Lyriost – Madentiraden

23.03.2006 um 08:16 Uhr

Tirade 1 – Goldmund

von: Lyriost

Tirade 1 – Goldmund

Früh singt ein Vogel
am Horizont die Sonne
wie ein Genickschuß

im Winde flattern Raben
ernste Gesichter im Licht

22.03.2006 um 12:17 Uhr

Börsenmetaphorik

von: Lyriost

Börsenmetaphorik

Ein Börsenmakler zur geplanten Übernahme von Schering durch Merck: "Es nützt nichts, der Braut die Klunkern vom Halse zu reißen, um sie unattraktiver zu machen, aber man kann es ja versuchen."
 
Was sagt uns das? Was Metaphern betrifft, steht der Soziolekt der Börsianer der Literatursprache in nichts nach, ja, er übertrifft sie bisweilen. So sachlich und nüchtern die Börsenleute auch denken mögen, sprachlich schwelgen sie häufig in geradezu poetischen Eskapaden.

21.03.2006 um 16:34 Uhr

Wissen und Wahrnehmen

von: Lyriost

Wissen und Wahrnehmen

Das Wissen darüber, was richtig und falsch, gut und böse, angemessen oder unangemessen ist, reicht nicht aus – wir müssen das Falsche auch wahrnehmen, einerlei ob es sich um unsere eigenen Fehler oder die Fehler anderer handelt.

20.03.2006 um 13:43 Uhr

Stimmung

von: Lyriost

Stimmung

Plötzlich die Leere
ein Abgrund faltet sich auf
tonlos grundlos fahl

Wind wie Atem der Hölle
die Augen im Augenblick

17.03.2006 um 08:06 Uhr

Vergessene Worte

von: Lyriost

Vergessene Worte

Stumpfe Gedanken
im Schutt der fliehenden Zeit
fast Vergeblichkeit

nur geschliffene Worte
Aschenregen der Farben

fast Vergeblichkeit
im Schutt der fliehenden Zeit
Stumpfe Gedanken

Aschenregen der Farben
nur geschliffene Worte

im Schutt der fliehenden Zeit
fast Vergeblichkeit
Stumpfe Gedanken

Aschenregen der Farben
nur geschliffene Worte

Farbige Vergeblichkeit

Februar 2005

März 2005

April 2005

16.03.2006 um 07:00 Uhr

An den Kopf fassen

von: Lyriost

An den Kopf fassen

Wer selber denkt, aber weniger ausgefallene Ideen hat, gibt sich mit einem Schmunzeln zufrieden, wenn er mit Bizarrem konfrontiert wird. Die meisten aber fassen sich an den Kopf, wenn ihnen ein extravaganter Gedankengang begegnet.

In Wirklichkeit ist dieses An-den-Kopf-Fassen natürlich keine Bewertung des fremden Gedankenganges, sondern Folge eines durch diesen hervorgerufenen Mangelgefühls. Sie tun das instinktiv: Sie müssen sich vergewissern, ob ihr eigener Kopf noch da ist. Und wenn sie ihn dann spüren, folgt ein befreiendes Lachen.

Über ungewöhnliche Ideen lachen am lautesten diejenigen, die selbst zwar einen Kopf, aber keine weitere Verwendung für ihn haben.

15.03.2006 um 16:32 Uhr

Kommentare ins Gästebuch

von: Lyriost

Kommentar

Bis auf weiteres kann man sich mit dem Gästebuch behelfen, wenn man sich eines Kommentars entledigen möchte. Das Gästebuch scheint noch zu funktionieren. Jedenfalls meines. Immunität durch geringe Frequentierung.

15.03.2006 um 13:40 Uhr

Ohne Kommentar

von: Lyriost

Blogigo

Blogigo jetzt ohne Kommentar. Mal was anderes. Hoffentlich keine virusbedingte Kommentargrippe.

15.03.2006 um 10:44 Uhr

Glaube und Wahrheit

von: Lyriost

Glaube und Wahrheit

Jeder Glaube an die Möglichkeit einer absoluten Wahrheit, und sei diese Wahrheit noch so leuchtend und menschenfreundlich, führt zwangsläufig zu Dogmatismus, totalitärem Denken und menschenfeindlichem Handeln.

14.03.2006 um 09:15 Uhr

Liebe ist

von: Lyriost

Liebe ist

Liebe ist, einem andern zu ersparen, jemals um Verzeihung bitten zu müssen. In das Gewand der Liebe ist Verzeihung eingewebt.

13.03.2006 um 20:24 Uhr

Kunst am falschen Ort

von: Lyriost

Kunst am falschen Ort

Santiago Sierra, ein spanisch-mexikanischer Künstler, leitet Autoabgase in eine deutsche Synagoge, eine, wie er sagt, "Arbeit gegen die Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust".

Was an dieser Aktion falsch ist, ist vor allem der Ort, an dem sie stattfindet. Hätte Sierra statt der Synagoge das Haus der Wannseekonferenz gewählt (aber hätte er so wählen dürfen?), würde ich diese Aktion wenn nicht begrüßen, so doch als legitim betrachten können angesichts der so häufigen leeren und verlogenen Betroffenheitsbekenntnisse allerorten. So jedoch muß ich denen recht geben, die eine solche Aktion als geschmacklos empfinden.

Spiegel online

Nachtrag

12.03.2006 um 09:55 Uhr

Kultur und Mathematik

von: Lyriost

Kultur und Mathematik

Wie so oft in unserer medial sichtbar gemachten, aber auch verformten Welt stelzen die tauben Nüsse in goldenen Schuhn daher und alle Welt gafft und klatscht vor allem denen Beifall, die sich selber Beifall klatschend in den Vordergrund drängen. Was kümmert es mich, könnte man sagen, ja, man ist versucht, diese Kindereien zu belächeln, und belächelnswert sind solche narzißtischen Zuckungen tatsächlich. Und ohne Belang.

Wäre da nicht der Nebeneffekt dieser Veranstaltung. Und der besteht darin, daß man im Gewimmel der perlenbehängten Säue, die sich allerorten tummeln, die häufig eher schlichten Perlenproduzenten übersieht, die allzuoft still und bescheiden lächelnd im Hintergrund oder gar im Untergrund agieren: der Geist am Katzentisch, während die Geistlosigkeit ihre rauschenden Feste feiert.

Deshalb hier mein Unbescheidenheitsimperativ: Überlaßt die Bescheidenheit den Unbescheidenen, denjenigen, die sie gern im Munde mit sich führen, um sie bei jeder Gelegenheit andern zu predigen. Man sollte diesen Leuten ruhig hin und wieder vor die Füße spucken.

Und man sollte andere darauf hinweisen, wenn man eine Veranstaltung findet, bei der die Nullen hinten stehen und nicht vorn, denn es ist im kulturellen Leben wie in der Mathematik: Wenn die Nullen vorne stehen, ist der Wert gering.


Diese Seiten gefallen mir: Arioso – Brennende Seiten

 


 

11.03.2006 um 07:55 Uhr

Loose connection

von: Lyriost

Loose connection

Der elektrisierendste Kontakt zwischen den Geschlechtern ist der Wackelkontakt.

10.03.2006 um 07:27 Uhr

Normalität

von: Lyriost

Normalität

Alle Tage Schaum
Blicke in blinde Spiegel
kein Wort für das Bild

gebürstete Gedanken
wie geschniegelte Leute

08.03.2006 um 09:26 Uhr

AOL und die Rechtschreibung

von: Lyriost

AOL und die Rechtschreibung

Tests aller Art haben bei AOL Tradition. So auch der Rechtschreibtest. Aber da korrekte Rechtschreibung bei AOL keine Tradition hat, sind leider bisher alle Tests fehlerhaft. So auch der neueste Test "für Profis". Leider wieder mal ein Test von Amateuren. Wer alle Fragen richtig beantwortet, bekommt zum Schluß gesagt: "Gar nicht mal so schlecht. Aber ein paar Problemchen haben Sie noch? Probieren Sie's einfach noch mal."

Vielleicht sollten die Amateure bei AOL doch besser warten, bis im Juli der neue Duden erschienen ist, denn dann werden sie nachlesen können, daß zum Beispiel "kennenlernen" ebenso wie "sitzenbleiben" AUCH zusammengeschrieben werden dürfen, aber nicht müssen, und zwar bei übertragener Bedeutung (und nur dann). Außerdem werden sie erfahren, daß das "schwarze Brett" bei Verbindungen mit einer neuen idiomatisierten Grundbedeutung groß geschrieben werden KANN, aber nicht muß.

Es ist eine unglaubliche Anmaßung, andere zu testen und deren Wissen zu beurteilen, wenn man selbst von Wissenslücke zu Wissenslücke springt.

(Im übrigen erlaube ich mir, was das Recht eines jeden Privatmenschen ist, so zu schreiben, wie ich das für richtig halte, und für mich ist die gültige Rechtschreibung die, die sich vor der Rechtschreibreform und vor deren Reform viele Jahrzehnte lang bewährt hat.)

AOL-Test

07.03.2006 um 09:54 Uhr

Diaspora

von: Lyriost

Diaspora

Ruhe finden im Gewühl
der blinden Tauben
ein Korn in der Nacht
Steppengeflüster
in der Luft
der Geruch
verbrannter Kadaver
und der holzige
Rauch der Fremde

05.03.2006 um 10:08 Uhr

Der klare Blick

von: Lyriost

Der klare Blick

Die Bücher brennen
Funken stieben auf
die kahlen Bäume
schütteln ihre Wurzeln.

Sturm öffnet Fenster
lüftet Hirn und Herz
löst starre Zungen
lockert alle Türen.

Und Meere tosen
Gischt tanzt wirr ins Haus
erwürgt die Kerzen
Wachs tropft auf die Hände.

Aus den Kaminen
quillt der feuchte Rauch
wie gelber Nebel
wund vom Schein der Lichter.

Und die Figuren
fliehen von der Wand
aus schweren Rahmen
still verwischen Bilder.

Zerplatzend, bröckelnd
kracht der alte Putz
und Mauern zittern
klirrend birst der Spiegel.

In graue Stücke
bricht mein Kindsgesicht
zerschmilzt im Feuer
löscht die wilden Brände.

Entflammtes Dunkel
Schatten weicht entwirrt
augenlichtentspannt
der klare Blick ins Nichts.
  
Das Unberührte
rührt mich bis ins Mark
und in mir schwingt der
Klang der leeren Räume.