Lyriost – Madentiraden

30.06.2006 um 12:24 Uhr

Tirade 60 – Robert Gernhardt

von: Lyriost

Tirade 60 – Robert Gernhardt

Dem Dunkel getrotzt
mit den schmerzenden Scherzen
toskanisches Licht

abendrotfunkelnd verweht
spöttische Melancholie

30.06.2006 um 08:55 Uhr

Tirade 59 – Innehalten

von: Lyriost

Tirade 59 – Innehalten

Stumm bleibt die Glocke
wenn der Klöppel verklemmt ist
sosehr sie auch schwingt

nur Luftrauschen ein wenig
so wie von Engelsflügeln

29.06.2006 um 11:43 Uhr

Tirade 58 – Göttergelächter

von: Lyriost

Tirade 58 – Göttergelächter

Ist Götterlachen
im Donnern der Kanonen
homerisches Gebrülle

als wenn sich Ares rächte
für Hephaistos' Schmiedekunst

29.06.2006 um 11:14 Uhr

Ambrosia

von: Lyriost

Ambrosia

Ambrosia (griech.: Aμβροσία, Unsterblichkeit), das ist die Speise und Salbe griechischer Götter. Neben dem Nektar verdanken die Götter der Griechen ihre Unsterblichkeit der Ambrosia. Tauben brachten dem Zeus die Ambrosia, aber auch die Götterlieblinge unter den Menschen bekamen etwas von dem reinen Stoff ab, unter anderen Tantalos, Äneas und Achill.

Antike Ärzte gaben in der Folge verschiedenen Lebenselixiren und Schönheitsmitteln den Namen Ambrosia. Bei Homer heißt alles, was die Götter besitzen oder was zu ihrer Persönlichkeit gehört, „ambrosisch“.

Für uns späte Götterbegünstigte bleibt aber leider nur Ambrosia artemisiifolia, eine stark allergene Pflanze, deren Population gerade dabei ist, sich in Mitteleuropa auszubreiten, diesmal aber nicht durch Tauben, sondern mehr als blinde Passagiere auf Autoreifen.

Spätestens wenn wir mit roten Augen und dicken Nasen durch die Gegend laufen, wird uns wieder mal bewußt werden, daß so manches Göttergeschenk eher der Belustigung der Götter dient als der Beglückung der Menschen.

Trotzdem wird keiner mit Tantalos tauschen wollen.

29.06.2006 um 10:31 Uhr

Vom Ego

von: Lyriost

Vom Ego

Nirgendwo läuft das (eigene) Ego so so sehr zur Hochform auf wie bei der Jagd auf das Ego (der andern). Und nicht nur das der andern. Wenn man sieht, mit welcher Inbrunst manche sich selbst geißeln und erniedrigen, dann bekommt man ein Gefühl für die egozentrische Selbstüberschätzung, die dahintersteckt.

28.06.2006 um 19:49 Uhr

Kindersicherungen

von: Lyriost

Kindersicherungen

Wenn du mal wieder fast verzweifelst beim vierzehnten Versuch, eine mit Kindersicherung ausgestattete Chemikalienflasche zu öffnen, mach dir klar, daß die Lösung ganz einfach ist: Du brauchst nur dein Kind oder eines aus der Nachbarschaft um Hilfe zu bitten.

28.06.2006 um 07:18 Uhr

Tirade 57 – Blauer Blick

von: Lyriost

Tirade 57 – Blauer Blick

Mein Blick in die Welt
durch aufgestellte Prismen
vielfach gebrochen

Mein blauer Blick in die Welt
vielfach gekrümmt und verstellt

27.06.2006 um 07:37 Uhr

Rückgrat

von: Lyriost

Rückgrat

Die Mehrzahl der Tiere hat kein Rückgrat. Die Mehrzahl der Menschen auch. Der aufrechte Gang täuscht. Deshalb vielleicht läuft der Mensch so häufig auf Rädern.

27.06.2006 um 00:47 Uhr

Fußball – Ordentlich

von: Lyriost

Fußball – Ordentlich

Die Schweizer sind ja bekanntlich noch ordentlichere Menschen als die Deutschen. Deshalb haben sie ordentlich Fußball gespielt. Und der Schiedsrichter hat ordentlich gepfiffen, obschon weder ein deutscher noch ein Schweizer (na klar). Nur das Toreschießen hat nicht geklappt, nicht mal beim Elfmeterschießen. Das ist möglicherweise einen ordentlichen Eintrag im Buch der Rekorde wert.

27.06.2006 um 00:36 Uhr

Stolpern

von: Lyriost

Stolpern

Die Menschen neigen dazu, von Zeit zu Zeit über die eigenen Füße zu stolpern. Und am wunderlichsten schauen dabei diejenigen aus, die über der spirituellen Selbstbetrachtung vergessen haben, daß sie Füße besitzen.

27.06.2006 um 00:34 Uhr

Internet

von: Lyriost

Internet

Mit dem Internet wird Externet intern und Internet extern. Für Nichtberliner: Mit dem Internet wird Externes intern und Internes extern.

27.06.2006 um 00:15 Uhr

Tirade 56 – Hungerkur

von: Lyriost

Tirade 56 – Hungerkur

Nichts nützt das Lesen
ohne das Werfen von Schein
ins Nebelwehen
 
ist nur Stochern mit Gabeln
in den Buchstabensuppen

26.06.2006 um 23:24 Uhr

Allwissenheit

von: Lyriost

Allwissenheit

Ganz beliebt als Argumentersatz ist die Behauptung, der andere halte sich für besonders schlau oder gar allwissend, auch wenn er nur ein halbwegs brauchbares Argument in die Debatte geworfen und damit ein weniger brauchbares in Frage gestellt hat. Solche Unterstellungen sollen von der minderen Qualität der eigenen Behauptungen ablenken und den Fokus der Betrachtung auf den andern verschieben.

Aber nicht einmal Gott glaubt an die Allwissenheit seiner eigenen Person. Es sind immer die Menschen, die das in ihn hineininterpretieren, mit welcher Absicht auch immer.

26.06.2006 um 23:14 Uhr

Sokrates

von: Lyriost

Sokrates

Seit Sokrates wissen die Menschen, die sich mit der qualifizierten Einschätzung des eigenen Wissens Mühe machen, wie es um ihr Wissen bestellt ist, und betrachten die eigene Erkenntnisfähigkeit mit einer gewissen Ironie. Aber es gibt heute immer noch, wie schon in der Antike, massenhaft solche, die glauben, sie wüßten ... Sokrates hat die Selbstgefälligkeit seiner Umgebung gestört und wurde verurteilt, weil er lehrte, daß die Vermehrung des Wissens nur denen weh tut, deren Ignoranz und Selbstüberschätzung dadurch beeinträchtigt wird. Wir sind heute nicht wesentlich weiter als zu Zeiten des Sokrates, nur das Trinken von Schierlingsbechern ist aus der Mode.

26.06.2006 um 22:28 Uhr

Bei Licht betrachtet

von: Lyriost

Bei Licht betrachtet

Wer etwas "bei Licht betrachten" will, muß eine Lichtquelle haben und den Mut, das Licht einzuschalten. Das wird jedoch gern vermieden, weil bei Licht betrachtet nicht nur das sichtbar wird, was man sehen möchte, sondern auch das, was man nicht sehen möchte. Deshalb wird gern diese Worthülse ins Licht gestellt, aber betrachtet wird nichts, wenn überhaupt, wird lieber im dunkeln getastet. Bei Licht betrachtet, ist "bei Licht betrachtet" nur eine Laberfloskel.

26.06.2006 um 19:00 Uhr

Fußball – Elfmeter

von: Lyriost

Fußball – Elfmeter

Wenn man einen Elfmeter haben will, dann braucht es manchmal einen Spieler der gegnerischen Mannschaft, der im eigenen Strafraum liegt. Über den stolpert man effektvoll, denn so weich ist der Boden nicht, daß dieser Spieler schnell genug in ihm versinken könnte, und dann braucht es einen Schiedsrichter ohne Fingerspitzengefühl – Spiel entschieden und vorbei. Schlechter Beigeschmack, denn wer ist schon Australien? So geschehen beim Spiel Australien gegen Italien.

26.06.2006 um 16:22 Uhr

Vergeistigungstheater

von: Lyriost

Vergeistigungstheater

Nichts Schlimmes finde ich dabei, daß manche Intellektuelle und vor allem Intellektuellendarsteller kein Interesse am Fußball haben; unangenehm berührt mich nur immer wieder aufs neue, mit welchem weitschweifigen Kokettiergehabe sie ihre Ahnungs- und Interesselosigkeit breitwalzen und angewidert spöttisch sein sollende Bemerkungen aus ihrer angespannten Gesichtsmuskulatur entlassen, wenn sie mit dem "Proll"-Sport konfrontiert werden.

Erfreulicherweise nimmt die Zahl der tatsächlichen Intellektuellen, die solcherart Vergeistigungsnachweise nötig zu haben glauben, seit Jahren ab.

26.06.2006 um 11:57 Uhr

Warum so dick?

von: Lyriost

Warum so dick?

Es gibt zwei Gründe, warum die Deutschen so dick sind. Der eine Grund ist Bildungshunger und der andere Wissensdurst. Und damit man den Leuten die Bildung und das Wissen auch ansieht, essen sie viel Currywurst und Saumagen und trinken ordentlich Bier und Korn. Oder Korn und Bier. Locker bilden sich so die Fettrollen, und das Wissen und die Leber leuchten von innen. Wer dick ist, braucht nicht dicketun. Das überläßt man den Dünnen. Das und den trockenen Humor.

Dick ist beautiful.

26.06.2006 um 08:34 Uhr

Fußball – Miesmacher

von: Lyriost

Fußball – Miesmacher

Die professionellen und unprofessionellen Miesmacher und die Ausgeschiedenen stehen noch ein wenig raunend rum mit aufgesetzten bösen Blicken, halten hoffend Ausschau nach Randalierern und wenden sich dann resignierend ab. Ausscheiden macht keinem Spaß. Aber die meisten sind zu Recht ausgeschieden: im sportlichen Wettbewerb und noch mehr im Wettbewerb der Meinungen.

Egal, wer Fußballweltmeister wird: Diese Weltmeisterschaft ist trotz Coca-Cola und Co. bisher die attraktivste, die es je gegeben hat.

26.06.2006 um 00:04 Uhr

Fußball – Faires Spiel

von: Lyriost

Fußball – Faires Catchen

Die holländische Mannschaft hatte die Richtung vorgegeben, und die portugiesische Mannschaft hat mitgemacht: Treten ist Trumpf. Zum Spucken war's diesmal zu warm. Bei so was bleibt einem die Spucke weg.