Tirade 1 – Goldmund
Tirade 1 – Goldmund
Früh singt ein Vogel
am Horizont die Sonne
wie ein Genickschuß
im Winde flattern Raben
ernste Gesichter im Licht
Tirade 1 – Goldmund
Früh singt ein Vogel
am Horizont die Sonne
wie ein Genickschuß
im Winde flattern Raben
ernste Gesichter im Licht
Börsenmetaphorik
Ein Börsenmakler zur geplanten Übernahme von Schering durch Merck: "Es nützt nichts, der Braut die Klunkern vom Halse zu reißen, um sie unattraktiver zu machen, aber man kann es ja versuchen."
Was sagt uns das? Was Metaphern betrifft, steht der Soziolekt der Börsianer der Literatursprache in nichts nach, ja, er übertrifft sie bisweilen. So sachlich und nüchtern die Börsenleute auch denken mögen, sprachlich schwelgen sie häufig in geradezu poetischen Eskapaden.
Wissen und Wahrnehmen
Das Wissen darüber, was richtig und falsch, gut und böse, angemessen oder unangemessen ist, reicht nicht aus – wir müssen das Falsche auch wahrnehmen, einerlei ob es sich um unsere eigenen Fehler oder die Fehler anderer handelt.
Stimmung
Plötzlich die Leere
ein Abgrund faltet sich auf
tonlos grundlos fahl
Wind wie Atem der Hölle
die Augen im Augenblick
Vergessene Worte
Stumpfe Gedanken
im Schutt der fliehenden Zeit
fast Vergeblichkeit
nur geschliffene Worte
Aschenregen der Farben
fast Vergeblichkeit
im Schutt der fliehenden Zeit
Stumpfe Gedanken
Aschenregen der Farben
nur geschliffene Worte
im Schutt der fliehenden Zeit
fast Vergeblichkeit
Stumpfe Gedanken
Aschenregen der Farben
nur geschliffene Worte
Farbige Vergeblichkeit
An den Kopf fassen
Wer selber denkt, aber weniger ausgefallene Ideen hat, gibt sich mit einem Schmunzeln zufrieden, wenn er mit Bizarrem konfrontiert wird. Die meisten aber fassen sich an den Kopf, wenn ihnen ein extravaganter Gedankengang begegnet.
In Wirklichkeit ist dieses An-den-Kopf-Fassen natürlich keine Bewertung des fremden Gedankenganges, sondern Folge eines durch diesen hervorgerufenen Mangelgefühls. Sie tun das instinktiv: Sie müssen sich vergewissern, ob ihr eigener Kopf noch da ist. Und wenn sie ihn dann spüren, folgt ein befreiendes Lachen.
Über ungewöhnliche Ideen lachen am lautesten diejenigen, die selbst zwar einen Kopf, aber keine weitere Verwendung für ihn haben.
Kommentar
Bis auf weiteres kann man sich mit dem Gästebuch behelfen, wenn man sich eines Kommentars entledigen möchte. Das Gästebuch scheint noch zu funktionieren. Jedenfalls meines. Immunität durch geringe Frequentierung.
Glaube und Wahrheit
Jeder Glaube an die Möglichkeit einer absoluten Wahrheit, und sei diese Wahrheit noch so leuchtend und menschenfreundlich, führt zwangsläufig zu Dogmatismus, totalitärem Denken und menschenfeindlichem Handeln.
Liebe ist
Liebe ist, einem andern zu ersparen, jemals um Verzeihung bitten zu müssen. In das Gewand der Liebe ist Verzeihung eingewebt.
Kunst am falschen Ort
Santiago Sierra, ein spanisch-mexikanischer Künstler, leitet Autoabgase in eine deutsche Synagoge, eine, wie er sagt, "Arbeit gegen die Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust".
Was an dieser Aktion falsch ist, ist vor allem der Ort, an dem sie stattfindet. Hätte Sierra statt der Synagoge das Haus der Wannseekonferenz gewählt (aber hätte er so wählen dürfen?), würde ich diese Aktion wenn nicht begrüßen, so doch als legitim betrachten können angesichts der so häufigen leeren und verlogenen Betroffenheitsbekenntnisse allerorten. So jedoch muß ich denen recht geben, die eine solche Aktion als geschmacklos empfinden.
Kultur und Mathematik
Wie so oft in unserer medial sichtbar gemachten, aber auch verformten Welt stelzen die tauben Nüsse in goldenen Schuhn daher und alle Welt gafft und klatscht vor allem denen Beifall, die sich selber Beifall klatschend in den Vordergrund drängen. Was kümmert es mich, könnte man sagen, ja, man ist versucht, diese Kindereien zu belächeln, und belächelnswert sind solche narzißtischen Zuckungen tatsächlich. Und ohne Belang.
Wäre da nicht der Nebeneffekt dieser Veranstaltung. Und der besteht darin, daß man im Gewimmel der perlenbehängten Säue, die sich allerorten tummeln, die häufig eher schlichten Perlenproduzenten übersieht, die allzuoft still und bescheiden lächelnd im Hintergrund oder gar im Untergrund agieren: der Geist am Katzentisch, während die Geistlosigkeit ihre rauschenden Feste feiert.
Deshalb hier mein Unbescheidenheitsimperativ: Überlaßt die Bescheidenheit den Unbescheidenen, denjenigen, die sie gern im Munde mit sich führen, um sie bei jeder Gelegenheit andern zu predigen. Man sollte diesen Leuten ruhig hin und wieder vor die Füße spucken.
Und man sollte andere darauf hinweisen, wenn man eine Veranstaltung findet, bei der die Nullen hinten stehen und nicht vorn, denn es ist im kulturellen Leben wie in der Mathematik: Wenn die Nullen vorne stehen, ist der Wert gering.
Diese Seiten gefallen mir: Arioso – Brennende Seiten
Loose connection
Der elektrisierendste Kontakt zwischen den Geschlechtern ist der Wackelkontakt.
Normalität
Alle Tage Schaum
Blicke in blinde Spiegel
kein Wort für das Bild
gebürstete Gedanken
wie geschniegelte Leute
AOL und die Rechtschreibung
Tests aller Art haben bei AOL Tradition. So auch der Rechtschreibtest. Aber da korrekte Rechtschreibung bei AOL keine Tradition hat, sind leider bisher alle Tests fehlerhaft. So auch der neueste Test "für Profis". Leider wieder mal ein Test von Amateuren. Wer alle Fragen richtig beantwortet, bekommt zum Schluß gesagt: "Gar nicht mal so schlecht. Aber ein paar Problemchen haben Sie noch? Probieren Sie's einfach noch mal."
Vielleicht sollten die Amateure bei AOL doch besser warten, bis im Juli der neue Duden erschienen ist, denn dann werden sie nachlesen können, daß zum Beispiel "kennenlernen" ebenso wie "sitzenbleiben" AUCH zusammengeschrieben werden dürfen, aber nicht müssen, und zwar bei übertragener Bedeutung (und nur dann). Außerdem werden sie erfahren, daß das "schwarze Brett" bei Verbindungen mit einer neuen idiomatisierten Grundbedeutung groß geschrieben werden KANN, aber nicht muß.
Es ist eine unglaubliche Anmaßung, andere zu testen und deren Wissen zu beurteilen, wenn man selbst von Wissenslücke zu Wissenslücke springt.
(Im übrigen erlaube ich mir, was das Recht eines jeden Privatmenschen ist, so zu schreiben, wie ich das für richtig halte, und für mich ist die gültige Rechtschreibung die, die sich vor der Rechtschreibreform und vor deren Reform viele Jahrzehnte lang bewährt hat.)
Diaspora
Ruhe finden im Gewühl
der blinden Tauben
ein Korn in der Nacht
Steppengeflüster
in der Luft
der Geruch
verbrannter Kadaver
und der holzige
Rauch der Fremde