Exoterische Betrachtung esoterischer Selbstsucht
Ein Esoteriker sprach: "Die Suche nach Erleuchtung
ist eine selbstsüchtige Suche ..." und: "Je mehr wir versuchen, nicht
selbstsüchtig zu sein, desto exzentrischer werden wir."
Dazu möchte ich als Exoteriker sagen: Wenn man keine
Leuchte ist, kann man nach Erleuchtung suchen. Aber ausgerechnet in
sich selbst und für sich selbst? Wäre man eine Leuchte, dann wäre man
doch schon erleuchtet und brauchte nicht nach Erleuchtung zu suchen.
Wenn man aber keine Leuchte ist, warum dann, wenn man erleuchtet sein
will, immer weiter ins Dunkel gehend im Dunkeln suchen? Das leuchtet
mir nicht ein.
Ich selbst ziehe es vor, statt selbstsüchtig zu sein,
mich mir selbst zuzuwenden, also selbstzugewandt zu sein. Das hat
erstens den Vorteil, daß ich die negative semantische Konnotation, die
Selbstsucht traditionellerweise hat und die lexikalisch verbürgt ist,
vermeide und darüber hinaus in wesentlich entspannterer Atmosphäre
leben kann, denn "Sucht" hat per definitionem Zwangscharakter und ist
nicht gerade ein Zeichen von Souveränität. Außerdem sollte sich
inzwischen herumgesprochen haben, daß Lockerheit und Loslassenkönnen
Grundvoraussetzungen meditativer Fortschritte sind. Wie aber sollte ein
Süchtiger, der doch beherrscht ist von seiner Sucht, loslassen können?
In der Tat ist gesteigerte Exzentrizität ein Zeichen
für die Entfernung von uns selbst, aber selbstsüchtige Egozentrizität
ist nichts anderes, und vielfach ist die eine nichts weiter als die
phänotypische Erscheinung der anderen, ohne sie jedoch gänzlich
ersetzen zu können.
Für mich ist Selbstsucht genauso exzentrisch wie der
Verzicht auf Selbstzugewandtheit. Und selbstsüchtige Sehnsucht nach
Erleuchtung führt nur immer weiter in die Dunkelheit.