Lyriost – Madentiraden

31.01.2006 um 08:22 Uhr

Friedhofsimpression

von: Lyriost

Friedhofsimpression

Die Toten sind still.
Beim Atmen
kracht der Boden.
Am Meisenring
ein Eichhörnchen
die lauernde Katze
ein Mann mit Hut
die Bank
auf der wir saßen
die verblichene
Inschrift: Alles
Getrennte findet
sich wieder.
Die Vögel schweigen.
Der Frühling ist
noch fern.
Aber du bist
bald da.

30.01.2006 um 21:50 Uhr

Unterhaltung

von: Lyriost

Unterhaltung

Wer mit sich nichts anzufangen weiß, entwickelt ein immer größeres Bedürfnis nach medialer Unterhaltung, um sich von der Erkenntnis fernzuhalten, daß er mit sich selbst nichts anzufangen weiß. Es ist erstaunlich, wie kreativ ein jeder mit sich umzugehen lernen kann, wenn er sich selbst unterhält.

29.01.2006 um 10:47 Uhr

Gedehnte Zeit

von: Lyriost

Gedehnte Zeit

Die vielen Uhren
die so bleiern ticken
sie wissen nichts
von dir und mir
wenn sie die langen
Stunden stricken
und haben auch
kein Zeitgespür.

Die vielen Tage
die in Stunden ruhen
und kalt im Sternenlicht
entschwinden
wie Riesen in zu
kleinen Schuhen
wird niemand jemals
wiederfinden.

28.01.2006 um 09:41 Uhr

Schnitter

von: Lyriost


Schnitter

Schau in das Stacheldrahtgestrüpp. Hinter den Kuckucksblumen. Siehst du die blutigen Leiber? Erkennst du ihre Gesichter? Nein. Du mußt näher herangehen. Sonst siehst du bloß Farbe auf funkelndem Stahl. Geh näher heran. Und vergiß nicht die Werkzeugkiste. Und die Sichel für die Blumen.

27.01.2006 um 16:31 Uhr

Alles Große ist einfach

von: Lyriost

Alles Große ist einfach

Klug und weise wird man, wenn überhaupt, am schnellsten nicht durch Lernen, Erfahrung und Denken, sondern dadurch, daß man die andern für dumm erklärt - und sich selbst für samadhisiert, erleuchtet, satorisiert oder pipalbaumgeläutert.

Man muß natürlich ein wissendes Gesicht inszenieren, sonst glaubt nur man selbst daran, aber auch nur dann, wenn kein Spiegel in der Nähe ist.

27.01.2006 um 00:21 Uhr

Verschweigen

von: Lyriost

Verschweigen

In politischen, ideologischen Auseinandersetzungen ist es eine gern angewendete Methode, dem Angegriffenen zu unterstellen, er würde etwas verschweigen. So gerade erst wieder in der Überschrift eines Artikels im "Tagesspiegel" zum neuen Spielberg-Film: "Was Spielberg verschweigt". Damit ist klar, daß jemand der Unlauterkeit bezichtigt wird, denn er hat nicht das gesagt, was der Schreiber dieser Titelzeile hören wollte.

Der sprachkritische Leser weiß: Verschweigen heißt bewusst nicht sagen, etwas verheimlichen, jemandem eine Neuigkeit, Fakten, die Wahrheit verschweigen.

Damit ist der Stab gebrochen, noch bevor der Artikelschreiber darlegt, was er als die Wahrheit betrachtet, die von dem Filmemacher mißachtet worden sei. Daß es sich bei dem Film nicht um einen Dokumentarfilm handelt, sondern einen Spielfilm mit dokumentarischem Hintergrund wird ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, daß die "Wahrheit" viele Facetten hat und wir alle nichts anderes tun, als die gleichen Fakten (durchaus unterschiedlich) zu interpretieren, wobei jeder gemäß seinem Weltbild und seiner Erfahrung selbst die Schwerpunkte setzt.

Es gibt immer mehr zu sagen, als man sagt, schließlich sind wir keine Sprechmaschinen, und ein Journalist hat einen anderen Schwerpunkt als ein Filmemacher, ein Philosoph oder Psychologe einen anderen als ein Politiker. Es gibt keine einzig richtige allumfassende Realität, es gibt nur unterschiedliche Realitäten, erfaßt und widergespiegelt in unterschiedlichen Gehirnen.

Zu sagen, jemand verschweige etwas, unterstellt ihm einen Grund, das zu tun, verdächtigt ihn, aus eigennützigen Beweggründen nicht die ganze Wahrheit kundzutun. Dabei hat er doch nur etwas anderes oder weniger gesagt, als der, der ihn kritisiert, gerne hören wollte, nämlich das, was dieser selber denkt.

Soll er es doch auch selber sagen. Wenn er es kann. Wenn er es dann tut, können wir ihm sagen, was er verschweigt. Aber wir werden nicht sagen: "Was er verschweigt", wir werden lieber sagen: "Was er nicht sagt" ...

 

26.01.2006 um 22:34 Uhr

Anti

von: Lyriost

Anti

Es gibt Alkoholiker, für die ist man schon Antialkoholiker, wenn man kein Alkoholiker ist. Eine sehr einfache Denkweise. Aber umnebelte Gehirne sind eben weniger leistungsfähig.

26.01.2006 um 14:02 Uhr

Rache und Vergeltung

von: Lyriost

Rache und Vergeltung

Die Diskussion des neuen Films von Stephen Spielberg läuft nun auch bei uns an, genau wie der Film, dessen Erfolg damit gefördert werden wird. Es geht darum, ob alttestamentarische Rache und Vergeltung Sinn machen oder nicht.

So klar es ist, daß Rachegelüste von alters her zum emotionalen Interieur des Menschen gehören und Nahrung aus den tiefsten Schichten seines Unterbewußtseins bekommen, wir uns also damit auseinandersetzen müssen, so klar muß auch sein, das praktische Vergeltung statt rechtlich korrekte Bestrafung nur zu Rachegefühlen und erneuter Vergeltung führt, also unsinnig ist, und außerdem mit dem Wertekanon eines jeden zivilisierten Menschen kollidiert, so er denn bei Verstand ist. Ist nicht eines der Hauptmerkmale eines zivilisierten Menschen, daß er bei Verstand ist?

Und wenn er das ist, gibt es da ernsthaft etwas zu diskutieren?

26.01.2006 um 09:45 Uhr

Spuren

von: Lyriost

Spuren

Siehst du die
Spuren im Sand
sind von dir
verharscht wie
der Schnee
siehst du die
Spuren im Schnee
sind von mir
verweht wie
der Staub
und dazwischen
nur Zeit und kein Raum
und der ächzende Wind
und die
lautlos und sanft
geöffnete Tür

Siehst du die
Spuren im Sand
nicht von mir

Ich seh die
Spuren im Schnee
sind von dir

so als wärest
du hier
bei mir

 

25.01.2006 um 08:17 Uhr

Verstehen

von: Lyriost

Verstehen

Ob wir uns und unsere Umwelt verstehen, liegt nicht so sehr daran, ob das eine oder andere kompliziert oder einfach ist. Es liegt vielmehr daran, ob wir es verstehen wollen. In vielen Fällen wird unsere Erkenntnisfähigkeit nicht durch unseren Mangel an Verstand begrenzt, sondern durch unseren Unwillen, der Ausdruck unserer gegenwärtigen Interessenlage ist. Wieweit unsere gefühlten Interessen mit unseren tatsächlichen übereinstimmen, ist eine andere Frage, aber die Beantwortung dieser Frage ist leider schwierig, weil wir sie uns so selten stellen – denn das liegt nicht in unserem (gegenwärtigen) Interesse. Wieweit unser gegenwärtiges Interesse mit unserem tatsächlichen übereinstimmt ...

24.01.2006 um 09:56 Uhr

Frau Künast oder Der Blick aus dem Turm

von: Lyriost

Frau Künast oder Der Blick aus dem Turm

Jeder Tag ist ein geeigneter Tag für einen, wenigstens einen, Blick aus dem Elfenbeinturm. Also setzt der Elf ein Bein vor das andere und tritt vorsichtig ans mit Luzidol geputzte Fenster. So sauber die Scheiben auch sind, viel sieht er nicht, denn die Welt außerhalb des Turms bibbert im Rauch. Viel Rauch um nichts, denkt er, wendet sich ab, macht es sich an seinem Schreibtisch gemütlich, soweit man es sich an einem Schreibtisch gemütlich machen kann, und läßt seine Blicke über die endlosen virtuellen Klowände des Internets schweifen:

Frau Künast hat eine proportionale Besetzung öffentlicher Ämter mit Ausländern, sprich Migranten, gefordert. Das ist nichts weiter als eine Ausweitung des Proporzdenkens unserer Interessengruppenvertretungsgesellschaft (ist das nicht ein schönes Wort?) auf bisher nur unzulänglich vertretene Gruppen.

Wer A sagt, muß auch B sagen. Wer zeugungsunwillige Papisten bei Schwangerschaftsfragen überproportional mitreden läßt und Kunstbanausen bei der Kulturförderung, der sollte auch für weitergehende Vorschläge offen sein. Jeder sollte sich aufgerufen fühlen, in dem Bereich, in dem er arbeitet, darauf zu dringen, daß Minderheiten in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Das ist wahrhafte Demokratie.

So frage ich: Ist nicht zum Beispiel bei den mit der Rechtschreibreform Befaßten der Anteil der Legastheniker zwar ungewöhnlich hoch, aber offizielle Vertreter der Blinden sind meines Wissens bisher nicht involviert. Auch die gar nicht so kleine Gruppe der Analphabeten wird, zumindest offiziell, ausgegrenzt.

Gestern sagte mir ein Bekannter, daß bei der Zeitschrift "Schöner Wohnen" ein Obdachloser in den Redaktionsrat aufgenommen wurde. Vorbildlich.

24.01.2006 um 08:35 Uhr

Ähnlichkeit

von: Lyriost

Ähnlichkeit

Fenster gibt es in unzähligen Variationen, aber es gibt mehr eckige Fenster als runde. Bei den Menschen ist das nicht anders.

24.01.2006 um 02:47 Uhr

Einfach

von: Lyriost

Einfach

Ich möchte dich
im Mondschein küssen
als wären wir
ein Märchenpaar
ich möchte dich
nie mehr vermissen
am besten bleibst du
einfach da

23.01.2006 um 23:39 Uhr

Lapis philosophorum

von: Lyriost

Lapis philosophorum

Der Stein der Weisen, falls es ihn gibt, dürfte ziemlich glibberig sein, weil ihn noch nie jemand in der Hand gehabt hat. Die Bakterien sind ihm sicherlich näher als du und ich. Aber die sind ja auch ein paar Jahre älter als wir.

23.01.2006 um 15:48 Uhr

Über Verallgemeinerungen

von: Lyriost

Über Verallgemeinerungen

Eine verallgemeinernde apodiktische Aussage über das Obst verliert nicht ihre Apodiktizität dadurch, daß man einschränkend darauf hinweist, es gehe dabei nur um Mirabellen, Pfirsiche und Erdbeeren. Mandarinen meine man natürlich nicht – oder höchstens die in Dosen.

23.01.2006 um 15:32 Uhr

Schnee von gestern

von: Lyriost

Schnee von gestern

Der Schnee von gestern kommt als Regen wieder.

23.01.2006 um 11:07 Uhr

Aktuell

von: Lyriost

Aktuell

Nichts ist aktueller als der Drang zur täglichen Darmentleerung. Auch deshalb ist Darmverschluß leichter zu diagnostizieren als der Hirntod, denn der Denkdrang gehört nicht zu den elementaren täglichen Aktualitäten.

23.01.2006 um 08:44 Uhr

Jean-Remy von Matt oder Der Blick aus dem Turm

von: Lyriost

Jean-Remy von Matt oder Der Blick aus dem Turm

Der Montag ist ein geeigneter Tag für einen Blick aus dem Elfenbeinturm. Also setzt der Elf ein Bein vor das andere und tritt vorsichtig ans mit Luzidol geputzte Fenster. So sauber die Scheiben auch sind, viel sieht er nicht, denn die Welt außerhalb des Turms bibbert im Rauch. Viel Rauch um nichts, denkt er, wendet sich ab, macht es sich an seinem Schreibtisch gemütlich, soweit man es sich an einem Schreibtisch gemütlich machen kann, und läßt seine Blicke über die endlosen virtuellen Klowände des Internets schweifen. Und bevor er dann matt wird vom vielen Rauch um von Matt, dem virtuellen Rauch um den Tanz des Schweizer (möchte gern) Werbediktators Jean-Remy, denkt er: Viel Rauch um nichts, wendet sich ab, wirft den Schweizer Käse  in die Toilette, spült und geht seiner elfenbeinernen Wege.

Morgen ist wieder ein Tag zum Rauchen auf dem Klo. Und zum Wändebeschmieren. Aber das ist ja fast dasselbe.

23.01.2006 um 00:00 Uhr

Hybris

von: Lyriost

Hybris

Wenn der Erwachte
schläft träumt er
er wäre erwacht
so merkt er nicht
daß auch er nur
ein Mensch ist
der träumt
vom Schlaf
der andern
Nichterwachten

19.01.2006 um 18:03 Uhr

Spartanisches Denken

von: Lyriost

Spartanisches Denken

Schlecht für den Kopf
die alten Weisheitslehren
beim vielen Lesen
im weichen Sessel
am warmen Ofen

Bücher verteilen
die Weisen auf dem Sofa
der Druck im Rücken
macht die Gedanken
so frisch wie der Frost