp schnapp
mitten im Schlaflosträumen
rostig scharfe Klingen
gespiegelt
das hellwache Glück
traumlos
standhafte Wacht
vor den Räubern
der Nacht.

26.12.2005 um 04:20 Uhr

Der Geist der Kerze

von: Lyriost

Der Geist der Kerze

Er kommt nicht heraus
aus der Haut
sprüht Funken
wirft Licht
doch heraus
kommt er
nicht.

26.12.2005 um 00:55 Uhr

Erkennen

von: Lyriost

Erkennen

Im Morgenflimmern
wenn Sonne die Nacht zerbricht
seh ich dein Gesicht 

seh deine klaren Augen
und auch die Seele schimmern

23.12.2005 um 10:47 Uhr

Jahresende

von: Lyriost

Jahresende

Der Baum steht beglänzt
spricht still Geburtsgedichte
Lichter erglühen.

Ein Jahr krümmt sich fort
fällt tief in die Geschichte
Lichter verlöschen.

Das Blut wird abgewaschen
die Absolution erteilt.

 

21.12.2005 um 08:51 Uhr

Sommer des Lebens

von: Lyriost

Sommer des Lebens

All die Bäume
Sarggewächse
recken innig
ihr Gefieder
winddurchkühlt
in Wolkenkleckse
wie zur Andacht
kniest du
nieder.

20.12.2005 um 13:00 Uhr

Kreative Athaumasie

von: Lyriost

Kreative Athaumasie

Wie die Sonne sei
erhitzt sich wild verschwenden
äonischer Gott
kein Wort für die Finsternis
und allzeit ein kühler Blick

19.12.2005 um 16:11 Uhr

Kein Zeuge

von: Lyriost

Kein Zeuge

Und spräche ich auch mit bis zur Unkenntlichkeit verstellter Stimme: Jede Erfahrung des Furchtbaren, des Desasters ist existentiell-individell. Und daher weiß ich nichts, denn zwar fühle ich mich auch betroffen, wenn es nicht um mich geht, aber ich bin es nicht.

19.12.2005 um 15:35 Uhr

Gedankenlesen

von: Lyriost

Gedankenlesen

Wenn in den Gesichtern
keine Gedanken
aufglimmen
wenn du nichts
lesen kannst
vielleicht sind sie
verloren

19.12.2005 um 15:16 Uhr

Hoffnungsvoll

von: Lyriost

Hoffnungsvoll

Glutbeutel
weiß wie
ehemals Schnee
liegend
wartend
müdend
doch der Asche fehlt
die Kraft
sich zum
Sterben zu
legen

19.12.2005 um 14:59 Uhr

Alte Gewohnheit

von: Lyriost

Alte Gewohnheit

Gewohnt zu sehen
auch wenn Netzhaut schon bröckelt
Gewohnheit Gewohnheit nur

Es knistert wie Pergament
wenn du die Augen aufreißt

19.12.2005 um 12:41 Uhr

Krieger

von: Lyriost

Krieger

In Stahl gegossen
beschädigte Gedanken
wie die Esse raucht

zum Ende kommen
als stürb er nicht sowieso

19.12.2005 um 12:18 Uhr

Letjat zuravli

von: Lyriost

Letjat zuravli

Wege wohin
in flatternder Lust
unter Flügelschweben
kein Ort drunterdrin
auf den breiten Straßen
wie Honigmond
dahin dahin

wie Milch
in den Abfluß
wie Fleisch
in den Sumpf

die Wege dahin
zu den Kranichfedern
nie wieder
verziehn

Kein Märchen
wie es so
scheint

Kein Märchen
so wie es
scheint

Zum Schluß nur
Kraniche und leuchtender
Irrtum

und die
weichwortbespülte
Insel im Meer